Donnerstag, 30. Oktober 2014 | Kategorie: Denk-Würdiges, Merk-Würdiges | Kommentare (2)

Der Zen-Meister Ikkyu wurde einmal aufgefordert, die Grundregeln der höchsten Form der Weisheit aufzuschreiben. Er schrieb nur ein Wort: Aufmerksamkeit.
Der Besucher war nicht zufrieden. “Ist das alles?”
Und Ikkyu tat ihm den Gefallen. Diesmal zwei Wörter.
Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit.

(gefunden in: Jenny Offill, Amt für Mutmaßungen, DVA, S.160)

Mittwoch, 29. Oktober 2014 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (1)

Der Roman hat mich thematisch an “Szenen einer Ehe” erinnert und ist doch ganz anders.

“Amt für Mutmaßungen” ist assoziativ, mosaikartig, fast im Stil eines persönlichen Tagebuchs geschrieben, in dem man vieles unkoordiniert festhält: Zitate, Gedichte, Lieder, eigene Gedankensplitter und Fragen, die einem durch den Kopf rasen, Zeitungsausschnitte, Aphorismen bekannter Philosophen, Schriftsteller oder auch Wissenschaftler. Auf diese Weise erhält der Leser aus der Perspektive der Frau, die mal als Ich-Erzählerin auftritt, mal stärker distanziert als personaler Erzähler, Einblick in die Ehe von “der Frau” und “dem Mann” und “der gemeinsamen Tochter”.

Uns so fing alles, fängt auch der Roman, an:
“Antilopen sehen zehnmal besser als wir, sagtest du. Das war der Anfang, oder beinahe. Es bedeutet, dass sie in einer sternklaren Nacht die Ringe des Saturn sehen können.

Es sollte noch Monate dauern, bis wir einander alles erzählten. Und selbst dann schien manches so geringfügig, dass es die Mühe nicht lohnte. Warum tauchen diese Geschichten nun aus meiner Erinnerung auf? Nun, da ich es alles so leid bin.”

Der Traum, “Kunstergomanin” zu werden, ist im Alltag untergegangen. Statt einen neuen Roman zu schreiben, ist sie als Ghostwrighterin eines “Möchtegernastronauten” beschäftigt, um den Lebensunterhalt zu verdienen, oder sitzt stundenlang mit der Tochter in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Denn: “Schmuckperle in der Nase ist gleich niedrigste Notfallstufe.”

Früher haben sich die Frau und der Mann “einander Briefe geschickt. Die Adresse war immer die gleiche: Amt für Mutmaßungen.”

Die Briefe gibt es noch, das Briefeschreiben nicht mehr. Statt dessen spielen die beiden in dem “Kleinen Theater verletzter Gefühle” ihre Rollen, in der mal sie eine Nacht im Hotel verbringt, mal er sagt, “er würde es gerne mit einer Trennungszeit versuchen.”

Ja, und als Zuschauer gibt es da noch die wohlmeinenden Freundinnen, den verständnisvollen Philosophen mit ihren unterschiedlichen Ansichten, je nachdem ob sie verheiratet sind oder Single, und die Psychologin der Frau , die da meint: “‘Sie können sich genauso gut gleich scheiden lassen.’”

Ja und hier ende ich, denn selbst lesen ist interessanter. Und die Spannung will ich zukünftigen Lesern nicht nehmen. Ein erfrischend unkonvetionell geschriebenes, sehr lesenswertes Buch.

Jenny Offill, Amt für Mutmaßungen, a.d. Englischen von Melanie Walz, DVA München 2014, 161 S., ISBN 978-3-421-04622-2

Mittwoch, 29. Oktober 2014 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (1)

Leben ist das Einatmen der Zukunft.

(Pierre Leroux)

Oder ist es nicht eher: Einatmen der Gegenwart? Wie auch immer: Ich wünsche euch für alle Zeiten einen “langen Atem”;)

Dienstag, 28. Oktober 2014 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (2)

Es ist ein leises, ein berührendes, ein liebevoll geschriebenes Buch, das der Schriftstellerin und Journalistin da gelungen ist.

