Freitag, 22. Juni 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)


Im Untertitel heißt es nicht wie in einem Grimmschen Märchen, Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen, sondern: Von einem der auszog, das Licht zu suchen.

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist zweifach promovierter Psychotherapeut und spezialisiert auf die Behandlung traumatisierter IS- und Kriegsopfer. Er versucht, ihnen eine Rückkehr in ein Leben nach ihrer Traumatisierung zu ermöglichen. Geduldiges Abwarten, ob und wann sich ihm gegenüber jemand öffnet, um über das Unfassbare, Unerhörte zu sprechen, ist Teil seiner schwierigen Arbeit.

Irgendwann nagen immer häufiger Zweifel an ihm, ob er überhaupt helfen kann, ob er der richtige Therapeut ist, ob er das, was er erfährt, für sich selbst angemessen verarbeiten kann. Immer häufiger bemerkt er, dass er „nicht wirklich bei der Sache ist“, er fährt mit dem Auto nach Hause und weiß nicht wirklich, wie er dorthin gekommen ist. Er fühlt sich ausgebrannt, leer, auch überfordert, denn neben seiner aufreibenden Arbeit ist er auch noch Vater von vier Kindern und Ehemann.

Irgendwann trifft Kizilhan auf einen persischen Professor, der ihn mit anderen Therapieansätzen bekannt machen und ihn zu einer Reise in den Iran animieren will. Dort soll er eine Heilerin treffen.

Nach langem Sträuben macht er sich auf die Reise und besucht – meist in Gesellschaft der Heilerin Anaram – alte Kult- und Tempelstätten. Sie macht ihn auch mit den jeweiligen Religionen, ihren Besonderheiten bekannt und erzählt von den oft lang anhaltenden Verfolgungen, denen die Anhänger ausgesetzt waren.

Immer mehr wird deutlich: Es ist nicht nur eine Reise im Außen, Kizilhan ist den Schatten seiner eigenen Seele auf der Spur und merkt an sich selbst, welche Widerstände und Wachsamkeiten er aufgebaut hat, um seine eigenen seelischen Verletzungen zu verdrängen. Und er macht die Erfahrung, dass nur die Annahme der eigenen Schatten ins Licht führt.

„Nachtfahrt der Seele“ ist eine gut zu lesende Biografie des Autors, die gleichzeitig auch Einblick in eine für uns so weit entfernte Kultur gibt und in die noch viel stärker eingebundene Religiosität der Menschen, die traumatisiert zu uns flüchten. Sie brauchen Therapieformen, die ihre kulturellen Prägungen stärker berücksichtigen, da sie mit den eher analytisch ausgerichteten Therapieformen im Westen nicht so gut zu erreichen sind.

Ein interessantes, gut zu lesendes Buch, verständlich auch für interessierte Laien.

Jan Ilhan Kizilhan mit Alexandra Cavelius, Nachtfahrt der Seele, Von einem, der auszog, das Licht zu suchen, EuropaVerlag, Berlin 2018, 420 S., ISBN 978-3-95890-162-9

Donnerstag, 21. Juni 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft’gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.

(Ludwig Uhland)

Dienstag, 19. Juni 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

„‚Wer hat mich gefunden? Wie sah ich aus?“
Meine Mutter sitzt vor mir auf der Küchenbank, sie bestreicht sich ein Stück Baguette mit zerschmolzenem Camembert, sie sitzt, wie immer, wenn sie uns besuchte, auf dieser alten Holzbank, die Florian und ich als Studenten, vor über zwanzig Jahren auf einer Reise durch Polen gekauft hatten, sie nippt an ihrem Darjeeling und will alles über ihren Tod wissen.“
„War mein Anblick eine Zumutung für dich?'“


Dieser lesenswerte, spannende Roman wird erzählt von der Tochter Antonias. Antonia ist gerade gestorben und ihre Tochter ist dabei, die Wohnung ihrer Mutter aufzulösen. Sie lässt sich viel Zeit damit.

Gegenstände wie Fotos, Schallplatten, Notizen in Büchern, alte Briefe helfen ihr, das Leben ihrer Mutter Revue passieren zu lassen. In inneren Monologen, in Dialogen mit der Mutter, anhand von Aufzeichnungen erinnert sie sich an gemeinsame Tage, an die Großmutter und die Erzählungen der Mutter über ihre Kindheit, ihre erste Anstellung und ihre Liebe zu Edgar, dem sie nach Hongkong folgen wollte und dafür alles aufgegeben hatte, was ihr wichtig war: ihre Anstellung und damit auch ihre finanzielle Unabhängigkeit, die ihr so wichtige Freiheit und ihre eigene Wohnung.

