Wiedergelesen: Albert Camus, Die Pest

Am Anfang sind es nur ein paar Ratten, die auffallen und für die diversen Concierge der Stadt Oran einen Skandal, gleichzeitig aber auch die Herausforderung bedeuten, diesem Skandal ein Ende zu bereiten. Doch die Ratten tauchen immer zahlreicher auf und immer mehr Menschen klagen über Schwellungen in Leisten und Achselhöhlen. Der Arzt Rieux ist beunruhigt und innerlich alarmiert. Er denkt sofort an die Pest, will und muss sich aber erst Klarheit verschaffen, um Panik in der Stadt zu vermeiden.

Es dauert lange, bis das Wort „Pest“ zum ersten Mal fällt. Man stellt Pläne auf, wie mit der Seuche umzugehen ist.

In diesem Roman geht es aber in erster Linie darum, wie verschiedene Menschen mit dieser Pest umgehen. „Von dem Augenblick an, da die Pest die Tore der Stadt geschlossen hatte, hatten sie nur noch im Getrenntsein gelebt, waren sie von jener menschlichen Wärme abgeschnitten, die alles vergessen lässt. … Ja, diese Leere, die wir ständig in uns trugen, war wirklich das Gefühl des Exils, diese deutliche Empfindung, der unvernünftige Wunsch, uns in die Vergangenheit zurückzuwenden, oder im Gegenteil den Gang der Zeit voranzutreiben, diese brennenden Pfeile der Erinnerung.“

Was hat ein Vertreter der Obrigkeit, der Kirche zu sagen? Ist die Seuche Strafe, Chance herauszufinden, worum es im menschlichen Leben wirklich geht, was zählt?
Wie verhält sich der Einzelne dazu?
Welche Werte haben angesichts einer solchen Katastrophe noch Bestand, wenn nicht einmal klar ist, ob und wie es nach dieser Pest weitergehen kann? Wer hat dann wofür Verantwortung?

Dem Berichterstatter geht es in erster Linie darum, möglichst objektiv zu dokumentieren, aber auch um „Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Die Pest wird als Symbol angesehen, die jederzeit „zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Die Frage, was die Pest unserer Zeit ist, bleibt dem Leser nicht erspart, genau sowenig wie ein mehr oder weniger mühsames Lesen, ob der nachdenkenswerten Ansichten und der manchmal sehr langen, kompliziert konstruierten Sätze. Dieser Herausforderung habe ich mich schon während meiner Schulzeit stellen müssen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es im Religions- oder Deutschunterricht gewesen ist.

Albert Camus, Die Pest, Deutsch v. Uli Aumüller, 79. Aufl. Hamburg 2012, 350 S., ISBN 978-3-499-225500-0

Datum: 19. September 2013
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