Schon der Inneneinband ist verheißungsvoll und macht neugierig. Auf handgeschriebenen Listen mit unterschiedlich farbigen Kugelschreibern sind Fotos von diversen Gegenständen abgebildet. Man sieht ein Auto, ein knieendes Porzellanpferd, eine Kreamikfigur etc. und kann zunächst nichts damit anfangen. Nach der Lektüre weiß man: Sie symbolisieren ein ganzes Familienuniversum.

“Ich war schon lange darauf vorbereitet, dass der Tag kommen würde, aber nur als ein Tag in ferner Zukunft. Der Tag kommt am Samstag, dem 13. November 2010, mit tiefstenender, weißlicher Sonne hinter den Bäumen am Straßenrand, mit Frostdunst über dem Fjord, mit morgenoptimistischen Stimmen aus dem Autoradio und einem Kaffeebecher mit Kunststoffdeckel im Gestell unten neben der Gangschaltung. Ich bin vorbereitet, überwältigt und nachdenklich.”

Cecilie ist auf dem Weg zu ihrem Elternhaus: “Den Kiesweg zum Haus bin ich unendlich oft gegangen, jetzt denke ich, dass es bald das letzte Mal sein wird. Für meine Mutter war es schon das letzte Mal, nur sie selbst weiß das nicht.”

Ein Container steht vor dem Haus, das verkauft werden soll, denn die Mutter lebt seit einiger Zeit als Alzheimerpatientin in einem Pflegeheim und erkennt die eigene Tochter nur noch selten.

Was soll weggeschmissen werden, was nicht? Wer will was behalten?
“Und jedes Mal sagt meine Schwester:’Wie schön, dass du es haben willst. Nimm es ruhig. Wunderbar!’
Aber ich will das Teil ja gar nicht,ich will nur nicht, das es verschwindet, ich will dass es im Haus bleibt.’ ”

In einer Schublade findet die Ich-Erzählerin Geschenklisten ihrer Mutter, die diese akribisch über Jahrzehnte hinweg geführt hat. Diese Geschenke, für die allein die Mutter zuständig war, rufen mannigfaltige Erinnerungen in Cecilie wach, an Menschen, oft bereits verstorben, an Situationen mit den Eltern, den Geschwistern, den unkonventionellen Großeltern und mit einen Großonkel, der lange in Amerika gelebt und gearbeitet hat und dann verarmt zurückgekommen ist, weil sein gespartes Geld über Nacht einfach nichts mehr wert war. Diese Erinnerungsfetzten lassen vor den Augen des Lesers mosaikartig das Bild einer norwegischen Familie über mehrere Generationen hinweg entstehen.

Besuche im Pflegeheim bei der dementen Mutter, die einst so akribisch geplant und ihr Leben gestaltet hat im Widerstand gegen alle möglichen Gegebenheiten, von einigen wurde sie als die “Neinsagerin” bezeichnet, sind für Cecilie zunächst sehr, sehr schwierig. Sie verucht immer wieder zu argumentieren, der Mutter auch zu widersprechen. Doch diese Welt ist der Mutter für immer verschlossen.

Als Cecilie beginnt, Gegenstände aus dem Haus mitzubringen, mit der Mutter Lieder zu singen, verhilft sie dieser ab und zu den Übergang aus der tristen Welt im Pflegeheim in die heimeligere Welt der Erinnerungen zu schaffen. Und eine andere Form der Begegnung wird möglich.

Ein berührendes Bich, das nicht ein einziges Mal Gefahr läuft kitschig oder verklärend zu wirken. Ein Buch, dem man viele LeserInnen wünscht.

Cecile Enger, Die Geschenke meiner Mutter, a.d. Norwegischen von Gabriele Haefs, DVA München 2014, 266 S., ISBN 978-3-421-04652-9

Montag, 27. Oktober 2014 | Kategorie: Denk-Würdiges, Zitate | Kommentare (4)

Folge deinem Herzen, solange du lebst,
und tue nicht mehr, als man dir aufträgt.
Verkürze nicht die Zeit für deine Vergnügungen,
hör mal auf, dich um das Haus zu kümmern.

