Natascha Wodin, Nachtgeschwister

Natascha Wodin, Nachtgeschwister

Die Ich-Erzählerin pendelt täglich zwischen ihrer als Untermieterin gemieteten winzigen Wohnung und der Hauptwohnung mir ihrem Ehemann Jakob.

„Ich verstecke mich tiefer im Kragen meines Mantels, ich friere , und ich habe Angst davor gesehen zu werden. Man kennt sich in diesem Viertel, viele kennen hier Jakob und wissen, dass ich seine Frau bin, die zu werden ich einst nicht zu träumen wagte und die zu sein ich mich jetzt so schäme. Jeder, der an mir vorbeigeht, kann jemand sein, der mich kennt, ohne dass ich es weiß. Jeder, der weiß, dass ich Jakobs Frau bin, kann, so scheint es mir, bis auf den Grund des Fiaskos sehen.“

Diese Zeilen – ziemlich am Romananfang – lassen bereits die Untiefen dieser Beziehung, in dem sich die Ich-Erzählerin sieht, erahnen. Sie vermutet, dass es die Angst vor dem Alleinsein ist, die sie bei Jakob bleiben lässt, wohl wissend, dass sie dabei ist, sich selbst aufzugeben:

„Vielleicht brauche ich ihn nur noch, um mir selbst nicht begegnen zu müssen.“

Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin und lebt in einer Beziehung mit Paul, der ihr, der so Unsicheren, Planke ist, ohne die sie glaubt nicht leben zu können, als sie in einer Buchhandlung ein kleines Gedichtbändchen findet, deren Inhalt sie derart fasziniert, dass sie beginnt, mit dem in der DDR lebenden Schriftsteller Kontakt aufzunehmen. Keine einfache und zunächst scheinbar völlig aussichtslose Suche. Doch sie kann und will nicht aufgeben, bis sie sich dann in Nürnberg treffen, der Beginn einer unheilsamen Verbindung.

„Nachtgeschwister“ ist das Psychogramm einer toxischen Beziehung, in der es nur Verlierer gibt. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Beide sind letztendlich von der Liebe des anderen abhängig und erkennen in ihrer Abhängigkeit nicht, dass nicht Liebe die Grundlage ihrer Beziehung ist, sondern der Wunsch, durch die Beziehung von ihrer Einsamkeit erlöst zu werden, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, wirklich miteinander in Kontakt zu sein.

Darüberhinaus ist der Roman noch viel mehr, erzählt er doch auf sehr plastische Art und Weise über das Leben vor, während und nach der Wende in Deutschland und nach ihrem Umzug von der in Berlin, dort, wo die Grenzerfahrungen sichtbarer sind als anderswo in Deutschland. Sie beschreibt die Wohn- und Lebensverhältnisse, das Lebensgefühl der Abgehängten, der Hoffnungsvollen, die Veränderungen durch die Wende. Und die Grenze zwischen Ost und West ist auch in der Beziehung wirkmächtig, erschwert Verstehen, Verständigung.

Der Roman thematisiert auch die ihre zunehmende Unsicherheit der Ich-Erzählerin, als Schriftstellerin tätig zu sein – sie hält sich mit Übersetzungen russischer, für sie zunehmend unerträglicher Romane ins Deutsche über Wasser – während Jakob als Schriftsteller immer bekannter und mit Preisen ausgezeichnet wird. Dennoch ist sie für ihn die Verhinderin seines Schreibens. Was mit ihr ist, interessiert ihn nicht. Seine Wahrnehmung von Wirklichkeit wird zudem durch seine Alkoholsucht mit den allseits bekannten Folgen verzerrt. Und sie hält aus, immer wieder:

„Ich war zu sehr angewiesen auf seine Liebe. Ich ertrug es nicht, dass er sie mir ständig entzog, dass er mich aus der Wärme ständig ins kalte Wasser stieß. Er kam mir vor wie die Strafe dafür, dass ich mich nicht mit seinen Gedichten begnügt hatte und ich ertrug ihn nur in der Hoffnung darauf, dass der, den ich beim Lesen dieser Gedichte vor mir gesehen hatte, endlich aus ihm hervortreten würde, ausschlüpfen wie der Schmetterling aus der Larve.“

Dass sie darauf vergeblich wartet, muss sicher nicht erwähnt werden.

Natascha Wodin, Nachtgeschwister, Roman, Hamburg 2022, 265 S., ISBN 978-3-499-27489-3

2 Gedanken zu „Natascha Wodin, Nachtgeschwister

  1. Sicher höchst interessant diese Liaison, die man wohl zu den toxischen Beziehungen rechnen muss, und die es vielleicht mehr unter den vermeintlich Liebenden gibt, als man denkt.
    Merci für die schöne Besprechung des Buches. Die Schriftstellerin kannte ich bisher nicht.
    Lieben Gruss zum Wochenbeginn,
    Brigitte

  2. Ich habe sie auch er vor kurzem entdeckt und lese sie jetzt mit Begeisterung trotz ihrer soft so düstern Themen. Ich erlebe durch sie bzw. ihre Romane eine Blickwinkelerweiterung über deutsche Geschichte während des Zweiten Weltkrieges, die mir nur rudimentär bekannt sind, da auch in meiner Ursprungsfamilie über diese Zeit kaum bzw. gar nicht gesprochen wurde und mein Geschichtsunterricht darüber auch nichts beigetragen hat.
    Zudem macht sie gerade in diesem Roman das NachwendeBerlin so lebendig mit all seinen Licht- und Schattenseiten.
    Sie kann einfach erzählen.
    Hab einen freundlichen Wochenstart

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