Mercè Rodoreda, Auf der Plaça del Diamant

Dieser Band ist eine TB-Ausgabe, kommt also sehr viel einfacher daher als ihr Roman „Der Garten über dem Meer“ dennoch ist er ebenso faszinierend und empfehlenswert. Ihre Darstellungsweise ist beeindruckend schlicht, alltäglich und denoch berührend. Rodoreda erzählt über die vielfältigen Nöte der Menschen um Colometa und ihren Mann Cintet vor, während und nach dem spanischen Bürgerkrieg.

Colometa, eine zwar unsichere junge Frau, die aber ihr eigenes Einkommen in einer Konditorei verdient, begegnet Cintet, der beschließt, dass Colometa seine Frau werden soll und damit ab sofort zu lernen hat,

“ alles gut zu finden, was er gut findet, wenn ich seine Frau werden wolle. Anschließend hielt er mir eine lange Predigt über den Mann und die Frau und über die Rechte und Pflichten von beiden. Und als ich ihn endlich unterbrechen konnte, fragte ich ihn:
– Und wenn mir eine Sache einfach überhaupt nicht gefällt …?
– Es hat dir zu gefallen, weil du sowieso nichts davon verstehst.“

Und Colometa fügt sich, denn „ich konnte niemandem eine Bitte abschlagen, es tat mir immer richtig weh.“ Dass Colomet nicht bittet, sondern befiehlt, geht ihr nicht auf. „Meine Mutter hatte mir nie etwas über Männer erzählt.“

Während des spanischen Bürgerkrieges ist Colometa dann mit zwei Kindern ganz allein auf sich gestellt. Sie tut alles, um sich und die Kinder durchzubringen, denn Colomet kann keine Lebensmittel mehr bringen, er ist mittlerweile tot, gefallen.

„Ich brauchte lange, um richtig zu begreifen, daß er wirklich gestorben war, denn für mich war er schon seit langem irgendwie tot gewesen … so, als ob er gar nicht zu mir gehört hätte, als ob ich ihn nicht wie etwas, das zu mir gehört, hätte lieben können, …“

Irgendwann sieht sie keinen anderen Ausweg mehr, als sich und die Kinder mit Salzsäure umzubringen, die sie auf Pump kaufen will, da sie nicht einmal dafür Geld aufbringen kann.

Doch sie ergreift eine Chance, die sich ihr bietet, erholt sich aber nur sehr langsam „ich hatte noch viel Müdigkeit in mir.“ Sie läuft nachts durch die Stadt, weil sie nicht schlafen kann. Ihre „Seele war noch immer in Schlaf gehüllt.“ Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Sorgen quälen sie und halten sie wach.

„… und dann stieß ich eine höllischen Schrei aus. Und dieser Schrei mußte schon seit Jahren in mir gesteckt haben, und zusammen mit diesem großen Schrei, der so schwer durch meine Kehle gekommen war, kam mir auch ein kleines Etwas aus dem Mund, wie ein Käfer aus Speichel … und dieses kleine Etwas, das so lange in mir eingeschlossen gelebt hatte, war meine Jugend, die mit einem Schrei entflohen war, von dem ich nicht genau wußte, was er war … Verlassenheit?“

Ein wirklich lesenswerter, berührender Roman über menschliche Auswirkungen gesellschaftlicher Normen und Gegebenheiten, verschärft durch die Wirren eines Bürgerkrieges. Wieviel Leid, aber auch menschliche Größe werden da sichtbar.

Mercè Rodoreda, Auf der Plaça del Diamant, a.d. Katalanischen v. Hans Weiss, mit e. Nachwort von Gabriel García Márquez, Frankf./M. 6. Aufl. 2015, 251 S., ISBN 978-3-518-45878-5

Datum: 5. Juni 2015
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Ein Kommentar

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    […] (aus: Mercè Rodoreda, Auf der Plaça del Diamant, S. 245) […]

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