Kerstin Ehmer, Der blonde Hund

Kerstin Ehmer, Der blonde Hund

Die Handlung des heute erscheinenden Kriminalromans „Der blonde Hund“ spielt im Berlin des aufkommenden Antisemitismus und Faschismus, konkret zwischen der Nacht vom 15. auf den 16. November und dem 1. Dezember. Es ist der dritte Roman der Autorin Kerstin Ehmer.

Aus der eiskalten Spree wird eine männliche Leiche geborgen, es scheint ein Raubüberfall zu sein. Denn die Taschen sind leer, es findet sich keine Uhr, keine Börse, kein Ausweis. Auffällig ist nur der fast weiße Anzug der Leiche, sicher eine Möglichkeit zur schnellen Identifikation. Davon geht zumindest Kommissar Ariel Spiro – studierter Jurist – aus, der mit seinem grimmigen Kollegen Bohlke – der Berlin und seine Bewohner wie seine Westentasche kennt – in dem Fall ermitteln wird. Später stellt sich heraus, dass das Opfer ein Journalist ist, das für den „Völkischen Beobachter“ gearbeitet hat.

Während das Duo mit seinen Ermittlungen beginnt, wird Nike Fromm, die eigenwillige Geliebte des Kommissars, die als Ärztin am Institut für Sexualwissenschaften arbeitet, von ihrem Chef, Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld, zu einem Notfall gerufen. Sie müssen einen kaum zwanzigjährigen jungen Mann operieren, da er eine Verlegung in die Chirurgie der Charité kaum überleben würde. Er scheint Opfer brutalster sexueller Praktiken geworden zu sein. Die Frage nach der OP, wer ihm das angetan habe, beantwortet er nur sehr vage, später – nach dem Besuch einiger Uniformierter – macht er gar keine Aussagen mehr.

„Er ist machmal etwas grob, mein Offizier. Aber diesmal hat er wirklich übertrieben.“

Nun beginnt auch Nike Fromm in ihrem Fall zu ermitteln. Sie lässt die unbeantwortete Frage nach dem Täter nicht los. Fromm und Spiro tauschen sich über ihre Fälle nicht wirklich aus, da sie sich aufgrund unterschiedlicher Termine, Interessen etc. nicht oft treffen, zum Teil vereinbarte Termine verpassen, so dass beide kaum die Gelegenheit haben zu erkennen, dass sie im Grunde an ein und demselben Fall arbeiten.

Die Verwicklungen sind für LeserInnen schon früher erkennbar. Die Frage aber, ob der Fall überhaupt aufgeklärt werden kann, stellt sich immer wieder, da zunehmend erkennbar ist, welch angesehene Bürger direkt oder indirekt involviert sind, die aber alle „Strippen“ ziehen, um ihre Aussagen zu verhindern.
Und dann gibt es da noch einen lange unentdeckten „Maulwurf“ im Kommissariat, der Beteiligte im Mordfall mit Informationen versorgt, so dass Spiro und Bohlke, der wegen posttraumatischer Belastungsstörungen eine zeitlang auch noch ausfällt, ähnlich wie im Märchen „Der Hase und der Igel“ oft zu spät kommen. Die zu Verhörenden sind bestens vorbereitet und immer in Begleitung ihres Anwalts.

Die Ermittlungen sind äußerst komplex und kompliziert, viele Handlungsstränge und gesellschaftspolitischen Themen, die aufgeheizte Atmosphäre der damaligen Zeit werden spannend und geschickt miteinander verwoben, aber immer so, dass LeserInnen folgen können und der Lesespaß bis zum Schluss erhalten bleibt. Für KrimileserInnen sicher ein Vergnügen.

Kerstin Ehmer, Der blonde Hund, Pendragon Verlag, Bielefeld 2022, 459 S., ISBN 978-3-86532-763-5

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