Graham Swift, Ein Festtag

Der 30. März 1924 ist ein Sonntag. Ein in jeder Hinsicht besonderer Tag. Es ist Muttertag, damals Mothering Sunday genannt.

Jane ist Dienstbotin bei Mr. und Mrs. Niven und hat an dem Tag wie alle Dienstboten frei. Die Herrschaften nutzen den Tag in der Regel für Picknicks mit anderen Familien, da ihnen das Personal nicht zur Verfügung steht. Doch Jane ist Waise und ihr bleibt das Problem, wie sie “ihn verbringen sollte. Ein schmerzlich persönliches Problem. Das herrliche Wetter war da nicht unbedingt hilfreich. Im Gegenteil, es schien – zwei Wochen vor dem Ereignis – nur umso tiefere Schatten zu werfen.” Sie sieht sich bereits in einem Buch lesend auf einer Bank sitzen. Sie hat nämlich die Erlaubnis, sich Bücher aus der Bibliothek der Nivens auszuleihen.

Dieses Ereignis ist die bevorstehende Heirat Paul Sheringhams mit Emma Hobday. Jane weiß um die Bedeutung: “Was immer sonst Paul Sheringham heiratete, er heiratete Geld. Vielleicht musste er das, so wie er sein eigenes Geld verschleuderte.”
Dennoch will Paul einen Teil dieses Sonntages mit Jane verbringen, sie möge bitte über den Hauptweg zum Haus kommen:

“Und was sie beide seit fast sieben Jahren taten, kostete, wie er ihr manchmal ins Gedächtnis rief, rein gar nichts. Nichts außer Verschwiegenheit, einem gewissen Risiko, einer Gewitztheit und dem ihnen beiden eigenen Talent, alldem gewachsen zu sein.
Aber das hier hatten sie noch nie getan. Sie war noch nie in seinem Bett gewesen – ein Einzelbett, aber breit. Auch nicht in seinem Zimmer, nicht in diesem Haus. Wenn es nichts kostete, dann war dies hier das größte Geschenk.”

Die Affäre ist kein übliches HerrundDienstbotenverhältnis, denn die beiden sind sich menschlich, intellektuell gewachsen und begegnen sich offensichtlich auf Augenhöhe, auch wenn Jane immer um ihren Status als Dienstmädchen weiß und auch aus dieser Perspektive erzählt. Sie hat eine klare Sicht auf die Verhältnisse, ist in der Lage, Dinge eindeutig beim Namen zu nennen und genießt die Verbindung zu Paul:
“Der Sonnenschein begrüßte ihre Nacktheit, er befreite ihr Tun von der Verschwiegenheit, obwohl es zutiefst geheim war. …Weide deine Augen, dachte sie wagemutig, wie eine eingeschmuggelte Schönheit.”

Und sie geht davon aus, dass es ihr letzter Tag sein wird. Wie sehr sie damit Recht hat, weiß sie in dem Moment allerdings noch nicht.

In die Erzählung dieses einen so unerhörten Sonntages, ist Janes Werdegang als Schriftstellerin gewoben:
“Jedenfalls war in ihr, nachdem sie Der Geheimagent gelesen hatte und obwohl es sicherlich töricht war, der geheime Wunsch gereift, Schriftstellerin zu werden. Sie war es ja gewohnt Geheimnisse zu haben.”

Ihr Ringen um ihre Sprache als Schriftstellerin, sowie ihre Gedanken über das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion werden thematisiert. Letztendlich geht es ihrer Ansicht nach darum:
“dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigsein bedeutete, obwohl das nie gelang. Es ging darum, eine Sprache zu finden. Und es ging darum … der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.”

Mir hat das Lesen dieses Romans, eigentlich ist es eher eine Novelle – wie auch Martin Ebel in der ‘Süddeutschen Zeitung’ bemerkt – Lesespaß bereitet, vor allem weil die gesellschaftlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit sehr subtil und ohne erhobenen moralischen oder pädagogischen Zeigefinder in die Erzählung mit einfließen.

Zudem hat mir Jane imponiert. Sie scheint sich nie als Opfer zu sehen, sondern verantwortet ziemlich mutig ihr Leben und nutzt die sich ihr bietenden Chancen.

Graham Swift, Ein Festtag, Roman, a.d. Engl. v. Susanne Höbel, DTV München 2. Aufl. 2017, 142 S., ISBN 978-3-423-28110-2

Datum: 19. April 2018
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Ein Kommentar

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    […] Tage gibt es augenscheinlich nicht nur in Romanen wie in Swifts „Festtag“: „Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im […]

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