Montag, 13. August 2018 | Kategorie: Fotos, Rezensionen, Rezensionen-Kalender | Kommentare (2)

Juchu, die ersten Kalender sind da!! Nach dem kleinen Schreck und der Überraschung, dass es schon wieder so weit fortgeschritten im Jahr ist, überwiegt dann doch die Vorfreude auf die verschiedenen Kalender.

Die Büchergilde hat einen wunderschönen Wandkalender herausgebracht:“NOMEN EST OMEN. WOHER DIE MONATE IHRE NAMEN HABEN“

(Copyright, Anna Gusella, Collection Büchergilde)

Jeder Monat hat ein Blatt im Format 31,3 x 58,8 cm zur Verfügung. In kleinen rot-blau gehaltenen Texten kann man zu jedem Monat die verschiedenen, zum Teil noch gebräuchlichen Namen kennenlernen, die Herkunft der Namen lesen, die auf die Römer zurückgeht, aber auch erfahren, was der jeweilige Monat an klimatischen, geografischen, bäuerlichen Besonderheiten zu bieten hat.

So kann man über den November Folgendes lesen:
„November, früher auch >Nebelung<, >Windmonat< oder >Schlachtmond< - wurde ebenfalls nach einer Zahl (lat.novem = neun) benannt. Die alte deutsche Bezeichnung >Schlachtmond< erinnert allerdings daran, dass zu dieser Zeit das Vieh geschlachtet wurde, welches nicht überwintern sollte." In der zeichnerischen Umsetzung sieht es dann so aus:
(Copyright Anna Gusella, Collection Büchergilde)

Anna Gusella benutzt für ihre Gestaltung der Kalenderblätter die Grundfarben Rot, Gelb und Blau sowie die sich daraus ergebenden Mischfarben. Einzelne Elemente der Bildgestaltung muten ziemlich archaisch an, dennoch auf gelungene Art und Weise modern.

Mir gefällt die Idee, Text und Illustration zu den jeweiligen Monaten zu kombinieren und daraus ein insgesamt gelungenes Kunstwerk
zu gestalten, ein interessanter Begleiter durch das Jahr 2019.
Auf der Rückseite des Kalenders sind dann alle 13 Kalenderblätter abgebildet, so dass man selbst beurteilen kann, ob er einem zusagt oder nicht.

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Sonntag, 12. August 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (3)


Der Himmel hat eine Träne geweint,
Die hat sich ins Meer verlieren gemeint.
Die Muschel kam und schloss sie ein:
Du sollst nun meine Perle sein.

Du sollst nicht vor den Wogen zagen,
Ich will hindurch dich ruhig tragen.
O du mein Schmerz, du meine Lust,
Du Himmelsträn in meiner Brust!

Gib, Himmel, daß ich in reinem Gemüte
Den reinsten deiner Tropfen hüte.

(Friedrich Rückert)

Samstag, 11. August 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

„Wir trugen Trauer um die Mutter, die im Herbst gestorben war, und verbrachten den ganzen Winter allein auf dem Land, Katja, Sonja und ich. … Gegen Ende des Winters hatte dieses Gefühl von Melancholie, Einsamkeit und schierer Langeweile solche Ausmaße angenommen, daß ich mein Zimmer nicht mehr verließ, das Klavier nicht mehr öffnete und kein Buch mehr zur Hand nahm.“

So beginnt der Roman „Familienglück“ von Lev Tolstoj, geschrieben aus der Ich-Perspektive der noch sehr jungen Maša, die sich in ihren sehr viel älteren Vormund Sergej Michajlyc verliebt und hofft, ihn heiraten zu können, obwohl dieser glaubt, das Thema „Liebe“ schon hinter sich gelassen zu haben. Eine Heirat kommt für ihn dementsprechend nicht in Frage.

Mašas romantische Vorstellungen von Liebe und Ehe lassen bereits früh erahnen, dass diese in der Realität keinen Bestand haben werden, egal, wen sie heiratet. Sie malt sich ihre Zukunft als ein beschauliches Eheleben auf dem Lande in Rhythmus der Jahreszeiten aus, unterstützt von täglichen religiösen Ritualen, die in Handlungen christlicher Nächstenliebe münden. Das ist ihr Inbegriff von Zukunft. Eine andere als Frau hat sie zu der Zeit wohl auch nicht wirklich.

