Samstag, 1. Oktober 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

„Das Leben hatte für mich keine Bedeutung mehr. Weder konnte ich mich an etwas erfreuen noch bekümmerte mich etwas. Die einzige Frage, die ständig in meinem Gehirn aufleuchtete und wieder verlosch, war jene nach meinem Schicksal. Würde Mama sich noch einmal vor Assad aufrichten, um mich hinter ihren ausgebreiteten Armen zu verbergen? Besaß sie noch die Kraft und Größe jener Tage, als sie dich exekutierten? Weshalb kommen wir, so weit wir auch fahren, nicht an?“

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Der Ich-Erzähler, der seinem Schicksal nachspürt, ist – wie der Autor dieses Romans – Iraner, lebt seit Jahren in einer Nervenheilanstalt in Aachen und träumt davon, wieder in seine Heimat zurückkehren zu können, aufgefangen von den Armen seiner Mutter.

Sie ist die Konstante in dieser politisch so zerrissenen Familie, in der nahezu jedes Mitglied einer anderen politischen Richtung folgt. Sie handelt aus der Liebe zu ihren Kindern heraus, unabhängig von den politischen Veränderungen im Iran, die gut an der Person des Ehemannes festzumachen sind, und klagt dadurch indirekt die Unmenschlichkeit des herrschenden Regimes an, das Assad, einen ihrer Söhne während einer Theatervorstellung verhaften und anschließend hat hinrichten lassen. Innerhalb des Hauses wagt sie ihrem Sohn Assad, als Vertreter dieser Politik gilt, der Politik Chomenis blind folgt und sie vorbehaltlos gutheißt, entsprechende Fragen zu stellen, und riskiert damit, von ihm denunziert zu werden:

“ ‚Was auch immer dein Imam sein mag, seine Hände sind mit dem Blut meines Iradschs besudelt. Sie schleuderte ihm einen Stapel Zeitungen entgegen. ‚Schau es dir selbst an. Sieh, wie viele Menschen sie Nacht für Nacht hinrichten. Sieh, wie viele Mütter von Nacht zu Nacht wie ich Trauer tragen müssen.‘ … aufgrund welchen Vergehens und welcher Schuld habt ihr die Unschuldigen getötet?‘ “

In verstörenden, alptraumhaften Episoden erzählt der Ich-Erzähler in Rückblenden sein Leben im Iran bis zu seiner Flucht, wobei für den Leser nicht immer klar zu erkennen ist, wann es sich rein um Rückblenden handelt, da diese immer wieder mit Erlebnissen aus dem Alltag in der Aachener Nervenheilanstalt und seiner bis zu Selbstmordgedanken gehenden Sehnsucht nach seiner Heimat und den damit verbundenen Träumen von seiner Rückkehr in den Iran durchzogen sind.

Die Frage, wie alles begonnen hat, und die Suche nach einer Antwort durchzieht stilistisch den gesamten Roman, fangen doch nahezu alle Kapitel mit Variationen dieser Frage an.

Ein verstörender, verwirrender Roman, der Einblicke in die Situation und Schwierigkeiten von Flüchtlingen möglich macht, sich hier zurechtzufinden, der sich nicht scheut, manche Maßnahmen deutscher Behörden zu kritisieren:

„Verflucht sei diese Arbeitslosigkeit. Sie höhlt einen aus, raubt einem das Ehrgefühl, löst einen auf und schleudert einen gegen einen gläsernen Behälter, da merkst du nicht, dass du keine gesellschaftliche Identität besitzt. Diese Deutschen wissen gut, wie sie vorgehen müssen, sie geben dir alles außer gesellschaftlicher Identität.“

Und das ist für einen ehemaligen Oppositionsführer, der von sich behauptet, „Ich war einmal wer …!“ sicher besonders gravierend und schwer auszuhalten.

Es ist ein Roman, der explizit Authentizität für sich reklamiert. Während man bei anderen Autoren Hinweisen darauf findet, dass Orte, Personen und Ereignisse frei erfunden sind, liest man hier:

„Sämtliche Ereignisse und Personen dieses Romans sind wahr und ihre Ähnlichkeit mit bekannten Ereignissen und Personen ist keineswegs zufällig. A.M.“

Abbas Maroufi, Fereydun hatte drei Söhne, a.d.Pers. v. Susanne Baghestani, Edition Büchergilde, Frankfurt/ M. 2016, 298 S., ISBN 978-3-86406-071-7, ab 1. Oktober im Buchhandel erhältlich.

Freitag, 30. September 2016 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Fotos, Zitate | Kommentare (1)

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Der große herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut;
in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen.

(Rainer Maria Rilke)

Dazu wird der Herbst Gelegenheiten bereit halten – da bin ich mir sicher ;)

Donnerstag, 29. September 2016 | Kategorie: Allgemein, Aufgelesen, Fotos, Zitate | Kommentare (2)

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„Friedhöfe und Grabmäler sind die besten und billigsten gesprächstherapeutischen Einrichtungen. Man schüttet den Toten sein Herz aus, und irgendetwas in einem antwortet, tröstend oder Rat gebend, und meistens gar nicht dumm.“

(Zitat: André Heller, Das Buch vom Süden, Zsolnay Verlag Wien 2016, S. 236 f.)

