Montag, 24. Februar 2020 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

“Perla” ist ein sehr leises, zart geschriebenes, poetisches Buch über die Mutter des Autors, die als junge Frau in Auschwitz war und überlebt hat. Nun ist sie eines natürlichen Todes gestorben. Der Sohn bearbeitet in diesem Buch seine Trauer oder sollte man besser sagen die Liebe zu seiner Mutter, die er nun ihr gegenüber nicht mehr aktiv ausüben kann:

“Annie Erneaux schreibt: ‘Mama ist tot. Niemals könnte ich diese Worte in einer Fiktion verwenden.’ Um offen zu reden, weiß ich auch nicht genau was ich schreibe. Es ist kein Roman, kein Tagebuch, keine Autofkition, Was ist es aber dann? Mein Ich ist ein Schatten. Die Literatur ist das Porträt eines Schattens. Durch dieses Buch geistern Manon, Julien und ich, aber ganz anders als im wirklichen Leben.”

Manon ist die Frau des Autors, seine große Liebe und Stütze, und Julien das gemeinsame Kind, das zu Beginn noch nicht geboren ist.
“Wir sind alle Wesen, die in Beziehung stehen. Wir versuchen uns, auf die uns eigene Art und Weise an etwas zu binden, was größer ist als wir selbst. … Perla ist in meinem Geist zum ewigen Stern geworden. Im Gemurmel des Alls bin ich mit meinen Schriften verbunden, mit meinem noch schweigenden Kind, mit Manon, meiner Frau, und mit meiner Mutter.”

Sie sind immer gegenwärtig, auch wenn Frédéric Brun sich oft der Vergangenheit zuwendet, Fragen, die er seiner Mutter gerne gestellt hätte, Zweifel, weshalb sie ihm nicht mehr erzählt hat. Jedes Buch über Auschwitz, jede Abbildung dieses KZ löst den Wunsch in ihm aus, zu wissen, wie seine Mutter diese Hölle (über) leben konnte. Immer wieder bemerkt er, dass er sich genau das gar nicht vorstellen kann.
“Auschwitz ist weder mit Worten noch mit Tönen zu beschreiben. Die Barriere ist unüberwindlich. Und oft sind die Bande der Verständigung zwischen den Überlebenden und ihren Kindern durchschnitten. … Stets bleibt dieses Nichtmitteilbare, dieses Unfassbare, das auch Perla mit sich herumschleppte, ohne Zeugnis. Ich versuche verspätet Zuschauer oder Zuhörer zu sein. Ich nehme jedes Blatt mit Zeugenberichten in mir auf, um nach Spuren meiner Mutter zu suchen.”

Den Autor beschäftigt über das Persönliche hinaus die Frage, wie ein Deutschland, das Dichter, Denker, Künstler von Format hervorgebracht hat, auch ein Deutschland der Verbrennungsöfen sein konnte, ja, wie sich beides in der Person eines Mannes in “einer eleganten Uniform” vereint, der in der Lage ist, “die petit-fours eines Abendbuffets zu genießen, einer überaus charmanten Frau den Hof zu machen und in seinem wohlgemachten Bett Verse zu lesen. Jener, der kaltblütig in der Lage ist, seinem Nächsten die Kugel in die Schläfe zu jagen kann sich auch für andere Menschen begeistern und Loyalität bekunden. Dualität.”

Brun kann diese Widersprüche nicht aufheben oder erklären, sondern stellt für sich fest, dass es zur menschlichen Existenz gehört, mit Widersprüchen generell, und mit eigenen Widersprüchen konfrontiert zu werden und damit leben müssen.

So ist er in seiner Trauer und Verzweiflung über den Tod der Mutter und des Vaters, der kurz darauf auch stirbt, dennoch zutiefst dankbar, über das Glück, das er hatte “mit Perla zu leben. Ich denke an alle Kinder, die ihre Eltern dort (in Auschwitz) verloren haben. Selbst auf diesen Friedhof zu kommen, ist ein Privileg.

