Nina Bouraoui, Erfüllung

Nina Bouraoui, Erfüllung

Nach „Geiseln“ ist nun Nina Bouraouis zweiter Roman „Erfüllung“ erschienen. Wiederum ist die Protagonistin eine Frau, die Französin Michèle Akli, die mit ihrem zehnjährigen Sohn Erwan und ihrem algerischen Mann Brahim – nach der Unabhängigkeit Algeriens – in einem kleinen Haus mit üppigem Garten über der Stadt Algier wohnt.

Michèle ist achtunddreißig Jahre alt, fühlt sich letztendlich aber älter, zudem wertlos und ist davon überzeugt, das ihr Leben „ein großer Irrtum“ ist. Sie kommt offensichtlich mit den Veränderungen in ihrer Beziehung zu ihrem Mann und der Situation in Algerien nicht zurecht:

„Ich liebe Brahim, aber ich liebe ihn nicht mehr wie am ersten Tag. Zu Beginn nimmt uns die Liebe gänzlich ein, alles in uns und um uns, sie macht sich überall breit, verwandelt Lärm in Stille, acht den Alltag zu einem Fest und verbindet selbst in schlechten Zeiten. Jetzt ist unsere Beziehung nicht mehr so vollkommen. Dieser Gedanke ist beschämend, trotzdem schreibe ich ihn nieder. In diesem Notizheft, und nur hier, hat die Scham Platz.“

Dieser Roman ist eine Art Tagebuch, in dem Michèle ihre Gefühle, Sehnsüchte, Fantasien, Spekulationen über das Verhalten anderer, ihre Fluchten im Alltag notiert, ihre Räusche, die sie sich regelmäßig durch Wein verschafft: „Der Wein lässt mich fantasieren“. Sie denkt sich aus Langeweile verbotene Beziehungen aus, etwa zu Catherine Bousba, der Mutter einer Mitschülerin ihres Sohnes.

„Frauen dürfen ihre Lust nicht teilen. Die Miliz verbietet das.“

So aber könnte sie den Umgang dieser Tochter, die sich in Anlehnung an ihr Idol Bruce Lee Bruce nennt, mit ihrem Sohn kontrollieren. Die Freundschaft zwischen diesen beiden so gegensätzlichen Heranwachsenden wird enger und tiefer. Und das kann Michèle und will sie nicht zulassen. Sie sieht ihren Sohn in Gefahr, hat Angst um ihn.

Über den wacht sie mit Argusaugen. Er ist der ihr noch verbleibende Lebensinhalt und soll sie bewundern. Sie sieht sich in ihrer Fantasie sogar als seine ihm hörige Ehefrau, „eine symbolische Ehefrau, die den einzigen Sohn ihres Lebens weder küssen noch zu umarmen mag.“

Ihr, die sich in „Hirngespinsten“ auskennt, sind Lügen oftmals wichtiger als die Wahrheit. Dennoch erkennt sie die Gefahr ihrer Fantastereien. „Mein Wahn macht mir Angst“ und vermutet, dass „Traurigkeit eine Krankheit“ ist. Auch ihre depressiven Stimmungen vertraut sie ihren Notizheften ebenfalls an:

„Schneeflocken fallen auf meinen Garten. … Eine weiße Schicht bedeckt den Garten, sie ist das Bettlaken meiner freudlosen Nächte. Ich bin der dürre Baum, der nie wieder blüht.“

Sie muss „alles aufschreiben, festhalten, weil ich mich in der Wirklichkeit unbehaglich fühle … ja in einer „abgeschotteten Parallelwelt lebe. Frei, etwas zu verändern, fühlt sie sich nicht, da sie ihrem Mann „ewige Liebe“ geschworen habe.

Gleichzeitig wird erkennbar, dass sie das algerische Regime als zunehmend bedrohlich für sich selbst, ihren Mann und letztendlich auch ihren Sohn erlebt. Unklar bleibt, inwieweit ihre Befürchtungen der Realität entsprechen oder eher durch ihre Fantastereien angeheizt werden:

„Meine Hefte folgen dem Lauf meines Wahnsinns, treiben seine gefährlichen Wasser hinunter. Ich habe mir meinen Abgrund selbst geschaffen.“

Der Roman ist sicher keine erbauliche Lektüre, wohl aber das Portrait einer zutiefst depressiven Frau, die es offensichtlich allein nicht schafft, ihre inneren Abgründe zu überwinden, sich aber so sehr nach Erfüllung sehnt.

Nina Bouraoui, Erfüllung, Roman, a.d. Franz. v. Nathalie Rouanet, Elster Verlag, Zürich 2022, 226 S., ISBN 978-3-906903-19-4

4 Gedanken zu „Nina Bouraoui, Erfüllung

  1. Das hört sich nach viel Frust, Freudlosigkeit und fiebriger Fantasie an.
    So ein Buch muss man auch verkraften können. (Ich glaube, ich brauche das nicht.)
    Danke für den interessanten Beschrieb und einen lieben Gruss in die neue Woche,
    Brigitte

  2. Es ist eine beklemmende Düsternis, die ich schon anhand der sehr eindrücklichen Beschreibung vernommen habe.
    Obwohl solcherart Lektüre eine Herausforderung ist, greife ich doch selbst auch immer wieder zu derartigen Büchern.
    Es kommen dann allerdings auch in mir Stimmungen hoch, wo ich bei handelnden Figuren gerne etwas wachrufen möchte!
    Liebe Grüße!

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