Dienstag, 25. April 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (0)


Kein Himmel. Nur Gewölk ringsum
Schwarzblau und wetterschwer.
Gefahr und Angst. Sag: Angst -wovor?
Gefahr: Und sprich – woher?
Rissig der Weg. Das ganze Feld
Ein golden-goldner Brand.
Mein Herz, die Hungerkrähe, fährt
Kreischend über das Land.

(Albrecht Goes, aus: Deutsche Landschaftsgedichte, München 1986)

Montag, 24. April 2017 | Kategorie: Rezensionen, Rezensionen (diverse) | Kommentare (2)

Dieser schmale Gedichtband „Weichheit des Herzens“ lädt – wie in den einführenden Zeilen deutlich wird – zum „nachdenklichen Innehalten“ ein. Die durchgängig gereimten, rechtsbündig geschriebenen und mit schlichten Fotografien versehenen Gedichte sind aus der Sehnsucht nach „Klarheit, Sinn, Authentizität und tiefem Frieden“ geschrieben, Ausdruck des geöffneten Herzens.


Die angesprochenen Themen sind Themen des Alltags wie „Urlaub“, „Dankbarkeit“, „Traum“.

Urlaub
Gedanken versunken
Seele baumelnd
fast trunken
vom freien Geist taumelnd

Sonnenstrahlen, leichter Wind
ruhiger Atem, angekommen
Herzlich lachen wie ein Kind
fühle mich hier angenommen

Olivenhaine gräulich schimmernd
grüner Rasen, Felder, Wiesen
Weite Horizonte flimmernd
entspannt die Augen schließen

Der Zeit entrückt, wie angehalten
Weisse Federwolken, Himmel Blau
Mein Leben leben, frei entfalten
leidenschaftliche Innenschau

Aber auch – für viele vielleicht – vermeintlich weniger poetische Themen wie Schmerz und Tod finden ihren Weg in Christian Dorns Gedichte:

Schmerz
Erforen, federtaube Empfindsamkeit
gespannt wie sprödes Pergament
Verflogen meine Heiterkeit
verflogen all mein Temperament

Gläsern Gespinst, eingefangene Leere
Den Weltschmerz auf kleinsten Punkt gebrannt
Müde Glieder, Augenschwere
reißen mich aus dem Verstand

Orientierungslose Trübheit, blind
Offenporig, Sinn verloren ohne Grund
Hilflos zaudernd wie ein Kind
verkrochen tiefer Dunkelschlund

Kraftvoll suhlend schöner Schmerz
in letzte Zellen eingetaucht
Kraftlos hart zerbrochen Herz
Kräfte restlos aufgebraucht

Die meisten Gedichte erschließen sich wohl eher intuitiv, also mit geöffnetem Herzen, auf der Ebene also, von der aus die Gedichte laut Verfasser entstehen.
Der schlicht gehaltene Einband ist sehr fein und glatt, ein sinnliches Vergnügen für haptisch orientierte Menschen.

Christian H. Dorn, ICHSELBST, Weichheit des Herzens, Gedichte, Norderstedt 2016, ISBN 978-3-7412-6162-6

Sonntag, 23. April 2017 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

„Vernunft und Gefühl“ hat Jane Austen im Alter von nur zwanzig Jahren geschrieben. Sie ließ diesen Roman auf eigene Kosten anonym drucken.

„Vernunft und Gefühl“ ist nun in einer Neuübersetzung von Andrea Ott im Manesse Verlag erschienen, ein Roman, den man als Kammerstück bezeichnen könnte, spielt die Handlung doch überwiegend in der Familie der Dashwoods, der Witwe Mrs. Dashwood und ihren drei Töchtern Elinor, Marianne und Margaret, die aber mit ihren dreizehn Jahren eigentlich keine Rolle spielt, da sie noch nicht im heiratsfähigen Alter ist.

Wie in einem Drama macht das erste Kapitel die Situation der Hauptakteure sichtbar. Mutter und Töchter werden dem Leser in ihren Haupteigenschaften präsentiert, so dass klar wird, welche Rolle sie im Verlauf der Handlung einnehmen werden: Eleonore besitzt mit ihren neunzehn Jahren „einen scharfen Verstand und ein unbestechliches Urteil, was sie dazu befähigte, … die Ratgeberin ihrer Mutter zu sein und Mrs. Dashwoods Überschwänglichkeit, die in den meisten Fällen zu leichtsinnigem Handeln führte, zum Besten aller zu dämpfen.“ Marianne „war klug und begabt, aber in allem übereifrig; sie kannte in Freud und Leid kein Maß. Sie war großzügig und anziehend, sie war alles nur nicht besonnen. Die Ähnlichkeit mit der Mutter war auffallend.“ Margaret wird als „fröhliches, gutmütiges Mädchen“ bezeichnet, die offensichtlich aber den beiden Schwestern nicht „das Wasser“ reichen kann.

