Montag, 12. November 2018 | Kategorie: Worte | Kommentare (4)

Lehrerinnenzölibat

Montag, 12. November 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


„Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein schöner Tag
durch all’ die dunklen Küchen, und wo grau ein Werkshof lag,
beginnt plötzlich die Sonne unsere arme Welt zu kosen
und jeder hört uns singen: Brot und Rosen! Brot und Rosen!

Wenn wir zusammen gehen, kämpfen wir auch für den Mann,
weil unbemuttert kein Mensch auf die Erde kommen kann.
Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch,
wollen wir mehr: gebt uns das Brot, doch gebt uns die Rosen auch.

Wenn wir zusammen gehen, gehen unsre Toten mit.
Ihr unerhörter Schrei nach Brot schreit auch durch unser Lied.
Sie hatten für die Schönheit, Liebe, Kunst, – erschöpft – nie Ruh.
Drum kämpfen wir um’s Brot und wollen die Rosen dazu.

Wenn wir zusammen gehen, kommt mit uns ein bessrer Tag.
Die Frauen, die sich wehren, wehren aller Menschen Plag.
Zu Ende sei: dass kleine Leute schuften für die Großen.
Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen! Brot und Rosen!“

(James Oppenheim)

Sonntag, 11. November 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos | Kommentare (4)


Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes:

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort:

„Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Frau ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie zuvor, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

Freitag, 9. November 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Denk-Würdiges | Kommentare (2)


Ein Tag wie dieses Bild. Viel Nebel. Wenig Land in Sicht. Verwirrung. Trauer. Müdigkeit.

Schon wieder gewinnt einer von denen.

Einer, der Nebel und Bilder für sich und gegen andere nutzt. Sich und einige über andere stellt.

Einer, von denen die Kraft rauben, statt sie zu geben. Einer von denen, denen ihr Platz erst dann reicht, wenn sie ihn allen anderen genommen haben.

Einer von so vielen, die mich zwingen, Menschen nicht zu mögen, nicht zu trauen, nicht zu nah kommen zu lassen. Weil er einer von so vielen ist.

Es schmerzt nicht, weil er es ist, weil er noch lauter, noch sexistischer, noch rassistischer ist, sondern weil es sich immer und immer wieder auszahlt, einer von denen zu sein.

Ich habe auch gelacht. Ich habe es ebenfalls nicht wahr haben wollen, nicht glauben können. Irgendwie Hoffnung. Wieder gewinnt das Gegenteil.

Wir, ich, die anderen. Ja, wir sind auch immer Teil dessen. Aber Ausgrenzung und Abgrenzung sind einfach nicht dasselbe. Aber dies lässt sich auch in tausend Jahren nicht auf markante Sprüche reduzieren.

Wir sind auch viele. Wir sind nur nicht laut.

Sapere aude ist am Arsch. Und doch will ich nicht Machiavelli und Locke verinnerlichen, um den Schmerz zu stillen.

Einer von denen gewinnt, aber mir bleiben dennoch Kafka, Rilke und Godot.

Im Nebel.

(Bild und Text © Raphael Raue)

Donnerstag, 8. November 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Prinzessin Märtha Louise und ihre Freundin und Geschäftspartnerin Elisabeth Nordeng wollen – in Zusammenarbeit mit Kristin M. Hauge – mit diesem Buch zeigen, dass und wie Empfindsamkeit stark machen kann

Es ist ein sehr persönlich gehaltenes Buch. Märtha und Elisabeth erzählen im Wechsel von ihrer Kindheit und Jugend, ihrem Erwachsenen- und Arbeitsleben und gehen in weiteren Kapiteln auf ihre besondere Nähe zu Tier und Natur, auf die Besonderheiten und Schwierigkeiten in ihren Beziehungen ein, um dann in eine Art Dialog mit ihren LeserInnen zu kommen. Tipps und Übungen für den Alltag runden dann ihre gut lesbaren Ausführungen ab.

Wenn man sich bereits mit dem Thema „Hochsensibilität“ auseinandergesetzt hat, so erfährt man in diesem Buch zu diesem Thema nicht wirklich Neues. Dennoch haben mich diese persönlichen Erzählungen über weite Strecken fasziniert, weil ich immer wieder Bezüge zu mir selbst, zu meinem Alltag herstellen, des öfteren staunen und mir bewusst machen konnte, warum ich – offensichtlich intuitiv – bestimmte Dinge so handhabe wie ich sie handhabe. Und dass es nicht einfach „komische Macken“ sind, sondern Ausdruck von Selbstfürsorge.

Beide ermutigen Menschen, sie selbst zu sein – gilt natürlich nicht nur für Hochsensible ;)

„Meine Erfahrung ist, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn wir uns trauen, der Mensch zu sein, der zu sein wir geboren sind. Nicht der, der wir nach Ansicht aller andern sein sollten.“

Als Prinzessin für Märtha Louise sicher eine besondere Herausforderung. Doch offensichtlich hat sie es geschafft, ihre Identität zu erkennen, zu akzeptieren und es gewagt, sie auszuleben. Mit weitreichenden Konsequenzen, die sie aber auch bereit war zu akzeptieren:

„Es ist so ungeheuer viel passiert, seit ich dreißig Jahre alt war, seit ich begriffen habe, dass ich sensibel bin – und mich spirituell geoutet habe. Es sind wie zwei verschiedene Leben. Bevor ich meinen Lebensweg gefunden habe, war alles so mühsam. So als ob ich die ganze Zeit etwas Großes und Wichtiges hätte verbergen müssen.“

In Elisabeth Nordeng hat sie eine Weggefährtin gefunden, die in vielerlei Hinsicht ziemlich anders ist als sie selbst. Ihrer beider Hochsensibilität allerdings macht es möglich, dass sie sich so gut verstehen, Konflikte sinnvoll und zielgerichtet austragen können und sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen. Ein Mut machendes Buch, zu sich selbst und seiner (Hoch-)Sensibilität zu stehen, sie als Potenzial zu sehen und nicht in erster Linie als Belastung, als etwas, das weg muss, damit man normal ist, nicht mehr so anders.

Schon auf dem Cover ist die Gewichtung der Erzählanteile erkennbar. Der Name der Prinzessin ist festgedruckt und steht an erster Stelle, die von Elisabeth darunter kleiner und nicht fett gedruckt, entsprechend größer sind auch die Anteile von Märtha Louise. Sicher Marketingaspekten geschuldet, denn immerhin sind beide auch Geschäftsfrauen mit eigenem spirituellen Zentrum in Norwegen.

Prinzessin Märtha Louise, Elisabeth Nordeng, Hochsensibel geboren, Wie Empfindsamkeit stark machen kann. In Zusammenarbeit mit Kristin M. Hauge , a.d. Norwegischen v. Hedwig M. Binder, Goldmann Verlag, München 2018, 286 S., ISBN 978-3-442-22238-4

Mittwoch, 7. November 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (2)

„Wenn … dir jemand wirklich zuhört, ohne dich zu verurteilen, ohne dass er den Wunsch hat, die Verantwortung für dich zu übernehmen oder dich nach seinem Muster zu formen – dann fühlt sich das verdammt gut an. Jedes Mal, wenn mir zugehört wird und ich verstanden werde, kann ich meine Welt mit neuen Augen sehen und weiterkommen. Es ist erstaunlich, wie scheinbar unlösbare Dinge doch zu bewältigen sind, wenn jemand zuhört. Wie sich scheinbar unentwirrbare Verstrickungen in relativ klare, fließende Bewegungen verwandeln, sobald man gehört wird.“

(Carl Rogers)

Diese heilsame Erfahrung kann ich in manchen Kontakten immer mal wieder machen und merke selbst, wie gut es tut und dazu beitragen kann, sich selbst zu akzeptieren und sich nicht zu verurteilen.

Dienstag, 6. November 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (2)

Alt sein ist eine herrliche Sache, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt.

(Martin Buber)

Samstag, 3. November 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Einmal in Kindertagen
Ging ich die Wiese lang,
Kam still getragen
Im Morgenwind ein Gesang,
Ein Ton in blauer Luft,
Oder ein Duft, ein blumiger Duft,
Der duftete süß, der klang
Eine Ewigkeit lang,
Meine ganze Kindheit lang.

(Hermann Hesse, 1. Strophe des Gedichts „Verlorener Klang“)

Freitag, 2. November 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Kalter Herbst vermag den Tag zu knebeln,
seine tausend Jubelstimmen schweigen;
hoch vom Domturm wimmern gar so eigen
Sterbeglocken in Novembernebeln.

Auf den nassen Dächern liegt verschlafen
weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen
greift der Sturm in des Kamines Wänden
eines Totenkarmens Schlußoktaven.

(Rainer Maria Rilke)

Donnerstag, 1. November 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Gedichte, Rezensionen, Rezensionen (diverse) | Kommentare (2)

An allen Feiertagen strahlt das WDR die Sendung „Liegen bleiben“ aus. Ich freue mich nach jeder Sendung bereits auf die nächste!
Die heutige Sendung war Erich Fried gewidmet, der vor dreißig Jahren verstorben ist.

Ich kann mich noch glücklich schätzen, ihn auf einer Lesung – ich meine in Marburg – erlebt haben zu können. Ich mag seine Gedichte wegen der Knappheit und Klarheit im Ausdruck, auf kleinstem Sprach-Raum Platz zu schaffen für ein eigenes Phansatie- und Assoziationsuniversum. Er hat viel von den Herausforderungen der Liebe, in der Liebe, durch die Liebe geschrieben. Viele dieser Gedichte sind nicht weniger politisch als seine – immer noch oder leider schon wieder – hochaktuellen politischen Gedichte.

Mit sinniger, zu den Gedichten passender Musik werden fünfundzwanzig seiner Gedichte von verschiedenen SprecherInnen vorgetragen. Ein nachhörenswertes Erlebnis, dank der Möglichkeit die Sendung im Internet nachzuhören.

Traurig sein ist vielleicht das zum heutigen oder morgigen Tage passendste Gedicht:

Traurigsein
heißt nicht gut ausatmen können
und nicht spüren wie etwas schmeckt
außer Traurigsein

Traurigsein
heißt vielleicht mehr bemerken
von dem was traurig ist
als vor dem Traurigsein

Traurigsein
heißt nicht Traurigseinwollen
und nicht Unglücklichseinwollen
und auch nicht Glücklichseinwollen

Traurigsein
heißt überhaupt nichts wollen
und auch nichts nichtwollen
Es heißt nur Traurigsein

(Erich Fried, Werke Gedichte 2, Wagenbach Verlag, Berlin 1998, S. 669)

Wobei seine Gedanken über das „Traurigsein“ sicher nicht an den Verlust eines bestimmten Menschen geknüpft sind, sondern eher Ausdruck einer existenziellen Form des Menschsein.

Werde mal wieder in die Gesamtausgabe schauen und sicher fündig werden.