Der Trauerprozess in all seinen Formen war für Brun auch ein Prozess der Klärung. “Ich war von Verzweiflung heimgesucht, aber das Leid reinigt uns. Es entfernt uns auch von Unwesentlichem. Es hilft uns auch, das dunkle Reich seines Ichs zu verlassen, wo alles erlaubt zu sein scheint. Es schärft das Bewusstsein und gibt dem Leben einen neuen Sinn. … Es offenbart uns auch, wie unzulänglich wir uns zuweilen verhalten. Es verführt uns zum Schreiben und verstärkt vielleicht auch unsere Introvertiertheit.”

Die Stille als zeitloses beruhigendes Kraftzentrum bewirkt während diese Prozesses, der zeitweilig ein Dialog mit der verstorbenen Mutter ist, dass sich der Autor geklärt und mit zunehmender Heiterkeit wieder dem eigenen Leben, seiner Zukunft mit Frau und Sohn zuwenden kann.
“Diese Seiten voller Tränen verwandeln sich in ein heiteres Buch. … Alles steht zum Besten.”

Es ist ein poetisches, nachdenklich machendes Trauerbuch der besonderen Art, da die nicht erzählten Erlebnisse der Mutter in Auschwitz dennoch als Teil ihrer gemeinsamen Biografie wirkmächtig waren. Und ja, es ist nicht wirklich ein schweres Buch, auch wenn es von schwierigen Persönlichkeitsprozessen erzählt. Genau die können Mut machen, zu begreifen, dass eigenes Leid eine Möglichkeit ist zu wachsen.

Frédéric Bun, Perla, Roman, a.d.Franz. v. Christine Cavalli, Faber&Faber Verlag, Leipzig 2020, 122S., ISBN 978-3-86730-170-1

Sonntag, 23. Februar 2020 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Ausgrenzung aus einem toxischen System
ist ein schmerzliches Geschenk
auf dem Weg zu sich nach Hause

(© mona Lisa)

Samstag, 22. Februar 2020 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (4)

Die “Gummibärchenkampagne” von Helwig Brunner ist ein wunderbares Büchlein mit vielen – kaum eine Seite langen – “Minutennovellen”, mit denen man auf unterschiedliche Art und Weise in Resonanz gehen kann. Ein Büchlein, so leicht, dass man es gut bei sich haben kann an Tagen, an denen man voraussichtlich Wartezeit füllen muss. Ein fantastische Alternative zu den veralteten, verblödenden Zeitschriften, die manchmal ausgelegt sind.
Der Bücherstapel neben dem Bett ist ebenfalls ein passender Ort, wenn man zu müde ist, den Roman, den Krimi weiterzulesen, dann sind die Mininovellen immer noch möglich, etwa:

Rechtschreibung
Die Zungenspitze zwischen den Lippen, zog Timo den Bleistiftstrich immer weiter hinunter bis an den Seitenrand. Dann malte er ganz oben einen Punkt darüber. Die Lehrerin, die er so heiß verehrte
, würde stolz auf ihn sein, dass er schon Bescheid wusste über das lange i im Wort Libe.

Da gibt es vier Kategorien von Mininovellen:
– Eigenbrötler
– Paare
– Schreibende, Lesende
– Herden

Allesamt schildern sie ungewöhnliche Alltagsaspekte, denen man vielleicht sonst wenig bis gar keine Aufmerksamkeit schenkt: Was etwa passiert, wenn ein Mann im Supermarkt an der Kasse einen Knopf aufhebt, der ihm vor die Füße gefallen ist, und mit nach Hause nimmt.

Alle Mininovellen haben ihren eigenen Charme. Mir haben sie gute Laune gemacht, meist ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, auch wenn’s um Aspekte des Alterns in Würde geht. Auf intelligente Art und Weise herzerfrischend unterhaltsam.

Helwig Brunner, Gummibärchenkampagne, Minutennovellen, Droschl Verlag, Graz-Wien 2020, 144 S., ISBN 978-3-99059-049-2

Freitag, 21. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (2)

Schatten-(Ab-)Bild

Donnerstag, 20. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (5)

Ich habe bei Museumsbesuchen den Fokus auch immer auf der Architektur des jeweiligen Gebäudes – ab und an, finde ich sie dann fast faszinierender als die aufgehängten Exponate.

