Donnerstag, 18. April 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (5)


Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

(Gottfried Benn, 1.Strophe des Gedichtes)

Mittwoch, 17. April 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (4)

Selten stimme ich den Bewertungen auf dem Klappentext eines Buches zu. Dieses Mal schon:
„Mit großem Feingefühl erzählt Martin Horváth von Verfolgung, Flucht und Exil einer jüdischen Wiener Familie und zieht Parallelen zu unserer Zeit – ein kluger, eindringlicher Roman über die Macht des Erzählens und das Vergessen, Vergessen-Wollen und Nicht-Vergessen-Können.“

Der Prolog führt den Leser sehr komprimiert in den gesamten Inhalt dieses vielschichtigen Romans ein:

„Zu der Zeit, als diese Geschichte über mich hereinbrach, lebte ich unter Geistern. Manche davon hatte ich selbst gerufen, andere waren ohne mein Zutun in mein Leben getreten. Wieder andere hatte ich aus Worten geformt und, so glaubte ich jedenfalls auf Papier gebannt.
Zu der Zeit, als diese Geschichte ihren Ausgang nahm, hatte ich meinen Wohnsitz in der Vergangenheit. Ich flüchtete mich aus der Wirklichkeit, ich nährte mich von Erinnerungen, umgab mich mit Büchern statt mit Menschen, und meine Gefühle pendelten zwischen Trauer und Hass. …
Von Toten und Geistern ist hier die Rede, aber auch von Träumen, die echtes Leben vorgaukeln. Es ist die Rede von der Erinnerung und von den Schwierigkeiten, mit ihr zu leben und sie zu bewahren. Vom Gedächtnis, das gern täuscht und trügt und einem mit geschönten Tatsachen zu schmeicheln versucht. …
Wo beginne ich meine Geschichte? Vor mehr als hundert Jahren, als dieses Haus noch nach frischer Farbe roch und eine Familie im Erdgeschoss eine Buchhandlung und im letzten Stock eine Wohnung bezog? Vor fast fünfundzwanzig Jahren, als ich die Nachkommen ebendieser Familie in der neuen Heimat kennenlernte? Vor drei Jahren, als eine Katastrophe mein Leben auf immer veränderte? Nein, ich möchte zur Weihnachtzeit vor einem Jahr beginnen, als eines Morgens plötzlich ein kleines, mir unbekanntes Mädchen in meiner Küche saß.“

Es ist hilfreich, diesen Prolog sorgfältig zu lesen. Er verdeutlicht die gesamte Zeitspanne des Romans, die verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen und die Überschneidungen verschiedener „Realitätsebenen“. Immer wieder stellt man sich mit dem Ich-Erzähler die Frage, ist das, von er gerade erzählt, Erinnerung, Phantasie, Traum oder gleichzeitig von allem etwas.

Klar ist, dass Léon, Ich-Erzähler und Schriftsteller von Beruf, bei einem Attentat im Wiener Hauptbahnhof seine Frau Lydia und seine Tochter Hanna verloren hat. Er lebt seitdem sehr isoliert, von Büchern umgeben, in seiner Wohnung und beginnt erneut mit einem alten Schreibprojekt, einem Roman über Max Klein, der vor Jahrzehnten eine Buchhandlung unten im Haus geführt hat, und in dessen Wohnung er nun lebt. Diesen Roman hat er immer wieder aufgeschoben, ohne dieses Vorhaben gänzlich aufgegeben zu haben.

Mit Max Klein verbindet ihn die Liebe zur Literatur und zu Büchern. Seiner Enkelin Judith, ebenfalls begeisterte Bücherliebhaberin, ist er vor Jahren in New York begegnet. Beide verliebten sich ineinander, ohne aber miteinander zu leben. Sie ist in New York geblieben, er nach Wien zurückgekehrt. Ihr Kontakt zueinander ist schon seit Jahren abgebrochen, als nun Judith, Tochter des Max Klein, als kleines Mädchen, die sie damals zur Zeit der Deportationen durch die Nazis gewesen ist, eines Tages bei ihm in der Wohnung auftaucht.

