Hanns-Josef Ortheil, Abschied von den Kriegsteilnehmern

Dieser Roman hat wie “Die Erfindung des Lebens” autobiografische Züge. Er beginnt mit der Beerdigung des Vaters. “… Als ich aber aus der kleinen Leichenhalle des Dorfes ins freie trat, schlugen mir die Sonnenstrahlen gerade ins Gesicht”.

Es ist ein Roman, in dem der Ich-Erzähler die Erinnerungen an den Vater unter allen Umständen verdrängen will, ohne dass ihm das gelingt, egal was er unternimmt. Er lässt seine Mutter im Trauerhaus zurück und fliegt nach Amerika. Dort unternimmt er mit der Tochter eines Freundes, die ihn vor allen Leuten als ihren Vater ausgibt, eine Dampferfahrt auf dem Mississippi. Ihre Gesellschaft wie auch die anderer Menschen hält er aber nicht länger aus. Er setzt die Tochter des Freundes in ein Flugzeug und reist allein weiter.

Er unternimmt lange Wanderungen, stets begleitet von den unterschiedlichsten Erinnerungen an die Eltern und die Auseinandersetzungen mit ihnen. Durch die zeitliche und räumliche Distanz lernt er sich selbst immer besser kennen und weiß, welche Bedeutung das Schreiben für ihn im Verhältnis zu den Eltern hatte. Für den Vater musste er akribisch Notizen mache, über das, was sie gesehen haben, für die Mutter waren seine Aufzeichnungen Erinnerungshilfen, wenn sie mal wieder in ihr Stummsein abzurutschen drohte. Phantasievolles Schreiben aber war die Möglichkeit, sich abzugrenzen, in ein eigenständiges Leben zu finden und schließlich Schriftsteller zu werden.

” Die dichte, zuvor durch mein Schreiben zusammengehaltene Familienzelle ist auseinandergebrochen, und wir haben von dieser Zeit an zwei Parteien gebildet. Ich habe meinen Eltern nicht länger helfen können, ich habe gefürchtet, sonst zu ersticken, und so habe ich nur noch mein eigenes Schreiben betrieben und nur noch für mein Schreiben gelebt.”

Die Erinnerungs- und Trauerarbeit bringen ihm seine Eltern aber auch als solche näher, die den Krieg und seine Folgen hautnah erlebt haben, der Vater durch mehrfache schwere Verwundungen, die Mutter durch den Verlust von vier Söhnen. Eine Bürde, die selten thematisiert wurde und dennoch für den Ich-Erzähler eine schwere war, denn die Mutter, kommt von ihrer Angst, auch diesen Sohn noch zu verlieren, nicht herunter. So muss er z.B. beim Spielen für sie immer sichtbar bleiben. Nach dem Tod ihres Mannes erwartet sie unausgesprochen, dass der Sohn den Platz des Vaters einnimmt.

Irgendwann bemerkt er jedoch: “Ich hatte aufgehört, mich einer diffusen und krank machenden Trauer hinzugeben, mit meinen Notaten hatte ich endlich begonnen, mir das Bild meines Vaters zurückzugewinnen. Ich hatte lange Zeit nur daran gedacht, dieses Bild zu verdrängen, und wenn es gegen meinen Willen wieder aufgetaucht war, war ich ihm hilflos erlegen gewesen. Jetzt aber hatte ich … es in allen Einzelheiten wiederzubeleben versucht.” Es ist ihm so deutlich, dass er glaubt, genau wie sein Vater zu sein, auszusehen wie er, zu lachen wie er, zu gehen wie er, um dann zu erkennen, dass sich das Bild des Vaters trotz der Ähnlichkeit doch von seinem unterscheidet.

Dieser Trauer- und Selbstfindungsprozess ist eingebettet in die Schilderungen seiner (Flucht-) Reisen und endet 1989 in Prag, wo er für Bekannte versucht, über den Verbleib von DDR Flüchtlinge in der deutschen Botschaft etwas herauszubekommen. Danach schüttelt er die Vater-Brüder-Bürde ab, wenigstens im Traum.

Die äußeren Anlässe für seine Erinnerungsarbeit muten zum Teil seltsam an, sind oftmals langatmig und wenig spannend, ganz im Gegenteil zur Darstellung der inneren Reise und Entwicklung. Eine Konzentration darauf hätte mir persönlich besser gefallen. Es ist ein Roman, der letztendlich zuviele Themen anspricht. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Dennoch lesenswert.

Hanns-Josef Ortheil, Abschied von den Kriegsteilnehmern, 2. Aufl. München 2005, 348 S., ISBN 978-3-442-73409-2

Datum: 4. März 2013
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2 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 4. März 2013 10:14
    1

    …für den Vater musste er akribisch….
    Im Buch von der “Moselreise” klingt das GANZ anders….es ist wie ein einziges Lobeslied für genau diese Notizen…
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Montag, 4. März 2013 12:56
    2

    Ja, es ist wohl beides, zunächst verbindend, dann eingrenzend, weil dem Vater die Phantasieeinschübe des Sohnes missfallen haben.

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