Dass Feuermelder etc. sich in ein Bild einfügen – oder ist es anders herum – habe ich noch nicht gesehen.

Ecken und Kanten, Licht und Schatten sind immer zu entdecken. Das Bild von Munch mit den Lichtspielen des Bildes traue ich mich nicht abzulichten, da man zwar fotografieren durfte, ich aber nicht weiß, wie es bei Bildern mit dem Urheberrecht aussieht.

Mittwoch, 19. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (8)

– Derbe Sprüche: “Der Winterspeck ist weg, jetzt habe ich Frühlingsrolle” – (konnte ich nicht fotografieren, der Tisch davor war rappelvoll), nicht immer in Übereinstimmung mit den gängigen Rechtschreib- und Zeichensetzungsregeln, stört keinen, kriegt wahrscheinlich auch keiner mit ;)
– laute Dekoration,
– volle Bude,
– “Mahlzeit” lautet hier die Begrüßung
– Menschen, die Riesenportionen in sich reinschaufeln und mit Hinz und
Kunz reden, so dass alle etwas davon haben, oder still vor sich hinstieren
mit oder ohne Knöpfe im Ohr – alles darf sein, hier bisse Mensch
– Freundliche Bedienung
– Schmeckt’s, bisse auch satt geworden? (Mit nem “Sie” bisse draußen, weile
dich für watt Besseres hälts)

Ab und an brauche ich das: Pommes (mittlerweile gibt’s sogar Süßkartoffelpommes) mit Salat und ner Bratwurst und die Umgebung als “Sahnehäubchen” oben drauf. Bin schließlich im Ruhrgebiet aufgewachsen. Und hinter der Theke steht ein Ein-Sterne-Koch.

Dienstag, 18. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Trottoir

Dienstag, 18. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (6)

Luft und Bewegung sind die eigentlichen Sanitätsräte.

(Theodor Fontane)

Montag, 17. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Der Roman beginnt aus der Ich-Perspektive Elsas zu erzählen, einer jungen Frau, die gerade eine unglückliche Affäre mit einem verheirateten Mann hinter sich hat, und nach Jahren wieder Kontakt zu Pauline aufnimmt, einer inzwischen über achtzigjährigen Frau, die sie in der Nachkriegszeit aufgenommen und “per Brief adoptiert” hat.

Paulines Angebot, sie doch zu besuchen, ergreift Elsa “wie einen Rettungsring”. Pauline ist diejenige, mit der sich Elsa per Brief ausgetauscht hat, der sie vieles erzählen und anvertrauen konnte. Denn Pauline konnte zum einen gut zuhören und sie hatte “eine sehr eigene Art, ihre Gedanken auf Worte zu fädeln.”

“Ich habe ihr mehr als irgendeinem Menschen von mir erzählt. Sie hat mir von ihren Spaziergängen, dem Theater der Jahreszeiten und von ihren alltäglichen Begegnungen geschrieben. Alles war erfüllt von ihrem gegenwärtigen Erleben, nie war von ihrer Vergangenheit die Rede.”

Das ändert sich bei ihrem letzten Besuch. Da beginnt Pauline von Max Lassenius, ihrem Mann, ihrem “Plusquamperfekt”, zu erzählen. Er war erheblich älter als sie, äußerst reiselustig, von seinem “Raumhunger” getrieben, wohl auch, um sich aus dem Würgegriff seiner “Efeumutter” zu befreien. Ganz allmählich entwickelt sich im Dialog zwischen Pauline und Elsa – in bruchstückhaften Episoden, oft ausgelöst durch Gegenstände wie Bilder, Masken, die Max gesammelt hat, Briefe, Aufzeichnungen der beiden – das ungewöhnliche Leben von Max und Pauline mit dem Fokus auf Pauline, von der es schon zu Beginn des Romans heißt:

“Pauline war nicht wie die Leute im Dorf. Nie hat sie über Krankheiten, Beerdigungen oder irgendeinen trübseligen Familienkram geredet. Sie mochte keinen Tratsch. Sie war viele Jahrzehnte im Ausland gewesen und hatte keine Kinder. Sie wirkte auf mich wie ein frischer Wind aus einer anderen Welt.”

Pauline wirkt beim Sprechen öfter abwesend, in ihre Gedanken, Erinnerungen versunken, so als tauche sie in ihre Vergangenheit ein, die sich ihr eher assoziativ erschließt. An manches erinnert sie sich sehr klar, manches kann sie nicht mehr bergen. Elsa bezeichnet es liebevoll als Paulines “Eisschmelze der Erinnerung”.

Zum Abschied schenkt Pauline Elsa “einen Packen Briefe, Photos und ihre gemeinsamen Reisejournale. Die Photos waren alles andere als Amateuraufnahmen. Nachdem ich ihre Aufzeichnungen einmal in Ruhe gelesen hatte, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus – hier war eine Schriftstellerin am Werk! Meine Begeisterung quittierte sie mit der lakonischen Bemerkung: ‘Dann war nicht alles vergebens.’ “

Zischler ist ein leiser Roman über die ungewöhnliche Liebe und das ungewöhnliche Leben einer mutigen, vertrauensvollen Frau gelungen, die sich in ihrer Liebe zu ihrem Mann, trotz allerWidrigkeiten, nicht hat beirren lassen, die dennoch ein weitgehend individuelles Leben gelebt hat. Von ihr kann man zudem lernen, was es ausmacht, im Hier und Jetzt zu leben. Sie verabschiedet sich von Elsa schon am Abend vor deren Abreise, weil sie beabsichtigt, noch im Morgengrauen aufzubrechen:

“Dort setze ich mich auf eine Bank und warte bis mit den Morgenvögeln die Farben erwachen. …
– Ich genieße jeden Augenblick. Er ist kostbar, weil er vergänglich ist. Das ist für mich die irdische Unsterblichkeit.
– Betrübt dich das nicht auch?
– Nein, im Gegenteil, ich erlebe diese Stunde als das größte Glück, eben weil es vergänglich ist. Dass diese Augenblicke vergehen, und ich vermutlich sehr bald nicht mehr dorthin gehen kann, macht sie so wertvoll.”

Auf ihrem Grabstein wird ein Goethe Satz stehen:
“Wer sich vorm Tode fürchtet, der geht nicht auf Reisen.”
Sie hat sich bereits als junge Frau auf den Weg nach Amerika gemacht und dort zwei Jahre lang gelebt. Max hat ihr diese Reise “verordnet.” Und sie hat sich dieser Verordnung gefügt. Später haben sie dann gemeinsam die Welt bereist.

In dem Roman begegnet man längst vergangenen Welten und ihren Wörtern: Da ist noch von “Landstreichern”, “Kartoffelfeuern”, “Galanen”, “Morsezeichen”, “Chausseen”, “Fuhrwerken”, “Einspännern”, “Griffeln” und “Schiefertafeln” … die Rede. Die Menschen “genieren” sich noch.
Begriffe, die beim Lesen eigene Erinnerungen hochkommen lassen, denen man nachgehen kann – das ist ja das Schöne am Lesen, man kann jederzeit aufhören und weiterlesen, wenn’s passend ist. Ich habe schon ein wenig Zeit gebraucht, mich einzulesen, doch es lohnt sich dranzubleiben. Ein lesenswerter Roman!

Hanns Zischler, Der zerrissene Brief, Roman, Galiani Verlag, Berlin 2020, 269 S., ISBN 978-3-869-71207-9


Sonntag, 16. Februar 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Grau in Grau
in allen möglichen Verfallsstadien

Risse, Absenkungen, Brüche
und ab und an ein Sonnenstrahl
der das ganze Grau
ein wenig aufhellt
und eine Ahnung von
Frühling
Aufbruch
Erneuerung vermittelt