Peter Schneider, Die Lieben meiner Mutter

Jahrzehntelang hat Peter Schneider Briefe seiner Mutter ungelesen in einem Karton verwahrt. Sie haben ihn begleitet, wo immer er hingezogen ist. Erst mit fast siebzig Jahren fühlt er sich bereit, die Briefe zu lesen, muss diese aber in weiten Teilen transkribieren lassen, da sie in Sütterlinschrift geschrieben sind, die er nicht so beherrscht, dass er die Briefe seiner Mutter ohne weiteres lesen kann.

Aus der Auseinandersetzung mit den Briefen und der eigenen Erinnerung an seine Kinder- und Jugendzeit entsteht ein einfühlsames Portrait seiner Mutter und eine Darstellung seiner Kindheit in den Wirren des Zweiten Weltkrieges.

Das Portrait der Mutter, die mit ihren Kindern weitab von ihrem Ehemann, einem Dirigenten und Komponisten, lebt, aber stets Geliebte hat, von denen auch der Ehemann weiß – so verbindet ihn mit Andreas, einem Opernregisseur, sogar eine berufliche und freundschaftliche Nähe – ist das einer Frau, die sich unverstanden und weitgehend ungeliebt fühlt. Sie lebt ein Leben, das auch durch die Kriegswirren und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Ungewissheiten weit über ihre Kraft geht. Ihr fehlt der emotionale Rückhalt, den ihr auch die Geliebten nicht wirklich geben können, die eher an ihrem eigenen Vorteil dieser Liaison interessiert sind. Es ist eine ungewöhnlich, faszinierende Frau, die überall weitgehend auf Unverständnis und Ablehnung stößt, die sich stark mit sich und ihren Emotionen beschäftigt und sie in ihren Briefen in eine einfühlsame, in ihre Sprache fasst.

Ihre Kinder, mit ihr vor dem Krieg in das bayrische Dorf Grainau geflohen, bekommen davon nur am Rande etwas mit. Ihr Leben wird beherrscht von Willy, einem älteren Jugendlichen aus dem Dorf, der geschickt ihren Wunsch, fliegen zu lernen, ausnutzt, da er – zunächst für sie glaubhaft – seinen guten Draht zum Erzengel Michael für sie dafür verwenden will, wenn sie ihm dafür Gaben für den Heiligen besorgen, um diesen gütig zu stimmen.

“Die Lieben meiner Mutter” ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung des Erwachsenen mit seinen Eltern, auch die mit seinem Vater, der überzeugter, wenngleich nicht unbedingt praktizierender Nazi war, eine Einstellung, die der Sohn später strikt ablehnt. Kann ein solcher Vater dennoch ein liebenswerter sein?

Dieses Buch ist auf jeden Fall lesenswert. Es spricht ungleich mehr Themen an, als die, die ich hier in dieser Rezension unterbringen möchte, Themen, die isoliert oder auch konzentriert in (Sach-)Büchern wie die “Geprügelten Generation” oder auch über die Kriegsgeneration und ihre Kinder dargestellt worden sind. Es lohnt sich, auch wenn vieles schmerzhaft zu lesen ist und eigene Erinnerungen wieder aufleben lässt.

Peter Schneider, Die Lieben meiner Mutter, Köln 2013, 296 S., ISBN 978-3-462-04514-7

Datum: 21. September 2013
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Ein Kommentar

  1. Sonja | Sonntag, 22. September 2013 19:04
    1

    Vom simplen Praktikablen ausgehend frage ich mich, wie man mit drei oder gar vier Kindern noch erstens Liebhaber haben kann, zweitens lange Briefe schreiben?
    Doch das ist ja nicht DER Punkt; werde mal das Buch lesen…

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