Sonntag, 25. Februar 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
es kracht der Schnee von meinen Tritten,
es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
nur fort, nur immer fort geschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
die sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! Friere mir ins Herz hinein!
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruhe mag da drinnen sein,
wie hier im nächtlichen Gefilde!

(Nikolaus Lenau)

Samstag, 24. Februar 2018 | Kategorie: Allgemein, Gedichte, Zitate | Kommentare (4)

Ich habe vor einiger Zeit meine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt. Genauer für die 5 Rhythmen nach Gabrielle Roth.

Musik, freie Bewegung, ohne zu beachtende Schrittfolge, also auch ohne die Kategorien „richtig“ und falsch“, so kann ich mich der Musik überlassen und schauen, wie ich mich dazu bewegen kann. Bewege ich mich oder bewegt mich mein Körper – das ist manchmal nicht auszumachen. Muss ja auch nicht.

„There is no right or wrong in this practise.
There is just a body, breath and movement.
Where you and the dance become ONE.
The rhythm takes over and the magic unfolds itself.“
(Marc Lendfers)

Das folgende Gedicht von Michael Beisteiner bringt meine Tanzerfahrungen auf den Punkt:

Tanzt,
tanzt,
tanzt
ins unbekannte Ich,

Rhythmus balanciert das Sein,
Tanz versenkt die Umgebung,
Tanz sprengt alle Persönlichkeiten,
jeder im Raum spürt dich.

(© Michael Beisteiner, aus: Das Leben, der Tod, ein Tanz, Edition Garamond, Wien 1998)

Jetzt kann ich in Ansätzen nachvollziehen, wenn Jogger von ihren Glücksgefühlen während des Laufens und danach reden. Ich erlebe ofensichtlich ähnliches beim Tanzen.

Mittwoch, 21. Februar 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (3)


Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

(Friedrich Hölderlin)

Dienstag, 20. Februar 2018 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Den Roman „April“ von Angelika Klüssendorf kenne ich (noch) nicht, ist aber auch nicht Voraussetzung, um „Jahre später“ zu verstehen, wenngleich Anspielungen an Aprils Kindheit, ihre Eltern gemacht und teilweise als Erklärung für die Gegenwart herangezogen werden.

April lebt in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, kann davon aber nicht leben und hat daher diverse Jobs, um sich und ihren Sohn Julius zu ernähren. Sie, die sich ihr Leben lang als Außenseiterin gefühlt hat, lernt Ludwig, einen literarisch ambitionierten Mediziner, bei einer Lesung „Kunst als Medizin“ in einer Galerie auf der Reeperbahn kennen. Sie liest dort eigene Texte. Ludwig spricht sie an und wirbt gleich heftig um sie, die er schon bald „mein Mädchen“ nennt.

„Aus Hamburg ruft er sie stündlich an. … Als er ihr erzählt, dass er nicht mehr schlafen kann, nicht arbeitet, nur liebeskrank auf seinem Bett liege und an sie denke, ist sie geschmeichelt, aber auch erschrocken über sein Tempo. … Ludwigs Werben lässt sie gar nicht zum Luftholen kommen, macht sie übermütig.“ Dennoch fühlt sie „sich mit ihm eingebunden ins Leben wie selten zuvor.“

Die Beziehung zu Ludwig lässt ihre inneren Dämonen, das Gefühl von Heimatlosigkeit teilweise verstummen. Das macht April glücklich – zumindest für kurze Momente. Dennoch scheint es ein trügerisches Glück zu sein, erkennbar auf jeden Fall für den Erzähler dieses Romans, dessen Anmerkungen den aufmerksamen Leser schon zu Beginn skeptisch werden lässt, wenn er liest:

„Wenn sie miteinander schlafen, sieht er ihr in die Augen, als wolle er mit ihr verschmelzen, aber mehr noch, als müsse er sich in dieser Spiegelung vergewissern, dass er überhaupt existiert. Er scheint sich selbst ganz und gar unvertraut. Auch sie ist sich unvertraut. Gibt es die Möglichkeit, dass zwei Unvertraute miteinander vertraut werden?“

Was Ludwig will, ist offensichtlich: Er will ein Kind mit ihr, will sie heiraten und will, dass sie zu ihm nach Hamburg zieht, wo er an seiner Karriere arbeitet.

