Sally Rooney, Normale Menschen

Sally Rooney, Normale Menschen

„Nach Gespräche mit Freunden“ ist dies der zweite Roman der 1991 geborenen Sally Rooney. Es geht um Marianne und Connell, die in die gleiche Schule und die gleiche Klasse gehen, sonst aber wenig Gemeinsamkeiten aufweisen, weder im Hinblick auf ihre soziale Herkunft – Connells Mutter putzt bei Mariannes Mutter – noch von ihren sonstigen Interessen her: Marianne steht auf der gesellschaftlichen Leiter es Ortes oben, hat aber keine Freund*innen, ist viel allein, wird eher gemobbt, ist auf jeden Fall Außenseiterin, während Connell geschätzt wird und integriert ist, obwohl er zu den „schlechten“ Familien gehört.

„Trotzdem gilt Connell dieser Tage als guter Fang. Er ist fleißig, er ist Mittelstürmer, er sieht gut aus, er prügelt sich nicht. Alle mögen ihn. Er ist ruhig. Sogar Mariannes Mutter sagt anerkennend: Dieser Junge hat nichts von einem Waldron. Mariannes Mutter ist Anwältin. Ihr Vater war ebenfalls Anwalt.“

Was sich hinter der Fassade dieser „guten Familie“ verbirgt, erfährt man erst im Verlauf der Handlung, eine Ahnung bekommt man allerdings schon, wenn ihr Bruder Alan ihr – ohne ersichtlichen Grund – den Weg versperrt, sie am Oberarm packt, und ihr droht.“ Wehe, wenn du Mam was vorheulst.“

Trotz dieser sozialen Unterschiede merken Marianne und Connell, dass sie sich in der Gegenwart des jeweils anderen gut, ja sogar verstanden fühlen: Er hat den Eindruck, „dass zwischen ihnen vollkommende Vertrautheit herrscht.“ Zudem entsteht eine starke erotische Anziehung zwischen den beiden. Doch wie soll das gehen, wenn keiner davon erfahren darf?

„Er und Marianne haben ihr eigenes Privatleben in seinem Zimmer, wo niemand sie stören kann, es gibt also keinen Grund, die einzelnen Welten zusammenzubringen. … Einen Moment lang erscheint es möglich, beide Welten zu behalten, beide Versionen seines Lebens und sich zwischen ihnen zu bewegen, so man sich durch eine Tür bewegt. Er kann von jemandem wie Marianne respektiert werden und gleichzeitig in der Schule beliebt sein.“

Nach Beendigung der Schule studieren beide in der gleichen Stadt, haben dennoch keinen regelmäßigen Kontakt, sehen sich aber trotzdem immer wieder. Es ist eine „intensive On/Off Liebesgeschichte“, offensichtlich ein steter Versuch, die „beiden Welten“ zu vereinigigen. Oft ist nicht wirklich erkennbar, haben sie nun eine Beziehung oder nicht, denn beide haben immer wieder auch andere Partner, mit denen sie aber offensichtlich nicht wirklich glücklich sind, in denen – zumindest in den Beziehungen Mariannes – auch immer wieder (sexuelle) Gewalt und Erniedrigungen eine Rolle spielen. Sich zueinander bekennen, das geht offensichtlich aber auch nicht, obwohl sie zunehmend häufiger in der Lage sind zu sagen: „Ich liebe dich.“

Erlebnisse und die damit oft verbundenen schmerzlichen Gefühle aus den Zeiten, in denen sie wenig bis gar keinen Kontakt miteinander haben, werden dann in ihren Gesprächen thematisiert, zum Teil auch erklärt. Immer wieder entsteht eine für beide intensive Zuneigung, die zunächst allerdings nicht in die Verbindlichkeit einer Beziehung übergehen kann.

„Vielleicht hatten es die Leute nicht wirklich geglaubt, bis jetzt, oder etwas, was einst skandalös gewesen war, strahlte noch einen Rest morbider Faszination aus. Vielleicht waren sie einfach nur neugierig, die Chemie zwischen zwei Menschen zu erkunden, die über den Lauf mehrerer Jahre offensichtlich nicht voneinander lassen konnten.“

Zum Schluss scheinen sie ein Paar zu sein, das dann allerdings auch wieder getrennte Wege gehen wird, da Connell die Möglichkeit hat, in New York zu arbeiten. „Du solltest gehen, sagt sie. Ich werde immer hier sein. Das weißt du.“ Open end also.

Sally Rooney, Normale Menschen. Roman. A.d. Engl. v. Zoë Beck, Luchterhand Verlag München 2020, 317 S., ISBN 978-3-630-87542-2

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