Natascha Wodin, Nastjas Tränen

Natascha Wodin, Nastjas Tränen

Über „Die späten Tage“ bin ich auf Natascha Wodin aufmerksam geworden, die ich bis dahin nicht kannte. Sie hat eine scheinbar leichte, eher traditionell anmutende Art zu schreiben, zu erzählen – auch über schwere und düstere Themen.

Ihr scheint es eher um das zu gehen, worüber sie schreibt, wovon sie erzählen will.
Und mir gefällt es, ab und an in (Lebens-)Geschichten einzutauchen, an fremden Schicksalen teilzuhaben, immer mit der, meiner Frage, was genau lässt Menschen (weiter-)leben, die für uns bisher kaum vorstellbare Lebenssituationen zu bewältigen haben.

Dieser, von einer Ich-Erzählerin verfasste, Roman ist deutlich biografisch geprägt. Natascha Wodin zieht 1992 nach Berlin und sucht jemanden, der ihr beim Auspacken der Umzugskisten hilft und die Wohnung putzt, da sie selbst aufgrund einer „angeschlagenen Wirbelsäule“ dazu nur sehr eingeschränkt in der Lage ist. Also gibt sie eine Anzeige auf und kann sich vor Angeboten – vorwiegend von Osteuropäerinnen, die „ihr Glück in der neuen Ost-West-Stadt mit ihrer Goldgräberstimmung – kaum retten. Sie beschließt, „die nächstbeste Bewerberin zu nehmen, die bei mir an der Tür läuten würde.“

Und das ist Nastja, eine Ukrainerin, die erste mit der es die Autorin, Tochter einer nach Deutschland verschleppten und zur Zwangsarbeit verpflichteten Ukrainerin, in Deutschland zu tun hat.
Eines Tages legt die Autorin eine Schellackplatte mit ukrainischer Volksmusik auf:

Ich hatte Nastja mit der Musik eine Freude machen wollen, aber stattdessen brach sie, die immer so zurückhaltend und scheinbar unbeschwert gewesen war, in Tränen aus. So begann meine Geschichte mir ihr. Schlagartig erkannte ich in ihren Tränen das Heimweh meiner Mutter wieder, dieses grenzenlose, unheilbare Gefühl, das das Rätsel meiner Kindheit gewesen war, das Mysterium meiner Mutter, die große dunkle Krankheit, an der sie gelitten hatte, solange ich sie kannte.

Und die Geschichte ist wirklich eine unglaubliche. Der Roman erzählt Nastjas Leben in der von den Russen besetzten Ukraine, über den überall spürbaren langen Arm der Diktatur bis in die engsten Lebensverhältnisse, die nur scheinbare Emanzipation ukrainischer Frauen, an denen die komplette Carearbeit hängen blieb, in engsten, für westliche Verhältnisse kaum vorstellbaren Wohnsituationen. Sie waren die eigentlichen Mängelverwalterinnen, letztendlich in jeder Hinsicht unfrei.

Die Sorge für ihren Enkel, den einzigen Sohn ihrer in die Niederlande ausgewanderten Tochter, lässt sie, die eigentlich Tiefbauingeneurin ist, mit einem Touristenvisum nach Deutschland fahren, den Enkel in der Obhut ihres Ex-Mannes und seiner kinderlosen zweiten Ehefrau zurücklassend.

Ohne Sprachkenntnisse, mit einem Touristenvisum, kommt sie in Deutschland an, wo sie weiterhin – von inzwischen im Westen lebenden Landsleuten – ausgebeutet wird, nachdem das Visum, von ihr nicht rechtzeitig bemerkt, abgelaufen ist, die genau wissen, wie sie die Not, Angst und Sorge der Unwissenden, aber auch die deutschen Sozialsysteme zu ihren Gunsten ausnutzen können und wie die Made im Speck leben.

Es ist unfassbar, was man da liest, in welche gesellschaftlichen Untiefen man eintaucht, auf welche Weise Gesetze und das soziale Netz auszuhebeln sind, was aber eher nicht den eigentlichen EmpfängerInnen zugute kommt. Unfassbar aber auch Nastjas Wille zurechtzukommen, ihren familiären Verpflichtungen nachzukommen, denn inzwischen ist sie die Ernährerin aller ihrer in der Ukraine lebenden Verwandten geworden. Da ist kein Raum, nicht der kleinste, auch mal an sich zu denken und sei es „nur“ an die eigene Gesundheit.

Nastjas Schicksal tangiert aber auch die Ich-Erzählerin, da sie mit ihrer eigenen, ziemlich im Dunkel liegenden familiären Vergangenheit konfrontiert wird. Immer mehr Fragen entstehen, die – unbeantwortet – beginnen zu gären. Es ist ein Verwobensein, das dazu führt, dass Nastja bei der Ich-Erzählerin ein Zimmer belegt. Das, was als Zusammenleben, als Gemeinschaft, als gemeinsam gestalteter Lebensraum – zumindest von der Ich-Erzählerin- gedacht war, gestaltet sich dann nicht so wirklich einfach wie erhofft, ersehnt. Zu groß sind die Unterschiede. Die gemeinsame ukraininsche Herkunft allein reicht als Gemeinsamkeitsklammer nicht.

Bevor Nastja nach Jahren – inzwischen aufgrund einer Scheinehe in Deutschland eingebürgert – wieder in die Ukraine zurückkehren wird, fahren beide Frauen ans Mittelmeer – Mittelweltmeer auf Russisch – sehnlichster Wunsch Nastjas.

„Ich war am Ende meiner Geschichte mit Nastja angekommen, einer Geschichte, in der meine Mutter Regie geführt hatte. … Ich hatte meine Aufgabe erfüllt: Ich hatte ihr in Nastjas Gestalt einen Platz in Deutschland erkämpft, einen Platz, den sie nie gehabt hatte und von dem aus sie jetzt in die Ukraine zurückkehrten konnte damit ihr Heimweh endlich geheilt werden konnte. „

In diesen 189 Seiten ist so viel Leben in all seinen individuellen, gesellschaftlichen und politischen Facetten untergebracht, die Ost-Westgrenze nach dem Mauerfall thematisiert, die Aufbruchstimmung, aber auch die Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit derer, die vielleicht immer selbstbestimmt leben wollten, es aber letztendlich nur selten gelernt haben, aufgrund diktatorischer Verhältnisse auch nicht leben konnten.
Absolut lesenswert! Zeigt es wiederum die „Auferstehungskraft“ von Frauen, zumindest von einigen, die Mut macht.

Natascha Wodin, Nastjas Tränen, Roman, Hamburg 2022, 189 S., ISBN 978-3-498-00260-2

4 Gedanken zu „Natascha Wodin, Nastjas Tränen

  1. Danke für diese eingehende Beschreibung eines Buches, das offenbar die ganze Dramatik und Härte eines (Frauen-)Lebens zuhause und in der Fremde authentisch beschreibt.
    Ja, das macht bestimmt sehr nachdenklich und betroffen.
    Einen lieben Gruss zum Maibeginn,
    Brigitte

    1. Und es macht (mich)noch dankbarer für die Lebensumstände, in denen ich gelebt habe und jetzt leben darf.
      Sie sind keinesfalls selbstverständlich.
      Herzliche Grüße

  2. Ein Einblick von Dir, der mir offenbart, dass der Inhalt dieses Buches bewegend ist und auch das eigene Dasein hinterfragen lässt.
    Mir ist klar, dass einen diese biografisch geprägte Geschichte nachdenklich und vor allem dankbar macht.
    Herzliche Grüße nach Speckhorn

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