Und mit ihr melden sich „verdrängte Geister zurück. Die von Max Klein und seiner Familie, aber auch die, die ich gerade erst für meinen neuen Kurzgeschichtenband aus der Flasche gezaubert hatte. Sie saßen auf Schränken und unter Tischen, sie sprangen mich aus Büchern anderer Autoren an, sie lugten aus Fotografien hervor und winkten mir fröhlich zu. Wir haben noch eine Rechnung offen, sagten sie mit diesem gewissen Augenzwinkern. Und pochten sanft, aber bestimmt auf ihre älteren Rechte.“

Léon beginnt die Rechnung zu begleichen und kehrt auf diese Weise, sich erinnernd, recherchierend, schreibend zu den Lebenden zurück.
„Aber damals, zwei Jahre nach der Katastrophe, war ich noch nicht bereit dazu, die Toten gehen zu lassen. Und sie mich ebenso wenig. Ich lebte mit ihnen und sie mit mir, wir hatten es uns wohnlich eingerichtet, und so erstaunt mich Judiths Auftauchen nicht besonders. Ich hieß sie also willkommen in meinem Geisterhaus.“

Der Roman ist die Geschichte des Hauses, der jüdischen Familie Klein, seien sie umgekommen oder noch lebend wie Judith in New York. Es ist gleichzeitig ein Roman über Léons schreibenden Umgang mit seiner Trauer über den Verlust liebster Menschen. Der Roman zeigt gleichzeitig Parallelen zwischen dem braunen Terror in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts und den terroristischen Anschlägen in der Gegenwart auf und verdeutlicht, dass auch heute noch und immer wieder Zivilcourage im Umgang mit Fremden, Flüchtlingen gefordert ist, dass Wegschauen nur denen hilft, die „unter sich“ sein wollen und damit automatisch „die anderen“ ausgrenzen.

Es ist ein Roman, der hohe Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, um der Handlung folgen zu können. Doch lässt man sich darauf ein, entwickelt er einen zunehmenden Sog, der einen in die Handlung zieht, ohne dass man sich immer wieder oder immer noch fragen muss, ist das, was man gerade liest (literarische) Realität oder Ergebnis von Fantasie, Zukunftsvisionen oder was auch immer.

Einen so einfühlsamen, vielschichtigen, in seinen Erzähl-Perspektiven so weit angelegten Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Ein gelungener, wunderbarer Roman, der auch sprachlich interessierten Lesern mit Genauigkeit, Bildhaftigkeit und Wortneuschöpfungen zufrieden stellen wird.

Martin Horváth, Mein Name ist Judith, Roman, Penguin Verlag, München 2019, 364 S., ISBN 978-3-328-60010-7

Dienstag, 16. April 2019 | Kategorie: Aufgelesen, Buch-Rezensionen, Gedichte, Rezensionen | Kommentare (0)

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Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei mir,
und ich war das Wort.
Und alles, was ist, ist durch das Wort geworden.
Zuerst fügte ich Letter auf Letter, um die Mauern
dieses Hauses zu errichten.
Ich reihte Wort an Wort und beute eine Stadt
um das Haus herum.
Zeile für Zeile webte ich am Himmelszelt, um es
über der Stadt und der Welt aufzuspannen.
Aus dem, was in meinem Setzkasten
verblieb, schuf ich alsdann die Menschen,
die unter diesem Himmel wohnen.
Und den Raum zwischen den Zeilen verwandelte
ich in Zeit und schenkte sie den Menschen zum Leben
und zum Sterben.

(aus: Martin Horváth, Mein Name ist Judith, Penguin Verlag, München 2019, S. 7)

Diese Verse verdeutlichen auf poetische Weise die Konzeption seines Romans. Für manche Leser hier vielleicht als Appetitanreger geeignet ;).
Meine Rezension dieses Romans erfolgt morgen.

