Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

„Damals genoss ich solche Verwirrungen, ein taumelndes Gefühl der Schwerelosigkeit, ja, wenn ich jetzt zurückdenke, entsinne ich mich eines primären Gefühls der Schuldlosigkeit.“
Solche Verwirrungen entstehen bei Victoria, der Ich-Erzählerin, wenn sie sich an einem Ort befindet und dann gefühlt doch wieder nicht.

Die gebürtige Rumänin hat in einer Züricher Bank gearbeitet, die überfallen worden ist. Sie wird beurlaubt, um die damit verbundenen Erlebnisse zu verarbeiten und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Bukarest.

Auf langen Spaziergängen durch die Stadt, durch Begegnungen mit realen Menschen und die Erinnerung an weitere ergibt sich eine Aneinanderreihung von Geschichten wie barocke Perlen auf einer Schmur, ungleich rund, ungleich schwergewichtig und doch als Kette von Lebensereignissen erkennbar.

Victoria liebt Geschichten, die sie hört, selbst erzählt, erzählt bekommt oder in Büchern lesen, in Filmen hören und sehen kann. Möglichst detailreich sollen sie sein. So ist es nicht verwunderlich, dass der Leser ausführlichst – nahezu vier Seiten lang – über ein opulentes, standesgemäßes Weihnachtsessen informiert wird
Da ist die Beschreibung ihres Nagellackes der Fußnägel schon fast rudimentär:

„Eine Zeitlang sitzen wir einfach da am Gartentisch, ich balanciere die Füße auf dem Stuhl vor mir und versuche mich gänzlich auf den vielfarbig schimmernden Nagellack zu konzentrieren, den ich am besten entfernen sollte: Er hat einen billigen Benzinglanz, der die Zehen stumpf wirken lässt. Wie konnte ich nur dieser Farbe zustimmen, trägt man doch jetzt helle Eiscremetöne und Nudeschattierungen, vom klassischen Nude über Greige bis Sand und Karamell und natürlich das klassische Rot, zu dem ich auch viele passende Kleider habe.“

Es gibt u.a. auch eher politische Geschichten wie die mit der Begegnung der „obersten Mutter, der Mutter des ganzen Volkes, die sich auch gern mit ‚Mutter’ansprechen ließ“. Ihr, die für sie nur die „Alte mit der Kartoffelnase“ ist, soll sie Blumen überreichen und vorführtauglich den Kopf hin- und herdrehen. Es sei so schön, wenn ihre Zöpfe hin- und herflögen.

Die Ironie, Satire muss sich der Leser selbst erschließen und dazu bedarf es einiger Grundkenntnisse der damaligen politischen Situation in Rumänien.

Lesenswert ist das Buch für all diejenigen, die an detallierten, mosaikartigen Geschichten interessiert sind und sich – auf der Grundlage des Gelesenen – gern selbst ein Gesamtbild erstellen.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass die Autorin beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet worden ist.

Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit, Roman, Dörlemann Verlag, Zürich 2015, 262 S., ISBN 978-3-03820-021-5

Datum: 17. August 2015
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4 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 17. August 2015 13:29
    1

    O ja, was für mich! Fast alle Bücher dieses Verlags mag ich – überzeugt hat mich diese Nagellackgeschichte! Frönt meiner Beobachtungssucht…
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Montag, 17. August 2015 18:42
    2

    Dann wird dich die Weihnachtsessendarstellung umhauen ;)
    Viel Spaß beim Lesen!

  3. Sonja | Dienstag, 18. August 2015 11:49
    3

    Freu mich schon!!!

  4. 4

    […] ihrem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ hat nun der Dörlemann Verlag in gewohnt handlichem Format Dana Grigorceas Novelle, „Die […]

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