Tezer Özlü, Die kalten Nächte der Kindheit

„- Lasst mich doch alle in Ruhe. Ich möchte rumlaufen, wie ich will, und machen, was ich will, sage ich.
– Nein, du wirst wieder wahnhaft und solltest zurück nach Istanbul, sagt sie.“
Rumlaufen, wie man will, machen, was man will, ist für eine junge Frau in der Türkei in den 50igern des letzten Jahrhunderts gefährlich. Aufgewachsen in einer Lehrerfamilie, in der der Vater im Alltag militärische Ordnung verlangt, da er – wie die Männer seiner Generation – das Militär liebt, ist sie mit den traditionellen Werten der patriarchalisch geprägten Gesellschaft konfrontiert.
Schutz, Wärme und Liebe sucht sie bei ihrer Mutter, zwischen den Eltern gibt es dies nicht.
„Wie alle Kleinbürger sind sie durch Zwänge und geteilte Verantwortung miteinander verbunden.“
Der persönliche Widerstand gegen das, was die Ich-Erzählerin einengt, wird demnach immer auch als gesellschaftlicher Widerstand gelesen, verbunden mit der Gefahr, entsprechend sanktioniert zu werden.
„Häuser, Sessel, Teppiche, Musikstücke, Lehrer, gegen die ich mich auflehnen will. Regeln, gegen die ich mich auflehnen will. Ein Schrei! Eure kleine Welt soll euch gehören. Ein Schrei! Still kehre ich zurück ins Bett. …
Ich wache auf einem dreckigen Kopfkissen auf. Ich lese die Buchstaben P.K. Sofort weiß ich, ich bin in einer psychiatrischen Klinik.“
Eine Mitpatientin klärt sie auf: „Hier habe ich Ruhe.“
Die Ich-Erzählerin will gehen, doch sie wird von den anderen gewarnt:
„– Kannst du nicht! Hier kommt man nicht raus. Sie sagen, wer glaubt, er könne gehen, sei wahnsinnig.„
Ihr Leben ist geprägt von der Suche nach Eigenständigkeit und Individualität, auch hinsichtlich der eigenen Sexualität, die für sie große Bedeutung hat, die sie in ungewöhnlich großer Offenheit beschreibt, erlebt sie doch in einer liebevollen Umarmung das „Wesen des Universums“. Doch bis sie das in den Armen eines Mannes erleben kann, ist es für sie in jeder Hinsicht ein weiter Weg mit vielen inneren und äußeren Hindernissen:
„Immer, wenn ich tue, was ich will, lande ich hinter Gittern. Dabei habe ich diesen Mann geheiratet, damit er mich nicht den Ärzten und Kliniken ausliefert. Das war meine einzige Bitte an ihn, als wir heirateten. Wenn ich krank werde, will ich zuhause bei meinen Büchern und Platten bleiben und Tee trinken.“
Bücher eröffnen ihr Dimensionen „viel größer und zärtlicher als das wirkliche Leben“, in dem alle darauf warten, „dass ein schöneres Leben uns finden wird. Die Ära des 12. März ist vorüber. Wir tragen den Schmerz dieser Zeit in uns wie einen schweren Felsen. Er ist eins geworden mit unserem Wesen. Jahr für Jahr dringt die Macht des Terrors weiter in uns ein, versucht sich auszubreiten, es kommen härtere Tage.“
Der Roman erzählt in dichter, z.T. poetischer Sprache, unabhängig von der erzählten Zeit meist im Präsens. Die verschiedenen Zeitebenen gehen ineinander über, wechseln sich ab. Das erfordert aufmerksames Lesen. Der Roman von den „kalten Nächten“ mit autobiografischen Zügen erzählt von der in der der Kindheit in den 50igern beginnenden und bis ins Erwachsenenleben reichenden Suche nach einem autonomen, erfüllten, glücklichen Leben. Er endet mit diesem Fazit:
„Es gibt kein besseres Leben. Das bessere Leben ist nicht woanders. Das bessere Leben hat keine andere Form. Das gute Leben ist hier. Auf dem Taksim-Platz. … Es gibt kein besseres Leben als dieses hier vor unseren Augen und Herzen.“
Was die Ich-Erzählerin allerdings nicht hindert, die Türkei mit ihrem lauernden Wahn zu verlassen und sowohl in Paris als auch in Berlin ihren Platz zu suchen. Es ist der Roman einer Frau in einer männlich geprägten Gesellschaft, die Frauen diesen Platz kaum einnehmen lässt. Ein rückblickender Roman, der dann gleichzeitig auch Spiegel heutiger Verhältnisse für Frauen in bestimmten Gesellschaften ist. Zu lesen vielleicht auch als Appell, hiesige Tendenzen aufzuhalten, die wieder „die Rolle rückwärts“ versuchen.
Ein kurzer Roman der nachhallt.
Das Nachwort des Übersetzers enthält interessante Informationen über die zweisprachige Schriftstellerin Tezer Özlü, das den Roman informationsreich ergänzt und tieferes Verständnis möglich macht.
Tezer Özlü, Die kalten Nächte der Kindheit, Roman, a.d.Türkischen übersetzt u. mit einem Nachwort von Deniz Utlu, Berlin 2025, 112 S. ISBN 978-3-518-43260-0
2 Gedanken zu „Tezer Özlü, Die kalten Nächte der Kindheit“
Erschütternd, was in diesem Roman thematisiert wird. Wer nicht passt, wird unsichtbar gemacht.
Danke für Deine Buchbesprechung, die einen sehr guten ersten Eindruck ermöglicht.
Der Roman erinnert mich an ein mir einst bekanntes junges türkisches Mädchen, das seinen Eltern aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht genehm war: Es musste in einem Dorf verschwinden, durfte nicht mehr sichtbar sein. Die Behinderung galt als Strafe Gottes.
Liebe spätabendliche Grüße, C Stern
Und dennoch – für mich – immer wieder imponierend, wie sie sich von der Suche nach ihrem Weg nicht abbringen lässt und wie das Schreiben für sie dabei eine Möglichkeit bietet.
Hab eine gute Nacht