Mittwoch, 22. Mai 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (6)


Das Leben ist gut und licht.
Das Leben hat goldene Gassen.
Fester wollen wirs fassen,
wir fürchten das Leben nicht.

Wir heben Stille und Sturm,
die bauen und bilden uns beide:
Dich – kleidet die Stille wie Seide,
mich – machen die Stürme zum Turm…

(Rainer Maria Rilke)

Dienstag, 21. Mai 2019 | Kategorie: Fotos | Kommentare (4)

Montag, 20. Mai 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (4)

Kochen als Trost, Therapie, Möglichkeit, Trauer zu bewältigen und ins eigene, veränderte Leben zurückzufinden? Warum nicht?

Nachdem Ingrid Niemeiers Mann nach 34 Jahren Ehe gestorben ist, hat sie sich zunehmend in ihre Küche zurückgezogen und gegen ihre Trauer angekocht, vor allem mit Zimt, denn „Zimt ist die Ermunterung etwas zu wagen. Zuerst in der Küche, dann sehen wir weiter.“

Kreativ hat sie Rezepte ausprobiert, sich mit sinnlichen Düften umgeben, die sie umarmen, weil sie frohe Erinnerungen wachrufen. Sie merkt für sich, dass das Kochen „die einzige Zeit des Tages ist, in der ich bin. … Die pure Version aus Mandarinen, Zucker und Zitronen ist unschlagbar, Kindheit steigt aus der Tiefe auf. Das ist inneres Leuchten. Der Geruchssinn öffnet Schubladen in den Archiven des Gehirns. Mandarinen: unbesorgte Fröhlichkeit mit Schneeflocken auf der Nase.“

Doch Kochen, Einkaufen machen auch ihr Alleinsein deutlich, etwa wenn sie im Mai Spargel auf dem Markt sieht, für den immer ihr Mann zuständig war. Und ihr wird zudem deutlich, dass seine Zubereitungsart nicht wirklich ihre war:

„Ich will den Spargel nicht mit Sößchen und Kartöffelchen zubereiten. Musst du gar nicht! Da sticht die Realität wieder zu: Du kannst ab jetzt für immer alles so machen, wie du es willst. Der Spargel ist die lächerlichste Verdeutlichung dieser zweifelhaften Freiheit. Keine Butter mehr, kein Parmesan, kein kleines Steak und kein gehacktes Ei. Ich mache grünen Spargel mit Olivenöl im Ofen auf Kartoffelpüree. Ich backe weißen Spargel mit Rosmarin und Zitronenscheiben zu rohem Babyspinat und gerösteten Brotwürfeln. Grüner Spargel mit Miso-Sauce, Spargel Pannacotta und Spargel Gazpacho, Spargel mit Bratwurst und Himbeer-Rettich, weißer Spargel mit Linsen und Erbeerpüree, grüner Spargel mit Aprikosen.“

Sie hat schon recht bald eine Art Kochtagebuch angelegt, eine Kombination aus Rezepten und Notizen über die eigene Befindlichkeit. Und sie merkt nach einem Jahr, dass zwar ihre Trauer nicht wie erhofft vorbei ist. Doch sie kann dennoch feststellen: „Ich halte mich jetzt besser aus. Das macht es den anderen leichter, bin nicht mehr bis an die Zähne mit Schmerz bewaffnet.“ Sie bilanziert ihre Küchentätigkeiten: Und diese Bilanz lässt sich sehen.

Dieses besondere Kochbuch. In 22 Kapiteln findet der Leser ihren Trauerprozess , teils humorvoll, ironisch mit wunderbaren Vergleichen beschrieben, kombiniert mit sehr ungewöhnlichen Rezepten und Anmerkungen von David Roth, einem Beerdigungsunternehmer aus dem Bergischen, der als Trauerbegleiter in seiner privaten Trauerakademie ungewöhnliche Wege geht und u.a. die Idee seines Vaters umsetzt, Kochkurse für Trauernde anzubieten.

