
„Post für Sie, Madame!“
Mit einem folgenschweren Brief beginnt der Roman in Frankreich, wo Hanaka als Archivarin in einem ehemaligen Kloster arbeitet , wo Nachlässe französischer SchriftstellerInnen und KünstlerInnen gesichtet und geordnet werden, in meist „euphorischer Resignation“ angesichts des Ausmaßes, welches die Leiterin als „wahres Papiergewitter“ bezeichnet.
Der Brief ist von Yumiko, Mitarbeiterin und Mitinhaberin des Modeateliers ihrer Mutter Johanna in Kobe, Japan:
„Nun liebe Hanaka, die schreckliche, die traurige Nachricht – Johanna, Deine Mutter, ist am 17. August nachmittags hier, im Atelier, unerwartet gestorben. „
Und Hanaka begibt sich auf Spurensuche, zunächst indem sie nach dem Fingerhut sucht, den ihre Mutter ihr vor zwanzig Jahren geschenkt hat, als sie zum Studium von Japan nach Europa zog.
Die Mutter blieb in Japan, wo sie mit Yumiko ihr erfolgreiches Modestudio führt.
In Japan dann hilft sie Yumiko bei der Auflösung des Studios, das diese allein nicht weiterführen will. In diesem Zusammenhang fallen ihr zwei größere Umschläge mit maschinell eng beschriebenen, an ihre Mutter adressierten Luftpostbriefen in die Hände, die im Futter einer noch unvollendeten Jacke eingenäht waren.
Sie sind von Kusmín, einem Maler, den ihre Mutter noch in Berlin kennengelernt und den sie einmal gemeinsam mit Hanaka besucht hat.
So erfährt Hanaka von der mehr als zwanzig Jahre dauernden Affäre ihrer Mutter mit diesem Maler, auch wenn diese Affäre weitgehend eine „Fernanwesenheit“ war, die aber offensichtlich dennoch im anderen „einen unerreichbaren anderen ersehnten Gesprächspartner“ gefunden zu haben glaubt. Das kann Hanaka nachvollziehen:
„Das ist doch das Verrückte an Briefwechseln: Man erobert eine Zeitinsel, die man nur mit diesem anderen genießen kann.“
Gleichzeitig wird ihr bewusst, wie wenig sie von ihren Eltern, speziell ihrer Mutter weiß. Mit den Briefen macht sie sich auf den Weg zurück, trifft ihre beste Freundin Katia und will in Berlin Kusmín treffen, in der Hoffnung, bei ihm die andere Hälfte dieses Briefwechsels kennenlernen zu können.
Der Roman erzählt auf sehr indirekte Art und Weise eine besondere Liebesbeziehung und gleichzeitig sehr mosaik- und bruchstückhaft von der Ehe zwischen Johanna, einer gebürtigen Ungarin, und ihrem aus Japan stammenden Ehemann Takeo, mit dem sie zunächst in dem damals noch geteilten Berlin lebt, zusammen mit ihrer Tochter Hanaka, deren Werdegang sich ebenfalls so nach und nach erschließt. Später lebt die Familie dann in Japan, wohin Takeo aus beruflichen Gründen möchte.
Es ist dieses Mal kein „zerrissener Brief“, sondern eine Reihe von Briefen, die dann allerdings auch ein ungewöhnliches Schicksal ereilt. Doch das wird hier nicht verraten.
Es ist in leiser, kenntnis- und detailreicher Roman, der vom Leser angesichts der manchmal sehr langen Satzgefüge schon eine Portion Konzentration und Achtsamkeit erfordert, viele Fragen offen lässt, so dass man sicher mit einigen eigenen Fragen zurückbleibt, wie etwa der: Was genau weiß man schon, von den Menschen, die man liebt, mit denen man zeitweilig zusammenlebt?
Hanns Zischler, Yumikos Paravent, Roman, Galiani Verlag, Berlin 2026, 170 S., ISBN 978-3-86971-276-5