Jon Fosse, Vaim

Jon Fosse, Vaim

„Vaim“ ist Jon Fosses – Literaturnobelpreisträger von 2023 – neuer Roman, der in drei Abschnitten – aus der Perspektive dreier männlicher Ich-Erzähler – von ungewöhnlich passiven, alleinstehenden, nicht mehr ganz jungen Männern – „ein Jungspund war ich absolut nicht mehr“ – erzählt, deren Leben von einem Moment zum anderen eine völlig neue (Aus-) Richtung bekommt, als Eline in ihr Leben tritt, eine Frau, die mehr oder weniger in Imperativen redet, denen man/Mann sich besser nicht widersetzt:

Pack das Nötigste ein, mach das Licht aus und schließ ab und dann gehen wir zum Boot, sagt sie. …
und ich antworte nicht und begreife überhaupt nichts mehr, aber so viel weiß ich, es nutzt nichts, sich Eline widersetzen zu wollen, so viel hat das Leben mich gelehrt, aber jetzt, ja das, ja ich finde keine Worte, finde keine Gedanken, und ich begreife nicht, was Eline vorhat, aber ich muss wohl tun, was sich sagt,
etwas anderes kommt nicht infrage, denke ich …

Vaim ist ein kleines Örtchen in Norwegen, in dem Jatgeir lebt, das er nur ab und an noch mit seinem Boot „Eline“- benannt nach seiner heimlichen Jugendliebe, der er aber seine Gefühle nie wirklich gezeigt oder ihr gegenüber sichtbar gemacht hat – verlässt, um in Bjørgvin etwas einzukaufen und sich ein wenig zu amüsieren. Der Einkauf von Nähgarn und einer Nähnadel wird für Jatgeir zu einem Desaster. Er fühlt sich zweimal „übers Ohr gehauen“. Seine damit verbundenen Gefühle, seine durchweg in inneren Monologen dargestellten Gedanken werden zu einer Charakterisierung, einem inneren Kammerstück.
Die entscheidende Wende seines Lebens tritt ein, als er – an einem Anleger im Boot liegend – seinen Namen hört. Vor ihm steht Eline, die ihn auffordert, sie mit nach Vaim zu nehmen.
Mit nur einem Koffer als Gepäck steigt sie auf sein Boot und lebt fortan mit ihm in seinem Haus, das sie erst einmal „auf Vordermann bringen will“.

Erst im dritten Teil erfährt man, wie Elines Leben verlaufen ist, nachdem sie Vaim als junge Frau verlassen hat und wie sie sich ihren Ehemann Frank alias Olav – sie benennt ihn einfach um – ausgesucht, bei ihm eingezogen und dann ihn auch später wieder verlassen hat, um mit Jatgeir zu leben, obschon sie sich nicht hat scheiden lassen.

Im zweiten Teil des Romans geht es um Elias, einem Freund Jatgeirs. Die beiden besuchen sich regelmäßig, bis dann Eline im Leben Jatgeirs auftaucht, die allmählich, aber systematisch dafür sorgt, dass die beiden sich immer weniger sehen und sich zunehmend voneinander entfremden.

„es ist irgendwie nicht mehr dasselbe, seitdem diese Frau da, ja wie heißt sie noch mal, ja Eline war das, mit ihm in seiner Schnigge zurückgekommen ist, nachdem er wie sonst auch in den Sommerferien seine übliche Bootstour nach Bjørgvin unternommen hatte“.
Die seelische Einsamkeit beider Männer nimmt zu, denn auch die Beziehung zwischen Jatgeir und Eline entspricht nicht im Entferntesten den Träumen und Wünschen Jatgeirs.

Der nur 156 Seiten umfassende Roman ist ein handlungsarmer, dennoch nachhaltig wirkender Roman über die innere seelische Verfassung dieser Männer, die sich vermeintlich durch Eline aus ihrer Einsamkeit herausholen lassen, um später dann umso tiefer in sie hinabzusinken, da ein wie auch immer geartetes selbstbestimmtes Leben nur außerhalb der Reichweite Elines möglich ist: auf ihren Booten, die sowohl Jatgeir als auch Olav „Eline“ genannt haben.

Auch dieser Roman ist in der für Jon Fosse typischen reduzierten Wortwahl, einfachen und dennoch sorgfältig konstruierten und sehr langen Sätzen, nahezu durchgängig im Präsens erzählt, so dass für LeserInnen eine starke Unmittelbarkeit des Geschehens erzeugt wird. Im Grunde genommen ist der Roman als ein einziger Satz geschrieben, der eine Art Vehikel darstellt, in die Un-Tiefen dieser männlichen Seelen einzutauchen. Dennoch bleibt für mich unverständlich, weil unvorstellbar, dass sie sich Eline derart unterwerfen können.
Aber, warum soll es nicht auch vorkommen, dass Frauen Männer dominieren ;)?
Meiner Vorstellung von Beziehung entspricht es so ganz und gar nicht, aber darum geht’s hier ja auch nicht.
Ich habe den Roman nahezu in einem „Rutsch“ gelesen wie auch seinen Roman „Das ist Alise“.

Jon Fosse, Vaim, Roman, a.d.Norwegischen v. Hinrich Schmidt-Henkel, Hamburg 2025, 157 S., ISBN 978-3-498-00781-2



4 Gedanken zu „Jon Fosse, Vaim

  1. Liest sich thematisch sehr spannend, das Buch dürfte einen ganz eigenwilligen Sprachfluss haben. Da müsste ich eine Leseprobe nehmen, um zu erleben, wie es auf mich wirkt. Bestimmt entdecke ich es auf einem Büchertisch mit Neuerscheinungen.

    Es fällt mir schwer, zu verstehen, was Männer an solchen bestimmenden Frauen fasziniert, ich kenne allerdings eine derartige Paarung und habe wiederholt beobachtet, dass die Frau an Raum zulegt, je weniger der Mann diesen für sich einnimmt. Nach außen hin wird Harmonie demonstriert, eine eigene Meinung des Mannes führt dazu, dass die Gebieterin drüberfährt (was allerdings kaum jemanden zu irritieren scheint), während er still vor sich hinlächelt und entweder nichts mehr sagt oder auf ihre Meinung einschwenkt.
    Danke für eine sehr aufschlussreiche Buchbesprechung, schönen Abend!

    1. Es ist sicher sinnvoll, eine Leseprobe zu nehmen, wie du schreibst. Seine Sprache ist eigensinnig und eigenwillig und sicher nicht von allen gemocht. Vielleicht beginnst du auch eher mit seinem Roman „Das ist Alise“.
      Liebe Grüße

  2. Spannend, dieser sicher bestens durchkomponierte Roman. Und auch von die adäquat beschrieben.
    Wie dir ist mir so eine Konstellation aber eher fremd und sehr ungewohnt. Bei dir heisst die fordernde Frau mal Eline und mal Elise. Ist das auch im Buch so?
    Lieben Morgengruss, Brigitte

    1. Danke für dein genaues Lesen.
      Boot und Frau heißen Eline. Ich habe es korrigiert.
      Ich mag seine Bücher bzw. die beiden, die ich bisher gelesen und auch besprochen habe. Weitere liegen auf dem Stapel.
      Aber auch hier mag ich Abwechslung und suche nach AutorInnen, die ich noch nicht kenne.
      Herzliche Morgengrüße

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