Für ihn steht das das Verbindende des Kochens im Vordergrund, das gemeinsame Einkaufen, Kochen und anschließende Genießen und das sich Erinnern. Er verbindet die Arbeit an diesem Buch mit der Hoffnung, „dass ein bisschen vom Geist dieser Kochkurse in diesem Buch steckt und Sie über das sinnliche Kocherlebnis Schritt für Schritt zurück ins Leben finden.“

Es ist ein schön gestaltetes Buch, die Beiträge von Niemeier und Roth sind farblich unterschiedlich, so dass eine Zuordnung auf den ersten Blick erkennbar ist. Garniert sind die Beiträge mit schönen Bildern, die einen bildhaft sinnlichen Eindruck der Kochergebnisse zeigen.

Im Anhang findet man ein Glossar, in dem „Was ist was?“ erklärt wird und ein alphabetisch angeordnetes Rezeptverzeichnis.
Anregend in jeder Hinsicht.

Zu den Rezepten kann ich noch nichts sagen. Doch ich bin sicher, ich werde einige davon ausprobieren, weil mich Rezepte ansprechen, die Zutaten kombinieren, die ich zunächst für nicht kombinierbar halte, wie Kartoffelsuppe mit Zimt und Kurkuma in dem Kapitel: Mit Kartoffeln allein zu Haus.

David Roth, Ingrid Niemeier, Nimm Zimt. Tröstende Rezepte in Zeiten der Trauer, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, 169 S., ISBN 978-3-579-07315-6

Sonntag, 19. Mai 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Herz, mein Herz, sei nicht beklommen
und ertrage dein Geschick.
Neuer Frühling gibt zurück,
was der Winter dir genommen.

Und wie viel ist dir geblieben,
und wie schön ist doch die Welt!
Und mein Herz, was dir gefällt,
alles, alles darfst du lieben!

(Heinrich Heine)

Samstag, 18. Mai 2019 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)


Des Menschen Seele
gleicht dem Wasser:
vom Himmel kommt es,
zum Himmel steigt es,
und wieder nieder
zur Erde muss es –
ewig wechselnd.

Seele des Menschen,
wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
wie gleichst du dem Wind.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Freitag, 17. Mai 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)


Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

(Joseph von Eichendorff)

Donnerstag, 16. Mai 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

Die von Christine Nippoldt am Linol- und Holzdruck orientierten Illustrationen dieser Ausgabe fokussieren in hervorragender Weise die von Christopher Isherwood gesammelten Eindrücke von Berlin und seinen Bewohnern in den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts:

„Scheinbar zufällig zusammengesammelt hat er sie, die Leute, die Dialoge, die Ereignisse und dann im Nachhinein geordnet und unter Kapitelüberschriften katalogisiert. Er scheint mir manchmal wie ein Ethnologe, der sich voller Lust am Beobachten in die Begegnung stürzt und jede bezaubernde wie skurrile Eigenart seines Forschungsobjektes minutiös festhält.“ So beschreibt Christine Nippold in ihrem Nachwort von „Leb wohl Berlin“, die sich mit diesem Buch intensivst auseinandergesetzt hat, um ihre Illustrationen kreieren zu können.

Für Isherwood hat Berlin verschiedene Welten:
– die der Schönen und Reichen, sichtbar an der „Zusammenballung teurer Hotels, Bars, Kinos und Geschäfte rund um die Gedächtniskirche, ein funkelnder Lichterkern wie ein falscher Diamant im Zwielicht der Stadt
– die der „unsichtbaren bürgerlichen Mitte mit ihren sorgfältig arrangierten Bauten Unter den Linden. In prunkvollen Formen aus aller Welt, in Kopien von Kopien bekräftigen sie unsere Würde als Hauptstadt.“
– die derjenigen, die sich für ihr Überleben abstrampeln müssen, beengt wohnen, sich mit der Untervermietung und schlecht bezahlter Arbeit über Wasser halten müssen
– und derjenigen, die im Tiergarten übernachten müssen, weil sie „aus ihren kleinen geschützten Dörfern“ in die Stadt gekommen sind „wo sie nach Essen und Arbeit Ausschau halten. Aber die Stadt, die so hell und einladend am Nachthimmel über der Ebene glühte, ist kalt, grausam und tot. Manch einer von ihnen wird kriminell, um nicht verhungern zu müssen.