Mittwoch, 28. September 2016 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (2)

„Alle, welche dich suchen, versuchen dich
Und die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
Wie die Erde.
Mit meinem Reifen
reift dein Reich.“

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„Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;
so daß schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,
sooft dich unsre Herzen offen sehn.“ (Zitate v.Rainer Maria Rilke)

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Sonntag, 25. September 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

In diesem Roman – wie immer im leserfreundlichen Format mit Lesebändchen – geht es um einen Autounfall, der bereits am 11.Oktober 1975 passiert ist. Der Industrielle Paul Burkhart hat am Steuer gesessen und den Unfall verursacht, bei dem sein Beifahrer tödlich verunglückt ist. Denn er war – im Gegensatz zum Fahrer – nicht angeschnallt. Seitdem ist Burkhart nie wieder Auto gefahren.

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Zum 75. Geburtstag des Industriellen soll der Journalist von ihm ein Portrait verfassen und versucht, sich durch Interviews mit Familienmitgliedern, aber auch mit dem ehemaligen Kommissar, der den Unfall aufgenommen und zu den Akten gelegt hat, ein Bild dieses Patriarchen zu machen. Natürlich ergibt sich ein mosaikartiges Gebilde, je nachdem, mit wem er über Paul Burkhart spricht.

Doch mit zunehmender Recherche gewinnt Steiner den Eindruck, dass es mit dem Unfall etwas Besonderes auf sich hat. Und tatsächlich: Er spürt ein Familiengeheimnis auf, denn er fördert Ungeahntes über den Beifahrer zutage, der nicht wirklich so hieß, wie es in den Unfallakten notiert ist und der auch nicht das war, was er zu sein vorgab.

Erst das letzte Kapitel, bringt den wichtigsten Aspekt des Unfalls zutage, der das Unfallgeschehen in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Maria, eine ehemalige Bedienstete Burkharts, erzählt, was ihr durch den Kopf ging, als sich ein Journalist bei ihr gemeldet hat:

„Dass vor ein paar Tagen dieser Journalist angerufen und mich gebeten hat, mir über Paul Burkhart ein paar Gedanken zu machen, damit er mir Fragen zu ihm stellen könne, hat mich schon etwas durcheinander gebracht. Was will er wohl wissen? Zum Glück hat er sich noch nicht wieder gemeldet und hoffentlich wird er sich auch nicht mehr melden. Der alte Burkhart war eigentlich ein anständiger Mensch, ist ja nicht selbstverständlich bei seinem Reichtum.“

Und „uneigentlich“?

Es bleibt in der Schwebe, ob Steiner sich noch einmal bei Maria meldet und sie Gefahr läuft, ihm anzuvertrauen, was sie über den Unfall weiß.
Der Leser des Roman jedenfalls kann erst nach dem Lesen des letzten Kapitels die ganze Tragweite des Autounfalls ermessen. Geschickt gemacht!

Adrian Stokar, Einstürzende Gewissheiten, Dörlemann Verlag, Zürich 2016, 221 S., ISBN 978-3-03820-035-2

Samstag, 24. September 2016 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Fotos | Kommentare (2)

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Sie sind im Stadtbild von Reykjavik nicht immer erwünscht!
Hier in Speckhorn wäre ein solches Schild undenkbar.

Donnerstag, 22. September 2016 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

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Eine starke Seele bei aller feinen, zarten Fühlbarkeit ist doch das glücklichste Geschenk des Himmels.
(Friedrich Schiller)
Ich mag einfach die Unterschiedlichkeiten des morgendlichen Himmels.

Mittwoch, 21. September 2016 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

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Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

(Christian Friedrich Hebbel)

Dienstag, 20. September 2016 | Kategorie: Allgemein, Fotos, Zitate | Kommentare (2)

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Gut verloren – etwas verloren!
Mußt rasch dich besinnen
Und neues gewinnen.

Ehre verloren – viel verloren!
Mußt Ruhm gewinnen,
Da werden die Leute sich anders besinnen.

Mut verloren – alles verloren!
Da wär es besser: nicht geboren.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Montag, 19. September 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

„Ich will es kurz machen, ich weiß nicht wohin mit mir.“

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Ende Oktober – die Nächte sind schon kalt – verirrt sich Roar, der bei einer Tagung auf dem Lande die Gelegenheit ergreift, das erste Mal in seinem Leben joggen zu gehen. Mit schmerzender Blase – seine Joggingschuhe haben verschiedene Größen, was er vorher nicht bemerkt hat – verirrt er sich im Wald und trifft auf eine Joggerin, die ebenfalls den Weg zurück nicht mehr findet.

„Ich dachte, ich würde immer geradeaus laufen. Aber ich kam wieder und wieder an demselben Moorloch mit dem welken Farn vorbei. Ich lief nach links und nach links und einige Zeit später erneut, oder auch nach rechts, und dann noch einmal. … Jetzt hängt die Sonne tiefer am Himmel, und ich bin nicht allein. Eine Frau steht auf dem Weg. Sie kramt in ihrer Hosentasche, sie trägt ein Stirnband. Die Trainingsjacke um die Hüften gebunden. Sie steckt sich etwas in den Mund, dann schaut sie in meine Richtung.“

Schlecht ausgerüstet – er hat gar nichts dabei, sie nur eine Packung Kaugummi, eine nahezu leere Wasserflasche und ein kaum noch aufgeladenes Handy, was allerdings zum Telefonieren nicht zu gebrauchen ist, da sie sich in einem Funkloch befinden – sind sie gezwungen, die Nacht im Wald zu verbringen.

Helle Helle erzählt, was die beiden miteinander erleben, aber auch, was in ihren Köpfen vor sich geht. Der Roman beginnt eher schleppend, nimmt dann aber ein wenig an Fahrt und Spannung auf. Leicht zu lesen, da der Roman sprachlich mit einfachen Mitteln auskommt.

Helle Helle, Wenn du magst, a.d. Dänischen v. Flora Fink, Dörlemann Verlag Zürich 2016, 191 S., ISBN 978-3-03820-034-5