Von Anfang an wird deutlich, in welch missliche Situation der Tod Mr. Dashwoods, der noch einen Sohn aus erster Ehe hatte, die Frauen gebracht hat, die nun von eben diesem Sohn finanziell abhängig sind, da das Testament nicht eindeutig formuliert ist.

„Kaum war der Vater begraben, traf Mrs. John Dashwood mit ihrem Kind und der Dienerschaft auf Norland ein, ohne ihre Schwiegermutter davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Niemand konnte bestreiten, dass sie das Recht hatte zu kommen; von dem Moment an, da der Vater gestorben war, gehörte das Haus ihrem Mann. Die Taktlosigkeit ihres Verhaltens war dennoch unbestreitbar.“

Mrs. Dashwood zieht mit ihren Töchtern in ein kleines Cottage, um die Lebenshaltungskosten möglichst gering zu halten. Ihre Töchter sind darauf angewiesen, sich nach Ehemännern umzusehen, die sie trotz des geringen Vermögens heiraten wollen, nicht immer eine Frage von gegenseitiger Liebe, was sowohl Elinor als auch Marianne erleben müssen, die sich beide in Männer verlieben, die entweder schon versprochen sind oder sich aus finanziellen Gründen nach vermögenderen Frauen umsehen. Der Roman ist demnach letztendlich ein Liebesroman, allerdings einer von besonderer Art, denn er ist letztendlich doch ein Plädoyer für die Liebe.

Ohne es direkt zu thematisieren, erhält der Leser nämlich Kenntnisse in die privatgesellschaftliche Welt des 19.Jahrhunderts mit ihren Normen, Konventionen und Gepflogenheiten, in denen persönliches Glück, romantische Liebe scheinbar keine Bedeutung haben oder wenn, nur in den Träumen junger Mädchen, die an der Realität kläglich zu scheitern drohen. Die Personen des Romans präsentieren „zeitlose Archetypen, die volle Bandbreite charakterlicher Dispositionen“ wie Denis Scheck in seinem sehr persönlich gehaltenen Nachwort schreibt.
Die gesellschaftlichen Abhängigkeiten und familiären Beziehungen und Verflechtungen, ihre oft recht unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe und Ehe, die finanzielle Raffgier und der Geiz, vor allem der des Bruders und seiner Frau, werden zum Teil ironisch bis sarkastisch, immer aber sprachlich treffend beschrieben. Ein Genuss!

Jane Austen, Vernunft und Gefühl, Roman, a.d. Engl. von Andrea Ott, Nachwort v. Denis Scheck, Manesse Verlag Zürich 2017, insgesamt 410 S., ISBN 978-3-7175-2354-3

Freitag, 21. April 2017 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Fotos | Kommentare (0)

Schöne Aussicht:
Leben mit Blick auf Vergangenheit

Mittwoch, 19. April 2017 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (2)

„An ihrem zwanzigsten Geburtstag arbeitete sie wie jeden Freitagabend als Kellnerin. Allerdings hätte sie sich an diesem Freitag lieber freigenommen, zumal das andere Mädchen, das im Restaurant jobbte, sogar bereit gewesen wäre, mit ihr zu tauschen.“

(Copyright Kat Menschik, Dumont Verlag)

Doch an diesem Abend ist vieles anders. Hätte sie nicht arbeiten müssen, wäre es nicht zu der Begegnung mit dem Besitzer des Hotels gekommen, dem sie an diesem Tag – ausnahmsweise – das Essen auf sein Zimmer 604 bringen soll. Bisher hat ihn noch kein Mitarbeiter gesehen, denn der Besitzer isst nie im Restaurant.

