Samstag, 12. Januar 2019 | Kategorie: Allgemein, Aufgeschnappt | Kommentare (5)

Verehrer
Kavalier

Freitag, 11. Januar 2019 | Kategorie: Rezensionen | Kommentare (4)

Die für ihre Romane vielfach ausgezeichnete Autorin hat einen neuen Roman geschrieben.

Es ist die gut erzählte spannende Geschichte Hennings, verheiratet mit Theresa. Die beide sind ein modernes Ehepaar, das sich gemeinsam um die Erziehung ihrer zwei Kinder kümmert, wobei er als Lektor überwiegend von zu Hause aus arbeitet. Er hat im Dachgeschoss ein Home-Office, das allerdings ab und an von seiner Schwester Luna bewohnt wird, wenn sie mal wieder keine feste Bleibe hat. Sehr zum Ärger von Theresa, die es stört, dass Henning so bedingungslos für Luna da ist und sich für sie verantwortlich fühlt.

„Neujahr“ beginnt am „Ersten-Ersten“ auf Lanzarote, wo die Familie Urlaub macht. Es war sein Wunsch, dort das neue Jahr 2018 zu beginnen. Es musste auf jeden Fall Lanzarote sein. Nichts anderes kam für Henning in Frage.

Der Roman hat zwei Erzählebenen: die der Gegenwart am „Ersten-Ersten“, an dem Henning in jeder Hinsicht schlecht ausgerüstet mit einem ungeeigneten, weil viel zu schweren Fahrrad, ohne Proviant, vor allem ohne Wasser zu einer Fahrradtour aufbricht. Er will nach Fermés und muss dazu den Steilaufstieg über einen Pass schaffen. Es zieht ihn magisch dorthin. Warum weiß er nicht.

Unterwegs hat er mit der Angst vor dem ES zu kämpfen, wie er seine Panikattacken nennt. Sie überfallen ihn monsterartig seit der Geburt seiner Tochter, stets begleitet von kaum aushaltbaren körperlichen Symptomen, für die keine organischen Ursachen gefunden werden können. Auch seine Frau bringt mittlerweile kein Verständnis mehr für ihn auf und meint, er solle sich doch einfach nur mal zusammenreißen. Und so lesen sich dann Hennings Neujahrswünsche:

„Henning will die Familie nicht mit seinen Neurosen belasten. Er will ein Mann sein, den es zu lieben lohnt. Er will mehr lachen, Späße machen, den kleinen Katastrophen des Alltags eine witzige Seite abgewinnen. Er will Theresa öfter in den Arm nehmen, weniger genervt von den Kindern sein, öfter mal losziehen und Freunde treffen. Das kann doch nicht so schwer sein. Jedenfalls nicht schwerer als zwanzig Prozent Steigung bei Gegenwind auf einem geliehenen Rad.“

Unterwegs ziehen also Gedanken über seinen Alltag mit Frau und Kindern durch seinen Kopf, das Gefühl, mit allen Anforderungen überlastet zu sein, sie nicht so erfüllen zu können, wie er will bzw. wie es von ihm erwartet wird, das sich breit macht und mit unermesslicher Erschöpfung verbunden ist.

Und dann bemerkt er, dass ihm die Gegend bekannt vorkommt. Immer mehr Kleinigkeiten lösen das Gefühl aus, hier bereits schon gewesen zu sein, ohne sich jedoch erinnern zu können, wann das gewesen sein könnte. Am höchsten Punkt schaut er sich um.

„Das wirklich Erschreckende ist aber, dass er kennt, was er sieht. Die Anordnung der Dächer ist ihm vertraut, der Verlauf der Gassen, der winzige Verkehrskreisel im Zentrum der rechteckige Kirchplatz, der plumpe Glockenturm. Er kennt dieses Dorf, genau aus dieser Perspektive. Nämlich von oben. Er trägt einen Abdruck davon im Gehirn. … Henning weiß genau, dass er in den vergangenen Tagen nicht hier gewesen ist. … Eine Stimme rät ihm, aufs Rad zu steigen und nach Hause zu fahren. Zu trinken, zu essen, sich auszuruhen. Sein Vorhaben abzubrechen, worin auch immer es besteht.“

Natürlich setzt er seinen Weg fort. Es zieht ihn magisch zu einem Haus, das noch weiter oben auf einem Plateau steht. Die dort lebende Lisa, eine Deutsche, die schon seit geraumer Zeit auf Lanzarote lebt, bittet ihn ins Haus, gibt ihm zu essen und zu trinken. Voller Dankbarkeit nimmt Henning das Angebot an und gerät dann in den Alptraum seiner Kindheit. Er erinnert sich, wann und mit wem er dort gewesen ist und dass das, was in dem Haus damals passiert ist, ihn und seine Schwester Luna fast das Leben gekostet hätte.

Zurück in Deutschland ist Henning überzeugt:
„Jetzt weiß er es also. Er ist traumatisiert, und zwar schwer, jeder Psychologe wird das bestätigen. Dreißig Jahre hat er auf einem unterirdischen Speicher gelebt, auf einer Höhle, verzweifelt bemüht, das Loch nicht zu sehen, durch das man hineinfallen kann. Auf dem ersten Treppenabsatz denkt er, dass sich nun alles ändern wird. Der Knoten ist geplatzt. Licht ist ins Dunkel gefallen, das Monster hat seine Sachen gepackt und ist ausgezogen. Henning wird ES nie wieder sehen.“

Doch auf dem Weg ins das Dachstudio beginnt sein Herz zu stolpern. „Die ersten Pausen zwischen den Schlägen sind so lang wie noch nie. Er hält sich am Treppenabsatz fest, schnappt nach Luft. Binnen Sekunden ist sein Rücken nass vor Schweiß. Er bekämpft den Drang, sich in einer Ecke des Treppenhauses zusammenzurollen.“

Juli Zeh zeichnet in diesem Roman das Bild einer modernen Familie mit ihren ganz normalen Schwierigkeiten, die allerdings potenziert werden durch die psychische Krankheit Hennings, die offensichtlich keiner – scheinbar auch die ihn behandelnden Ärzte – erkennt. Der Rat, sich zusammenzureißen, ist der denkbar schlechteste. Der Roman macht zudem plausibel, wie Erlebnisse in der Kindheit bis ins Erwachsenealter unbewusst das Verhalten von Menschen und damit auch ihre Beziehungen steuern kann.

Interessant, spannend, gut zu lesen und aufschlussreich.

Juli Zeh, Neujahr, Roman, Luchterhand, München 2018, 191 S., ISBN 978-3-630-87572-9

Donnerstag, 10. Januar 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (2)

Der neue Gedichtband von Günter Abramowski ist erschienen.

Es sind Gedichte, die mal mehr oder weniger sofort zugänglich sind.

zum lesen

tief einatmen
alles ausatmen
hören sie auf zu denken
seien sie still
lesen sie einfach weiter
vertrauen sie sich
darüberhinaus ist jetzt

Bei manchen tue ich mich als Leserin eher schwer:

hilflos

wer von allen geistern verlassen
ist noch bei sich
den er nicht kennt
realitäten verblassen
erinnerungen bedarfsweise
zu glaubensfragen

hilflos aber potent mit
erkauften fähigkeiten
ungerührt zeit vergeigend solo tanzend
durch felder falscher verbundenheit
amüsant stark
wundersam erfolgreich

Ich kann zwar mit einzelnen Metaphern etwas anfangen, doch ein verständliches Ganzes ergibt sich nicht unbedingt. Und das ist gut so, bleibt man doch so an Versen hängen, die meist dennoch oder gerade, weil sie nicht sofort verstanden werden, mit einem selbst zu tun haben.

Seine Themen kreisen um den ganz normalen Alltag(swahnsinn):um Ausflüge, Spaziergänge, um Liebe und Trennungen, um Fragen nach einem sinnvollen Leben. Abramowski spielt dabei immer wieder mit gängigen Floskeln und Sprichwörtern:

des frühen wurmes letzter satz

wer die magie
des lebens
nicht benutzt sich
selbst
zu verstehen
bleibt ein opfer

Sehnsucht und Denkbares finden Eingang in seine Gedichte:

hinein

aber sehnsucht
kennst du doch
der ort deiner gefühle
wo du versteckt
in deiner offenheit
von mutliversen träumst
wegen ihrer möglichkeiten

aber in dem
mit allen wassern gewaschenen kleid
der dummheit
kommt der intellekt daher
er will dass du
wo immer hinein
dich aus dem staub machst

in immer neuen kriesen (!)
stehen hüter auf deiner hemmschwelle
die sagen
außen ist nicht innen
du bist es nicht
wie wissen
potenziert sich dein unwissen

Auf der Rückseite des Gedichtbandes liest man:
„Abramowskis Gedichte sind Feuer für das Eis des Egos.
Sie müssen nicht verstanden werden.
Sie sind GedankenBilder, die in der Tiefe des Lesers wirksam werden wollen.“

Möge der Leser sich sein eigenes Urteil bilden. Mich jedenfalls haben die meisten Gedichte „angesprochen“.

günter abramowski, darüberhinaus. gedichte, elbaol verlag, hamburg 2018, 117 S., ISBN 978-3-939771-67-8

Mittwoch, 9. Januar 2019 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (4)

„Frauen, die nichts fordern
werden beim Wort genommen –
sie bekommen nichts.“

(Simone de Beauvoir)

Dienstag, 8. Januar 2019 | Kategorie: Allgemein, Aufgelesen | Kommentare (7)


„Ich gehe, wie’s mir geht.“
Über diesen Satz bin ich gestern in einem Bericht über ein Schweigeseminar „gestolpert“, den Vanessa Weber von Pfarrer Stefan vor einer Wanderung in Stille mit auf den Weg bekommen hat.
Der komplette Beitrag ist hier nachzulesen.

Und ich sitze hier seit Tagen mit angebrochenem kleinem Zeh und lausche in mich hinein, was genau dieser Satz mir sagen will.

Freitag, 4. Januar 2019 | Kategorie: Aufgelesen, Worte | Kommentare (5)

Betrügerle

Donnerstag, 3. Januar 2019 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (4)

„‚Ich frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der Allmächtige uns alle erschaffen hätte als – nun ja, als so etwas Ähnliches wie Pflanzen. Fest in der Erde verwurzelt, verstehen Sie. Dann wäre es zu solchem Blödsinn wie Krieg und Grenzen erst gar nicht gekommen.'“

(Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb, 2. Aufl. München 2016, S. 134)

Mittwoch, 2. Januar 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (4)

Viele Menschen hegen die „alte Hoffnung; Der Tod? Das war doch immer der Tod der anderen, nie der eigene. Aber wir werden alle sterben.“ Der Tod ist unumstößliche Tatsache im Leben eines jeden von uns, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht. Dass wir sterben, daran können wir nichts ändern, wohl aber, wie wir leben wollen mit dieser Tatsache.

Die Debatte im Deutschen Bundestag über die gesetzliche Regelung von Sterbehilfe im Jahr 2014 war für den Journalisten Roland Schulz Anlass, über das Thema „Tod und Sterben“ zu recherchieren. Er begann in der Bibliothek München, in der Fakultät für Medizin, und stellte erstaunt fest, dass er im Lehrbuch der Palliativmedizin, einen 1400 Seiten umfassenden Band, nur 9 Seiten über den unmittelbaren Sterbeprozess fand:

„Zwei Stockwerke Wissen. Neun Seiten Sterben.
Das war der Augenblick, in dem die Arbeit an diesem Buch begann. Jetzt wollte ich es wissen. Wenn ein Mensch stirbt – was passiert dann da genau? Wann beginnt es eigentlich, das Sterben? Wie verläuft er, der Weg in den Tod? Und was geschieht danach? Also habe ich mich auf die Suche nach dem Sterben und, in der Folge, nach dem Tod gemacht.“

Er befragt Ärzte, Palliativmediziner, Krankenpfleger, Hospizmitarbeiter, Beerdigungsunternehmer etc., spricht bei Behörden vor, um zu erfahren, was nach dem Tod eines Menschen noch alles passiert, gesetzlich vorgeschrieben ist, bis jemand auch amtlich als tot gilt. Dabei bemerkt er, wie ihn die Begegnungen mit den Menschen, mit Sterbenden berühren und dass gleichzeitig „eine Art gnadenloser Reflex“ einsetzt, sich von diesen Erfahrungen zu distanzieren:

