Natascha Wodin, Die späten Tage

Natascha Wodin, Die späten Tage

„Mein Schreibtisch ist der einzige Ort, an dem ich mein Alter, meine Schmerzen, die Angst vergesse, obwohl ich darüber schreibe. Ich schreibe darüber, um nicht sang- und klanglos zu sterben.“

„Die späten Tage“ ist ein autobiografischer Text der Autorin, die als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren wurde. Er erzählt z.T. in Rückblenden, vorwegnehmenden Gedanken über die Zukunft von ihrem (schriftstellerischen) Leben, ihrem Alltag mit ihrer späten Liebe zu Friedrich:

„Mehrmals in der Nacht kommt Friedrich zu mir ins Zimmer und setzt sich in den Sessel neben meinem Schreibtisch. Als ich ihn kennenlernte, war er schon ein alter Mann, aber er beherrschte noch den Kopfstand und ging im Winter täglich zum Eisbaden in den See. Daran ist heute nicht mehr zu denken.“

Eine Liebe im Alter ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes und Herausforderndes:
„Wir wussten, dass uns die gemeinsame Basis fehlte, uns noch einmal zu zweit in der Welt einzurichten, uns gegen Einsamkeit und Tod zu verbünden und schließlich so etwas wie Philemon und Baucis zu werden. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Denn beide erleben, dass sie zunehmend schwächer werden, die Belastungen des Alltags, aber auch die der Beziehung sind immer deutlicher spürbar. Jeden Tag empfindet sie als eine Art „Sterbetraining“ für sich, gleichzeitig aber auch als Übungsfeld für die „Beständigkeit der Liebe“ und fragt sich zwischendurch selbst erstaunt, wie ihre Beziehung überhaupt lebensfähig ist, da sie Nachtarbeiterin ist und er Frühaufsteher. Doch die schmalen Zeitfenster für Begegnungen nutzen sie mit Spaziergängen, gemeinsamen Naturbeobachtungen am nahegelegenen See. Zudem liest er ihr immer wieder vor.

Immer ist da in ihr das Wissen und die Wertschätzung seiner Fürsorge, die in ihr ihr lange schon eingeschlafenes „Heimwehgefühl“ und ihre „Heimatsehnsucht“ geweckt hat.

„Immer habe ich nach Worten und nach Orten gesucht … nach dem Platz, der für mich gemacht war.“

Für sie ist Friedrich „ein Genie des Nestbaus, der Verbreitung häuslicher Wärme.“ All das steht auf dem Spiel, da Friedrichs Herz irreparabel geschädigt und sein Tod jederzeit möglich ist. Und genau diese Tatsache löst die Angst aus, eines Tages – und sicher in nicht allzu weiter Ferne – allein dazustehen mit der eigenen Gebrechlichkeit, den damit einhergehenden Einschränkungen und der großen Leere und Einsamkeit.
Dagegen schreibt sie an. Es ist eine Art Therapie, da sie mittlerweile Zusammenhänge mir ihrem Leben als Kind und Jugendliche erkennen und ihre Lebensstrategien wahrnehmen kann, die sie zu der hat werden lassen, die sie heute ist.

„Die späten Tage“ ist von Martina Gedeck im NDR zu hören gewesen, eine wunderbare Umsetzung dieses nachhaltig wirkenden Romans von Natascha Wodin. Er zwingt einen dazu, sich der eigenen Endlichkeit und Sterblichkeit zu stellen. Nicht immer angenehm. Dennoch für mich ein lesenswerter Roman über das Leben, die Liebe und das Altern.

Natascha Wodin, Die späten Tage, Hamburg 2025, 288 S., ISBN 978-3-498-00334-0

6 Gedanken zu „Natascha Wodin, Die späten Tage

  1. Die Auseinandersetzung mit solch essenziellen Fragen bleibt niemandem erspart, das kann auch heftige Sorgen, Unsicherheiten, Ängste auslösen.
    Weil Du mich mit Deiner Buchbesprechung neugierig gemacht hast, habe ich ein bisschen ins Leben von Natascha Wodin gelesen. Sie hat wohl sehr prägende Jahre in einer Familie erlebt, die absolut keine Heimat bedeutete.
    Das Buch hinterlässt sicherlich Eindruck, wie ich auch in Kommentaren von weiteren Leser*innen erkennen kann.
    Liebe späte Grüße nach Speckhorn

  2. Das ist schön beschrieben und macht Lust, in dieses markante Buch und die verhaltene Liebe der beiden alten Menschen einzutauchen.
    Danke für die feine Besprechung und lieben Gruss,
    Brigitte

  3. ich hörte von diesem buch in einer schlaflosen nacht. und dachte… vielleicht kauf ichs mir. ob ichs ertrag, gerade? aber es passt ganz gut auf den stapel mit den aufgeschobenen, ungelesenen, die auf den richtigen moment warten. es klappt ja immer…
    lieber gruß
    Sylvia

    1. Ich bin über den NDR auf das Buch gestoßen und habe dann gesehen, dass es auch auf der SWR Bestenliste für den Februar steht, wie auch „Die kalten Nächte der Kindheit“.
      Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert