Nathalie Chaix, Christina Röckl, Liegender Akt in Blau

Normalerweise habe ich überhaupt keine Hemmungen, in Büchern Stellen anzustreichen, Notizen, Anmerkungen zu machen etc. Doch bei diesem „Liegenden Akt in Blau“ – der fulminaten Liebesbeziehung zwischen dem Maler Nicolas de Staël und der verheirateten jüngeren Jeanne, sprachlich interessant geschrieben von Nathalie Chaix und von Christina Röckl wunderbar aussagekräftig illustriert, habe ich es nicht übers Herz gebracht. Ich habe mir einen Zettel genommen und darauf meine Notizen gemacht. Aber seht selbst:

(Copyright Christina Röckl, kunstanst!fter verlag)

Es ist die Geschichte einer langsam und zaghaft beginnenden, dann aber leidenschaftlichen, zerstörerischen Liebesbeziehung in den 50iger Jahren des letzen Jahrhunderts, zwischen diesem ungleichen Paar. Beide sind mit einem anderen Partner verheiratet und haben jeweils mehrere Kinder. Beide wissen um das sinnliche Potential ihrer Beziehung, für Nicola ist Jeanne auch Muse. Sie wissen aber auch um das Zerstörungspotential sowohl für die eigene Person, als auch für die jeweiligen Angehörigen. Immer wieder trennen sie sich und immer wieder kommen sie zusammen, jeder mit einer anderen Sehnsucht, die der andere nicht wirklich stillen kann und will.

„Er bittet sie um drei Dinge.
Er kann nicht anders.
Er wagt es. Drei Dinge

Ihren Mann verlassen.
Mit ihm leben.
Ihn heiraten.“

Doch diese drei Dinge kann und will sie ihm nicht geben.

Er will mich festhalten, mich lähmen, mich nehmen und nicht mehr hergeben. … Er zerstört. Er löscht Urbain aus. Er löscht Jules und Gaspard aus, der noch so klein ist. Er löscht mich aus, indem er mich festhält. Ich gehe, und ich komme nicht mehr zurück.“
„Er weiß es nicht. Dass sie ihn liebt. Seit all diesen Monaten, all diesen Stunden, trotz all dieser Brüche, all dieser Trennungen, liebt sie ihn. Sie liebt ihn, und doch will sie sie selbst sein. Sie will ihm nicht gehören. Sie will für ihn nicht ihr Leben als Ehefrau, als Mutter aufgeben.“

An dieser Entscheidung, die Affäre zu beenden, hält sie allerdings nicht fest. Immer wieder besucht sie ihn in seinem Atelier, steht ihm Modell, schläft mit ihm. Mit der Konsequenz, dass sie damit dann doch ihre Familie zerstört, weil auch ihr Mann sie ganz für sich allein will.

Nicolas reagiert heftig, auch Unbeteiligten gegenüber, zerstört dadurch die Beziehung zu seinem Dichterfreund René, fährt kopflos mit rasanten, riskanten Autofahrten durch die Landschaft des französischen Südens – meist nachts – oder arbeitet wie ein Berserker.

Er malt. Betäubt sich mit Arbeit. Ist mal niedergeschlagen, mal wütend.

René erzählt er von Jeannes Ehemann. Dem kleinen Gatten, der die Dreistigkeit hat, ihm zu drohen, ihn anzugreifen. Er schert sich nicht um die Forderungen des Apothekers. Er schert sich nicht um den Schmerz, den er Jeannes Familie zufügt. Oder seiner eigenen Familie, die der fern von sich hält.

Jeanne. Er liebt sie wahnsinnig, übermäßig, rasend.“

Zum Schluss begeht Nicolas de Staël – wie im wirklichen Leben – Suizid. „Liegender Akt in Blau“ weist also biografische Züge auf. Nathalie Chaix hat sich an die Chronologie und die tatsächlichen Orte gehalten und auch die erwähnten Personen haben gelebt. Sie nimmt sich aber die Freiheit, die Liebesgeschichte zu gestalten und erzählt sie zum einen aus der Ich-Perspektive Jeannes und aus der personalen Erzählhaltung gegenüber Nicolas. Die beiden Perspektiven sind – als Orientierungshilfe – grafisch anders gestaltet, so dass auch ein literarisch nicht ganz so versierter Leser am Schriftbild die jeweilige Perspektive erkennen kann. Chaix nimmt aber auch als auktorialer Erzähler – zeitweilig kommentierend – Einfluss auf die Geschichte, erzählt sowohl in Versen als auch im Fließtext.

Noch spannender, interessanter und gelungener wird „Liegender Akt in Blau“ durch die farbenfrohen, den Roman stimmungsmäßig begleitenden Illustrationen von Christina Röckl, mit denen sie es schafft, dem Leser sowohl die Landschaften als auch die Liebesbeziehung mit ihrem Problem von Nähe und Distanz vor Augen zu führen und die zunehmende Verdüsterung der Stimmung Nicolas zu verdeutlichen.
(Copyright Christina Röckl, kunstanst!fter verlag)

Selbst den Selbstmord Nicolas durch einen Sturz in die Tiefe hält sie in zahlreichen, den Sturz symbolisierenden, ungewöhnlichen Bildern fest. Sie setzt den Focus nicht auf das Sterben, sondern nimmt sein Verlangen, die Erde zu berühren, in den Focus. So werden die nachfolgenden Verse mit immer mehr Grünanteilen auf den Seiten begleitet. Ein Grün, das zuzuordnen ist aus den vorher aufgezählten vielfarbigen Grüntönen, wenn man denn mag.

„sturz

das verlangen
die erde zu berühren

ein mann der fällt

keine atmung
abgeschnürt
angehaltener atem

blendendes licht
kurzes geballtes
bild

letzte
abstraktion

fall

sein körper
der auf dem
asphalt aufprallt

letzter
atemzug

blut
läuft
glänzend
über
grauen
stein

kalt“

Dem Kunstanst!fter Verlag ist einmal mehr ein wunderbares Buch gelungen, das die Bücherseele eines Lesers berühren kann, der beim Lesen immer mehr Facetten entdeckt und manchmal nicht weiß, ob er seine Aufmerksamkeit zunächst dem Text oder den Bildern widmen soll. Die Bildersprache erschließt sich erst im Verlauf des Lesens. Aber man kann das Buch ja ruhig mehrfach in die Hand nehmen und lesen, betrachten, es sich erschließen und – wie bei einem Film – immer wieder neue Aspekte und Perspektiven entdecken. Es ist ein wunderbares Geschenk für Bücherliebhaber!!

Christina Röckl (Illustation) & Nathalie Chaix (Text), Liegender Akt in Blau, a.d. Franz. v. Lydia Dimitrow, kunstanst!fter verlag Mannheim 2016 352 S., ISBN 978-3-942795-45-6

Datum: 15. Februar 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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