Dienstag, 23. August 2016 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (1)

Schau dort kommen Melodien
durch den Tag gezogen.
Wie den lang gespannten Bogen
höre ich ihr Tönen ziehn.

Warum geben sie sich hin
allen, die da stehn?
Könnten sie nicht einzig blühn
nur für die, die sehn?

Und so sprechen sie mich an,
mich, die sie nicht tragen kann,
denn ich bin so müd.

Und so steh‘ und klinge ich
voll von Sehnsucht, die verblich
und die weinend schied.

(Selma Meerbaum-Eisinger)

Donnerstag, 18. August 2016 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (3)

»Eines Tages trafen sich die Schönheit und die Hässlichkeit am Ufer des Meeres. Und sie sagten zueinander: ›Baden wir im Meer.‹

Dann entkleideten sie sich und tauchten in die Fluten.

Nach einer Weile kam die Hässlichkeit wieder ans Ufer, legte das Gewand der Schönheit an und ging ihres Weges. Und auch die Schönheit stieg aus dem Wasser, doch sie fand ihr Gewand nicht, und da sie sich scheute, nackt zu gehen, legte sie die Kleider der Hässlichkeit an. Und auch die Schönheit ging ihres Weges.

Bis zu heutigen Tag verwechseln die Menschen die eine mit der anderen.

Doch manche gibt’s, die das Angesicht der Schönheit geschaut haben, und die erkennen sie ungeachtet ihres Gewands. Und manche gibt’s, die das Antlitz der Hässlichkeit kennen, und das Tuch verbirgt sie nicht vor ihren Augen.«

(Khalil Gibran, Wanderer)

Mittwoch, 17. August 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (0)

„Herz bedeutet Drama.“

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Dramatisch klingender Romanauftakt einer amüsanten Geschichte um einen im Taxi liegengelassenen, geheimnisvollen Brief, der auf keinen Fall in falsche Hände geraten darf. Cécile Dalfort hat ihn geschrieben und auf der Fahrt mit dem Taxi zum Bahnhof, zu dem sie die Geliebte des Bruders begleitet, ist ihr der Brief unbemerkt aus der Tasche gerutscht.

Cécile ist eine begabte, lustige, schöne, belesene und vor allem ziemlich unkonventionelle Frau, die oft kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie liebt ihre Bücherhöhle „Ali Baba“ genannt. Dort schreibt sie Artikel, Reiseberichte, Drehbücher für ihren Bruder Alexandre. Sie ist verheiratet mit Gustave, Prokurist in einer Bank und extrem konservativ und ehrgeizig im Hinblick auf seine Karriere. Er findet seine Frau „einfach unvergleichlich“, liebt sie, bittet sie aber dennoch des immer mal wieder:

„Sei doch etwas seriöser. Inzwischen habe ich einiges erreicht, ich bekleide eine wichtige Position und du siehst aus wie eine Studentin, wie eine Ophelia, manchmal sogar wie eine Bettlerin. Das macht keinen guten Eindruck, außerdem bist du aus diesem Alter raus.“

Um den verlorenen Brief herum entwickelt sich eine kammerspielhafte, verwickelte (Gesellschafts-) Kömödie, in der Cécile alles (Un-) Mögliche unternimmt, um wieder in den Besitz des Briefes zu gelangen. Ob ihr das gelingt, verrate ich natürlich nicht. Muss – wie bei einem Krimi – offen bleiben.

Ein überaus amüsant und niveauvoll geschriebener, kurzweiliger Roman. Begriffe wie: „Ehegrab“, „Liebesnomadinnen“,“Zeitschriftenpassagiere“, „Lustgenossen“ oder auch „lustvolle Tändeleien“ geben einen kleinen Einblick.

Dieser Band ist dann der vierte im Bunde nach „Liebesgeschichte“, „Julietta“ und „Madame de“, wie immer im „Dörlemann-Format“, leinengebunden, mit Lesebänden ausgestattet und liebevoll gestaltet. So tauchen die Symbole des Inneneinbandes als Zeichen zwischen den einzelnen Episoden auf. Feines Outfit, feiner Inhalt!

Louise de Vilmorin, Der Brief im Taxi, Roman, a.d.Franz. v. Patricia Klobusiczky, Dörlemann Verlag, Zürich 2016, 208 S., ISBN 978-3-03820-933-1

Sonntag, 14. August 2016 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (2)

Leise schlägst in deinem Lied du einen Ton an –
und dir ist, als fehlte noch etwas.
Und du suchst verwirrt bei allen Tönen,
ob sie dir nicht sagen können,
wo’s zu finden, wo und wie und wann…
Doch der eine ist zu blaß
und zu lüstern ist der zweite
und der dritte ist so voll mit Weite –
viel zu voll.

