Max Frisch, Andorra

“Andorra” von Max Frisch, ein immer noch aktuelles Stück über die vermeintliche Andersartigkeit von Menschen, über das Phänomen, sich vom anderen ein Bildnis zu machen, das nach Frisch nie dem Original in seiner Einzigartigkeit entspricht, ein Stück über den Umgang mit Wahrheit oder dem, was Menschen dafür halten oder daraus machen.
Als Andri die “Stuhlprobe” in den Augen des Tischlers nicht bestanden hat, fragt er:
“Wieso seid ihr stärker als die Wahrheit? Sie wissen genau, was wahr ist. Sie sitzen drauf -“
Dem Pfarrer, der im zweiten Gespräch behauptet, jetzt wirklich die Wahrheit zu sagen, schleudert Andri ebenfalls eine Frage entgegen:
“Wie viele Wahrheiten habt ihr?” und: “Euch habe ich ausgeglaubt.” Wirkliche Antworten bekommt er nicht.
Zu sehen war dieses Stück gestern Abend in einer Aufführung der “Wuppertaler Bühnen” , die in ihrer Inszenierung die Soldaten als Neonazis aufmarschieren lassen und damit Bezüge zu aktuellen, gesellschaftlichen Vorfällen mit rechtradikalem Hintergrund herstellen.
Andri ist mal der Jude, für den ihn alle halten, mal fällt er aus dieser Rolle und erzählt Juden- bzw. Türkenwitze am Rande der Bühne mit Blick aufs Publikum.
Die Bühne besteht aus einer blitzenden, sauberen Designerwelt mit einem Cafe, einer modernen, erhöht angeordneten Sitzgruppe als Wohnzimmer der Eltern , das zu Beginn der eigentlichen Handlung von einer muslimischen Putzfrau gesaugt und geputzt wird. Eine transparente Treppe ist mit Begriffen wie “Zuverlässigkeit”, “Wochenendparadies”,”Mülltrennung” beschriftet. Die Wände im Hintergrund lassen “Innovation”, “Tradition”, “Sicherheit” und “Lebensqualität” als Werte der Andorraner ständig präsent sein, die mit Bildausschnitten von Schwarzwaldmädeln und blonden, bläuaugigen Mädchen zusätzliche Anklänge an die scheinbar “saubere Biederkeit” rechter Ideologien provoziert.
Im krassen Gegensatz dazu legt das Geschehen auf der Bühne, das durch die nahezu ständige Anwesenheit mindestens eines Soldaten/Neonazis, der seine Parolen brüllt, beklemmende Assoziationen zu aktuellen Ereignissen nahe. Die Dummen, Gewalttätigen, Unschuldigen, Weggucker, Verantwortungslosen, diejenigen, die sich ihre Hände in Unschuld waschen, sind nicht nur in der Überzahl, sondern übermächtig. Ihr sich wiederholender Aufmarsch zur Beteuerung ihrer Unschuld, bei der keiner mit dem anderen in Kontakt tritt, jeder nur für sich versucht, seine Haut zu retten, macht von Anfang an deutlich, dass Andri so oder so keine Chance hat.
Eine spannende, nachdenklich machende Vorstellung, bei der die Schaupieler ernormen Einsatz zeigen und damit über einige stimmliche Schwächen hinwegsehen lassen.

Datum: 6. September 2007
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Ein Kommentar

  1. indy | Donnerstag, 6. September 2007 23:59
    1

    kenne das stück selbst nicht – so wie du die inszenierung beschreibst wirkt es
    "ausichtslos" – das verhalten einiger jugendlicher bei der vorstellung könnte vielleicht symptom für diese aussichtslosigkeit sein?
    keine chance zu haben – seine haut retten…..
    nicht wirklich zukunftsperspektiven!
    und trotzdem….
    wir brauchen was, was uns leben lässt!

    was mir auffällt:
    viele kids sind flexibel:
    schwanken zwischen "krassen" sprüchen und verhaltensweisen und….
    machen sich ernste gedanken um sich und
    die welt und haben viele seiten und verhaltensweisen.
    manche schrecken uns ab, andere können hoffnung machen…..
    vielleicht ein unterschied zu uns älteren manchmal:
    nichts ist so festgefahren bei ihnen meist….
    soll jetzt nicht nach klischees klingen!
    habe versucht, deine beiden einträge im zusammenhang zu kommentieren.
    lg indy

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