Immer wieder fragt sich die Erzählerin, was sie wirklich vom Leben ihrer Mutter weiß, deren Radius aufgrund einer Herzerkrankung stets kleiner geworden ist.
„Eines unserer letzten langen Telefonate. … Am Ende des Gesprächs sagt ich ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit heraus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte.
‚Du musst dir keine Sorgen machen‘, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen zuversichtlichen Stimme. ‚Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.'“

Schon sehr früh ist dem Leser klar, dass die Liebe zu Edgar kein happy end gehabt hat. Doch lange weiß man nicht, wieso. Diese Frage treibt einen gemeinsam mit der Tochter um, derweil man Einblick in Antonias Leben, in ihre so enge Welt in den 60iger Jahren bekommt, aus der sie sich – trotz der sehr einschränkenden, moralinsauren und ständig unzufriedenen Mutter – herausarbeitet und frei, unabhängig lebt, soweit das zu der Zeit als Frau möglich war, weitgehend ohne Kontakt zu Mutter und Geschwistern, die ihre Lebensweise nicht nachvollziehen und billigen können, dafür aber in freier Liebe zu Edgar.

Edgar hat das Haus seiner Eltern behalten und kommt jedes Jahr im Sommer dahin zurück. Antonia hat ihre Spaziergänge immer wieder an diesem Haus vorbei gemacht, in dem auch sie eine Zeit lang gewohnt und auf das Ticket von Edgar gewartet hat. Bei einem Treffen mit ihm nach Jahrzehnten hofft sie eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum er ihr das Ticket nie geschickt hat, aber auch keine Erklärung. Er bleibt ihr die Antwort zeitlebens schuldig.

Nach Antonias Tod versucht es die Tochter noch einmal.

Es ist ein berührender, nie kitschiger Roman über das Leben einer Frau, die – aus der Sicht der damaligen Gesellschaft – an ihrer Liebe, an ihren Träumen und Hoffnungen gescheitert ist. Die sich letztendlich aber treu geblieben ist. Wirklich lesenswert!

Kristine Bilkau, Eine Liebe in Gedanken, Roman, Luchterhand Verlag, München 2018, 253 S., ISBN 978-3-630-87518-7

Montag, 18. Juni 2018 | Kategorie: Fotos, Zitate | Kommentare (2)


Ich lese immer noch viel und gern. Dennoch sind folgende Zeilen Rumis bedenkenswert:

Ich war ein Suchender
und bin es noch immer,
aber ich habe aufgehört,
Bücher zu fragen
und die Sterne.
Ich begann der Lehre
meiner Seele zuzuhören.

(Rumi)

Sonntag, 17. Juni 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Im Garten: blumige Üppigkeiten, wohin das Auge sieht, in der Küche nur einen duftenden Hauch davon.

Rose, Wunder aller Blumen die blühen,
jedes Blatt ein Zeuge der Liebe im Frühling.
Selbst die himmlischen Mächte erfreuen sich ihrer.
Sie ist die junge Leidenschaft der Aphrodite,
sie ist der Liebling der Cythere,
die Schläfe mit Blumenblättern umkränzt,
und mit ihrem süssen Parfüm
macht sie ihre Herren trunken.

(Anakreon)

Freitag, 15. Juni 2018 | Kategorie: Zitate | Kommentare (0)

»Ich muss mir von mir selbst nicht alles gefallen lassen.«

(Viktor Frankl)

Donnerstag, 14. Juni 2018 | Kategorie: Allgemein, Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Johann

Die Raupe und der Schmetterling

Freund, der Unterschied der Erdendinge
Scheinet groß und ist so oft geringe;
Alter und Gestalt und Raum und Zeit
Sind ein Traumbild nur der Wirklichkeit.

Träg und matt auf abgezehrten Sträuchen
Sah ein Schmetterling die Raupe schleichen,
Und erhob sich fröhlich, argwohnfrei,
Dass er Raupe selbst gewesen sei.

Traurig schlich die Alternde zum Grabe:
»Ach, dass ich umsonst gelebet habe!
Sterbe kinderlos und wie gering!
Und da fliegt der schöne Schmetterling.«

Ängstig spann sie sich in ihre Hülle,
Schlief, und als der Mutter Lebensfülle
Sie erweckte, wähnte sie sich neu,
Wusste nicht, was sie gewesen sei.

Freund, ein Traumreich ist das Reich der Erden.
Was wir waren, was wir einst noch werden,
Niemand weiß es; glücklich sind wir blind;
Lass uns Eins nur wissen: was wir sind.

