Natsume Sōseko, Sanshirōs Wege

Für mich ist es nach „Kokoro“ der zweite Roman dieses japanischen Schriftstellers. Zfeitlich ist „Sanshirōs Wege“ sechs Jahre vor „Kokoro“ erschienen.

Beide Romane sind nicht wirklich handlungsreich im Sinne äußerer Handlungen. Sie werden getragen von der Neugier und der Unwissenheit eines jungen Menschen, hier ist es Sanshirō, der gerade die Oberschule beendet hat und mit der Bahn nach Tokio reist, um dort ein Studium aufzunehmen, und erste Erfahrungen mit der Großstadt Tokio und seinen Menschen macht.

Interessant ist, was der Autor über seinen Roman sagt:

„Meine einzige Arbeit besteht darin, die Menschen in diese Welt freizulassen. Danach schwimmen sie nach eigenem Belieben, und es ist zu erwarten, dass sich ein Drama von selbst entfaltet. Unterdessen werden, wie ich hoffe, sowohl der Leser als auch der Autor von der Atmosphäre angesteckt, und sie werden den Personen allmählich näher kommen.“

Als Leser nimmt man an Sanshirōs Erfahrungen mit einer für ihn neuen Großstadtkultur, mit anderen Verhaltens- und Lebensweisen teil, und mit für ihn völlig neuen Erfahrungen im Umgang mit jungen Frauen, die sich so anders verhalten als die Frauen, die er auf dem Lande gesehen hat. Wirklichen Kontakt hat er mit ihnen bis dahin nicht gehabt. Entsprechend unsicher und verwirrt fühlt er sich in deren Gegenwart, zumal Mineko eine sehr selbstbewusste junge Frau zu sein scheint, die ihn fest in ihrem Bann gezogen hat. Zaghaft versucht er immer wieder – entgegen der von ihm anerzogenen Verhaltensweisen – auch allein mit ihr Kontakt zu bekommen, um mir ihr spazieren gehen zu können. Nie weiß er, dem Ehrlichkeit über alles geht, ob sie das, was sie sagt, auch meint oder ihn nicht einfach nur verspottet.

War er in seiner Heimat Teil der traditionellen Gesellschaft mit ihren Normen und Werten, so fühlt er sich in Tokio mit den aufkommenden individualistischen Lebensentwürfen und Normen entwurzelt, einsam und unverstanden und versucht herauszufinden, wie andere ledige Männer leben und zurechtkommen.

Schwierigkeiten hat er auch mit dem so selbstbewusst auftretenden Yojiro, einem Studienkollegen, der für ihn zunächst eine Art Vorbild zu sein scheint, dem er unkritisch folgt, ihm nahezu jedes Wort glaubt und ihm Geld leiht, was ihn dann selbst in eine prekäre Situation bringt, die er jedoch für sich zu nutzen weiß. Mit der Zeit merkt Sanshirō, das Yojiro nicht wirklich verlässlich ist, sondern eher ein Blender, Aufschneider, eine Art Hochstapler.

Ob und wie Sanshirōs sein Erwachsenenleben gestalten wird, bleibt offen. Klar wird auf jeden Fall, dass Mineko entgegen ihrer Äußerungen, dann doch einen Mann heiratet, den ihr Bruder für sie vorschlägt, während ihre Schwester, die eher immer in ihrem Schatten gestanden hat, sich gegen den Vorschlag des Bruders wehrt und Nein sagt.

Dem Roman habe ich mich, den Äußerungen des Autor entsprechend, nur allmählich genähert. Inhalt, Form und Struktur dieses als Fortsetzungsroman geplanten und konzipierten Romans waren gewöhnungsbedürftig. Vielleicht fehlte mir zunächst auch nur die innere Ruhe, mich auf diesen so ruhig und gemächlich daher kommenden Roman einzulassen.

Sinnvoll wäre es für mich gewesen, die Ausführungen des Übersetzers Christoph Langemann im Nachwort vor der Lektüre zu lesen. Er weist in klarer Form auf die Besonderheiten, wiederkehrenden Motive und die Symbolik von Farben und Pflanzen hin. Insgesamt sehr erhellend, bereichernd und nützlich. Jedem, der nicht wirklich Spezialist japanischer Literatur ist, ist das Nachwort zu empfehlen – als Vorwort ;)

Natsume Sōseki, Sanshirōs Wege, Roman, a.d. Jap. übersetzt und mit einem Nachwort versehen v. Christoph Langemann, aus der japan edition des be.bra Verlages, Berlin 2009, 270 S., ISBN 978-3-86124-9085

Datum: 24. Februar 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

  1. 1

    […] Roman ist so anders als „Kokoroko“ und „Sanshirōs Wege„, da er in der sozialen Unterschicht mit seinen verschiedenen Idiomen angesiedelt ist, zudem […]

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