Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen

Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen

Das Buch ist das Ergebnis eines Jahres der (Trauer)Verarbeitung in materieller und psychischer Hinsicht:
Christien Brinkgreves Mann, stets nur A genannt, stirbt und hinterlässt ihr das gemeinsame Haus, „das jetzt mein Haus war. … Der Grad der Verwahrlosung des Hauses drang erst danach (gemeint ist die Beerdigung) richtig zu mir. Ich sah die Risse in den Wänden, die abblätternde Farbe im Gäste-WC, die überquellenden Bücherregale im Flur, die nur einen schmalen Weg frei ließen. Die Stapel mit alten Zeitungen und Zeitschriften, die Kisten mit Kram, den seit Jahren niemand mehr beachtet hatte. Es war das Haus von Leuten, die es aufgegeben hatten, Ordnung zu halten, die Dinge im Griff zu haben, einen Ort zu schaffen, an dem man sich gerne aufhielt. Das war ein Haus, das sich im Verfall befand, ein Aufbewahrungsort für gebrauchte und unbrauchbar gewordene Gegenstände.

Kurz, ein Haus, „dem die Schönheit im Laufe der Zeit abhandengekommen war.“

Also: Wie ein gemeinsames Haus zum eigenen machen?
Was muss, kann darf weg?
Muss sie jemanden, z.B. die nicht mehr im Haus wohnenden gemeinsamen Söhne um Erlaubnis fragen?

Die Beschäftigung mit der Gestaltung des Hauses ist immer verknüpft mit der Frage, wie hat die gemeinsame, insgesamt vierzig Jahre lang dauernde Beziehung angefangen, wie hat sie sich so verändert, dass zum Schluss auch das Haus aussieht, wie es aussieht, quasi als Spiegelbild ihrer Beziehung.

Das Trauerjahr ist eine persönliche Erkundung und Erforschung ihres gemeinsamen Lebens, aber auch der Prägungen und Muster, die beide aus ihren, so unterschiedlich aufgestellten Familien mitgebracht haben, die damit verbundenen Verletzungen, ja sogar Traumata, die unterschwellig viel wirkmächtiger waren, als beiden intellektuellen und redegewandten Menschen jemals bewusst war. Und ihr wird zunehmend klar, „wie die Überwucherung von Haus und Seele vieles der Sicht entzogen hatte.“

Obwohl Christien Brinkgreve Professorin der Soziologie war, zwei Söhne hat und sich beruflich mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern beschäftigt hat, gerät sie immer wieder ins Staunen, wenn bei der Verarbeitung ihres Trauerprozesses der gelebte Widerspruch zwischen „ihrer klaren Stimme im Außen“ und „der Wehrlosigkeit in ihrer Beziehung mit ihm wird“ nicht mehr zu übersehen ist.

Sie erkennt nach und nach wie die „Benachteiligung von Frauen bis in die Fasern des Privatlebens fortwirkt. Sie hat das Leben meiner Mutter geformt, ihre Aufgabe als Mutter und Hausfrau, ihre Frustration – geteilt mit vielen Frauen ihrer Generation. Dieser Frustration habe ich mich entzogen, aber Ansichten über Aufgaben und Zuständigkeiten wirken unterschwellig fort, wie alte Karrenspuren, die unter dem Asphalt wieder an die Oberfläche kommen.“

Und dann ist da ja auch das oft antrainierte Gespür für die Not der anderen, verbunden mit der Aufgabe, ja eher Pflicht zu helfen, zu unterstützen und der Not möglichst ein Ende zu bereiten. Gelernt hat man bzw. hier besser frau ja meist auch nicht, gesunde Grenzen zu setzen. Und wo waren dann die Männer, die diese Grenzen auch akzeptiert hätten?

Die für sie kaum zu beantwortende Frage, warum sie so lange trotz der vielen Schwierigkeiten in der Beziehung geblieben ist, ihn nicht verlassen hat, erhält jetzt Raum zum Nachspüren, um dann vielleicht in einer klaren Antwort zu münden? Unwahrscheinlich. Dafür ist die Vielschichtigkeit dieser Frage zu groß.

„Die Suche geht weiter, manchmal finde ich das auch ermüdend.“

Dieser nur 190 Seiten starke Band hat so viel Tiefe, Vielschichtigkeit und Transparenz, die kaum angemessen auf diesem so kurzem Raum dargestellt werden können.
Ich habe das Buch als interessantes Gegenüber empfunden. Die Auseinandersetzung hallt nach und lässt auch noch einmal ein anderes Licht auf meine vergangenen eigenen Trauerprozesse fallen, die mich bis jetzt letztendlich immer stärker im Sinne von wirkmächtig haben werden lassen, auch wenn’s ein langer beschwerlicher Weg war. Wie gesagt: „Die Suche geht weiter!“

Ich stimme mit dem Statement Elke Heidenreichs auf dem Cover völlig überein:
„Ich kann mich an kein Buch von derart furchtloser Ehrlichkeit erinnern, was den Neuanfang einer Frau angeht. Hier ist jeder Satz mutig, kostbar, einzigartig.“

Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen, a.d. Niederländischen v. Lisa Mensing, München 2026, 190 S., ISBN 987-3-446-28567-5

7 Gedanken zu „Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen

  1. Fein, bin froh, endlich auch mal wieder besprechenswerte Bücher gelesen zu haben. Denn: Ich lese immer noch, doch inzwischen denke ich bei einigen Büchern, dass ich lesemüde bin. Doch es sind eher, die Bücher, die mich müde machen. Zum Glück noch nicht lebensmüde ;)
    Herzliche Grüße

  2. Das hört sich prima an.
    Danke für die intensive Bekanntmachung mit dieser Geschichte und Aufarbeitung!
    Das könnte auch für mich ein wertvoller Lesestoff werden.
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  3. Mir scheint, bei dir gibt’s da nicht so viel zu ordnen, zumal ihr gemeinsam den Schritt unternommen habt, euer Haus zu verlassen.
    Oder erinnere ich das falsch?
    Herzliche Grüße

  4. Nein, das stimmt natürlich. Wir haben das ziemlich locker und harmonisch hinter uns gebracht.
    Erst der Tod des einen oder anderen von uns würde diese Ordnung arg ins Wanken bringen …

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