Montag, 15. April 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (2)

„In Filmen wirkt das immer ganz einfach mit dem Tod und dem Sterben und dieser ganzen Trauersache, sagt sie.
Ich kenn mich da nicht so aus, sagt Robert.
Also erstens mal stirbt fast nie jemand. Wenn einer stirbt, dann geht es schnell, dann ist es eher der Tod, der wichtig ist, so als Fakt, weniger die Trauersache. Dann stehen alle anderen Figuren am Grab, zum Beispiel, und heulen und sind traurig, und später geht es dann um was anderes, dann passiert auch schon das Nächste, keine Ahnung, eine Explosion oder ein Bankraub oder so.
Na ja, sagt Robert. Sind ja auch nur 120 Minuten, die ein Film Zeit hat.“

„hell dunkel“ ist der Roman der Halbgeschwister Robert und Valerie. Er ist dreiundzwanzig und dunkelhäutig, sie neunzehn und hellhäutig. Ihre gemeinsame Mutter Karin befindet sich im Endstadium einer Krebserkrankung und muss plötzlich ins Krankenhaus. Die beiden besuchen sie, immer mit gemischten Gefühlen, da sie nicht wissen, wie ihre Mutter mit ihnen umgehen wird, was sie von ihnen erwartet oder auch nicht.

Schnell ist klar, dass Karin austherapiert ist und nicht im Krankenhaus bleiben kann. Doch wohin mit der Mutter? Letztendlich setzt sie durch, dass sie zu Hause sterben kann. „Ich will einfach bloß meine letzte Zeit, ja, was weiß ich, auf jeden fall will ich meine Ruhe.“ Und die bekommt sie im Krankenhaus mit den blutjungen, umherhuschenden Pflegerinnen nicht.

Das hat zur Folge, dass Mitarbeiter von Pflegediensten immer wieder in der Wohnung auftauchen, in der Valerie mit ihrer Mutter lebt. Robert war bereits ausgezogen, hat in Marburg gelebt und dort auch eine Lehre gemacht, ist jetzt aber wieder in Berlin und wohnt ebenfalls in der Wohnung.

Beide sind in jeder Hinsicht mit der Situation überfordert, vor allem emotional. Sie wissen nicht, wie, was sie fühlen sollen, haben offensichtlich auch nie gelernt, die eigenen Gefühle zu beachten:

„Woher soll man dann wissen, was das richtige Gefühl ist? Wenn man alles fühlen kann, alles durcheinander, dann kann ja genauso gut alles ausgedacht sein, oder“

Beide suchen nach Halt, Orientierung, wissen aber nicht, wie und wo sie sie finden können:
„Erwachsen werden, heißt Kontur bekommen, also weniger rumheulen, denkt Valerie. Das ist vielleicht auch schon das ganze Geheimnis.“

Valerie schwänzt die Schule, obwohl sie kurz vor dem Abitur steht, schläft immer wieder mit Ali, einem „Freund“, den sie sonst nicht wirklich mag. Und Robert hat gerade seine Lehre hingeschmissen, sich mit seiner Freundin zerstritten und ist von Marburg weg, einer Stadt, in der er sich offensichtlich auch nicht wohlgefühlt hat.

In dieser schwierigen Situation kommen sich die beiden Geschwister näher. Sie finden in der Gegenwart des anderen so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit. Doch sie kommen sich näher als erlaubt: Sie schlafen miteinander. Unbeobachtet zu Hause fühlt es sich für sie normal an. Doch sobald jemand ihre Zärtlichkeiten beobachten könnte, geraten sie in den Zwiespalt zwischen ihren Bedürfnissen und dem Wissen um das Inzestverbot.

Der Roman endet damit, dass beide die Nacht über in der Küche sitzen und darauf warten, dass ihre Mutter stirbt. Der Pfleger hat sich mit einigen für sie komischen Bemerkungen verabschiedet. Sie mögen die Heizung runterstellen, die Hand der Mutter halten, falls sie dies wünsche. Und sie könnten ihn jederzeit anrufen,
„wenn was – sagt der Pfleger zu Robert, spricht nicht zu Ende. Der Pfleger drückt ihm den Arm, als er an ihm vorbeigeht.“

So sitzen sie da, warten und spielen diverse (Karten-)Spiele. Morgens führen Valerie und Robert folgendes Gespräch:

