Ferdinand von Schirach, Carl Tohrberg

Drei Kurzgeschichten über drei eher unscheinbare Menschen, allesamt Männer – den namenlosen Bäcker, der die beste Torte seines Lebens kreiert, Richter Seybold, der die andere Seite des Gesetztes kennenlernt und den Mathematiker bei einer Versicherungsgesellschaft Carl Tohrberg, der Weihnachten feiert – und das auf nur 63 Seiten.

So schlicht das Cover, so schlicht und scheinbar einfach und alltäglich sind auch die Geschichten.

Die des Bäckers beginnt völlig unaufgeregt, eher langweilig, das, was eine Spiegelung der Alltagsroutine des Bäckers, eigentlich Konditor mit Meisterprüfung, in einem Franchiseladen eben hergibt, nahezu nichts, scheinbar:

„Der „Backshop“ sah aus wie alle anderen dieser Kette, ein Franchiseladen, schlüsselfertig, nur ein paar durchdachte Quadratmeter. Die Teiglinge wurden jeden Morgen mit einem Lieferwagen gebracht, dann standen sie in grünen Plastikpaletten im Flur des Hauses und tauten langsam auf.“

Und das soll taugen für eine Kurzgeschichte, die ja ein besonderes im Mittelpunkt stehendes Ereignis erzählt? Ja, es taugt. Und wie! In sehr einfacher Alltagssprache erfährt der Leser mehr über den Bäcker und dessen Vor-Leben vor seiner Arbeit in diesem Backshop, die ihn nicht einmal finanziell ausreichend versorgt:

„Jeden Morgen lieferte der Bäcker Brötchen aus, weil der Backshop alleine nicht genug einbrachte. Es waren viele Adressen, und er brauchte mehr als zwei Stunden, bis er alles erledigt hatte.“ Und ja, der Bäcker verliebt sich in eine junge japanische Musikstudentin. Mit weitreichenden Konsequenzen.

Die Geschichte des Richters beginnt auch nicht viel aufregender:

„Die Justiz in Berlin stellt Seybold mit neunundzwanzig als Richter auf Probe ein, drei Jahre später ist er Amtsrichter auf Lebenszeit. Schon am ersten Arbeitstag kennt er das Datum seiner Pensionierung.“

Völlig unauffällig verläuft dann auch sein Leben als alleinstehender Mann bis zu seiner Pensionierung. Doch was kommt dann, ohne tägliche Routine und Struktur, ohne gebraucht zu werden, erkennbar ohne Freunde bis zu seiner Beerdigung am Ende der Geschichte, als „alle ins Gasthaus“ gehen? 15 Seiten für ein ganzes Leben mit einem für die Kurzgeschichte so typischen Wendepunkt.

Und „Carl Tohrberg“, die dritte Geschichte, startet so:
„Carl sprach nie viel. Als Kleinkind hatte ihn seine Mutter aus Versehen von einer Kommode fallen lassen.“ Welche Untiefen, Abgründe verbergen sich hinter diesen beiden Sätzen?

Seit Jahren feiert er, inzwischen in Hamburg wohnend, mit seiner Frau und dem Adoptivsohn Weihnachten im Haus seiner Mutter bei Salzburg. Alles scheint wie immer:

„Carls Mutter unterhält alle. … Plötzlich endet alles. Tohrberg glaubt sein Gehirn würde weiß, eine breite, stille Winterlandschaft. Es ist ihm nicht unangenehm, er schließt die Augen. … Niemand spricht mehr, die Opernsängerin starrt ihn mit offenem Mund an. Tohrberg geht zu seiner Mutter. Sie zittert:’Was tut er da?'“

Er bringt seine Mutter mit einer Gabel um und sagt nach seiner Verhaftung nur ein Wort „Anamorphose“. Ein Wort, das niemand in diesem Zusammenhang versteht, im Polizeiprotokoll aber festgehalten wird und seine Bedeutung erst im letzten Moment der Geschichte offenbart. Faszinierend und imposant.

Die drei Kurzgeschichten sind zunächst schnell gelesen oder auch nicht, wenn man ihre Nachhaltigkeit und Untiefen schon beim Lesen auf sich wirken lässt. Die Menschlichkeit, das Menschsein aller drei Männer ist spürbar, ihre Taten verständlich oder nachvollziehbar aus der Perspektive der Protagonisten, wenngleich sie auf keinen Fall gut geheißen werden. Die Beurteilung überlässt der Erzähler dem Leser. