Donnerstag, 5. Dezember 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (1)

Du bist die Zukunft, großes Morgenrot
über den Ebenen der Ewigkeit.
Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,
der Tau, die Morgenmette und die Maid,
der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

Du bist die sich verwandelnde Gestalt,
die immer einsam aus dem Schicksal ragt,
die unbejubelt bleibt und unbeklagt
und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
der seines Wesens letztes Wort verschweigt
und sich den Andern immer anders zeigt:
dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.

(Rainer Maria Rilke)

Mittwoch, 4. Dezember 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.

(Khalil Gibran)

Dienstag, 3. Dezember 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Die “Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht” – ursprünglich 1936 erschienen – ist in einer besonders schönen Ausgabe mit Illustrationen von Klaus Waschk bei Faber und Faber verlegt worden.

In der Rahmenhandlung tritt ein Ich-Erzähler auf, der in Paris gegenüber des überwiegend von Russen frequentierten Restaurants “Tari-Bari” wohnt. Dort geht er des öfteren essen, da “im russischen Restaurant … Zeit keine Rolle spielte. Eine blecherne Uhr hing an der Wand. Manchmal stand sie, manchmal ging sie falsch; sie schien die Zeit nicht anzeigen, sondern verhöhnen wollen.”

In solch einem Restaurant ist dann auch immer Zeit für Gespräche und für mehr oder weniger lange Lebensbeichten. Der Erzähler wird “Augen- bzw. Ohrenzeuge” wie ein Herr namens Golubtschik behauptet, er “habe getötet und halte sich durchaus für einen guten Menschen. (Denn) eine Bestie, um es glatt zu sagen: eine Frau, meine Herren, hat mich zum Mord getrieben. “

Mit dieser Einleitung und der Behauptung: ” Ich kann Ihnen meine Geschichte ganz kurz erzählen. Und Sie werden sehn, daß es eine ganz simple Geschichte ist” zieht er die Anwesenden in seinen Bann. Was dann folgt ist seine gesamte Lebensgeschichte von der Geburt als unehelichem Sohn des Fürsten Krapotkin, der zwar finanziell für ihn sorgt, ihn aber nie als Sohn anerkennt bis hin zu seiner Tätigkeit als Spitzel der russischen Geheimpolizei, der er aus eher privaten, persönlichen Gründen angehört. Hat er doch nie verwunden, als Sohn des Fürsten anerkannt worden zu sein hier sucht er im Verborgenen Macht auszuüben.

Seine Eifersucht kocht ins Unermessliche, als er sich in das französisches Modell Lutetia verliebt, das er beschatten soll, das ihm aber der offiziell anerkannte Sohn des Fürsten Kapotkin abspenstig macht.

Diese eher traditionell erzählte Lebensgeschichte beleuchtet akribisch die inneren Kräfte und Motive, die Golubtschik antreiben, um die Anerkennung als Sohn und damit den Aufstieg in gesellschaftlich höhere Kreise zu erzwingen.

Vor allem seine Person und die seiner Geliebten Lutetia sind von Klaus Waschk düster, dämonisch in Szene gesetzt, meist schwarz weiß, nur in besonders wichtigen Situation verwendet er ein wenig Farbe. Einige Anspielungen auf Persönlichkeiten der Gegenwart, etwa an Karl Lagerfeld, sind offensichtlich, wenn er den eleganten französischen Schneider zeichnet, der in Russland seine Kollektion mit lebenden Modeln vorführen soll.

Es ist eine akribisch, detailreiche Erzählung, die allerdings zeitweilig erhebliche Längen aufweist, wohl auch weil die Handlung als solche dann doch sehr vorhersehbar und berechenbar ist – meint man. Und dann hat der Schluss doch noch eine kleine Überraschung für die LeserInnen parat.

Ich persönlich habe Hiob mit mehr Interesse gelesen.

Joseph Roth, Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht.
Mit 50 farbigen Illustrationen von Klaus Waschk, Leinenband mit Lesebändchen im Schmuckschuber, 176 S., Faber und Faber Verlag, Leipzig 2019, ISBN 978-3-86730-151-0 

Montag, 2. Dezember 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Weihnachtscircus

Montag, 2. Dezember 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Dieser Fasan hat mich gestern aus dem Mittagsschlaf geklopft. Zunächst unsichtbar hörte ich etwas kräftig an die Scheibe klopfen. Und dann sah ich ihn. Vielleicht war die frisch geputzte Fensterscheibe ein Spiegel. Etwas benommen stolzierte er dann von dannen.

Sonntag, 1. Dezember 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (6)

Euch einen stillen ersten Advent

Die Sterne sind klug, sie halten mit Fug
Von unserer Erde sich ferne;
Am Himmelszelt, als Lichter der Welt,
Stehn ewig sicher die Sterne.

(Heinrich Heine, 3. Strophe des Gedichts “Kluge Sterne”)

Samstag, 30. November 2019 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches | Kommentare (0)

Als ich an der Reihe bin, werde ich gefragt: Was soll denn mit dem Päckchen passieren?

Ja was wohl?
Weshalb gehe ich mit einem Päckchen zur Post?

