Hubert Achleitner, flüchtig

Hubert Achleitner, flüchtig

„flüchtig“ ist die Lebensgeschichte Marias, erzählt aus verschiedenen Perspektiven: der eigenen, der Lisas, Ich-Erzählerin, die allerdings auf Berichte anderer angewiesen ist, u.a. auf Marias Brief, den diese an ihren Mann Herwig geschrieben hat. Den übergibt Lisa ihm persönlich, nachdem sie ihn vorher selbst gelesen hat.

„So manches, von dem ich berichten werde, habe ich dem Brief entnommen, den ich wenige Wochen nach dem Jahreswechsel im Briefkasten fand. Er war an mich adressiert, aber an Herwig gerichtet. Herwig ist der Mann, an dessen Seite Maria fünfunddreißig Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Maria erlaubte mir, ja sie bat mich auf einer beigelegten Notiz darum, den Brief zu lesen, damit ich von den Abenteuern erfahre, die sie nach unserer Trennung erlebt hatte.“

Maria verlässt Herwig ohne ein Wort, eine Nachricht, einen Abschiedsbrief, nachdem sie auf seinem Handy gelesen hat, dass seine Freundin ein Kind erwartet. Doch diese sie so verletzende Nachricht – sie hatte mit Herwig auch Kinder haben wollen – ist nur der Auslöser, haben sich die beiden doch schon lange auseinandergelebt. Routine, ein Nebeneinanderher bestimmt ihren Ehealltag. Sie kündigt, hebt Geld ab, nimmt unter einem Vorwand Herwigs Auto, packt ein paar Sachen zusammen und fährt los. Ohne Ziel, ohne Plan:

„Ich weiß zwar nicht, wie es weitergeht, aber zurück will ich auf keinen Fall.“

Gleich zu Beginn ihrer Abenteuerreise trifft sie auf Lisa, die sie als Anhalterin mitnimmt. Beide Frauen verleben drei Monate gemeinsam, teilen „das Lager, das Essen und einmal sogar einen Mann. Sie war der großzügigste Mensch, den ich kennengelernt habe. Großzügig war sie auch mit ihrer Vergangenheit. Sie hat mich an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen.“

Parallel dazu erfährt man, was Herwig in der Zeit von Marias Abwesenheit erlebt hat und wie es ihm damit ergeht.

Maria und Herwig erfahren – getrennt voneinander – im Innen und Außen ein Leben außerhalb der normalen Alltagsroutine, haben Möglichkeiten, Grenzen zu erfahren, sich neu zu erleben und zu erfahren, andere Menschen kennenzulernen, mit denen sie neue, bisher scheinbar völlig „unmögliche“ Erfahrungen machen und auch die „Flüchtigkeit“ des Seins erleben.

Die z.T. konstruiert wirkende Handlung – vielleicht auch nur für die zu Hause gebliebenen – nimmt die Leser*innen mit auf eine Reise durch halb Europa, wobei eher die inneren Erlebnisse der Personen im Vordergrund stehen als die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Regionen. Es ist also ein etwas anderer Reiseroman.

Hubert Achleitner, flüchtig, Roman, Paul Zsolnay Verlag, Wien 3. Aufl. 2020, 299 S., ISBN 978-3-552-05972-6

2 Gedanken zu „Hubert Achleitner, flüchtig

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