Konstantin Wecker, Mönch und Krieger

Für mache mag es kaum vorstellbar und darum eine Enthüllung sein, sich den „Genussmenschen“ Konstantin Wecker, wie er sich selbst mehrfach bezeichnet, als Mönch bzw. mit mönchischen Eigenschaften vorzustellen. Da klappt es mit dem Bild des Kriegers sicher schon besser.

Mönch und Krieger werden von Wecker als Dichotomie verstanden, die in ihrer Gegensätzlichkeit eine Einheit bilden, einen (inneren) Raum, in dem Platz ist, diese Gegensätzlichkeiten auszuloten, zu leben und in sich stimmig werden zu lassen. Es gilt da kein: entweder …. oder, sondern nur ein sowohl … als auch. Eine Herausforderung, der sich Wecker bewusst spätestens während seines Gefängnisaufenthaltes stellt, den er nutzt, inne zu halten, sich zu besinnen, zu meditieren und zu beginnen, in die „geistige Heimat“ zurückzukehren. Diese hat er nie wirklich verloren, aber lange Zeit beiseite geschoben. Und doch war sie immer Quelle, Inspiration für seine Gedichte, Lieder und Vertonungen und für sein (politischen) Engagement.

Diese geistige Heimat ist etwas Unzerstörbares, „das unbeeinflussbar ist von fremden und eigenen Urteilen, jenseits von Kategorien wie Würde und Schande, Gelingen und Versagen. Dieses Innerste ist nicht zu beleidigen und auch nicht einzuschüchtern. Es ist etwas Wunderbares, diesen unveränderlichen Kern in sich zu spüren.“

Konstantin Wecker entdeckt religiös geprägte Begriffe wie „Demut“, „Dankbarkeit“ für sich wieder, weil er erlebt, was sie in ihrer Tiefe bedeuten, die er bis dahin meist abgelehnt hat, weil sie von Kirche, (Religions-) Lehrern und anderen Erwachsenen missbraucht wurden:

„Demut ist, wie so vieles andere, ein Begriff, den man sich selbst erarbeiten muss, um ihn dann eigenständig für sich zu verwenden. ‚Sei demütig!‘ ist als Vorgabe von außen immer ein Versuch, jemanden zu unterdrücken. Erst wer die Bedeutung eines Wortes in sich selbst entdeckt, kann ihm vertrauen.“

Und so wird man als Leser mit auf eine Entdeckungsreise in den inneren Erfahrungsraum Weckers genommen, der oftmals einer Hölle gleicht, sollte es sie geben. Mit einer vorher nicht so bewussten Intensität und Freiheit beginnt Wecker nach seinem Gefängnisaufenthalt fast wieder bei Null, dichtet, handelt und ruft zum Einsatz für eine bessere Welt auf.

Er hat mehrfach die (spirituelle) Erfahrung gemacht, dass alles miteinander verbunden ist und man in allem Gott, ein höheres Wesen, wahrnehmen kann: „in der Musik, vielleicht auch in der Mathematik, in Bildern und Symbolen, zum Beispiel in der bildhaften und manchmal völlig unlogischen und verrückten Sprache der Poesie.“

Und da kommt dann der Krieger zum Vorschein, der sich immer schon mit seinen Gedichten, Liedern, seinen Aufrufen zur Revolte, seiner Teilnahme an Demonstrationen eingesetzt hat für Individualität, Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Zärtlichkeit und der notwendigen Wut für Veränderungen, auf der „Suche nach einer bessre Welt, die es noch nicht gibt.“ Insofern ist der Krieger dann auch visionär, entwickelt seine Vorstellungen und Ziele in der Kommunikation mit dem inneren Mönch.

Wie belesen Wecker ist, wird anhand der vielen Zitate deutlich, von denen ich mir dann doch eine vollständige Aufnahme in ein scheinbar willkürlich angelegtes Literaturverzeichnis gewünscht hätte zur eigenen weiteren Lektüre.

Das Buch ist spannend als biografisches Zeugnis, als Bekenntnis zu einer Form der erfahrenen Spiritualität, mit der sich Wecker für eine Verbesserung der Lebensumstände aller verantwortlich fühlt und sich mit seiNen vielfältigen Möglichkeiten dafür einsetzt. Letztendlich ist das Buch ein Plädoyer für eine bessere Welt, an der alle mitarbeiten müssen. „Das Gute ist, dass man, um anzufangen, nicht auf die große ‚Weltrevolution’zu warten braucht.“

Eine Bemerkung zum Schluss noch: Die Sprache Weckers in seinen Gedichten und Liedern ist für mich um Längen kraft- und machtvoller als die Wiedergabe seiner „sehr sprunghaften, oft auch mehr oder weniger unbeweisbaren Gedanken, Ideen, Träumen und Thesen“, wie er selbst einräumt.

Dennoch eine interessante Lektüre, auf jeden Fall für alle Wecker-Fans. Und ich halte schon jetzt Ausschau nach dem nächsten Konzert in meiner Nähe.

Konstantin Wecker, Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, 287 S., ISBN 978-3-579-07066-7

Datum: 8. Juni 2014
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2 Kommentare

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    […] Zugang.”, eine Erfahrung die auch Konstantin Wecker gemacht und in seinem Buch “Mönch und Krieger” beschrieben […]

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    […] Menschen oft beraubt worden sind, eine Erfahrung, die auch Konstantin Wecker gemacht und in “Mönch und Krieger” beschrieben hat bzw. Dieter Gurkasch in “Leben […]

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