„Diese Schicksale handelten ja von jemand anderem, Sterben ging ja gar nicht um mich! Es war, als ob sich durch die Auseinandersetzung mit dem Sterben anderer eine Mauer zwischen mir und der Tatsache aufbaute, dass Sterben selbstverständlich auch mich betrifft, dass es das einzige an meiner Zukunft ist, von dem ich vollkommen sicher sein kann, dass es eintreten wird.“

Um dem Leser diese Distanzierungsmöglichkeit zu verwehren, erfindet er „einen archetypischen Sterbenden, der möglichst viele Aspekte des Sterbens in sich vereint – die Kunstfigur eines ‚Otto Normalsterbenden‘.“ Den es natürlich so nicht gibt und spricht den Leser durchgängig direkt an:

„TAGE VOR DEINEM TOD, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen seiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht.“

In drei Kapiteln „Sterben“, „Tod“ und „Trauer“ beschreibt er ausführlich, was im Körper passiert, wenn der Mensch zu sterben beginnt, setzt sich mit den verschiedenen psychologischen, physiologischen Aspekten auseinander und ermöglicht dem Leser, seinen eigenen möglichen Sterbeprozess gedanklich vorwegzunehmen – soweit dies überhaupt möglich ist. Denn Schulz macht dennoch immer weider deutlich, dass es das typische Sterben nicht gibt. Die Wirkung ist dennoch enorm anders als in den Büchern, die ich bisher über dieses Thema gelesen habe: Man wird unweigerlich in den Prozess einbezogen, entwickelt Gefühle, Betroffenheit, aus der man sich nicht so einfach entziehen kann.

Ab und an habe ich mich gefragt, will ich das jetzt alles so genau wissen? Gleichzeitig ist es aber erstaunlich, so konzentriert an einem Ort lesen zu können, was nach dem Tod passiert, welchen Weg der Leichnam geht, welche Behörden, Institutionen sich mit den Leichen beschäftigen, welche Maschinerien, zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes, in Bewegung gesetzt werden. Und erstaunt feststellen zu müssen, wie wenig Konkretes man weiß.

In einem längeren Nachwort beschreibt der Autor seine Beweggründe, Erfahrungen im Zusammenhand mit der Entstehung dieses Buches und ermöglicht jedem, der will, mit einer vierseitigen Literaturliste eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema.

Es ist ein Buch, durch das man sich, wie der Untertitel „Unser Ende und was wir darüber wissen sollten“ bereits deutlich macht, sich über das eigene Ende informieren und sich vielleicht mit eigenen Vorstellungen und Wünschen auseinandersetzen und schriftlich festhalten kann. Leichte Lektüre ist es auf keinen Fall – vielleicht aber eine notwendige.

Roland Schulz, So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten. Piper Verlag, 2. Aufl. München 2018, 239 S., ISBN 978-3-492-05568-0

Dienstag, 1. Januar 2019 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist,
neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung;
und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel
fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die,
die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.

(Rainer Maria Rilke, Briefe. An seine Frau Clara am 1. Januar 1907)

Montag, 31. Dezember 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (8)

Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut,
Und stäubend rieselt in sein Grab
Was einstens war lebendge Zeit.
Ich harre stumm.

S‘ ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht.

Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht,
Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelsthor. O halber Sieg,
O schwerer Fall!

Wie reißt der Wind
Am Fensterkreuze, ja es will
Auf Sturmesfittigen das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!

War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In der vermorschten Brust Verließ,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
Vom starren Pol?

Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Oel.
Ist so mein Leben auch verraucht,
Eröffnet sich des Grabes Höhl
Mir schwarz und still?

Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht: Ich wußt es lang!
Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang.
Mir brüht der Schweiß

Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand! – Wie, dämmert feucht
Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär es der Liebe Stern vielleicht,
Dich scheltend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?

Horch, welch Gesumm?
Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr! ich falle auf das Knie:
Sey gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!