Ulrike Edschmid, Die Liebhaber meiner Mutter

Ulrike Edschmid, Die Liebhaber meiner Mutter

„Damals war er der Liebhaber von Claire gewesen. Ich weiß nicht, ob sie mit der Absicht, ihren Liebhaber an meine Mutter weiterzugeben, an jenem Winterabend gekommen war. Ich habe vergessen, meine Mutter danach zu fragen, und jetzt ist es zu spät.“

Die Ich-Erzählerin dieses kurzen Romans erzählt durchgehend lapidar, aber nicht simpel – die Un-Tiefen des Erzählten immer erahnbar – von den diversen Liebhabern ihrer Mutter, einer Kriegswitwe. Der Mann, Vater der Erzählerin, ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, sie hat keine Erinnerungen mehr an ihn, wohl aber an die Liebhaber/Freunde ihrer Mutter, die auf die Burg, ihrem Wohnort in der hessischen Rhön, und damit nach und nach auch in ihr Leben kamen, mehr oder weniger lange blieben und unterschiedliche Spuren und Erinnerungen hinterließen. Und die Mutter bestimmte, „wann die Zeit um war.“

Zu Beginn waren diese Beziehungen immer mit einer gewissen Hoffnung verbunden, das harte Leben auf der Burg als Kriegerwitwe, die ihre Kinder mit ihrer Webarbeit durchbringen musste, das noch durch diverse Kriegsflüchtlinge erschwert wurde, möge ein wenig Weite, ein wenig Glanz, ein wenig Leichtigkeit bekommen. Doch war der Preis dann doch stets zu hoch:

Einer ihrer Liebhaber, ein reicher alter Mann „hatte das schwere Gewicht der Sicherheit in die Waagschale gelegt, vermehrt um den Ort, den sie als den schönsten ihres Lebens empfand. In der anderen Waagschale aber lag jetzt Unabhängigkeit.“ Sie war bereit für einen Neubeginn.

Denn in den 50igern ergab sich für die Mutter die Möglichkeit, trotz fehlenden Abiturs, zu studieren. Und sie ergreift diese Gelegenheit, nimmt – wieder einmal – ihr Leben in die eigenen Hände:
„Meine Mutter folgte einem Ziel, das noch keine Gestalt angenommen hatte. Sie ließ sich davon leiten, ohne zu wissen, wohin sie unterwegs war, und sie hielt daran fest mit einer Hoffnung ohne Grund.“ Es wird eine Zeit ohne Liebhaber.

Und dann gibt es da den „letzten Mann meiner Mutter“, den sie auch heiratet und mit ihm eine der damaligen Zeit entsprechenden Ehe führt, ohne wirkliche Nähe. „Sie geriet in einen Zustand des Zweifelns, der sie mehr erschöpfte als alles andere und in dem ihr Mann sie dann allein ließ.“ Die dann noch hinzukommende Krankheit der Mutter „veränderte alles.Das Herz bewältigte die Anstrengungen nicht mehr und war daran, aufzugeben.“ Warum sie diesen Mann heiratet, erschließt sich nicht wirklich. Vielleicht hatte ihre Kraft sie verlassen.

Es ist ein dicht erzählter Roman über eine ungewöhnlich unabhängige Frau, die ihr Glück sucht. Er gewährt einen Blick in die Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg mit den vielen Folgen und Entbehrungen für die Bevölkerung. Ein leiser Roman, der berührt.

Ulrike Edschmid, Die Liebhaber meiner Mutter, Roman, 2.Aufl. 2016, 151 S., ISBN978-3-458-24083-9

Ein Gedanke zu „Ulrike Edschmid, Die Liebhaber meiner Mutter

  1. Da hat wohl das Schicksal tüchtig Regie geführt.
    Und es tönt nach einer langen, anstrengende Suche für die Mutter und eine schwierige Beobachterposition für die Tochter.
    Ja, das dürfte ein spannendes Stück persönlicher Zeitgeschichte sein.
    Einen lieben Sonntagsgruss, garniert mit der langersehnten Sonne,
    Brigitte

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