„Ich glaubte, wir beide würden ein endloses, ruhiges Glück zu zweit finden. Dabei schwebten mir weder Reisen ins Ausland noch die mondäne Welt oder Prunk und Glanz vor, sondern ein ganz anderes beschauliches Familienleben auf dem Lande, in ewiger Selbstaufopferung, in ewiger Liebe zueinander und in dem immerwährenden Bewußtsein des Vorsehung, die alles gütig und helfend lenkt.“

Sergej allerdings befürchtet, dass ihr das Leben mit ihm auf Dauer nicht genug sein wird und wehrt sich vehement gegen seine aufkeimende Zuneigung zu Maša als Frau, die über die natürliche Zuneigung zur ihr als Vormund hinausgeht. Er befürchtet, dass sie – auch aufgrund ihrer Jugend – glaubt, an den gesellschaftlichen Ereignissen in der Stadt teilnehmen zu müssen, die ihm zuwider sind. Erfahrungen, die er nicht mehr machen muss. Durch ihre regelmäßigen Kontakte kommen die beiden sich dann doch näher und heiraten.„Ich spürte, dass ich ganz sein war und glücklich im Gefühl seiner Macht über mich.“

Aber genau das macht ihr dann im Zusammenleben mit ihm zu schaffen, sie fühlt sich von ihm als Kind behandelt und nicht ernst genommen. Zudem setzt ihr der Alltag mit der ständig anwesenden Schwiegermutter, den Gewohnheiten und Strukturen auf dem Gut ihres Mannes zu:
„Am schlimmsten aber war es für mich zu spüren, wie mit jedem Tag die Gewohnheiten unser Leben in eine bestimmte Form preßten, wie unser Gefühl unfrei wurde und sich dem gleichmäßigen, leidenschaftslosen Lauf der Zeit unterordnete. … Ich brauchte das nicht, ich brauchte den Kampf; ich wollte das Gefühl über unser Leben und nicht das Leben über unser Gefühl bestimmen lassen.“

Also verbringen sie doch die Wintersaison in Petersburg. Maša fühlt sich durch die Resonanz, die ihre Anwesenheit in der Gesellschaft von Petersburg hervorruft, aufgewertet und bemerkt die zunehmende Entfremdung zu ihrem Mann zunächst nicht. Ihre Ehe gerät in eine bedrohliche Krise, zumal die beiden nicht wirklich miteinander reden. Jeder interpretiert Handlungen, Gestik und Mimik und das Schweigen des anderen aus seiner Perspektive, ohne im Gespräch zu überprüfen, ob sie nur der eigenen Fantasie geschuldet ist und der Realität entspricht oder nicht. Das ist in vielen heutigen Ehen sicher nicht anders.

„‚Warum hast du deine Macht nicht benutzt‘, fuhr ich fort, mich nicht gefesselt, nicht getötet? Das wäre besser für mich gewesen, als nun alles zu verlieren, was mein Glück ausmacht.'“ Immer noch naiv auf der Glückssuche, möchte sie, dass alles wieder so wird, wie es zu Beginn ihrer Ehe gewesen ist. Sergej dagegen weist sie auf ihre Verantwortung für ihre eigenen Handlungen hin und darauf, dass sie ihre eigenen Erfahrungen hat machen müssen „um zum Leben selbst zurückzufinden; man kann nicht auf andere vertrauen.“

Die beiden bleiben letztendlich zusammen, aber die „Liebesgeschichte“ war nach Mašas Ansicht beendet:
„das alte Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder begründete ein anderes, aber auf ganz andere Weise glückliches Leben, das ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht zu Ende gelebt habe …“

Die von Dorothea Trottenberg neu übersetzte Romanausgabe ist in jeder Hinsicht ansprechend: Leinenausgabe im handlichen Kleinformat mit Lesebändchen, einer erfrischend modernen Übersetzung, die dem Roman trotz der manchmal vielleicht antiquierten Ansichten über das Zusammenleben von Mann und Frau einen modernen Anstrich gibt. Bei den Ansichten bin ich mir gar nicht mal so sicher, ob und inwiefern sie nicht in vielen Ehen noch vorherrschend sind, vor allem aber, sich in Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen.

