Natsume Sōseki, Der Bergmann

Der namenlose Ich-Erzähler dieses Romans, der von sich selbst immer wieder behauptet, er könne nicht schreiben, schon gar keinen Roman, ist neunzehn Jahre alt und bisher wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus in Tōkiō aufgewachsen. Seine Eltern haben ihm – wie es üblich ist – eine Frau ausgesucht, die er heiraten soll, aber nicht heiraten will. Die Frau, die erliebt, kann er dagegen nicht heiraten.

Für diesen jungen Mann eine ausweglose Situation. Er beschließt, Selbstmord zu begehen, hat aber nicht mit den Schwierigkeiten, sprich seinem Lebenswillen, gerechnet. Er schafft es also nicht, sich zu töten, aber in sein Elternhaus zurückkehren will er auch nicht.

„Ich wusste zwar nicht wohin, aber ich hatte fest vor, dorthin zu gehen, wo es keine Menschen gibt. … Unerträglich, wie diese verhangene Welt um mich herum wucherte und meinen Vorsatz lähmte, bis zu meiner Läuterung zu marschieren. Jeder Schritt meiner vor Angst angewurzelten Beine, den ich von Angst getrieben machte, führte einen Schritt weiter in diese Angst hinein. Einerseits von Angst getrieben, andereits davon gelähmt und wiederum keinen anderen Ausweg habend, als mich zu bewegen; nie mehr würde ich diesem Teufelskreis entkommen, soweit ich auch gehen mochte. Mein ganzes Leben lang würde ich mit dieser Angst marschieren. So sehr war alles vernebelt, dass ich mir wünschte, alles würde endlich ganz und gar dunkel werden.“

In dieser Seelennot und zudem völlig unerfahren im Umgang mit Menschen gerät er an Chōzō, der Arbeiter für ein Kupferbergwerk sucht und dafür Provision kassiert:
„‚Er da, hat er keine Lust zum Arbeiten?'“

Da dem Ich-Erzähler eh alles egal ist, geht er aus „Selbstverleugnung“ mit. Doch der Weg zum Bergwerk und in es hinein wird für ihn durch viele Grenzerfahrungen im Kontakt mit anderen Menschen und den Grenzen seines eigenen Körpers zum Initiationsweg, ständig heftigen Gefühlsschwankungen unterworfen, die gut nachvollziehbar und sehr detailliert beschrieben werden.

Auf einer Leiter in den tiefsten Tiefen des Kupferbergwerkes stehend macht er eine Erfahrung, die er „Todesabkehr und Rückkehr ins Leben“ nennt. Ihm wird schlagartig bewusst, wie unsinnig sein Tod sein würde, zumal niemand davon Kenntnis bekäme.

„Du musst, koste es, was es wolle, bis oben hinauf.“

Hat er bis dahin nur völlig bildungsferne und zudem sehr grobschlächtige Menschen getroffen – meist völlig abgestumpft und ausgemergelt – die ihn ausgelacht haben, weil sie wussten, dass er der Arbeit im Bergwerk nicht gewachsen sein würde, trifft er auf dem Weg aus der Unterwelt auf Yasu, der ihm auf Augenhöhe begegnet. Ihm gelingt es, dem jungen Mann seine Verantwortung gegenüber Japan klar zu machen:

„‚Wenn jemand mit Bildung Bergmann wird, dann ist das ein Schaden für Japan.'“

Für eine Übergangszeit arbeitet er noch in der Buchhaltung einer Kantine, um sein Gesicht sich selbst gegenüber nicht zu verlieren. Dann – fünf Monate später – kehrt er nach Tōkyō zurück.

„Das waren meine ganzen Erfahrungen als Bergmann. Und alles entspricht der Wahrheit. Das kann man schon daran erkennen, dass das hier kein Roman geworden ist.“

Dieser Roman ist so anders als „Kokoroko“ und „Sanshirōs Wege„, da er in der sozialen Unterschicht mit seinen verschiedenen Idiomen angesiedelt ist, zudem eingeengt auf die Perspektive des Ich-Erzählers. Dennoch geht es um die Darstellung eines bürgerlichen individuellen Schicksals in der japanischen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit auch heute noch immer aktuellen Themen. Daher: absolut lesenswert für Leser, die keinen Roman mit spannender äußerer Handlung brauchen!

Natsume Sōseki, Der Bergmann, Roman, übersetzt und mit einem sehr informativen Nachwort versehen v. Franz Hintereder-Emde, be.bra verlag, Berlin 2016, 339 S., ISBN 978-3-86124-920-7

Datum: 19. Mai 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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