Juli Zeh, UNTERLEUTEN

Ich habe zunächst gedacht, der Titel laute „Unter Leuten“, die Gestaltung des Covers lässt diese Variante auf jeden Fall zu:

Doch „Unterleuten“ ist einfach nur der Name eines Dorfes, um das es in diesem Gesellschaftsroman geht. Dennoch sind damit natürlich auch die Menschen, die Leute, gemeint, die in diesem Dorf wohnen: Alteingesessene und Neubürger, Aussteiger aus Berlin, die seit einiger Zeit dort wohnen und versuchen, im Dorf Fuß zu fassen und mitreden und -agieren zu können.

Die bei der Monatszeitschrift Vesta als freie Mitarbeiterin tätige Journalistin Lucy Finkbeiner ist die Erzählerin dieses Romans. Auslöser war eine Meldung von Spiegel online unter der Rubrik „Panorama“, in der es um den Leichenfund eines 63-jährigen Landwirtes im Trinkwasserbrunnen der angrenzenden Gemeinde geht. Finkbeiner fährt in das Dorf und kommt „mit einer verwirrenden Sammlung von Informationen“ zurück, die sich aber – nach Ansicht ihrer Redaktion – nicht für eine Geschichte im Blatt eigne, sondern eher für einen Roman. Das erfährt der Leser im Epilog des Romans, im 62. Kapitel des 635 Seiten starken Romans.

Davor erlebt er kaleidoskopartig, jeweils aus der Perspektive der im Titel des Kapitels genannten Person, das Universum eines kleinen Dorfes in Brandenburg, das menschliche Abgründe und Tragödien offenlegt, als es darum geht, ob am Dorfrand ein Windpark errichtet werden soll, für den Grundstücke verschiedener Besitzer vereinigt werden müssen.

Die verschiedensten Interessen prallen aufeinander, längst zurückliegende, doch nie vergessene Streitigkeiten brechen wieder auf und eskalieren in unbeschreiblich gewalttätigen und oft unverständlichen Aktionen. Denn miteinander Reden ist Sache der Dorfbewohner nicht.

„Sämtliche Beteiligten fühlen sich im Recht und verspüren deshalb einen starken Drang, ihre Version zu erzählen. Inzwischen kann ich behaupten, Unterleuten recht gut zu kennen, was nicht bedeutet, dass ich etwas verstanden habe.“

Und so ergeht es auch dem Leser, der nur die Möglichkeit hat, aus den diversen Meinungen seine eigene zu entwickeln, und daran wahrscheinlich scheitert, da die Gemengelage einfach zu vielschichtig ist.

Juli Zeh ist ein diffiziler, sehr facettenreicher Roman nicht nur über das Dort „Unterleuten“ und seine Menschen gelungen. Es ist eher ein Roman, der den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist des 21. Jahrhunderts deutlich macht. Zeitlich ist er im Jahr 2010 zu verorten, dem Jahr, in dem in Duisburg die Loveparade-Katastrophe passiert ist.

Traditionen überleben sich, Neues entsteht, es ist eine Zeit des Umbruchs, in dem einige die Veränderungen der Wende noch gar nicht richtig in ihr Leben integriert haben. Fazit der Journalistin:

„Wenn ich in Unterleuten eines gelernt habe, dann dass jeder Mensch sein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.“

Dieses Universum als Ganzes ist so vielfältig, dass die Autorin am Ende des Romans eine fast vierseitige Liste der „Bewohner Unterleutens u.a.“ aufgeführt hat, für den Fall, dass man „unterwegs beim Lesen“ den Überblick verliert. Ein Roman also, der dem Leser einiges an Konzentration und Geduld abverlangt. Das Lesen lohnt sich dennoch – trotz einiger Längen in der Mitte des Romans, der zum Ende hin eine ungeheure Dynamik entwickelt.

Juli Zeh, Unterleuten, Roman, 3. Aufl. München 2017, 643 S., ISBN 978-3-442-71573-2

Datum: 9. Januar 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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