Du suchst lange – Moll und Dur und Moll
werden lebend unter deinen Händen.
Und dann schlägst du plötzlich eine Taste an,
und – es kommt kein Ton.
Und das Schweigen ist dir wie ein dumpfer Hohn,
denn du weißt es plötzlich ganz genau:
Dieser fehlt dir. Wenn ihn deine Hände fänden,
fiele ab von deinem Lied der Bann,
war‘ das Ende nicht mehr leer und grau.

Und du rührst und rührst die Taste –
fragst dich, wo hier wohl die Hemmung liegt,
suchst, ob nicht doch deiner Hände Weiche siegt,
deine Augen betteln voll Verlangen.
Kein Ton kommt. Einsamkeit bleibt nun zu Gaste
in dem Lied, das dir so schwer und süß gereift.

Um den ungespielten Ton wirst du nun ewig bangen,
bangen um das Glück, das dich nur leicht gestreift
in den leisen Nächten, wenn der Mond dich wiegt
und die Stille deine Tränen nicht begreift.

(Selma Meerbaum-Eisinger)

Samstag, 13. August 2016 | Kategorie: Allgemein, Alltägliches | Kommentare (0)

Puh, gestern und vorgestern 50 km auf der Autobahn (A43/A40) mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h gefahren.

Soll das bis 2019 so gehen, dem voraussichtlichen Ende des Autobahnumbaus?

„Belohnt“ wird man mit dem Schild: Wir danken für ihr Verständnis.
Empfinde das Schild als wenig hilfreich.

Heute im Radio gehört:
Im Stau stehen sei eine moderne Form der Entschleunigung!
Also: Auf in den nächsten Stau zur Entschleunigung!

Hoffentlich denke ich beim nächsten Stau noch daran ;)

Freitag, 12. August 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen | Kommentare (4)

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„Zuerst starb der Papst.“

So beginnt André Hellers Erzählung mit autobiografischen Zügen. Mitteilenswert für ein Kind? Ja, wenn es in Attweg, einem von Jesuiten geleiteten Internat, aufwachsen muss, dann schon. Bereits die ersten Zeilen machen deutlich, welch eigen-sinnigen Blick der Ich-Erzähler auf die Geschehnisse um ihn herum hat:

„Einige Mitschüler waren klug genug zu weinen. Sie erhielten nach der Trauerveranstaltung von der Schwester Immaculata als Anerkennung ein Stollwerck-Bonbon.“

Er merkt daher auch sehr schnell, dass Geschehnisse, Anweisungen etc. nicht unbedingt den Gesetzen der Logik oder anderen nachvollziehbaren Werten unterliegen.

„‚Selbst der Himmel weint.‘ Das verstand ich nicht, denn schließlich war ja der gute und gütige Heilige Vater in den Himmel übersiedelt, und der hätte sich doch darüber freuen müssen. Das Unlogische ist eine Grundlage des Römisch-Katholischen, dachte ich mir.“

Das Kind fühlt sich im Internat alleingelassen, eingesperrt, nicht akzeptiert und muss dennoch dort leben, überleben. Und es entdeckt, was ihm immer und überall zur Verfügung steht: seine Augen, Ohren und seine Fantasie.

Mein dringlichster Wunsch in Attweg lautete: auf und davon. Augen und Ohren dienten als Ausbruchswerkzeuge. … Man kann einen Menschen einsperren, aber solange man ihm einen Ausblick lässt, klettert das Schauen auf Gebäude und Berge, überquert Brücken und Mauern oder reist von der Milchstraße zum Kleinen Bären.“

Und dann wird der plötzliche Tod des Vaters zur Möglichkeit, dem verhassten äußeren Gefängnis in Attweg zu entrinnen, aber auch der Herrschaft des Vater und dem ihm angedrohten Vormund in der Gestalt eines seiner Onkel. Denn der Ich-Erzähler erkennt, wie schwach seine Mutter unter der Fuchtel seines Vaters geworden ist, für ihn eine Möglichkeit, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen:

„‚Aber wen soll ich denn jetzt fragen, ob es richtig ist? Deinen Bruder vielleicht, der im Ausland lebt?‘ ‚Mich‘, antwortete ich, ‚frag jetzt immer mich.‘ ‚Du bist ein merkwürdiges Kind‘, sagte sie. ‚Ja, Mutter, ich weiß es, ich bin ein merkwürdiges Kind.‘ „

Die Erzählung ist eine amüsant geschriebene, genau beobachtete Studie der Menschen in seiner Umgebung, ihrer Verloren- und Verlogenheit, und der Welt des kleinen Kindes, das sich einem Vater ausgesetzt sieht, der mit seinen Kriegstraumata nicht zurecht gekommen ist:

Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie auch bald in dir. Uns wenn sie außen endlich erlöschen,brennen sie in dir weiter, und immer und überall gehörst du wie sie zur Hölle.“

Das Kind in André Hellers Erzählung verschafft sich mit seiner Fantasie, seiner genauen Beobachtungsgabe und einer gehörigen Portion Mut und Selbstbewusstsein seinen Weg in das eigene Leben und ermutigt damit indirekt, nämlich ohne pädagogischen Impetus, nach dem Eigenen zu suchen, seinen die Hindernisse auch noch so groß. Absolut lesenswert!

André Heller, Wie ich lernte, bei mir Kind zu sein, Eine Erzählung, Frankfurt/M. 2011, 138 S., ISBN 978-3-596-18189-6

Donnerstag, 11. August 2016 | Kategorie: Allgemein, Aufgelesen, Fotos | Kommentare (2)

Im ZEIT-Magazin dieser Woche erzählt Benedict Wells, Autor des in diesem Jahr erschienenen Romans „Vom Ende der Einsamkeit“ , von seinen Erfahrungen und Ansichten übers Erwachsenwerden:

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Mittwoch, 10. August 2016 | Kategorie: Allgemein, Fotos, Zitate | Kommentare (2)

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Vertraue den Büchern nicht zu sehr;
sie sind Gewesenes und Kommendes.
Ergreife ein Seiendes.

(Rainer Maria Rilke)

Montag, 8. August 2016 | Kategorie: Allgemein, Zitate | Kommentare (4)

Mit der Wahrheit ist das wie mit einer stadtbekannten Hure.
Jeder kennt sie,
aber es ist peinlich,
wenn man ihr auf der Straße begegnet.

(Wolfgang Borchert)

Samstag, 6. August 2016 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Fotos | Kommentare (0)

Eine Graphic Novel über den 2. Weltkrieg! Geht das überhaupt? Ja, es geht und zwar beeindruckend gut, wenn man sich Foc/ Feuer von Sebastian Rether anschaut, denn zu lesen gibt es nur wenig.

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Mit schwarz-weißen, skizzenhaft anmutenden Strichen setzt der Autor die privaten Kriegserinnerungen seines Großvaters in Bilder um. Der zieht zunächst als Angehöriger der rumänischen Armee in den Krieg, kämpft dann als Soldat in einer deutschen Einheit und wird durch ganz Europa geschickt, um nach dem Kriegsende wieder in seine Heimatstadt in Siebenbürgen zurückzukehren. Enkel und Großvater haben zahlreiche Gespräche über die Empfindungen des damals noch sehr jungen Soldaten gesprochen.

Die Erlebnisse sind zwar geprägt vom Krieg, finden aber meist weit hinter der Front statt. Ähnlich einer Fabel stehen Tiere für die Menschen und ihre Kriegsmaschinen, d.h. für die Entmenschlichung im Krieg. Soldaten mit Hunde- oder Schweineköpfen, Schildkröten als Panzer, Adler als Jagdflieger. Die meisten Personen haben gar kein Gesicht. Der Satz:

„Wir hatten große Angst. Man konnte es in den Gesichtern der Soldaten sehen.“

wirkt da schon recht skurril. So ist dann eigenes Vorstellungsvermögen gefragt. Auch die vielen weißen Flächen stellen Raum für eigene Gedanken und Bilder bereit.

Foc/Feuer entstand zunächst als Unikat im Rahmen des Bachelor Abschlusses Rethers in einer Auflage von nur sechs Exemplaren und erhielt 2011 den Designpreis der Hochschule Konstanz, 2012 wurde die Arbeit auf die Shortlist des Förderpreises für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst gewählt.

Als Buch ist es nun bei der Edition Büchergilde erschienen, mit einem wunderbaren Einband, einer schwarzen Bindung und einem passenden, ganz feinen Lesebändchen.

Sebastian Rether, Foc/ Feuer, Edition Büchergilde, Frankfurt/M. 2016, 363 S., ISBN 978-3-86406-067-0