Musa Okwonga, Es ging immer nur um Liebe

Musa Okwonga, Es ging immer nur um Liebe

Musa Okwonga ist ein in Berlin lebender britisch-ugandischer Schriftsteller, der in diesem – sicher autobiografisch geprägten – Roman von einer Reise in drei Teilen erzählt.

Der erste Teil ist Berlin gewidmet, bzw. seiner Ankunft in dieser Stadt und der Versuche, heimisch zu werden, seinen Platz zu finden:

„Früher oder später wird dir Berlin einen Schlag in die Magengrube versetzen. Wenn das passiert, versuch bitte nicht, es persönlich zu nehmen – versuch stattdessen, es als Stempel in deinem Reisepass anzusehen, als Zeichen deiner Ankunft.“

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman, dessen Erzähler die zweite Person als Erzählform gewählt hat, mit der er stets seine LeserInnen als Adressat anspricht, so dass man auf diese Weise gefühlt zum Teil dieses Romans wird, der im Grunde genommen eine Reise des Erzählers zu sich selbst ist.

Ja, da sind die enormen Schwierigkeiten, als Migrant, als Person of Colour in Berlin mit seinem versteckten und offen ausgetragenen Rassismus anzukommen und angenommen zu werden. Feindseligkeiten allüberall. Doch in der damit verbundenen Einsamkeit wird er sich auch zunehmend darüber bewusst, dass er sich selbst nicht wirklich Freund ist, seine Entscheidung, Schriftsteller zu werden und so seinen Unterhalt zu verdienen, immer wieder anzweifelt, zumal dann, wenn er sich mit seinem Vater und dessen Leistungen vergleicht, der als Militärarzt vierzigjährig verunglückt ist, als er selbst vier Jahre alt war. Nun geht er selbst auf die Vierzig zu und beginnt mit einer Art Bilanz, die ihn nicht wirklich zufriedenstellt. Letztendlich ist er heimatlos. Und das nicht nur, weil er in der Fremde lebt.

Er beginnt eine Therapie bei Dr. Oppong, einem Spezialist für Traumata, der diese als „Schwarze Schwerkraft“ bezeichnet, die am „ärgsten an den Wochenenden, wo die Neonazis aufmarschierten“ auftritt, aber auch sonst überall in Berlin, einer Stadt, die im besonderen Maße geprägt ist von Grausamkeiten, Unmenschlichkeiten der Vergangenheit, die aber immer noch spürbar sind.

Bei ihm fühlt er sich aufgehoben und erkennt:
„Manchmal gibt es nichts, was das Leben mehr verändert, als eine Diagnose, die du schon lange kennst, von jemand anderem zu hören.“ und bekommt den Rat:

„Kümmern Sie sich um Ihr privates Ich … Gönnen Sie sich ihre eigene Gesellschaft. … Und hören Sie auf, es allen recht zu machen – es wird Zeiten geben, in denen Leute Sie nicht leiden können, weil Sie das tun, was für Sie richtig ist, und das ist in Ordnung.“

Nach Beendigung der Therapie macht der Erzähler eine Reise nach Uganda, zu seinen Wurzeln, an das Grab seines Vaters. Und er begegnet nach langen Jahren auch wieder seiner Mutter. Sein Fazit dieser Reise ist, dass sein bisheriges Leben Flucht in vielerlei Hinsicht gewesen ist:

„Das Ende der Reise, denkst du, ist das Ende der Reise. Du läufst nicht länger weg. …
Und endlich bist du frei. Es ging immer nur um Liebe. Du läufst nicht länger weg; stell dir vor, was du mit all der Energie anstellen kannst, die du einst dafür verwendet hast zu fliehen.“

Seine Seele ist auf dieser Reise gesättigt worden und er kann in einem „seltsamen und neuen Gefühl der Zufriedenheit“ abreisen.

Berlin ist in diesem Roman eine Art Spiegel, in den der Erzähler schaut, am Anfang ohne sich selbst wirklich zu sehen, geblendet von Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, wie er zu sein hat, sein will und zunehmend merkt, dass er sich selbst daran hindert wahrzunehmen, wer er ist, und dass er so, wie er ist, genug ist. Und er fragt sich, ob „die vielleicht wichtigste Arbeit, die du je leisten wirst, jene ist, die du gar nicht bemerkt hast. … Es ist die Arbeit des Innehaltens und Zuhörens und Fürsoglichseins.“

Mir hat dieser Romans gefallen, war auch er mir stellenweise Spiegel. Wie oft habe ich gedacht, dass das, was er beschreibt, nicht nur People of Colour, erleben, wenngleich sicher in verschärfter Form in einer Stadt wie Berlin, sondern dass es existenziell menschliche Themen sind, mit denen er sich auseinandersetzt.

Musa Okwonga, Es ging immer um Liebe, Roman, a.d. Engl. von MarieIsabel Matthews-Schlinzig, Marisch Verlag, Hamburg 2022, 148 S., ISBN978-3-948722-19-7

2 Gedanken zu „Musa Okwonga, Es ging immer nur um Liebe

  1. Danke für den schönen Beschrieb dieses Romans, den ich mir gut als künftige Lektüre vorstellen mag, zumal der Stoff wohl brisanter und aktueller nicht sein könnte.

    Einen lieben Freitagnachmittagsgruss,
    Brigitte

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