„Was will April? Ihr Buch ist erschienen, die Kritiken sind gut. Doch sie spürt weder Freude noch Stolz, als wäre sie gar nicht gemeint.“ Sie zieht mit Julius zu Ludwig nach Hamburg. „April ist in einer Nacht-und Nebel-Aktion verschwunden, ist einfach abgehauen, hat das Leben in Berlin wie eine Haut abgestreift und weiß nun nicht wohin mit ihrer Sehnsucht.“

Mit einem Mal ist gefühlt vieles anders und das nicht nur, weil April schwanger ist. Sie entdeckt auch, dass Ludwigs Erzählungen über sein Leben in weiten Teilen seiner Phantasie entsprechen und wenig Realitätsgehalt aufweisen. Hinzu kommt, dass Ludwig kaum Kritik an sich aushalten kann und mit Wutanfällen reagiert, fühlt er sich doch durch die geringste Kritik infrage gestellt. April fühlt sich ungeliebt. Ludwig hat aufgehört, sich um sie zu kümmern. Vielmehr setzt er sich nach seinem langen Arbeitsalltag vor den Computer, schaut Horrorfilme und spielt gewaltträchtige Computerspiele. Um Nähe zu erleben, schaut sie sich zunächst noch mit ihm diese Filme an.

Doch sie kann nicht verhindern, dass sie zunehmend in einem „Friedhofsgefühl“versinkt , „Nachmittage aus Zement“ erlebt und sich häufig müde und „angeekelt vom Ewiggleichen“fühlt. Versucht sie zu schreiben, dann werden ihre Gedanken schwer wie Blei. Zu ihrem Sohn Julius findet sie ebenfalls keinen Zugang. „Wie soll sie ihm Geborgenheit geben, die sie selbst nicht empfindet.“

Statt miteinander vertraut zu werden, leben sie sich immer mehr auseinander. Die Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Samuel hat ihre Entfremdung nicht aufhalten können. Beide fühlen sich vom jeweils anderen enttäuscht, unverstanden und ungeliebt. Trennung, Scheidung und kleinlicher Rosenkrieg sind die Folgen.

In unsentimentaler, präziser Sprache wird die Beziehung zwischen Ludwig und April aus Aprils Perspektive in der dritten Person geschildert, mit inneren Monologen, etwa mit ihren Dämonen Rosemarie, Riff Raff und Faye, deren Anwesenheit sie trotz ihrer Tabletten wahrnimmt.

Der Roman ist das Portrait einer verletzten, einsamen Frau, die mit sich und dem Leben, wie es ist, nicht wirklich klar kommt, sich Erlösung durch den geliebten Mann erhofft, aber „vom Regen in die Traufe kommt“.

Nach der Trennung von Ludwig gibt es „Momente, da spürt sie eine Verbindung mit sich und dem Leben“ und sie kann sich vorstellen, auch wieder zu schreiben. Den ersten Satz hat sie schon: „Scheiße fliegt durch die Luft.“

Angelika Klüssendorf, Jahre später, Roman, Kiepenheuer&Witsch, Köln 2018, 157 S., ISBN 978-3-462-04776-9

Montag, 19. Februar 2018 | Kategorie: Allgemein, Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Gestern: Kälte mit Sonnenschein.
Ich habe mich auf den Weg gemacht und bin reichlich beschenkt worden.
Schönheit, wohin das Auge blickte, meist lag es direkt vor meinen Füßen.

Diese zeitlose, immer wieder zu bestaunende Schönheit hat Benn in seinem Gedicht Rauhreif 1912 treffend festgehalten:

Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.
Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

(Gottfried Benn)

Sonntag, 18. Februar 2018 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos, Zitate | Kommentare (6)


„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.“

(Sören Kierkegaard)

Dieses Zitat stammt aus der heutigen, wirklich hörenswerten Sendung „Lebenszeichen“mit dem Titel: Die Möglichmacher. Fluchtburg und Ruhepol. Über das Phänomen des Schweigens.

Samstag, 17. Februar 2018 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

(Friedrich Hölderlin)

Freitag, 16. Februar 2018 | Kategorie: Aufgelesen | Kommentare (2)

„Nichts eilt mehr. Das beliebte Gesellschaftsspiel namens Stress, bei dem es darum geht, einen Tag so geschickt zu packen wie einen Koffer, damit möglichst viel hineinpasst, ist für sie einstweilen beendet.“

(aus: Juli Zeh, Leere Herzen, München 2017, S. 249)

Donnerstag, 15. Februar 2018 | Kategorie: Fotos, Rezensionen | Kommentare (1)

„Leere Herzen“ ist nach „UNTERLEUTEN“, der aktuelle Roman Juli Zehs.

