günter abramowski, vom turm

„vom turm“ ist eine Sammlung von 50 Gedichten des aus Dortmund stammenden Günter Abramowski mit einem Einband so glatt, dass es bereits eine Freude ist, den schmalen Gedichtband in die Hand zu nehmen.

Seine Gedichte führen einen an unterschiedliche Alltagsorte und in zeitlich nahe und weiter zurückliegende Erfahrungsdimensionen, wobei z.T. gängige Redewendungen, Metaphern in völlig anderen Zusammenhängen auftauchen und etwas Neuartiges entstehen lassen:

ein guter hirte

ein guter hirte seiner gedanken
fragt wer er selbst wohl sein soll
wenn jene frei sind
die er angenommen hat

er wird ihnen nachgehen
er wird seine eingeweide & knochen finden
er wird von ihnen entführt werden
er wird sich hüten sie allein zu lassen

Warum Abramowski durchgängig das Wort „und“ durch & ersetzt erschließt sich mir nicht wirklich, ich „verbuche“ es unter künstlerischer Freiheit. Mehr Schwierigkeiten habe ich zum Teil mit den Zeilenumbrüchen, die mir manchmal die Sinnerfassung erschweren, doch vielleicht ist auch gerade das gewollt.

Das Gedicht „hoffnungsträger“ entführt den Leser in die Zeit der „Sonntagsspaziergänge“, die mir als Kind ein Gräuel waren, weil sie im „Sonntagsstaat“ gemacht wurden und man sich auf gar keinen Fall dreckig machen durfte. Doch hier die Erfahrungen des Lyrischen Ichs:

der spaziergang am ufer
war das ritual
der sonntage meiner kindheit
vater führte mutter & mich
auf asphaltiertem wege
streute die asche der zigarre
beim dirigieren des monologs
bis der stummel gefallen
dann kehrte er um
schwieg seinen worten nach
bis in sein haus
& und in mir tobte ich
schrie wilde buchstaben
den dösenden zarten steinen
rannte durchs feld
wälzte mich in dreck & und düften
guckte dem gelblichem gras
im seichten ufergrund
grüne grüße
hörte stets wie mutter
sich in den himmel
über der landschaft atmete
bis sie eines tages dort blieb
meinen blick ehe er versank
nahm jedesmal der fluss
trug ihn in die fremde der hoffnung

Es geht des Weiteren um Liebe, die einen das Fliegen lehrt, ums „letzte(s) Hemd/ dem Erlöser gebügelt“, um Schmerzen der Seele und ihr Abgründe, um innere Kälte, Schlaflosigkeit, die sich angesichts existenzieller Fragen einstellt. Es sind keine eingängigen Gedichte, man wird sie sich erschließen müssen, doch es lohnt sich.

günter abramowski, vom turm, gedichte, Hamburg 2012, 63 S., ISBN 978-3-939771-27-2

Datum: 26. Mai 2014
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6 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 26. Mai 2014 14:11
    1

    Deine Sonntagskleider?
    Meine bestanden oft aus von Mutter geschneiderten Kleidchen oder Faltenröckchen, dazu weiße Kniestrümpfe und schwarze, wenn möglich sehr glänzende Lackschuhe. Ja, so war`s.
    Die Gedichte vom Herrn Abramowski werde ich mir näher anschauen!

  2. mona lisa | Montag, 26. Mai 2014 14:32
    2

    Ja, so ähnlich war’s auch bei mir – damaliger Sonntagseinheitslook, Variationen waren bei Frisuren möglich ;)

  3. Quer | Dienstag, 27. Mai 2014 6:55
    3

    Gedichte muss man sich fast immer lesend erschliessen…
    Herrn Abramowskis Lyrik kannte ich bisher nicht.
    Danke für die „Bekanntmachung“!
    Liebe Grüsse,
    Brigitte

  4. mona lisa | Dienstag, 27. Mai 2014 8:47
    4

    Seine Lyrik ist mir quasi ins Haus „geflattert“!
    LbG

  5. 5

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