„Sollen wir jetzt nachgucken gehen, fragt Valerie.
Wenn du willst.
Ich will nicht.
Soll ich allein nachgucken gehen?
Robert lehnt sich vor, stützt die Hände schon auf, bereit, aufzustehen.
Valerie schüttelt den Kopf, schüttelt ihn noch mal.
Nein, wir machen das zusammen. Aber lass uns noch kurz hier sitzen.
Sag Bescheid, wenn du bereit bist, sagt Robert.“

Es ist ein Roman über Tod und Sterben, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Trostlosigkeit, die nicht erst am Ende in dieser Familie herrschen, da aber besonders spürbar. Keiner ist wirklich in der Lage, mit anderen zu kommunizieren, sich mitzuteilen und vielleicht auch Trost zu spenden. Das haben sie nicht gelernt.

Die Sprache ist sehr reduzierte Alltagssprache in Wortwahl und Satzbau und bildet damit sicher die „Denke“ und den Jargon der beiden Jugendlichen ab, ist also authentisch und angemessen und in der Lage, subtil die Absurdität gewisser Situationen – etwa den Besuch in einem Beerdigungsinstitut – darzustellen.

Julia Rothenburg, hell dunkel, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2019, 314 S., ISBN 978-3-627-00259-6

Sonntag, 14. April 2019 | Kategorie: Allgemein, Aufgelesen, Denk-Würdiges, Fotos | Kommentare (2)

In der heutigen Sendung „Lebenszeichen“ – sie ist wie immer nachzuhören und nachzulesen – ging es um den „Ashram Jesu“.
Eine Wortkombination, die mich hat aufhorchen und zuhören lassen.
Die dort praktizierte Form der Meditation findet man auf einer Postkarte, die im Ashram hängt:

Verweilen in der Wahrnehmung dessen, was ich von mir hier und jetzt merke.
Achtsam
Gelassen
Liebevoll.

Bleiben, verweilen und wahrnehmen, was ist.
Als Möglichkeit, den eigenen Grund zu entdecken.

Samstag, 13. April 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Laut flötet der Wind durch den Haselnußstrauch,
Schneeflocken durchwirbeln den Hain,
Bald Hagel, bald Regen und eisiger Hauch,
Bald lachendster Lenzsonnenschein.
Ich weiß ja, daß kurz dieser Sonnenblick dauert,
Daß Hagel und Regen und Schneefall schon lauert
Und Nordwinds erstarrendes Wehn
Und dennoch mich freudige Hoffnung durchschauert,
Es ist ja so schön, ja so frühlingshaft schön.

Erfrieren auch die Veilchen, die gestern erblüht,
Verstummt auch der Fink in dem Wald,
So lieb ich, April dich, in meinem Gemüt
Ist’s auch heute warm, morgen kalt.

(Hermann Löns)

Freitag, 12. April 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Wer Engel sucht in dieses Lebens Gründen,
der findet nie, was ihm genügt.
Wer Menschen sucht, der wird den Engel finden,
der sich an seine Seele schmiegt.

(Christoph August Tiedge)

Donnerstag, 11. April 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traure weiß ich nicht,
Es ein unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.

Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

(Eduard Mörike)

Mittwoch, 10. April 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (5)

Zunächst hab‘ ich mit großem Erstaunen festgestellt, dass der Duden Verlag nicht nur den Duden in all seinen Varianten herausgibt, sondern auch andere Bücher. Das war mir echt neu. Nun gut, man lernt immer noch dazu ;)

Stutzt ihr auch ab und zu bei Begriffen, die ihr – neuerdings auch wieder Politiker – benutzt, und fragt euch, ob die überhaupt noch verwendet werden sollten oder eher aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ stammen – so der Titel eines längst vergriffenen Buches – und daher nicht mehr zu benutzen sind?