Es war dann wegen des Formats doch ein Paket. Das Gewicht zählte nicht.

Samstag, 30. November 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Freitag, 29. November 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

(Friedrich Rückert, Herbsthauch, 3. Strophe)

Donnerstag, 28. November 2019 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Unhaltbare Zustände” des Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer ist ein von feiner Sprachmelodie getragener Roman über Robert Stettler, einen in die Jahre gekommenen, unverheirateten Schaufensterdekorateur, der seit Jahrzehnten die großen Schaufenster des bekannten Kaufhauses “Quatre Saisons” mit Akribie und Sorgfalt gestaltet.

Stettler ist ein Mann, dem nichts fehlt:
Er empfand keinen Mangel, kein Bedauern, sondern Zufriedenheit über die Gleichförmigkeit der dahinschwindenden Tage, Nächte, Wochen Monate und Jahre. Keine Sehnsucht zerriss ihn je, kein Veränderungsdrang, kein Veränderungszwang schwemmte unangebrachte Gefühle an die Oberfläche. Er musste sich nicht im Zaum halten, nichts drängte ihn, über die Stränge zu schlagen. Wer keine übermäßige Freude empfindet, dem bleibt auch das größte Unglück erspart, sagte er sich, das stille Verhalten war in seine Blutbahn eingeschrieben.”

Doch das ändert sich schlagartig, als die Warenhausleitung Bleicher, einen neuen Dekorateur, einstellt, der Stettler nicht assistieren, sondern selbstständig arbeiten soll.

“Nichts spricht dagegen, dass sie sich austauschen. Wir brauchen neuen Wind, … . Das wissen Sie genauso gut wie ich. Bleicher ist ein Mann der Zukunft. Man reißt sich um solche Männer. … Wir müssen die Discounter abwehren. Die Discounter könnten unser Tod sein, sie stehen Gewehr bei Fuß.”

Im Gespräch mit seinem Chef gehen Stettler dann plötzlich die Augen auf: “Schuster … trug das Haar wie die Beatles es trugen, die Stettler von Fotos aus der Zeitung kannte. Die neue Frisur war ein Zeichen der Zeit, wie die Anstellung Bleichers ein Tribut an die neue Zeit war. Der Haarschnitt veränderte sich wie die Moral.”

Stettler kann die Veränderungen, die nicht nur in seinem Warenhaus, sondern auch auf der Straße durch politische Demonstrationen sichtbar werden, nicht verstehen, akzeptieren schon gar nicht. Er fühlt sich bis in die Grundfesten erschüttert und weiß nicht damit umzugehen.
In seinen Träumen verarbeitet er die gefühlten Niederlagen, sinnt auf Rache, versucht den neuen Mitarbeiter moralisch zu diskreditieren und findet ein wenig Entspannung beim Hören von Musik. Als er ein Interview mit Lotte Zerbst, einer Pianistin, im Radio hört, ist er von ihrer sanften Stimme angetan und schreibt ihr einen Brief, den sie auch beantwortet.

Als sie in seiner Heimatstadt ein Konzert geben soll, lässt sie ihm eine Konzertkarte hinterlegen. Er hofft auf ein Treffen mit ihr nach dem Konzert. Doch das Klavierkonzert von Schostakowitsch, das sie spielen soll, wird aus politischen Gründen abgesagt. Die Russen haben kurz vorher die Tschechoslowakei überfallen. Das Spielen dieses Klavierkonzertes könnte als nicht gewollte politische Zustimmung missverstanden werden. Also begegnen sich die beiden nicht, haben aber nach wie vor losen Briefkontakt.

Man erfährt nach und nach Stationen aus dem Leben der Pianistin und des Schaufensterdekorateurs. Zunächst in Kapiteln, in dem jeweils einer der beiden Protagonist ist. Dann gehen die Erzählungen ineinander über. So als käme es langsam zu einer tatsächlichen Annäherung. Die findet dann schon statt, allerdings auf sehr ungewöhnliche, überraschende Art und Weise.

“Unhaltbare Zustände” ist die Biografie eines Mannes, der nicht mit der Zeit gehen kann, die ihn mit ihren Veränderungen überrollt, da er ihr nichts entgegenzusetzen hat. Das Festhalten am Alten, am Hergebrachten ist allerdings auch keine Lösung. Und es ist die mosaikartige Biografie einer Pianistin, die die von ihrem – Frauen nicht nur als Künstlerin verachtenden – Lehrer ausgehende Gewalt aushält, um ihre Karriere nicht zu gefährden, bevor sie überhaupt begonnen hat. Sie will Konzertpianistin werden und sieht für sich keine andere Möglichkeit.

Der Roman spielt in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts, ist in seiner Problematik allerdings auch auf die Veränderungen des heutigen Arbeitsmarktes, der durch die immer weiter fortschreitende Digitalisierung sicher den ein oder anderen auch auf der Strecke bleiben lässt, übertragbar und auf die aktuelle Me-too-Debatte.

Gut lesbar und einfühlsam geschrieben, ohne sentimental daherzukommen.

Alain Claude Sulzer, Unhaltbare Zustände, Roman, Galiani Verlag, Berlin 2019, 266 S., ISBN 978-3-86971-194-2