Matthias Brandt, Nein Sagen

Matthias Brandt, Nein Sagen

Matthias Brandt wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, dieses Jahr eine Rede in der Gedenkstätte Plötzensee, zum Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler zu halten, „in Erinnerung an jene Menschen, die den Mut hatten, Nein zu sagen, als Nein zu sagen, lebensgefährlich war.“

Nach anfänglicher Skepsis und Zweifel daran, ob er für diese Aufgabe der Richtige sei, begann er sich näher mit dem Thema des Widerstandes zu beschäftigen, auch, weil er spürte, dass dies eine Gelegenheit sein könnte, „seinen Eltern … neu zu begegnen. Und damit auch den Menschen, die damals Widerstand geleistet haben. Und so am Ende vielleicht sogar ein wenig mir selbst. Die Jahre vergehen und das Bedürfnis zurückzuschauen und zu fragen, was war, wächst.“

Darüber hinaus ist die Dankbarkeit für das Glück „weitgehend in Frieden aufzuwachsen“ eine Motivation, sich einzumischen und nicht weiter nur den Luxus zu genießen, sich aus der Politik heraushalten zu können:

„Jetzt ist Vieles anders. Mein Eindruck ist es, es bleibt nur die Wahl, sich entweder zurückzuziehen, in Resignation zu verfallen oder sich mit den eigenen bescheidenen Möglichkeiten dagegenzustellen, dass autoritäre Kräfte das zerstören, was nach Krieg und Naziherrschaft unter Mühen aufgebaut wurde.

Matthias Brandt beginnt dann mit dem Vielen, was sich verändert, von dem er nie geglaubt hat, dass so etwas in Deutschland nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieges wieder möglich sein könnte und macht sich seine „bürgerliche Verantwortung“ klar, das mit seinen Möglichkeiten zu verhindern.

In der Vorbereitung auf die Rede beschäftigt er sich mit seinen Eltern und deren Engagement gegen die Naziherrschaft und -willkür und trifft dabei auf weitere Menschen und ihren Einsatz: „Jeder auf seine Art, jeder so wie er kann“, die nicht abgewartet und sich herausgehalten haben, obschon ihnen völlig klar war, welche Konsequenzen sie und auch ihre Angehörigen zu befürchten hatten.

„Sie haben ihre Verantwortung wahrgenommen. Weil sie Menschen waren in einer Welt, die immer unmenschlicher wurde.“

Seine Frage: „Was hätte ich damals getan?“, die ihn Zeit seines Lebens begleitet hat, wird zu der entscheidenden Frage: „Was tue ich heute?“ Und zieht für sich das Fazit: „mich zu Wort melden. … Jetzt, wo wieder offen gehetzt wird und wo wieder Leute auf der Straße beschimpft, diskriminiert und bedroht werden, weil sie fremd oder anders sind. … Das ist das Mindeste, was ich mittlerweile von mir verlange.“

Für Matthias Brandt eint die Menschen aus dem Widerstand – und er zeigt auf, dass es nicht nur die als Helden gefeierten Männer waren, die das Attentat gegen Hitler geplant, ausgeführt haben und dafür getötet wurden – die Tatsache, dass sie sich ihrer Verantwortung für andere bewusst waren und sie wahrgenommen haben, weil ihnen klar war, „was ihr Schweigen würde anrichten können“.

Matthias Brandt endet mit folgenden Gedanken: „Vielleicht wäre es ein Anfang, einander wieder mit dem Gedanken zu begegnen, dass wir alle hier dazugehören wollen. Vielleicht braucht es einen ersten Schritt, um zu zeigen, dass man einander noch nicht komplett aufgegeben hat.“ und erinnert daran, dass „Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung ist.“

Lasst und also das tun, was uns möglich ist, um Menschlichkeit in unserer Welt zu verbreiten und zu sichern. Lasst uns unsere Verantwortung sehen und wahrnehmen, das ist die Aufforderung von Matthias Brandts ganz persönlicher Auseinandersetzung mit dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.
Mich erinnerte der Titel dieser Rede sofort an den Song von Konstantin Wecker aus den Achtzigern: „Sage Nein!“ und frage mich: Was ist mein NEIN?

Matthias Brandt, Nein Sagen, Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute, Köln 2026, 119 S., ISBN 978-3-462-01627-7

2 Gedanken zu „Matthias Brandt, Nein Sagen

  1. Einfach wunderbar, dass es Menschen gibt wie Matthias Brandt, der in seinem eminent wichtigen Buch einsteht für den Mut und die Widerstandskraft, die man damals und auch heute aufbringen musste und muss, um der Welle von Macht, Gewalt und Hetze entgegenzutreten.
    Dagegen deutlich und couragiert NEIN sagen ist unsere Pflicht und Aufgabe.
    Einen lieben Gruss zu dir und vielen Dank für diese feine Buchbesprechung,
    Brigitte

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