(Gottfried Herder)

Mittwoch, 13. Juni 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos, Zitate | Kommentare (2)


Dienstag, 12. Juni 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Mondscheintrunkne Lindenblüten,
Sie ergießen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern
Sind erfüllet Laub und Lüfte.
Lieblich läßt es sich, Geliebter,
Unter dieser Linde sitzen,
Wenn die goldnen Mondeslichter
Durch des Baumes Blätter blitzen.
Sieh dies Lindenblatt! du wirst es
Wie ein Herz gestaltet finden;
Darum sitzen die Verliebten
Auch am liebsten unter Linden.

Doch du lächelst; wie verloren
In entfernten Sehnsuchtträumen –
Sprich, Geliebter, welche Wünsche
Dir im lieben Herzen keimen?

Ach, ich will es dir, Geliebte,
Gern bekennen, ach, ich möchte,
Daß ein kalter Nordwind plötzlich
Weißes Schneegestöber brächte;

Und daß wir, mit Pelz bedecket
Und im buntgeschmückten Schlitten,
Schellenklingelnd, peitschenknallend,
Über Fluß und Fluren glitten.

(Heinrich Heine)

Montag, 11. Juni 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (2)

Dr. Harald Hiesl ist ein Wiener Architekt und auf dem Weg nach Afrika zu einem „Zukunftskongress“ an dem er teilnehmen und ein Projekt vorstellen soll. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ab und zu ein Verhältnis mit einer Belgierin, die er manchmal auf Konferenzen trifft.

Als Leser begleitet man ihn auf seiner Reise. Doch es ist kein Reisebericht über Afrika, vielmehr eine Reise mit dem Protagonisten durch seine innere Gedankenwelt, über die er mal selbst in der Ich-Form erzählt und dann aus der distanzierteren Er-Perspektive.

Stangls Roman weist keine kontinuierliche, linear erzählte Handlung auf. Die Erzählweise ist recht assoziativ und additiv, gespickt mit vielen Klammeranmerkungen und -ergänzungen, zum Teil ausgelöst durch die Umgebung, in der sich der Architekt befindet, und die Menschen, mit denen er gerade tatsächlich zu tun hat oder in seiner Erinnerung zu tun hatte. Da haben dann auch seine Toten ihren ganz selbstverständlichen Platz, ebenso wie seine Phantasien und Halluzinationen, während seiner schlaflosen Nächte.

Entsprechend wechseln dann auch die Zeitebenen. Doch stets fühlt er sich irgendwie „außerhalb“ der Zeit, er ist ein Fremder, „aber bloß weil nichts Eigenes in mir war. Nicht nur in dieser Stadt und auf diesem Kontinent war ich fremd. Ich träumte von einer Begegnung in einem spiegelnden Fenster, im Fenster einer U-Bahn, im Sucherfenster einer Kamera, aber diese Begegnung war unmöglich weil an meinem Gesicht kein glaubhafter, kein wirklicher Zug war. Es konnte kein Bild entstehen. Die Zeichen entglitten. Ich war kein anderer als von dreißig Jahren, als Sechzehnjähriger, auch wenn ich es mir lange einbilden hatte wollen und zum Schein ein beinahe normales Leben führte. Man kann nur zum Schein ein normales Leben führen, arbeiten, denken, lieben, Kinder zeugen oder bekommen, seinen Platz zwischen Eltern und Kindern einnehmen (diesen sich langsam, fast unmerklich verschiebenden Platz). Ein einziger Gedanke, ein einziger Blick, ein einziger Fehler an der falschen Stelle des Spielfelds kann diesen Schein auflösen.“

Alles in der Welt um ihn herum kann Auslöser sein für diese andere, innere Welt. Er ist da und dann doch nicht wirklich, bewegt sich auf somnambule Art durch den fremden Kontient, ohne wirklichen Kontakt, scheinbar ohne Fähigkeit, mit Menschen in Resonanz zu kommen, sich „selbst blass, wie überbelichtet vorkommend“. Es kommt aber auch nicht das Gefühl auf, dass er in seiner inneren Welt zu Hause ist und mit sich selbst in Kontakt kommt. Diese Fremdheit und Weltverlorenheit beschreibt Thomas Stangl auf überzeugende Weise.

Der Roman ist eine lohnenswerte, aber keine leichte Lektüre. Die Gefahr ist recht groß, immer wieder mal abzuschweifen, gedankenverloren weiterzulesen, den Faden zu verlieren oder die gerade gelesene Ebene nicht mehr einordnen zu können. Es ist eine Herausforderung, weil man eben nicht durch eine lineare Handlung durch den Roman getragen wird.

Thomas Stangl, Fremde Verwandtschaften, Droschl Verlag, Graz-Wien 2018, 271 S., ISBN 978-3-99059-009-6