Dienstag, 3. März 2015 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Aufgelesen | Kommentare (0)

Auf die Bedeutung eines Küchentisches habe ich schon einmal in einem Text hingewiesen. In Anna Quindlens Roman “Ein Jahr auf dem Land” kann man eine Esstisch-Hymne lesen, an dem sogar zarte Bande entstehen können:

“Im Haus eines alleinlebenden Menschen wird der Esstisch zum Universum, in verschiedene Bezirke unterteilt: einer für die Post, einer für die Arbeit, wenn es denn welche gibt, und ein kleines Fürstentum, das gerade Platz genug für einen Teller, eine Schüssel und eine Gabel bietet. Rebecca musterte ihren Tisch im blassgelben Licht der Lampe und sah ihr Leben in all seiner Einsamkeit vor sich, und als Jim Bates aufblickte, sah sie den Widerschein davon in seinem Gesicht.” (a.a.O. S. 197)

Dienstag, 3. März 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (1)

Die Fotografin Rebecca Winter hat Geldsorgen. Lange hatte sie von den Einnahmen eines ihrer Fotos leben können. Doch sie hat den Zenit ihrer Karriere als Fotografin offensichtlich überschritten. Ihr Name ist nicht mehr in aller Munde.

Sie mietet sich in einem kleinen, preiswerten Haus auf dem Lande ein, um ihr teures Appartement in New York zu vermieten, von der Differenz zu leben und noch ihre alten Eltern zu unterstützen.

Täglich überprüft sie sorgenvoll ihr Konto, unternimmt Wanderungen – die Kamera immer im Gepäck – in die nähere Umgebung und merkt, dass sie zunehmend kräftiger und ausdauernder wird und sich auch sonst an das Landleben und an die Leute gewöhnt. Dennoch fühlt sie sich oft sehr allein und isoliert.

Jim Bates, der Dachdecker des Dorfes, der gleichzeitig auch als Vogelobservator arbeitet, verschafft ihr einen Job als Tierfotografin für eine Behörde, zu einem Preis, für den sie früher nicht angetreten wäre. Jetzt ist sie froh, garantiert ihr die Einnahme doch eine gewisse Unabhängigkeit. So begleitet sie Jim also bei seinen Observationen. Doch sie fotografiert auch zahlreiche kleine Kreuze, die sie auf ihren Wanderungen findet, mit stets anderen “Dekorationen” am Fuße des Kreuzes. Was es damit auf sich hat, erfährt sie erst viel später, als sie und Jim schon ein Paar sind, kritisch beäugt von ihrem Sohn und dem ganzen Dorf, denn sie ist Anfang sechzig und er Mitte vierzig.

Rebecca Winter findet wieder einen Verleger, der ihre Fotos veröffentlichen will. Ob sie wieder “in aller Munde” sein wird, interessiert sie nicht mehr wirklich. Sie lebt mittlerweile ganz auf dem Land.

Es ist ein typisch amerikanischer Unterhaltungsroman locker, leicht geschrieben und ebenso zu lesen, natürlich mit Happy End, was unschwer schon nach einigen Seiten zu erkennen ist.

Anna Quindlen, Ein Jahr auf dem Land, a.d.Engl.v. Tanja Handels, DVA München 2015, 318 S., ISBN 978-3-421-04666-6

Montag, 2. März 2015 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (4)

Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im übrigen ist es still.

Es stecken die Spargel aus Dosen
Die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich künstliche Rosen
In Faschingsgirlanden empor.

Ein Etwas, wie Glockenklingen,
Den Oberkellner bewegt,
Mir tausend Eier zu bringen,
Von Osterstören gelegt.

Ein süßer Duft von Havanna
Verweht in ringelnder Spur.
Ich fühle an meiner Susanna
Erwachende neue Natur.

Es lohnt sich manchmal, zu lieben,
Was kommt, nicht ist oder war.
Ein Frühlingsgedicht, geschrieben
Im kältesten Februar.

