Dienstag, 22. August 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (0)

„Nicht alle, die etwas zu sehen glauben, haben die Augen offen;
und nicht alle, die um sich blicken, erkennen auch,
was um sie herum und mit ihnen geschieht.
Einige fangen erst an zu sehen, wenn nichts mehr zu sehen da ist.
Erst wenn sie Haus und Hof zugrunde gerichtet haben,
beginnen sie, umsichtige Menschen zu werden.
Zu spät hinter die Dinge zu kommen, dient nicht zur Abhilfe,
wohl aber zur Betrübnis.“

(Baltasar Gracián, spanischer Jesuitenpater)

Montag, 21. August 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (0)

Nachts bei Vollmond
kannst du es mitunter hören
in den hohen Bibliotheken
dieses leise Knarren und Quietschen
wenn einer die Welt
aus den Angeln hebt und die Tür
nicht wieder zukriegt.

(Ulla Hahn, aus: Gesammelte Werke, DVA München 2013, S. 761,
ein wunderbarer Gedichtband mit eine ausführlichen Vorwort der Autorin und einem Nachwort von Dorothea von Törne)

Sonntag, 20. August 2017 | Kategorie: Allgemein, Fotos, Gedichte | Kommentare (0)

DEr Mensch das Spil der Zeit / spilt weil er allhie lebt.
Im Schau-Platz diser Welt; er sitzt / und doch nicht feste.
Der steigt und jener fällt / der suchte der Paläste /
Vnd der ein schlechtes Dach / der herrscht und jener webt.

Was gestern war ist hin / was itzt das Glück erhebt;
Wird morgen untergehn / die vorhin grüne Aeste
Sind numehr dürr und todt / wir Armen sind nur Gäste
Ob den ein scharffes Schwerdt an zarter Seide schwebt.

Wir sind zwar gleich am Fleisch / doch nicht von gleichem Stande
Der trägt ein Purpur-Kleid / und jener grabt im Sande /
Biß nach entraubtem Schmuck / der Tod uns gleiche macht.

Spilt denn diß ernste Spil: weil es die Zeit noch leidet /
Vnd lernt: daß wenn man von Pancket des Lebens scheidet:
Kron / Weißheit / Stärck und Gut / bleib ein geborgter Pracht.

Andreas Gryphius)

Samstag, 19. August 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind’t.
Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!

(Andreas Gryphius)

Freitag, 18. August 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.
Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.
Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.
Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau‘ das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

(Gottfried Keller)

Donnerstag, 17. August 2017 | Kategorie: Buch-Rezensionen | Kommentare (4)

John Strelecky ist der Autor von „Das Café am Rande der Welt“ und anderen Büchern, die einen dazu anleiten können, mal innezuhalten und sich zu fragen: Lebe ich so, wie ich leben möchte? Bin ich glücklich und zufrieden? Oder nur „eigentlich“?

Mit kleinen Texten, manchmal nur kurzen Impulsen, lädt der Autor die LeserInnen dazu ein, zu überprüfen, wie sie es mit ihrem Leben so halten, ergänzt durch bunte lebensfrohe Aquarellillustrationen, manchmal auch nur farbig unterlegte Seiten von Root Leeb:

„Ich sterbe einen langsamen Tod, wenn ich jeden Tag das Gleiche mache. … In den Momenten, in denen ich mich festgefahren fühle, muss ich mich daran erinnern, dass das nächste Abenteuer nur eine Alternative weit weg ist. Es gibt andere Türen, die nur darauf warten, geöffnet zu werden. Aber es ist an mir, durch sie zu spazieren.“

Was ich als Leser unter Abenteuer verstehe, bleibt mir überlassen und das ist gut so. Nur sollte man sich klar machen:

„Es genügt nicht, auf etwas zu hoffen. Ich muss eine aktive Rolle spielen. Entscheidungen treffen. Handeln.“

Wie wahr, wie banal und einfach! Und doch: Wie blind ist man manchmal für das Naheliegende.

Dieses kleine Büchlein im Handtaschenformat mit rotem Lesebändchen eignet sich sich als Impulsgebeber für Menschen, die ab und an einen kleinen „Anstupser“ brauchen können. Es ist sicher ein schönes Geschenk zum Geburtstag oder zu Gelegenheiten, in denen Menschen kleine Unterstützungen brauchen können:

„Es hat keine Bedeutung, ob mein Haus einen wunderbaren Meerblick hat – wenn ich mir nicht die Zeit nehme, ihn zu genießen.“ oder jemand nicht in der Lage ist, Dankbarkeit für scheinbar Selbstverständliches aufzubringen:

„Es ist leicht in einem Zustand der Dankbarkeit zu sein. Zweimal pro Woche bringe ich meinen Müll zur Bordsteinkante, lasse ihn dort stehen, und jemand holt ihn ab. Was für ein Geschenk.“

John Strelecky, Was nützt der schönste Ausblick, wenn du nicht aus dem Fenster schaust, a.d. Engl. v. Bettina Lemke, mit Illustrationen v. Root Leeb, dtv München 2017, ISBN 978-3-423-28122-5

Mittwoch, 16. August 2017 | Kategorie: Gedichte | Kommentare (4)

Das Sommerloch
hat viel Platz für

Melancholie und Einsamkeit
Trauer und Schmerz

Romanlektüren und
das Entdecken unbekannter Komponisten

Begegnungen mit Facetten der eigenen Person,
die im Alltagsgeschehen unentdeckt bleiben

das Ausprobieren
mit dieser Fülle umzugehen

(© mona lisa)

Dienstag, 15. August 2017 | Kategorie: Buch-Rezensionen | Kommentare (0)

Küssen als „Allerweltsgeschäft“, als „zarte Tätigkeit“, die ungezählte Formen kennt und entsprechend unterschiedliche Bedeutungen aufweist“, das interessiert Peter von Matt in diesem überaus lesenswerten und interessant geschriebenem Buch über „Glück und Unglück“ in der Literatur nicht. Ihn beschäftigt vielmehr der Kuss als Ereignis, das tief eingreift in die „Selbst- und Welterfahrung der Protagonisten“.

Dazu hat sich der Autor sieben Werke der Weltliteratur ausgesucht, um – gut nachvollziehbar – aufzuzeigen, welche Bedeutung der jeweilige einzige und einzigartige Kuss sowohl im Leben der Protagonisten als auch für die Handlung des jeweiligen Werkes hat.

Er beginnt mit Virginia Woolfs Mrs. Dalloway und weist nach „Wie man zwischen zwei Namen lebt“. Die Überschrift lenkt geschickt das Interesse auf die folgenden Ausführungen:

„Der Name Clarissa wurde zum Synonym für das uferlose Innenleben einer liebenden und verführten und verratenen Frau.“

Wer mag da nicht weiterlesen und mehr über die Protagonistin und ihre Autorin Virginia Woolf erfahren? Es folgen Werke von F.Scott Fitzgerald, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Heinrich von Kleist, Marguerite Duras und Anton Tschechow.

Peter von Matts Liebe und Leidenschaft zur Literatur, seine unglaublichen, über rein literturwissenschaftliche weit hinausreichende Kenntnisse und seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge differenziert und dennoch klar zu formulieren, machen die Lektüre dieses Buches zu einem intellektuellen Genuss.

Er macht zudem neugierig auf die Werke, die man noch noch nicht kennt und ermutigt zu eigenen Betrachtungsweisen, indem er unterschiedliche Deutungen der Texte anbietet, dann aber auf die Autonomie des Lesers hinweist:

„Einen Text zu verstehen, wie es ihm beliebt, ist schließlich das gute Recht aller Leserinnen und Leser.“

Peter von Matt verrät bei aller Genauigkeit in seinen Ausführungen nicht so viel von der Handlung, dass es uninteressant wird, zu den Originalen zu greifen und sie zu (noch einmal) zu lesen. Denn auch über Werke, die man gelesen hat und meint verstanden zu haben, etwa die „Marquise von O.“ von Heinrich von Kleist, erfährt man viel Neues. Einblicke, Ausblicke, Hintergrundinformationen zum Autor und seiner Adaption von Rousseau Briefen, die offensichtlich in diese Novelle eingeflossen sind, erhellen und vertiefen das vermeintlich Bekannte. Insofern wird man als LeserIn durch die Lektüre reich beschenkt.

Gern hätte ich zu meinen Studienzeiten Vorlesungen bei jemanden gehabt, der auf so interessante und vor allem so verständliche Weise über Literatur gesprochen hätte, statt des damals noch vorherrschenden Wisschenschaftssprachgeschwurbels. Es wird sicher nicht mein letztes Buch von Peter von Matt gewesen sein. So unterhaltsam über Literatur zu schreiben, ist dann fast auch schon wieder Literatur, auf jeden Fall gute Schriftstellerei.

Peter von Matt, Sieben Küsse, Glück und Unglück in der Literatur, Carl Hanser Verlag, München 2017, 288 S., ISBN 978-3-446-25462-6

Montag, 14. August 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (5)


Es wird herbstlich draußen: abgeerntete Felder, leichte Nebel, die ersten Blätterfärbungen, ….

Auf einmal mußte ich singen…
Und ich wußte nicht warum.
Doch abends weinte ich bitterlich.

Es stieg aus allen Dingen
Ein Schmerz und der ging um –
Und legte sich auf mich.

Stürmische Wolkendepeschen
Erschreckend den Weltenraum;
Und die Beeren der Ebereschen
Die winzigen Monde am Baum.

(Else Lasker-Schüler)

Sonntag, 13. August 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos, Gedichte | Kommentare (4)

Mauern trennen oft das, was zusammengehört, zumindest auf der Erde. Lösungen für Konflikte sind sie nie, eher Nötlösungen.

Das folgende Gedicht schrieb Ai Qing, Vater von Ai Weiwei, laut „Tagesspiegel“ an die Berliner Mauer, die am 13. August 1961 gebaut und dann am 9. November 1989 zerstört worden ist:

DIE MAUER

Eine Mauer, wie ein Messer
Schneidet sie eine Stadt in zwei Stücke
Die eine Hälfte im Westen
Die andere Hälfte im Osten

Welche Höhe?
Welche Dicke?
Welche Länge hat die Mauer?
Auch wenn sie noch so hoch, noch so dick, noch so lang wäre
So könnte sie doch nicht höher, dicker und länger sein
Als die große chinesische Mauer
Ist sie doch auch nur ein historisches Relikt,
Wunde eines Volkes
Wer freute sich schon über solch eine Mauer?

Drei Meter hoch – was besagt das schon
Fünfzig Zentimeter dick – was besagt das schon
Fünfundvierzig Kilometer lang – was besagt das schon
Auch wenn sie tausendmal höher
Tausendmal dicker
Und tausendmal länger wäre
Wie könnte sie hemmen
Die Wolken am Himmel, den Wind und Sonnenschein?

Und wie könnte sie hemmen
Der Vögel Flug, der Nachtigall Gesang?

Und wie könnte sie hemmen
Fließendes Wasser und Luft?

Wie auch könnte sie hemmen
Der Millionen Menschen
Gedanken freier als der Wind?
Willen tiefer als die Erde?
Wünsche endloser als die Zeit?

Berlin 22.5.1979

(Ai Qing, a.d. Chinesischen von Brunhild Staiger in: „Tagesspiegel“ online v. 28.3.2014)