Der Ich-Autor, der sich im Roman auch Christopher Isherwood nennt – vorsorglich aber darauf hinweist, dass die Leser nicht berechtigt seien zu glauben, „dass diese Seiten rein biografisch oder dass die Figuren ehrabschneidend exakte Porträts lebender Menschen seien“ – hat als Englischlehrer und Möchtegernschriftsteller zu fast allen Welten „seines Berlins“ Zutritt. Und er beobachtet sorgfältig, was und wen er dort sieht und erlebt, vornehmlich die Menschen, mit denen er es zu tun hat. Und so entsteht eine „Porträtsammlung“ verschiedenster Persönlichkeiten, an denen immer mehr der Einfluss der politischen Entwicklung im Berlin der dreißiger Jahre erkennbar ist. Da ist das „arme Fräulein Schroeder“, bei der Autor zeitweilig gewohnt hat, bevor er dann Berlin endgültig verlässt:

„Es hat keinen Zweck, ihr etwas zu erklären oder mit ihr über Politik zu reden. Sie passt sich schon an und wird sich auch jedem anderen neuen Regime anpassen. Heute Morgen hörte ich sie im Gespräch mit der Portiersfrau ehrfürchtig den ‚Führer‘ erwähnen. Wollte man sie daran erinnern, dass sie bei den Wahlen im letzten November für die Kommunisten gestimmt hat, so würde sie das wahrscheinlich energisch abstreiten und selbst daran glauben, dass sie die Wahrheit sagt. Sie akklimatisiert sich nur, sie folgt einem Naturgesetz wie ein Tier, das sich ein Winterfell wachsen lässt. Tausende wie Fräulein Schroeder akklimatisieren sich. Sie müssen ja weiterleben in dieser Stadt, ganz gleich welche Regierung an der Macht ist.“

Oder ein Nazianhänger in Uniform, der nachts an der Straße steht, um deutsche Frauen zu schützen und nicht davor zurückschreckt, seiner Meinung nach missliebige Gestalten zu verprügeln. Doch auch tagsüber nimmt die Gewalt gegen Andersdenkende, Andersaussehende zu, etwa bei (politischen) Menschenansammlungen, wenn SA Anhänger auf einen Jugendlichen zugehen und auf ihn mit den Metallspitzen ihrer Fahnen einstechen. Passanten und die Polizei schauen zu:

„Inzwischen hatten sich Dutzende Zuschauer eingefunden. Sie wirkten überrascht, aber nicht sonderlich schockiert – dergleichen passierte heute zu oft. ‚Allerhand …‘ murmelten sie. Zwanzig Meter weiter, Ecke Potsdamer Platz, stand eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten. Mit geschwellter Brust, die Hände am Koppel, sahen sie stolz über die ganze Angelegenheit hinweg.“

Inzwischen wollen Menschen auch Englisch lernen, weil sie sich mit dem Gedanken an ihre Emigration vertraut machen und es sich leisten können, Berlin zu verlassen, wie ihr Englischlehrer, der ganz zum Schluss konstatiert:

„Die Sonne scheint und Hitler herrscht über diese Stadt. Die Sonne scheint, und Dutzende meiner Freunde – meine Schüler aus den Arbeiterkursen, die Männer und Frauen, die ich aus der Internationalen Arbeiterhilfe kenne – sind im Gefängnis, womöglich tot. …
Auch jetzt kann ich noch nicht ganz glauben, dass sich das alles zugetragen hat …“

„Leb wohl, Berlin“ ist für LeserInnen geeignet, die Freude an genauer, sprachlich eleganter Porträtierung von Menschen haben und an subtilen Anspielen auf die politische Entwicklung des Berlins der dreißiger Jahre. Leser, die eher eine tragende Handlung brauchen, wären eher enttäuscht.

Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin, illustriert von Christine Nippold, unter der Mitarbeit von Robert Nippold u. Saskia Kunze, übersetzt v. Kathrin Passig u. Gerhard Henschel, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 2018, 319 S., ISBN 978-3-7632-6918-1

Mittwoch, 15. Mai 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Zu sehen, zu betreten, zu überschreiten, … ist diese temporär angelegte Lichtinstallation von Jan Philip Scheibes auf Langeoog am Strandübergang Hauptbad.

Dienstag, 14. Mai 2019 | Kategorie: Fotos, Gedichte, Zitate | Kommentare (6)


Wenn du aufgebrochen bist, –
tanz!

Wenn du den Verband heruntergerissen hast,
tanz!

Mitten in der Schlacht,
tanz!

Tanze in deinem Blut!

Wenn du vollkommen frei bist, tanz!