( Joachim Ringelnatz)

Montag, 2. März 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Das Lesen des Romans zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht. Er kommt mit einer Leichtigkeit, mit Humor, feiner Ironie, Wortspielen und Neologismen daher, die einen durch den Roman tragen, unterhalten und gute Laune machen.

Vier in Paris lebende, ältere Männer – Alain, Ramon, Charles und Caliban – sind allesamt auf der Suche nach guter Laune, nach Aufmerksamkeit und der Frage, worin eigentlich (noch) ihre Bedeutung liegen könne. So unterschiedlich sie sind, eint sie doch die Frage, wie, wo sie fündig werden.

Der Ich-Erzähler begleitet sie – jeder ein Kauz für sich – kennt ihre (erotischen) Träume, ihre Sorgen und Nöte und teilt diese mit dem Leser, den er teilweise direkt anspricht, um ihm seine Erzählweise erläutert.

Diese besteht nicht in linerarem Erzählen einer Geschichte, sondern setzt sich aus verschiedensten Elementen zusammen: aus Alltagssituationen, Träumen, Sehnsüchten, inneren Monologen, Geschichts-Anekdoten über Stalin, Chruschtschow, Kant, Hegel und Schopenhauer, Reflexionen über Menschenrechte und die erotischen Zonen der Frauen, die Alains Ansicht nach klassischer Weise in Schenkel, Hintern und Busen liegen und auf jeden Fall um den Nabel erweitert werden müssten.

Hört sich unvereinbar an? Chaotisch? Ist es aber nicht. Federleicht schwebt man durch diesen Roman, ist Zuschauer eines Festes, das skurriler nicht sein kann. Ob man sich Ramons Fazit anschließt, mag jeder für sich entscheiden:

“… die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall uns immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Das erfordert oft Mut, sie unter so dramatischen Umständen zu erkennen und bei ihrem Namen zu nennen. Aber es geht nicht nur darum, sie zu erkennen, man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen sie zu lieben.”

Dieser Roman ist einer der wenigen, die ich sofort noch einmal lesen würde und werde!!

Milan Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit, a.d. Franz.v. Uli Aumüller, Carl Hanser Verlag, München 2015, 140 S., ISBN 978-3-446-24763-5

Sonntag, 1. März 2015 | Kategorie: Zitate | Kommentare (2)

Wir brauchen nicht so fortzuleben,
wie wir gestern gelebt haben.
Macht euch nur von dieser Anschauung los,
und tausend Möglichkeiten
laden uns zu neuem Leben ein.

(Christian Morgenstern)

Samstag, 28. Februar 2015 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

“Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert. Vielleicht merken die Menschen es nicht gleich, aber das ist egal. Die Welt hat sich trotzdem verändert.”

Die Kapitelüberschriften verweisen auf die drei Dimensionen, in denen Dinge zusammengebracht werden können, die vorher nicht zusammen waren:
“Die Sünde der Höhe”,
“Auf ebenen Bahnen” und
“Der Verlust der Tiefe”.

Es geht vordergründig zunächst ums Ballonfahren und die ersten Luftaufnahmen sowie um Roziers ersten gescheiterten Versuch, mit einem neuartigen Aerostat den Ärmelkanal von Frankreich nach England zu überfliegen. Und doch geht es eigentlich immer um menschliches Leben, um die Liebe,

“die zwei Menschen zusammmenbringt, die vorher nicht zusammengebracht wurden. Manchmal ist es wie jener erste Versuch, einen Wasserstoffballon an einen Heißluftballon zu koppeln: Man hat die Wahl zwischen abstürzen und verbrennen oder verbrennen und abstürzen. Aber manchmal funktioniert es, und etwas Neues entsteht und die Welt hat sich verändert.”

Das letzte Kapitel ist die Geschichte einer Liebe, die Liebe Barnes zu seiner Frau Pat, der das Buch auch gewidmet ist. Es ist eine Liebesgeschichte, die vom Ende her erzählt wird:

“Dann wird irgendwann, früher oder später, aus dem einen oder anderen Grund, einer von beiden weggenommen. Und was weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher dagewesen war. Mathematisch mag das nicht möglich sein, aber emotional ist es möglich.”