(Ptahhotep, gefunden bei mass u. mitte)

Sonntag, 26. Oktober 2014 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (4)

Gestern noch einmal den Rasen gemäht, ein Rotkehlchen in Sichtweite. Das gefällt mir. Wilhem Busch hat es sogar bedichtet:

Rotkehlchen auf dem Zweige hupft,
wipp, wipp!
Hat sich ein Beerlein abgezupft,
knipp, knipp!
Lässt sich zum klaren Bach hernieder,
tunkt Schnäblein rein und hebt es wieder,
stipp, stipp, nipp, nipp!
Und schwingt sich wieder in den Flieder.

Es singt und piepst ganz allerliebst,
zipp, zipp, zipp, zipp, trill!
Sich eine Abendmelodie.
Steckt´s Köpfchen dann ins Federkleid
und schlummert bis zur Morgenzeit.

(Wilhelm Busch)

Samstag, 25. Oktober 2014 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Die Kategorie “Lebenskunst-Roman” ist mir – ehrlich gesagt – noch nicht untergekommen. Der Titel “Wolfs letzter Tag” setzt eher Assoziationen von “einsamer Wolf”, “Tod und Sterben” frei als von “Leben” oder gar “Lebenskunst”.

Der Roman ist die Geschichte von Wolf dem Wolf, einem ehemaligen Leitwolf, dessen Tag gekommen ist, an dem er sein Rudel verlassen muss, um zu sterben. Wobei dieses Wort lange vermieden wird. “Jetzt ist es also soweit, denkt er. Ab Morgen muss der Wald ohne mich klar kommen.” Ganz schön selbstherrlich.

Und so hat er regiert. Die, die seine (weltanschaulichen) Ansichten nicht teilten, mussten sich unterwerfen oder das Rudel verlassen. Von den anderen ist er verehrt und respektiert worden. Denn er hat verstanden, dass er ohne das “Einverständnis der anderen” kein Oberhaupt sein kann.
Und Oberhaupt zu sein bedeutet für ihn:
- sich “selbst gestatten, den anderen den Weg zu weisen. … Dann – nur dann – folgen sie mir.”
- sich selbst zu respektieren, denn nur dann “begegnet man mir mit Respekt.”
- und einem Gesetz zu folgen das lautet:
“Wem das Leben eine Aufgabe stellt, dem schenkt es auch die Kraft, die er dafür benötigt. Immer! Ganz gleich, wie schwer die Aufgabe ist.” (Viktor Frankl lässt grüßen!)

Seine Leitwolfaufgaben hat er beizeiten seinem Sohn übertragen, “natürlich” mit großer Skepsis gegenüber dessen Neuerungen. Doch dieser grenzt sich sehr selbstbewusst ab, indem er erwidert: “Du hast auf deine Weise geführt. Ich tue es auf meine.” Wolf wertet es als “Wahn …, alles besser zu wissen” ab. Noch sind ihm “Selbstreflexion und – kritik” Fremdworte.

Dem üblichen Abschiedsritual entzieht er sich, da er keine Abschiedsrede halten will. Diese Aufgabe übernimmt dann – bezeichnender Weise – seine Tochter, obschon Wolf der Meinung ist, die Rüden hätten zu regieren, um die Weibchen zu schützen.

Danach begibt er sich auf seinen letzten Weg und begegnet Tieren, die seinen Zustand erkennen und sich daher trauen, ihm Fragen stellen: Wie es ihm beim Töten ergangen sei, ob er Angst kenne, was wäre, wenn er sein Leben verlängern könne.

Eben “Lebenskunstfragen”.
Oft ist er – zur Verwunderung der Fragenden – ratlos, weiß keine Antwort.

Im Übergang zum Moor betritt Wolf dann ein Reich ohne Geräusche, ohne Schatten und wird von einer Schlange empfangen, mit der er seine Zweifel hinsichtlich der “Großen Wölfin” diskutieren will. Doch ihre Antworten werfen ihn immer wieder auf ihn selbst zurück.

Kinder könnten die Verlegung ins Tierreich sicher ansprechend finden zumal die Sprache einfach ist und sehr oft auf bekannte Redeweendungen zurückgreift und Allgemeinplätze verwendet. Oder auch Erwachsene, die ihnen diesen Roman vorlesen und selbst gleichnishafte und mythische Darstellungen bevorzugen.

