Freitag, 21. Juli 2017 | Kategorie: Alltägliches, Fotos, Worte | Kommentare (0)


Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.
In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie,
in meinen Schläfen fließt sie.
Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder.
Lautlos, wie eine Sanduhr.
Oh Quin-quin!
Manchmal hör‘ ich sie fließen unaufhaltsam.
Manchmal steh‘ ich auf, mitten in der Nacht
und lass‘ die Uhren alle stehen.

(Die Marschallin aus dem Rosenkavalier, Libretto v. Hugo von Hofmannsthal)

Donnerstag, 20. Juli 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

So viele Abschiede in den letzten Jahren

Sie sind Teil des Älterwerdens
sind Flurbereinigung für Neues
und Vorbereitung
auf den eigentlichen
den großen allumfassenden
Abschied

Den eigenen Tod

(Mona Lisa)

Mittwoch, 19. Juli 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (0)

„Meine liebe Bergit.
Es gibt Tage, an denen man das Alleinsein sehr spürt. Da hilft kein Buch. Da hilft selbst die tollste Arbeit nicht. Vielleicht ist das neu einsetzende Winterwetter dran schuld, dass ich heute nur so herum pendle, vielleicht die Übermüdung nach einer anstrengenden Woche, vielleicht ist es das Gefühl, dass dieser Krieg noch endlos dauern wird. Dazu der Gedanke, dass die letzte Nachricht von dir vier Monate alt ist, und vier Monate sind eine schrecklich lange Zeit. Wenn man sich doch nur direkt schreiben könnte! Aber immer auf diesem grässlichen Umweg und dazu stets nur Grüße und nicht mehr.“

(Die Jüdin Emilie Braach an ihre Tochter, die sie während der Nazizeit nach England in Sicherheit geschickt hatte, während sie sich selbst in Frankfurt am Main versteckt hielt. Aus der Sendung „Lebenszeichen“ des WDR „Mitten im Leben schreib ich dir v. 16.7.2017)

Dienstag, 18. Juli 2017 | Kategorie: Buch-Rezensionen, Rezensionen | Kommentare (0)

Das „Kopfkissenbuch“ ist im Manesse Verlag zum ersten Mal vollständig in deutscher Übersetzung erschienen, mit ausführlicher Kommentierung, Personenverzeichnis, Glossar, Nachwort und editorischer Notiz – sinnvolle Ergänzungen, um dem Leser das noch genauerer Eintauchen in die so fremde, exotische Welt des japanischen Kaiserpalastes zu ermöglichen, die Sei Shōnagon so poetisch, intelligent, humorvoll, aber auch oft sehr ironisch in ihren tagebuchartigen Aufzeichnungen von insgesamt 325 Abschnitten vor einem ausbreitet.

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.
Im Sommer sind es die Nächte, besonders die Mondscheinnächte die es mir angetan haben. Aber selbst die Finsternis hat ihren Reiz, wenn Glühwürmchen in großer zahl umherschwirren. …
Im Herbst ist es die Abendstunde, wenn die noch kräftige Abendsonne sich immer mehr den Berggipfeln nähert und die Krähen ihren Schlafplätzen zustreben. … wie eilig sie heimfliegen, ein bewegender Anblick! Entzückend ist es such, wenn Wildgänse in Formation winzig kein in der Ferne dahinziehen. Und dazu natürlich noch der sachte Windhauch nach Sonnenuntergang und das Zirpen der Grillen.
Im Winter mag ich den frühen Morgen. Vor allem, wenn Schnee gefallen ist oder Raureif alles weiß verziert. Aber auch, wenn einfach nur grimmige Kälte herrscht … .“
So bildhaft beginnt dieses Kleinod von einem Buch!

Schon das Anfassen des glatten, fast seidenähnlichen Leineneinbandes ist ein haptisches Vergnügen, durch keine inhaltliche Zusammenfassung auf der Rückseite gestört. Sie ist dem Buch auf einem pergamentpapierähnlichen Blatt lose beigefügt. Die sichtbar rote Buchbindung ist ein weiterer Eyecatcher wie auch das rote Lesebändchen dieses großformtatigen Bandes, eine sinnvoll praktische Ergänzung. Denn in diesen Aufzeichnungen ihres Alltags als kaiserliche Hofdame erzählt Shōnagon nämlich keine lineare Geschichte, sondern:

„In diesem Buch habe ich all das, was ich gesehen oder empfunden habe, niedergeschrieben, und zwar in den Mußestunden zu Hause, denn andernfalls hätte ich damit rechnen müssen, dass es womöglich Fremde zu Gesicht bekämen. Es mag hier und da vorkommen, dass ich mir Ausdrucksweisen geleistet habe, die bedauerlicherweise irgendjemanden vor den Kopf stoßen könnten.“

Ja, mit ironischen, freimütigen Kommentierungen ist sie nicht zurückhaltend. So findet man in dem Abschnitt Unausstehliches folgende Anmerkung:

„Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. Ist es jemand, dem ich keinen großen Respekt schulde, kann ich ihn fortschicken und auf später vertrösten, aber wenn es sich um eine hohe Persönlichkeit handelt, stecke ich in der Klemme. Sehr unangenehm!“

Es ist ein Buch, das vom japanischen Kaiserpalast um 1000 ein anschauliches, sehr detailreiches Gemälde zeichnet. Man erfährt von Kleidervorschriften, den farbenprächtigen Gewändern mit ihren vielen, meist bedeutungsvollen Farben, den durch die Hierarchie geprägten Umgangsformen und Begegnungen, aber auch von ihrer eigenen Stellung, Position und Stellung im Umkreis der Kaiserin, die ihr vertraut und nicht selten Rat von ihr erbittet. Denn Shōnagon ist intelligent und sprachlich sehr gewandt und vielseitig.

Ihr Sprachstil weist eine große Bandbreite auf, ist Spiegel ihrer Interessen, ihres gut ausgeprägten Selbstbewusstsein, ihrer Vorlieben, ihrer Intelligenz, poetischen Kenntnisse und Fähigkeiten, basierend auf ihrer guten Beobachtungsgabe.

Für den Leser sehr angenehm sind die erläuternden und hilfreichen Anmerkungen, zu finden auf der jeweiligen Seite, witzig in das Layout integriert. Es erspart das ständige Umblättern ans Ende des Buches, bringt einen durch die Anordnung der Anmerkungen allerdings schon in Bewegung, da man zum Lesen das Buch in verschiedene Richtungen drehen muss.

Das „Kopfkissenbuch“ ist Teil der japanischen Literaturgeschichte geworden, von Shōnagon im Buch selbst so kommentiert:

„Zu einem Kopfkissen taugt es doch allemal…!“

In dieser schönen Manesse-Ausgabe aber nicht wirklich. Dieses ansehnliche Buchexemplar sollte vielmehr offen ausliegen. Dann haben viele Menschen etwas davon. In meinem Urlaub sind immer wieder Menschen an meinem Tisch stehen geblieben und haben mich wegen des Buches angesprochen.

Es ist ein interessantes, spannendes Buch, wenn man an diesen alltäglichen Begebenheiten Freude hat, ein Buch, das sich ohne Weiteres häppchenweise lesen lässt, in dem man blättern oder aus dem man sich – über das Inhaltsverzeichnis geleitet – spezielle Kapitel herausgreifen kann. Es ist auf jeden Fall ein wunderbarer Geschenkband, mit dem man lieben Menschen eine Freude machen kann, zum Geburtstag und anderen Gelegenheiten. Und Achtung: Weihnachten ist meist schneller wieder da, als man denkt!!

Sei Shōnagon, Kopfkissenbuch, a.d.Jap. übersetzt von Michael Stein, Mit ausführlicher Kommentierung, Personenverzeichnis, Glossar, Nachwort und editorischer Notiz, Manesse Verlag, Zürich 2015, 378 S., ISBN 978-3-7175-2314-7

Montag, 17. Juli 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (0)

Es schien, als wäre die alte Welt gestorben und eine neue begönne mit uns, so geistig und kräftig und liebend und leicht war alles geworden, und wir und alle Wesen schwebten, selig vereint wie ein Chor von tausend unzertrennlichen Tönen, durch den unendlichen Aether. …
Sterblichkeit ist Schein, ist, wie die Farben, die vor unserm Auge zittern, wenn es lange in die Sonne sieht! …
Ja, eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend, wenn er liebt, und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.

(aus: Hölderlin, Hyperion oder Der Eremit in Griechenland, Frankfurt a.M. 2. Aufl. 1980, S. 94f)

Montag, 17. Juli 2017 | Kategorie: Allgemein, Aufgelesen, Fotos | Kommentare (0)

„Aber was hilft die Mauer um den Garten, wo der Boden dürre liegt? Da hilft der Regen vom Himmel allein. O Regen vom Himmel! o Begeisterung!“

Hölderlins Metapher für den Zustand des Staates.
(aus: Friedrich Hölderlin, Hyperion oder Der Eremit in Griechenland, Frankfurt a.M. 2. Aufl. 1980, S. 42f)

Sonntag, 16. Juli 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Zitate | Kommentare (2)

„Deinen Brief vom 23. Mai überreichte mir der Postsekretär heute früh, als ich nach dem Brunnen ging. Es war mir umso angenehmer, als ich wirklich seit einigen Tagen briefdurstig bin: denn außer einem lakonischen Blatt von der Mutter und einem Leipziger Brief von Cotta habe ich die ganze Zeit meines Hierseins von Freunden nichts weiter vernommen…“

(Johann Wolfgang Goethe an seinen achtzehnjährigen Sohn August, mitgenommen aus der heutigen Sendung „Lebenszeichen, Mitten im leben schreib ich dir“ des WDR v. 16.07.2017)

Donnerstag, 13. Juli 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (4)


Unsterblich duften die Linden –
Was bangst du nur?
Du wirst vergehn, und Deiner Füße Spur
wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn
und wird mit seinem süßen Atemwehn
gelind die arme Menschenbrust entbinden.
Wo kommst du her? Wie lang bist Du noch hier?
was liegt an Dir?
Unsterblich duften die Linden –

(Ina Seidel)

Montag, 10. Juli 2017 | Kategorie: Fotos, Gedichte | Kommentare (2)

Wo ist der Freund
der meine Spur in Blumengärten sucht,
dort
wo im Winde nur die Türe ächzt
die ich im Fortgehn
ach
vergaß zu schließen

(Paula Ludwig)

Sonntag, 9. Juli 2017 | Kategorie: Aufgelesen, Fotos | Kommentare (0)

Diese Aufkleber gab’s schon Wochen vor dem G20 Gipfel in Hamburg zu sehen: