Martin Miller, Das wahre „Drama des begabten Kindes“

Martin Miller, Sohn Alice Millers, selbst Psychotherapeut und Coach in den USA, versucht ein Portrait Alice Millers: als Mutter und als Kindheitsforscherin. Für den Sohn Martin Miller ein schwieriges Unterfangen, hat er doch als Sohn stets eine besondere Perspektive auf Alice Miller. So heißt es auf dem Einband:

„Es war nicht schön, der Sohn Alice Millers zu sein. Im Gegenteil. Und trotzdem war meine Mutter eine große Kindheitsforscherin.“

Er versucht durch Familienforschung hinter das (Kriegs-) Geheimnis seiner Mutter zu kommen, die wie viele ihrer Generation ihre Erfahrungen für sich behalten und damit ihre Traumatisierungen auch nicht bearbeitet hat, mit weitreichenden Folgen für ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder. Er fördert Erstaunliches zutage und kann damit allmählich ein Verständnis für die Situation seiner Mutter und ihre speziellen Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb der Familie entwickeln.

Das führt allerdings nicht dazu, dass er ihre Verfehlungen in der Kindererziehung beschönigt, die in so krassem Widerspruch zu ihren eigenen Forschungen und den damit verbundenen Postulaten im Umgang mit Kindern stehen. Sie war keine liebevolle Mutter. Das machen unter anderem ihre Briefe an den Sohn deutlich, selbst da, wo sie Fehler einräumt. Denn die nimmt sie in Gesprächen mit anderen Menschen dann wieder zurück.

In der Rolle des Therapeuten findet Martin Miller Erklärungen, Verständnis für das Verhalten seiner Mutter, als Sohn fällt diese Aufarbeitung der kindlichen Verletzungen sehr schwer, denn auch er bezog das elterliche Schweigen seiner traumatisierten Eltern auf sich, die seine Alltagssorgen nicht ausreichend ernst nahmen. Dieses Phänomen beschreibt Sabine Bode in ihren Büchern „Die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel“ sehr genau und gut nachvollziehbar.

Der Leser erhält auch einen Überblick über Alice Millers beruflichen Werdegang, ihre immer noch bedeutenden Bücher, ihre Auseinandersetzungen mit den Schweizer Psychotherapeuten, die mit Millers neuem Forschungsansatz überhaupt nicht einverstanden waren. Und man erhält einen kleinen Einblick in das so schwierige Leben der Alice Miller als Jüdin, Ehefrau, Mutter und bedeutender Forscherin, die allerdings ihre eigenen Theorieansätze in der Praxis nie überprüft hat. Ein (für mich) interessantes, lesenswertes Buch.

Martin Miller, Das wahre „Drama des begabten Kindes“. Die Tragödie Alice Millers, „. 2. Aufl. Freiburg 2013, 175 S., einschließlich eines Nachwortes von Oliver Schubbe, ISBN 978-3-451-61168-1

Datum: 17. März 2014
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

2 Kommentare

  1. Menachem | Montag, 17. März 2014 17:00
    1

    Hab schon mal vorab gegoogelt. Ein guter Tip!

  2. mona lisa | Montag, 17. März 2014 17:51
    2

    Gern, Menachem!

Kommentar abgeben