Mit Matthias Heines „Verbrannte Wörter“ haben wir die Möglichkeit zu überprüfen: „Wo wir noch reden wie die Nazis und wo nicht“.
In einer ausführlichen Einleitung geht Heine auf verschiedene Kennzeichen der NS-Sprache und ihre spezifischen Neologismen ein, die oft aus dem Bereich des Sports, der Biologie, der Technik, aber auch der Religion kamen. Selbst Satzzeichen wie das Ausrufezeichen, meist in einer Reihung von mehr als zwei Ausrufezeichen und kombiniert mit Wortreihungen und Dopplungen wurden zu Kennzeichen der Nazisprache, die dank des Volksempfängers oft eher mündliche als schriftliche Verbreitung fand. Bei einigen Kennzeichen etwa der Verwendung des bestimmten Artikels, beginnt man zu stutzen und sieht Parallelen zu politischen Gruppen, die den bestimmten Artikel oftmals benutzen um Zugehörigkeiten zu Gruppen zu verdeutlichen: Die Juden, die Muslime, die … und gleichzeitig andere damit ausgrenzen – zu welchem Zweck auch immer.

Zeitzeugen wie Victor Klemperer und andere hatten überhaupt keinen Zweifel daran, dass es eine solche „Lingua Tertii Imperii (Sprache des Dritten Reiches) gab. Heutige Zeitgenossen sind Heines Meinung nach über die Herkunft gewisser Begriffe in der Regel nicht mehr wirklich informiert.

Dann führt der Autor in alphabetischer Reihenfolge 87 Wörter auf, beschreibt deren Herkunft und Verwendung während der Nazizeit und gibt am Schluss jedes Wortabschnittes Empfehlungen, ob das Wort heute noch unbedenklich benutzt werden kann oder nicht. Für das Wort „entartet“ kommt er zu folgendem Ergebnis:

„Das Wort entarten ist trotz seiner langen relativ harmlosen Vorgeschichte heute so eindeutig mit dem NS-Sprachgebrauch verbunden, dass es nicht mehr zu retten ist. Es gibt auch keinen Grund dafür, denn es handelt sich weder um ein besonders schönes noch um ein besonders urtümliches oder aussagekräftiges Wort. Außerdem existieren ausreichend Alternativen.“
Das Ergebnis ist wenig überraschend, wenn auch die Entstehungsgeschichte interessant ist – zumindest für „Wortliebhaber“.

„Ein braunes Süppchen kochen“ bedarf ebenfalls keiner längeren Erläuterung. Aber wusstet ihr, dass der auch heute noch verbreitete Begriff „Eintopf“ seine Popularität den „Eintopfsonntagen“ zu verdanken hat, die die Nazis eingeführt haben?
Zunächst war dieser Eintopf-Einsatz noch freiwillig, ab 1936 jedoch Pflicht. Die Differenz zwischen einem Sonntagsessen mit Sonntagsbraten zu einem Eintopfgericht sollte dem Winterhilfswerk gespendet werden und wurde „von den Blockleitern oder von Mitgliedern der Hitlerjugend mit der Sammelbüchse an der Haustür kassiert.“

Heines Empfehlung für den Wortgebrauch:
„Da das Wort im Gegensatz zu anderen NS-ausdrücken keine Verhüllungs- oder Vorbereitungsvokabel für Mord, Folter und Vernichtung ist, kann man es unbedenklich benutzen. Ohnehin darf es längst als entnazifiziert gelten. Sogar Nazis denken vermutlich beim Eintopf nicht mehr an Hitler – jedenfalls nicht mehr als bei jedem anderen Essen.

Dem Autor geht es nicht um eine „Fahndungsliste für irgendeine Sprachpolizei“, sondern um „die Grundlagen jeder angemessenen Ausdrucksweise: Senisbilität, kenntis der Stilebenen, Sinn für Angemessenheit und – ja – auch das Wissen um die Geschichte von Wörtern.“

Ein interessantes, ein wichtiges Buch mit vielen Überraschungen, dem ich viele LeserInnen wünsche.

Matthias Heine, Verbrannte Wörter, Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht. Dudenverlag Berlin 2019, 222 S., ISBN 978-3-411-74266-0

Dienstag, 9. April 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!

(Ludwig Uhland)

Lerchen gibt’s hier leider nicht mehr. Und die Amseln sind gerade unterwegs ;)