Ein Wendekreis ist überschritten, eine neue Realität beginnt, auf die man sich nicht vorbereiten kann: Die Welt des Schmerzes, des Leids, der Trauer um den geliebten Menschen beginnt und die Suche nach einem Umgang mit dem Leid. Wie lernt man, mit etwas umzugehen, das fehlt, das aber dennoch vorhanden ist?

“Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen. Wenn jemand tot ist, heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.”

Dieses Büchlein ist eine schriftstellerische Form von Trauerarbeit, die genau diese – oft metaphorisch und mit Hinweisen auf die vorherigen Ballonfahrerkapitel – thematisiert. “Lebensstufen” macht begreifbar, welche Kluft an Verständlnislosikeit zwischen denen entstehen kann, die den Wendekreis überschritten haben und denjenigenen, denen es bisher erspart geblieben ist, diesen Schritt tun zu müssen.

Vor allem das letzte Kapitel kann Trauernden ein Angebot sein, sich selbst zu verstehen, denn das Fassungslose wird ausgesprochen, wozu man als Trauernder zu Beginn nicht in der Lage ist. Es kann Hilfestellung sein, sich im Leben nach der Wende zu orientieren. Es könnte zudem Nicht-Trauernden dazu bringen, mehr Verständnis für Trauernde aufzubringen und gut gemeinten Ratschläge, die dummen Fragen, ob man denn noch nicht darüber hinweg sei, zu unterlassen.

Es ist ein bewegendes, berührendes Buch, im letzten Kapitel eine Liebesgeschichte, wie sie nicht oft erzählt, aber sicher oft erlebt wird.

Julian Barnes, Lebensstufen, a.d. Engl. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 143 S., ISBN 978-3-462-04727-1

Freitag, 27. Februar 2015 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (1)

Schlägt Regen auf dein Licht, er kanns nicht löschen,
Bläst Wind auf deinen Glanz, wird er nur reiner,
Und flögest du empor in Himmelsferne,
Dem Monde nah wärst du der Sterne einer.

(Li-Tai-Pe)

Freitag, 27. Februar 2015 | Kategorie: Denk-Würdiges, Fotos | Kommentare (2)

Denk Dir ein Bild – weites Meer.
Ein Segelschiff setzt seine weißen Segel und
gleitet hinaus in die See.
Du siehst wie es kleiner und kleiner wird.
Wo Wasser und Himmel sich treffen,
verschwindet es.

Da sagt jemand: “Nun ist es gegangen!”
Aber ein anderer sagt: “Es kommt!”
Der Tod ist ein Horizont
und ein Horizont ist nichts anderes als die
Grenze unseres Sehens.

Wenn wir um einen Menschen trauern, freuen
sich andere, die ihn hinter dieser Grenze
wieder sehen.

Sandra Schadek
*25.September 1971
+18.Januar 2015

Wir sind unendlich traurig.
Anne
Nina, Mirko, Luca und Lana

Ich habe erst heute mitbekommen, dass sie gestorben ist, als ich die Todesanzeige auf ihrer Seite gesehen habe.
(Mit einem Klick auf ihren Namen, könnt ihr die Anzeige mit ihrem farbigen Hintergrund sehen.)

Ohne sie persönlich gekannt zu haben, werde ich sie als mutige Frau in Erinnerung behalten, die sich ihrem Leben und ihrem Schicksal gestellt hat, nachzulesen in ihrem Buch “Ich bin eine Insel.”

Donnerstag, 26. Februar 2015 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

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Der Strom – floß,
Der Mond vergoß,
Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß
Beim Weine.
Die Vögel waren weit,
Das Leid war weit
Und Menschen gab es keine.

(Li-Tai-Pe)

Mittwoch, 25. Februar 2015 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches, Aufgelesen | Kommentare (2)

Ein Hinweisschild in einer Toilette klärt auf:

REICHTUM ist der Besitz einer Klobürste.

KULTUR ist, sie auch zu benutzen!