(Rumi)

Montag, 13. Mai 2019 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (4)

„Die Betrachtung der Schönheit war für ihn ein Mittel gegen die Hässlichkeit der Welt. Er hatte es schon immer so gemacht. Wenn es ihm schlecht ging, hatte er ein Museum besucht. Das Wunderbare war immer noch die beste Waffe gegen den Schmerz.“

Davon ist Antoine Duris, Professor an der Hochschule der Schönen Künste, überzeugt und handelt entsprechend. Von einem Tag auf den anderen – scheinbar ohne Grund, zumindest für seine Umgebung nicht erkennbar – kündigt er seine Stelle, bricht alle Kontakte hinter sich ab, unterzieht sich einer „Schweigekur“ und bewirbt sich als Museumswärter im Musée d’Orsay. Er bekommt die Stelle nach anfänglichem Zögern der Personalchefin Mathilde Mattel, die Duris für völlig überqualifiziert hält.

„Ich mag Kunst. Ich habe sie auch studiert, ich habe sie gelehrt, in Ordnung, aber im Augenblick möchte ich eben nur dasitzen und von schönen Bildern umgeben sein.“ Das ist seine Begründung ihr gegenüber für seine Bewerbung.

Lange ist der Leser genauso ahnungslos wie die Umgebung Duris. Nach und nach setzt der auktoriale Erzähler, der stets aus der Perspektive der von ihm beschriebenen Personen erzählt, den Leser in Kenntnis. Am Ende des 1. Kapitels steht man frühmorgens mit Duris in Begleitung von Mathilde Mattel, die offensichtlich Zugang in seine abgeschottete Welt bekommen hat, an einem Grab mit der Aufschrift:

CAMILLE PERROTIN
1997-2017

Was er mit dieser jungen Frau zu tun hat, bleibt noch länger verborgen. Dass die beiden aber miteinander zu tun hatten, ist zu diesem Zeitpunkt aber offensichtlich. Und es gibt Parallelen zwischen Duris und Camille Perrotin im Verarbeiten seelischer Schmerzen, Verletzungen und Traumatisierungen: die Schönheit eines Kunstwerkes, im Betrachten und im Kreieren eigener Kunstwerke:

„Sie erkannte die heilende Kraft der Schönheit. Ein Kunstwerk lässt immer den Blick des Betrachters zu, so entsteht eine reine Form des Austauschs, das Werk scheint den Schmerz des Betrachters zu verstehen und ihn schweigend zu trösten, es hat einen beruhigenden festen Platz in der Ewigkeit und hat nichts anderes im Sinn, als Schönheit auszustrahlen. Die Trauer vergeht bei Botticelli, die Angst bei Rembrandt und der Kummer bei Chagall.

Wie und wo die beiden Protagonisten sich treffen, soll hier nicht verraten werden, um der geschickt konstruierten Handlung nicht die Spannung zu nehmen.

Neben der Schönheit als Möglichkeit, seelische Wunden zu verarbeiten, geht es aber auch um die Notwendigkeit echter menschlicher Zuwendung, die heilend wirksam sein kann, sowie um den Umgang mit tatsächlicher oder nur vermeidlicher Schuld und der Frage der Verantwortlichkeit.

Die Sprache des Romans ist einfach, die Vorgänge seelischer Befindlichkeiten bleiben meist vage and er Oberfläche:

„Natürlich hatte sie schon vor dem Drama ihres Lebens viel gemalt, und natürlich hatte ihr Stil viel Eigenes, aber nun ging sie mit mehr Bestimmtheit und genaueren Vorstellungen and die Sache heran. Es gibt immer einen Moment, an dem der Künstler spürt: Jetzt ist es soweit. Den Moment spürte Camille in diesem Sommer. Sie kehrte durch die Kunst ins Leben zurück, und das verlieh ihr Kraft und Klarheit. Sie war einzigartig. Dieses Gefühl floss durch ihre Adern.“

Ob es Unvermögen ist oder eine Einladung an den Leser, das Vage mit eigenen Fantasien zu füllen, mag jeder für sich selbst beantworten.

David Foenkinos, Die Frau im Musée d’Orsay, Roman, a.d.Franz. v. Christian Kolb, Penguin Verlag, München 2019, 236 S., ISBN 978-3-328-60086-2