Oliver Bantle, Wolfs letzter Tag. Ein Lebenskunst-Roman, Tigerbaum Verlag, Freiburg 2014, 113 S., ISBN 978-3-9815172-8-6

Freitag, 24. Oktober 2014 | Kategorie: Allgemein, Denk-Würdiges | Kommentare (5)

“Habseligkeiten” wurde vom deutschen Sprachrat vor 10 Jahren als das schönste deutsche Wort gewählt.
“Geborgenheit” kam auf 2.Platz.

Als Reaktion auf das schönste deutsche Wort wurde 2006 das erste Mal das schönste bedrohte deutsche Wort gekürt. Die Wahl fiel auf “Kleinod”.

Welches sind eure Wort-Kleinode?

Donnerstag, 23. Oktober 2014 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

Was ich suche,
wächst nicht auf den Bäumen.

Die Freunde
führen es nicht im Mund.

Der Hund bringt es nicht mit der Zeitung.

Als Software ist es nicht käuflich.

Und das alles
ist selbstverständlich -
wie die Stille
im Kopf einer Note.

(Rainer Malkowski, Die Gedichte, S. 576)

Mittwoch, 22. Oktober 2014 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

In diesem gut verständlich geschriebenen, übersichtlich strukturierten Sachbuch, geht es Doris Märtens darum, diverse Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich Introvertierte im Privat- und Berufsleben “Gehör verschaffen”. Man liest – m. E. mit einigem Gewinn – entweder das gesamte Buch oder als “eiliger Leser” nur die jeweils zu seinem Verhaltensstil passenden Kapitel, die als Auflistung dem Inhaltsverzeichnis folgen.

Anhand eines Fragenkatalogs kann man sich über die verschiedenen Arten des Leiseseins klar werden. Märtin unterscheidet vier Verhaltensstile:
die Masterminds
die Supersensiblen
die Nerds
die Cocoonern.
Die Auswertung des Testes ist einfach und macht zugleich deutlich, wie sich der individuelle Verhaltensstil zusammensetzt. Eine allgemeine Darstellung der vier Verhaltensstile ergänzt den einleitenden Teil.

In den sich anschießenden Kapiteln geht es zunächst darum, die auch vorhandenen extravertierten Anteile zu entpuppen, die jeweils spezifischen Talente zu sehen und zu leben, sich unterschiedliche Möglichkeiten klar zu machen, schrittweise aus seinem Schneckenhaus herauszukommen und das Privatleben als Kraftquelle und Rückzugsort zu gestalten.

Anschließend wird die eigene Außenwirkung im Privat- wie auch im Berufsleben fokussiert, Möglichkeiten aufgezeigt, seinen Arbeitstag zu entstressen, eigene Führungsstärken zu entdecken und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, ein mögliches Publikum zu entwaffnen, um dann vielleicht sogar den Introvertierten zu “entfesseln”.

Die Kapitel führen zunächst allgemein in das jeweilige Thema ein, um dann für die verschiedenen Verhaltensstile z.T ganz praktische Anregungen zu geben, mit dem jeweiligen Problem kreativ umzugehen und nach eigenen Lösungen zu suchen. Es gibt dick gedruckte, orange unterstrichene Merksätze und am Ende eines jeden Kapitels ein Fazit: “Gedanke to go”, auch orange unterlegt.

Das Buch ist insgesamt ansprechend, anregend und informativ, übersichtlich und klar formuliert. Vom jeweiligen Erkenntnisstand des Lesers hängt es dann ab, wie neu die Informationen sind. Denn neu ist das Thema nicht. Der Anhang: Weiterlesen, -browsen, -schauen enthält dann noch zusätzliche Informationshinweise zum Thema.

Bei einer möglichen Neuauflage sollte dann allerdings die Seitenzählung korrigiert werden, die ab Kapitel 29 um eine Seite verrutscht ist.

Doris Märtin, leise gewinnt. So verschaffen sich introvertierte Gehör. Campus Verlag, Frankfurt/ New York, 2014, 221 S., ISBN 978-3-593-50003-4