Im Nachwort erfahren wir dann von der Übersetzerin, inwieweit diese Liebesgeschichte autobiografische Züge hat und auf gewisse Art und Weise eine Vorübung für seine Romana „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ ist.

Lev Tolstoj, Familienglück, Roman, Deutsch von Dorothea Trottenberg, Dörlemann Verlag 2018, 191 S., ISBN 978-3-03820-062-8

Freitag, 10. August 2018 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (4)

Ich liebe es, Postkarten zu schreiben und zu bekommen.
Die, die hier aus der weiten oder nahen Welt zu mir ins Haus kommen, finden Platz an meiner Küchenzarge.
Ein Silvesterritual ist es, in Dankbarkeit die Postkarten abzunehmen und den weißen Rahmen für die freizumachen, die im dann kommenden Jahr hier eintrudeln.
Die gerade angekommenen stehen zunächst auf meinem Küchentisch und wandern dann an die Zarge, wenn der Postbote nächste bringt:

Donnerstag, 9. August 2018 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

Für Schönheit starb ich – und war kaum
Zurechtgerückt im Grab
Als Einer der für Wahrheit starb
Ins Nebenzimmer kam –

Er fragt sanft „Für was starbst du?“
„Für Schönheit“, sagte ich –
„Und ich – für Wahrheit – wir sind Brüder –
Denn Die sind Eins und gleich“ –

So redeten wir, blutsverwandt –
Und Wand an Wand des Nachts –
Bis Moos zu unsern Lippen stieg –
Auf unsern Namen wuchs –

(Emily Dickinson)

Mittwoch, 8. August 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Du gehst. Und der Asphalt ist plötzlich nass
und plötzlich ist das Grün der Bäume neu
und ein Geruch wie von ganz frischem Heu
schlägt dir in dein Gesicht, das heiß und blass
auf diesen Regen wohl gewartet hat.
Die Gräser, welche staubig, müd und matt
sich bis zur Erde haben hingebeugt,
sehen beglückt die Schwalbe, welche nahe fleugt,
und scheinen plötzlich stolz zu sein.
Du aber gehst. Gehst einsam und allein
und weißt nicht, sollst du lachen oder weinen.
Und hier und da sind Sonnenstrahlen, welche scheinen,
als ginge sie der Regen gar nichts an.

(Selma Meerbaum-Eisinger)

Dienstag, 7. August 2018 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

Es gibt eine Stille,
in der man meint,

man müsse die
einzelnen Minuten
hören,

wie sie in den Ozean
der Ewigkeit
hinuntertropfen.

(Adalbert Stifter)

Montag, 6. August 2018 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (6)


Der Bauer gräbt Kartoffeln aus,

Frühkartoffelernte, direkt hinterm Haus –
Viel Staub wird aufgewirbelt.
Doch wir sind netterweise vorher darauf aufmerksam gemacht worden, so dass Fenster und Türen geschlossen sein konnten.


die Mutter kocht sie fein zu Haus‘,
sie gibt ein Stückchen Butter d’rauf
und’s Kindchen ißt sie alle auf.

Habe mir mein Mittagessen anschließend zusammengesammelt.

Erinnerungen an Kindheitstage wurden wach. Als Kind durfte ich bei der Kartoffelernte mithelfen. Die heutigen Rodungsmaschinen existierten noch nicht. Anschließend gab’s als Belohnung Feuerkartoffeln, dafür war es mir dann noch zu staubig, zu heiß draußen – die Feuergefahr zu groß.

Sonntag, 5. August 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Wickle die Hand in das Tuch und dann tauche sie
Ein ins bekrönte Gesträuch, und so kühn, daß es knirscht
In dem Dickicht zelluloidener Dornen.
Die Rose gepflückt ohne Schere!
Sieh dich nur vor, daß die Blüten nicht alle zerfallen –
Rosiger Kehricht – Musselin – Salomons Blütenblatt –
Wildling, für das Sorbet nicht zu brauchen,
Weder Aromen noch Öl gibt’s aus ihm.

(Ossip Mandelstamm, Armenien, Armenien, Posa, Notizbuch, Gedichte 1930-1933)

Sonntag, 5. August 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)


„Betrachte drei Dinge. Wisse, woher du kamst und wohin du gehst und vor wem du dich zu verantworten hast.“

Diese drei „Dinge“ können den Menschen im Sinne Martin Bubers auf seinen Weg bringen, aus seinem Leben einen Weg machen. Dieser Weg beginnt mit der Erkenntnis, dass sich der Mensch oft vor sich selbst versteckt:

„Um der Verantwortung für das gelebte Leben zu entgehen, wird das Dasein zu einem Versteckapparat ausgebaut.“

Für Martin Buber ist es in erster Linie ein sich Verstecken vor Gott, letztendlich aber ein sich Verstecken vor sich selbst mit der Konsequenz, die Verantwortung für das eigenen Leben nicht zu übernehmen und sich nicht auf den Weg, auf die Suche zu machen.

Was aber heißt es, sich auf den Weg zu machen?

Buber erzählt Geschichten aus der jüdischen, chassidischen Tradition, die darlegen können, dass und wie man sich auf den Weg macht und welche Irrwege sich auftun können durch unfruchtbare Selbstbesinnung, Selbstzweifel, Vergleiche mit anderen etc.

„Es geht nicht an, dem Menschen zu sagen, welchen Weg er gehen soll. Denn da ist ein Weg, Gott zu dienen durch Lehre, und da, durch Gebet, da, durch Fasten, und da durch Essen. Jedermann soll wohl achten, zu welchem Weg sein Herz ihn zieht, und dann soll er sich diesem mit ganzer Kraft erwählen.“

Es ist keine Aufforderung, bestimmte religiösen Regeln zu befolgen, bestimmte Ziele zu erreichen, sondern eine Lehre, „die auf der Tatsache aufgebaut ist, daß die Menschen in ihrem Wesen ungleich sind, und die demgemäß sie nicht gleichmachen will. Alle Menschen haben Zugang zu Gott, aber jeder einen andern. Gerade in der Verschiedenheit der Menschen, in der Verschiedenheit ihrer Eigenschaften und ihrer Neigungen liegt die große Chance des Menschengeschlechts.“

Das setzt in hohem Maße Toleranz voraus, heute wichtiger denn je. Man muss nicht unbedingt an Gott glauben, um bedenkenswerte Fragen und Aspekte für das eigene Leben zu finden, um sich zu fragen: Wo stehe ich auf meinem Weg, wie, wo stehe ich mir selbst im Wege, wo verstecke ich mich vor mir selbst in meiner Eigenart, meiner Besonderheit?

Angenehm ist zudem, dass Buber nicht mit moralisch drohendem Zeigefinder erzählt. Die Geschichten sind zum Schmunzeln, oft tief ironisch. Bei genauerem Hinsehen gerät man dann an die eigentlichen, an die eigenen Fragen:

„‚Es gab einmal einen Toren, den man den Golem nannte, so töricht war er. Am Morgen beim Aufstehen fiel es ihm immer so schwer, seine Kleider zusammenzusuchen, daß er am Abend, dran denkend, of Scheu trug, schlafen zu gehen. Eines Abends faßte er sich schließlich ein Herz, nahm Zettel und Stift zur Hand und verzeichnete beim Auskleiden, wo er jedes Stück hinlegte. Am Morgen zog er wohlgemut den Zettel hervor und las: >die Mütze< - hier war sie, er setzte sie auf, >die Hosen< - da lagen sie, er fuhr hinein, und so fort, bis er alles anhatte. >Ja aber, wo bin ich denn?< fragte er sich nun ganz bang, >wo bin ich nur geblieben?< Umsonst suchte und suchte er, er konnte sich nicht finden.' 'So geht es auch uns', sagte der Rabbi." Die sechs Kapitel werden jeweils mit einem für Andreas Felger typischen, farbigen Aquarell eingeleitet. Entstanden ist ein Dialog zwischen Bild und Text, in den der Leser einbezogen wird. Das entstandene Buch regt an, sich in Heiterkeit, Humor und Stille mit den existentiellen Fragen des Lebens zu beschäftigen, unabhängig von jeder Religion. Man könnte an manchen Stellen "Gott" vielleicht durch "Liebe" ersetzen und sich fragen, ob man sich noch auf dem Pfad der Liebe befindet, der Selbstliebe beinhaltet, wenn nicht gar voraussetzt. Martin Buber, Der Weg des Menschen. Mit Aquarellen von Andreas Felger, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, 89 S., ISBN 978-3-579-08549-4