Der Roman spielt in der Nähe von Braunschweig in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts, also in der Zukunft Deutschlands, in der es mit der Demokratie nicht zum Besten steht, da „demokratieverdrossene Nicht-Wähler Wahlen gewinnen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören“, es kaum noch Zeitungen gibt und wenig Menschen, die sich (politisch) noch für irgendetwas engagieren. Angela Merkel ist – nach erzwungenen Neuwahlen – zurückgetreten:

„Der Augenblick, als Angela nach offizieller Verkündung des Wahlergebnisses vor die Kamera trat und die Verantwortung für das starke Ergebnis der BBB übernahm. Sie formte die Hände zur Raute und erklärte in ihrer unterkühlten, leicht lispelnden Art, dass sie im heutigen Wahlergebnis nicht nur eine Katastrophe für Deutschland, sondern das Scheitern ihrer persönlichen Laufbahn sehe. Unter den Buh-Rufen einiger anwesender Journalisten brach die selbstbeherrschte Fassade der Ex-Kanzlerin schließlich zusammen. Eine Träne lief ihr über das Gesicht, während sie, die Zwischenrufe übertönend, ins Mikrofon rief: ‚Ich wünsche unserem Land, ich wünsche uns allen Glück!‘ Dann verließ sie das Podium, die Schultern hochgezogen, und wirkte dabei plötzlich wie eine alte Frau.“

In dieser gesellschaftlichen Situation, „in völliger Übereinstimmung mit dem Zeitgeist“ leitet Britta mit ihrem Kollegen Baba, unterstützt von Lassie, ihrem Computer, die Brücke, eine „Heilpraxis für Selbstmordprävention“. An ihre Praxis wenden sich Menschen mit Selbstmordabsichten, die sich einem ausgeklügelten Prüfsystem unterziehen müssen, mit dem sichergestellt werden soll, ob die Suizidgedanken wirklich ernst gemeint sind. Waterboarding ist da nur ein Test, den die Kandidaten bestehen müssen. Durchlaufen sie die Tests erfolgreich, werden sie gegen hohe Geldprovisionen an Organisationen vermittelt, die sie für ihre Ziele als Selbstmordattentäter einsetzten, so dass für sie ihr Selbstmord letztendlich noch Sinn macht:
„Als erster und einziger Terrordienstleister der Republik hat die Brücke die Branche befriedet und stabilisiert. Sie sorgt für das richtige Maß an Bedrohungsgefühlen, das jede Gesellschaft braucht. Und sie hat Babak und Britta ziemlich reich gemacht.“

„Britta liebt ihre Arbeit. Sie hat viel mit Menschen zu tun, lebt selbstbestimmt und tut eine Menge Gutes. Die Rettung von potenziellen Selbstmördern macht mit Abstand den größten Teil ihrer Tätigkeit aus.“ Denn diejenigen, die die Tests nicht bestehen, sind glücklich, dass die durch das Prüfungsverfahren ihren Sinn im Leben (wieder)gefunden haben und am Leben bleiben wollen.

Diese Dankbarkeit drücken sie Britta gegenüber mit viel Geld aus. So oder so ein gewinnbringende Geschäftsidee. Wenn da nur nicht Brittas ständige Übelkeit wäre, die sich massiv verstärkt, als in Leipzig ein Attentat passiert, ohne dass sie davon gewusst hat, es also nicht ihre Kandidaten sind, die dort eingesetzt wurden. Ab da läuft der so disziplinierten, strukturierten Britta so einiges aus dem Ruder, vor allem, als ihre Kleinfamilie in Gefahr gerät.

Britta vollführt zum Ende des Romans hin eine kaum nachzuvollziehende Wandlung von der selbständigen Geschäftsfrau hin zu einer Ehefrau und Mutter, die damit zufrieden scheint, ihre eigenen vier Wände sauber zu halten, neue Rezepte auszuprobieren und den Mann das Geld verdienen zu lassen.

Das neue Familienideal?

Es wird indirekt vieles angeprangert, etwa die Demokratieverdrossenheit, die „leeren Herzen“, sprich fehlende Ideale, für die es sich zu engagieren lohnt, und die damit einhergehende Ichbezogenheit der Menschen. Doch letztlich ist die Romanhandlung eine Art Krimi, in dem es um eine konkurrierende Bande geht, die der Brücke Schaden zufügen will.

Der Roman lässt mich gruseln angesichts dieses gesellschaftlichen Szenarios, das so undenkbar gar nicht ist, ermöglicht aber auch nicht ansatzweise eine Aussicht auf mögliche (gesellschaftliche) Veränderung. Der Rückzug ins Private scheint mir keine zu sein. Doch vielleicht ist es nicht Aufgabe eines Schriftstellers, Lösungen zu suchen, zu finden und anzubieten, sondern Sache engagierter Leser/Bürger und Politiker.

Juli Zeh, Leere Herzen, Roman, Luchterhand Verlag, München 2017, 348 S., ISBN 978-3-630-87523-1

Mittwoch, 14. Februar 2018 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Aufgelesen | Kommentare (4)


„Bedenke Mensch, dass du Staub bist!“

Dieser Aufruf zur Fastenzeit sollte uns nicht davon abhalten zu lieben ;)
Beides ist möglich, es ist kein:
entweder … oder,
sondern ein:
sowohl … als auch.

Die Synthese daraus ist sicher machmal nicht einfach.