Freitag, 4. September 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Gedichte, Rezensionen | Kommentare (2)

Johann Christoph Bürgel hat hundert Vierzeiler aus Rumis Werk ausgewählt, aus dem Persischen übertragen, mit einer Einleitung und Erläuterungen versehen, so dass auch Lesern, die bisher noch keine allzugroße Affinität zu Rumis Versen haben, ein Zugang zu diesen Versen möglich ist.

In drei Kapitel sind die Verse eingeteilt, die in poetischer Sprache vor allem die “Freundschaft und Liebe” eines Mannes zu seinem Freund beschreiben, dem er in fast mystischer Weise verbunden war, bis dieser dann eines gewaltsamen Todes gestorben ist.

12
Deine Güte erreicht, was den Meeren gebricht.
Deine Großmut nie etwas für morgen verspricht.
Man muss keine Gaben erbitten von Dir.
Niemand bittet die Sonne um Licht.

13
Ich sehe Dich am Rastort der Liebe wie auf Fahrt.
Ich habe dich in Sklaven und Königen gewahrt.
Ich seh dich in den Sternen, der Sonne und im Mond,
In Laub und Gräsern, alles nur Dir mir offenbart.

“Rumi dichtete als Mystiker, das heißt, er erfuhr und begriff die Schöpfung mit all ihren Erscheinungen als Abglanz und Spiegelung innerer Wirklichkeiten, göttlicher Realität.” Daher sind in den beiden weiteren Kapiteln Verse zu “Leben und Lernen”

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Ein jedes Staubkorn hungert so, bis es von Gottes Tafel zehrt.
Sie speisen bis zum Jüngsten Tag, die Tafel wird doch nie geleert.
Ob man am Tisch der Ewigkeit auch viele heute lärmen hört,
Sie aßen und essen noch. Es nimmt nicht ab; die Tafel währt.

65
So sprach jüngst ich zum weisen Greis, dem Verstand:
“Mach ein Wort mir vom Weltgeheimnis bekannt!”
Leise, leise gab er mir Antwort ins Ohr:
“Schweige! Erfahren wird’s, nicht mit Worten benannt!”

und zu “Musik und Dichtung” zu finden, das letze der drei Kapitel, das in einigen Versen die inspirierende Wirkung von Liebe und Freundschaft preist:

82
Seit Liebe strahlt in meines Herzens Wand,
Ist alles außer Liebe mir verbrannt.
Sie nahm mir Buch und Schule und Verstand
Und machte mich mit Reim und Lied bekannt.

83
Deine Vollkommenheit hat meine Liebe entfacht.
Deine Anmut hat mich zum Dichter gemacht.
Es tanzt Dein Traumbild auf der Bühne meines Herzens.
Den schönen Tanz hast du mir beigebracht.

Diese hochemotionalen, formal sehr kunstvollen Verse würde ich gerne einmal in Persischer Sprache hören und auf mich wirken lassen. Den Vorschlag Bürgels in der Einleitung:

“Das Beste wäre es freilich, der Leser würde durch diese Auwahl angeregt, selbst Persisch zu lernen, um eines Tages den Urtext lesen zu können.”

werde ich nicht verfolgen. Da gehe ich eher davon aus, dass ich ihm und seinem Übersetzungstalent vertrauen kann. Er ist schließlich emeritierter Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern.

Dachalaluddin Rumi, Traumbild des Herzens, Hundert Lebensweisheite islamischer Mystik, ausgewählt, a.d. Pers. übersetzt, eingeleitet u. erläutert v. J.Ch.Bürgel, Manesse Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-7175-4090-8

Donnerstag, 3. September 2015 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (8)

Das was ist
ist
aber es ist nicht selbstverständlich

Das zu beachten
erzeugt
Dankbarkeit
Demut
Zufriedenheit

Macht nachdenklich

(mona lisa)

Mittwoch, 2. September 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Sie suchen gute Unterhaltung mit Tiefgang? Dann greifen Sie zu Dörte Hansens Erstlingsroman “Altes Land”.
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Er erzählt die Geschichte zweier Frauen, die auf den ersten Blick nicht allzuviel gemeinsam haben: Vera ist 1945 mit ihrer Mutter, Hildegard von Kamcke, als Flüchtling im Alten Land gestrandet, von der Bäuerin begrüßt mit folgendem Satz:

“‘Woveel koomt denn noch vun jau Polacken?’Ihr ganzes Haus war voll von Flüchtlingen, es reichte.”

Vera, immer nur gelitten, bleibt in diesem Haus, ist nach Karls Tod sogar dessen Besitzerin, während ihre Mutter, die zwar den aus dem Krieg heimgekehrten kriegsversehrten Hoferben Karl geheiratet hat, dann aber mit einem Mann aus der Stadt weggeht und ihr Kind bei Karl auf dem Hof zurücklässt. Die beißt sich als “Polackenkind” durch, studiert und praktiziert später im Dorf als Zahnärztin, eher gefürchtet als beliebt, vor allem aber von allen arwöhnisch beäugt, denn sie passt als Studierte und mit ihrem Freigeist nicht wirklich zu den Dorfbewohnern.

Anne, Veras Nichte, erfolglose Musikerin mit Tischlerlehre, hat sich vom Vater ihres Sohnes Leon getrennt und sucht Unterschlupf auf dem Hof ihrer Tante:

“Vera Eckhoff wusste nicht viel von ihrer Nichte, aber sie erkannte Flüchtlinge, wenn sie einen sah. Die Frau, die da mit zusammengeschnürtem Gesicht ihre paar Kartons aus dem gemieteten Transporter holte, suchte eindeutig mehr als eine neue Erfahrung und etwas frische Luft für ihren Sohn.”

Vera nimmt Anne und ihren Sohn auf, obschon ihrer Meinung nach Flüchtlinge alles durcheinander bringen. Doch neugierig und gespannt fragt sie sich, “ob sie auch Dinge in Ordnung bringen konnten. Ein paar Fenster oder Balken oder einen Menschen, der einsam war bis auf die Knochen. Der keine Ahnung hatte, wie er den zweiten Winter, all die langen Nächte ohne Mitmensch überstehen sollte.” Zumal in diesem riesigen Haus, dessen Dach und Mauern offensichtlich ein Eigenleben führen.

Über Anne lernt Vera ihre Halbschwester Marlene, Annes Mutter, ein wenig näher kennen, sowie auch Marlene durch Vera einiges von ihrer gemeinsamen Mutter erfährt, die nie etwas von ihrer Flucht und den damit verbundenen Grausamkeiten erzählt hat.

“Solche Mütter … ließen nicht mit sich reden, erzählten nichts, erklärten nichts, sie suchten gar nicht erst nach einer Sprache für das Unsagbare, sie übten das Vergessen und wurden gut darin. Wanderten weiter in Mänteln aus Eis, man musste ihnen nicht erklären, was Erstarrungswärme war.” Vera wusste nicht, ob ihre Mutter “schon immer Eis getragen hatte, wie andere Frauen Fuchspelz oder Nerz, geerbt von ihren Müttern”, weitergegeben an die Töchter und die wiederum an ihre Töchter. Anne begleitet ihre Mutter Marlene auf einer Erinnerungsreise nach Masuren und erkennt:

“Das, was Anne von ihr wollte, besaß Marlene gar nicht. Anne konnte an ihr zerren, in ihren Taschen wühlen, sie filzen wie einen Drogendealer, sie würde doch nichts bei ihr finden von dem Stoff, nach dem sie sich immer noch sehnte. Woher denn nehmen.
Sie konnte aufhören zu suchen, es musste auch ohne gehen, es ging auch ohne.”

Der Leser nimmt teil an einer späten, spannenden Vergangenheitsbewältigung, die nicht wirklich dazu führt, dass Mutter und Tochter einander froh machen können, vielleicht aber dazu führt, dass sie Schluss machen damit, dass “Alles, was sie taten, taten sie einander an.”
Aber Tante und Nichte nähern sich an, denn Anne nimmt sich des alten Hauses an und entwickelt mit der Tante ein Renovierungskonzept, das die Ursprünglichkeit des Hauses erhalten, das Haus dennoch aber modernisieren wird.

Das gegenwärtige Leben auf dem Lande mit all seinen Besonderheiten und Schwierigkeiten wird nicht ausgespart wird, sondern geschickt aus der Perspektive der Landbewohner, aber auch zugereister Stadtmenschen erzählt.

Mit Humor, Ironie und satirischen Einlagen werden Stadt- und Landbewohner mit ihren Denk- und Lebensgewohnheiten beschrieben. Ich habe oft köstlich lachen müssen.

Wenn ich nicht neugierig auf die vielen Neuerscheinungen des Bücherherbstes wäre, wäre es ein Buch, das ich zweimal lesen könnte.

Dörte Hansen, Altes Land, Roman, Knaus Verlag, München 2015, 286 S., ISBN 978-3-8135-0647-1

Dienstag, 1. September 2015 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

(Erich Kästner)

Montag, 31. August 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen | Kommentare (0)

Mit “Charlotte” ist David Foenkinos ein überaus lesenswerter, eigenwilliger Roman über die Malerin Charlotte Salomon gelungen, über ihr Leben und ihr Werk. Quelle dieses Romans ist nach eigenen Angaben Charlottes Werk Leben? Oder Theater?, das sie im Exil geschaffen und ihrem Arzt, der sie unterstützt hat, mit den Worten C’EST TOUTE MA VIE übergeben hat.