An diesem Tag muss der Geschäftsführer wegen großer Übelkeit nach Hause gehen und überträgt der Aushilfskellnerin seine Aufgabe, versehen mit genauesten Instruktionen. Sie ist bemüht, diese ebenso genau einzuhalten. Doch dazu kommt es nicht, da der Restaurantbesitzer – ein alter Herr mit „schwarzen, blitzblank polierten Lederschuhen“ – sie bittet:

“ ‚Würden Sie mir fünf Minuten Ihrer Zeit schenken, gnädiges Fräulein? Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.‘
Gnädiges Fräulein? Unwillkürlich errötete sie.
‚Ja, das wird schon gehen … wenn es nur fünf Minuten sind.‘
Immerhin bezahlte er ihren Stundenlohn, also konnte von Schenken keine Rede sein. Außerdem erweckte der alte Herr nicht den Eindruck, als hätte er etwas Ungebührliches im Sinn.“

Als er erfährt, dass sie Geburtstag hat, will er ihr ein Geschenk manchen.
„Mein Geschenk hat keine konkrete Form und auch keinen Preis. … Also, ich möchte einer schönen Fee wie Ihnen einen Wunsch gewähren. Was auch immer Sie sich wünschen, ich werde es Ihnen erfüllen. Natürlich nur, wenn Sie überhaupt einen Wunsch haben.“

Der Ich-Erzähler, ein Freund des „Birthday Girls“, erzählt von dieser sonderbaren Begegnung zwischen dem alten Herrn und der Beschenkten, die wiederum diesem Freund Jahre später davon berichtet.

Diese leise zarte, ungewöhnliche Begegnung bleibt in der Schwebe, denn der Leser erfährt weder den Wunsch der jungen Frau, noch, ob sich dieser Wunsch im Leben je realisiert hat. Die sprachlich in typisch Murakamischer Einfachheit gestaltete Erzählung hat märchenhafte Züge, die form- und farbvollendet von Kat Menschik in der unnachahmlichen Art ihrer Illustrationen hervorgehoben werden. In allen Rot-Schattierungen erlebt der Leser eine Sinnenfreude, die nicht nur das Auge erfreut, sondern auch durch die Gestaltung des Schutzumschlages der Haptik entgegenkommt. Ein farblich abgestimmtes orangefarbenes Lesebändchen komplettiert den Lesegenuss des Bücherfreundes, vor allem desjenigen, der an bibliophilen Ausgaben seine Freude hat.

In dem Nachwort „Mein Geburtstag, Dein Geburtstag“, von Haruki Murakami geschrieben, geht es um seine Art und seine Gründe genauso seinen Geburtstag zu feiern. Fazit: „Birthday Girl“ ist ein sicherlich geeignetes Geburtstagsgeschenk für jemanden, der bereits alles hat, vor allem aber für Bücherfreunde und Fans von Murakami.

Haruki Murakami, Birthday Girl, mit Illustrationen von Kat Menschik, a.d.Jap. v. Ursula Gräfe, Dumont Verlag Köln 2017, 75 S., ISBN 978-3-8321-9858-9

Dienstag, 18. April 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

(Johann Wolfgang Goethe)

Montag, 17. April 2017 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Fotos | Kommentare (0)

Über Nacht

Sonntag, 16. April 2017 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)


Wenn einer starb, den du geliebt hienieden,
So trag hinaus zur Einsamkeit dein Wehe,
Dass ernst und still es sich mit dir ergehe
Im Wald, am Meer, auf Steigen längst gemieden.

Da fühlst du bald, dass jener, der geschieden,
Lebendig dir im Herzen auferstehe;
In Luft und Schatten spürst du seine Nähe,
Und aus den Tränen blüht ein tiefer Frieden.

Ja, schöner muss der Tote dich begleiten,
Ums Haupt der Schmerzverklärung lichten Schein,
Und treuer – denn du hast ihn alle Zeiten.

Das Herz auch hat sein Ostern, wo der Stein
Vom Grabe springt, dem wir den Staub nur weihten;
Und was du ewig liebst, ist ewig dein.

(Emanuel Geibel)

Samstag, 15. April 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Alle Birken grünen in Moor und Heid,
Jeder Brahmbusch leuchtet wie Gold,
Alle Heidlerchen dudeln vor Fröhlichkeit,
Jeder Birkhahn kullert und tollt.

Meine Augen, die gehen wohl hin und her
Auf dem schwarzen, weißflockigen Moor,
Auf dem braunen, grünschäumenden Heidemeer
Und schweben zum Himmel empor.

Zum Blauhimmel hin, wo ein Wölkchen zieht
Wie ein Wollgrasflöckchen so leicht,
Und mein Herz, es singt sein leises Lied,
Das auf zum Himmel steigt.

Ein leises Lied, ein stilles Lied
Ein Lied, so fein und lind,
Wie ein Wölkchen, das über die Bläue zieht,
Wie ein Wollgrasflöckchen im Wind.

(Hermann Löns)

Freitag, 14. April 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

(Rainer Maria Rilke)