Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer

„Der Garten über dem Meer“ ist ein in jeder Hinsicht zauberhafter Roman, der den Leser in die längst vergangenen Tage der feinen Gesellschaft aus Bohemiens und Neureichen in der Zeit vor dem Spanischen Bürgerkrieg führt. Zauberhaft ist die Ausstattung mit Schuber, Leineneinband und Lesebändchen, ergänzt durch das lesenswerte, äußerst fundierte Nachwort von Roger Willemsen, der diesen Roman auch herausgegeben hat.

Vordergründig ist es ein “ Sommerroman“, erzählt aus der Perspektive des Gärtners, der das Anwesen von Francese und seiner jungen Frau Rosamaria gärtnerisch betreut. Als langjähriger Dienstbote beobachtet er sechs Jahre lang die feinen Veränderungen im Umgang des Ehepaares miteinander, aber auch das ihrer Freunde, die sich in der Regel jedes Jahr in diesem Haus am Meer treffen, um gemeinsam den Sommer zu verbringen und zu genießen. Besonders auffällig werden die Veränderungen, als auf dem benachbarten Grundstück eine Villa gebaut wird, ebenfalls für ein junges Paar. Denn der Nachbar ist Rosarias Jugendliebe Eugeni, den sie damals für Francese verlassen hat, weil sie mit ihm eine bessere Zukunft zu haben glaubte.
„Sie war gerade achtzehn geworden. Sie fürchtete, ihr ganzes Leben lang nähen zu müssen, bis zu ihrem Tod“ wenn sie bei Eugeni bleibe und so „wandte sie sich ganz und gar Francese zu; still und leise … Eugeni wurde fast wahnsinnig, konnte aber nichts dagegen tun.“

Zauberhaft, ja fast poetisch ist der Roman geschrieben, der von weiteren Lieben erzählt, etwa von der des Gärtner zu seiner verstorbenen Frau, von der Liebe der Eltern Eugenis zu ihrem Sohn, der sie verlassen hat, von der der Dienstboten zu ihrer Herrschaft… . Leise, mit einem leicht wehmütigen Unterton wird erzählt, denn der Gärtner nimmt – obschon er dies nicht explizit zum Ausdruck bringt – Anteil am Leben der Sommergäste, sieht ihre Unsicherheiten, Nöte, Einsamkeiten, die sich hinter der feinen Fassade von Leichtigkeit, Spaß und Genießertum auftun und spürt die oft unausgesprochenen Unstimmigkeiten. Am Ende des sechsten Sommers soll das Haus verkauft werden, der Gärtner erhält noch einen Jahreslohn und den Auftrag, die Räumung zu organisieren. Er hofft, dass ihn der mögliche Käufer des Hauses übernimmt:

„Sie wissen, dass meine Cecília gestorben ist. So ist das Leben. Aber solange ich hier bin, ist sie noch nicht ganz tot. Glauben Sie mir: Es stimmt; sie ist dann nicht ganz tot. Ich bin seit dem Militärdienst in diesem Haus, das habe ich Ihnen ja schon erzählt. Tag um Tag. … Sehen Sie sich den Garten an. Dies ist die beste Tageszeit, um seine Kraft zu spüren und seinen Duft zu riechen. Sehen Sie sich die Linde an. Sehen Sie, wie die Blätter zittern und uns lauschen? Sie lachen … Wenn sie eines Nachts unter den Bäumen spazieren gehen, werden Sie schon hören, was Ihnen dieser Garten alles zu erzählen hat …“
Wir gingen dort auseinander, am Fuß der Aussichtsterrasse, und das war, wenn man so will, das Ende der Geschichte.“

Der Leser hofft mit ihm und findet es bedauerlich, dass die Geschichte zu Ende ist.

Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer, Roman a.d. Katalanischen v. Kirsten Brandt, hrsg. u. mit einem Nachwort v. Roger Willemsen, mareverlag, Hamburg 2104. 239 S., ISBN 978-3-86648-033-9

Datum: 21. April 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

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    […] Band ist eine TB-Ausgabe, kommt also sehr viel einfacher daher als ihr Roman “Der Garten über dem Meer” dennoch ist er ebenso faszinierend und empfehlenswert. Ihre Darstellungsweise ist beeindruckend […]

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