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“Aber was ist damit genau gemeint?
Ich übergebe Ihnen mein Werk, das mein ganzes Leben erzählt.
Oder: Ich übergebe Ihnen ein Werk, das mir so viel bedeutet wie mein Leben.
Oder vielleicht: Mein Leben geht zu Ende, hier ist es.
Heißt es, dass ihr Leben zu Ende geht?
Mein GANZES Leben.
Man kann den Satz auf alle möglichen Arten lesen.
Und alle Möglichkeiten scheinen zuzutreffen.”

Ergänzend zieht der Autor eigene Recherchen hinzu, die entstanden sind, als er Charlottes Wege nachgegangen ist und versucht hat, sich in sie hineinzuversetzen, nachzuempfinden, wie es ihr ergangen ist in einer Familie, in der sich viele, meist weibliche Familienmitglieder umgebracht haben, ein Tabu, das nicht thematisiert werden darf, aber die Familienatmosphäre intensiv beeinträchtigt. Erschwerend kommen die Einschränkungen hinzu, denen Juden im Nazideutschland ausgesetzt sind und Charlotte zunehmend vereinsamen lässt.

Daran kann auch ihre Liebe zu Alfred nichts ändern, den sie verlassen muss, als sie nach Frankreich ins Exil geht. Ihr ist das im Gegensatz zu ihrer Familie und Alfred noch möglich, weil sie noch nicht volljährig ist.

“Alfred beugt sich zu Charlottes Ohr.
Sie glaubt, dass er ihr sagen wird: Ich liebe dich.
Weit gefehlt.
Er sagt etwas viel Gewichtigeres.
Einen Satz, an den sie immer denken wird.
An dem sie sich festhält.

Mögest du nie vergessen, dass ich an dich glaube.”

Dieser Satz trägt sie. Und mit der Unterstützung einiger Menschen im Exil, die ihre geniale Begabung erkennen, kann ihr Werk entstehen. Und Dank David Foenkinos kann der Leser daran teilhaben. Er begleitet sie bis zu ihrem Tod in der Gaskammer von Auschwitz.

Das Buch bewegt, berührt, lässt Raum für eigene Gedanken, denn vieles wird nur angedeutet, mit Sätzen, die in jeweils einer neuen Zeile beginnen, sich an den sonst gängigen Satzbau nicht halten, weil auch Nebensätzen der gleiche Stellenwert wie einem Hauptsatz eingeräumt wird. Wieso auch Haupt- und Nebensätze, wo doch alles gleichgewichtig, gleichwertig ist?

“Charlotte” ist ein gelungenes Denkmal für die ermordete Dichterin, die in ihrem Werk weiterlebt und erneut im MIR in Gelsenkirchen in der neuen Saison in einer Ballettaufführung – wenigstens für die Dauer der Aufführung – wieder lebendig wird. Dem Buch wünsche ich noch viele Leser und kann es nur als äußerst lesenswert empfehlen.

David Foenkinos, Charlotte, Roman, a.d. Franz. v. Christian Kolb, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, 237 S., ISBN 978-3-421-04708-3

Sonntag, 30. August 2015 | Kategorie: Allgemein, Fotos | Kommentare (2)

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Samstag, 29. August 2015 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

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Freitag, 28. August 2015 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Zitate | Kommentare (0)

Wenn daher der Mensch in jenen Dingen allein sein Heil sieht, die, von niemandem hemmbar, ganz in seiner Macht stehen, dann wird er frei, froh, glücklich; kein Schaden kann ihn treffen; er ist hochgemut, fromm, voll Dankbarkeit für alles gegen Gott; nie murrt er über etwas, was auch immer geschieht, und schilt auch niemanden.

Wenn er dagegen sein Heil in den äußeren Vorgängen sieht, die seinem Willen entrückt sind, dann muss er notwendig gehindert und gehemmt, ja zum Sklaven jener werden, die über diese Dinge Macht haben, die er anstaunt und fürchtet, …

Wenn man dies alles begriffen hat, was hindert einen dann noch, ohne Kummer und Sorgen folgsam zu leben, wo man doch alles, was einem widerfahren kann, sanftmütig aufnimmt und das, was einem bereits widerfahren ist, geduldig trägt?
Denn ich halte es für besser, was Gott (das Schicksal) will, als das, was ich will.

(Epiktet)

Donnerstag, 27. August 2015 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

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Gesehen in Hattingen a.d. Ruhr

Mittwoch, 26. August 2015 | Kategorie: Denk-Würdiges, Merk-Würdiges, Zitate | Kommentare (0)

Wenn Sie akzeptieren können,
dass Kritik ein Mittel ist,
um sich zu entwickeln,
können Sie Kritik viel besser annehmen -
ja, sie sogar als Geschenk betrachten.

(Sabine Asgodom, Coaching-Impulse 26.08.2015)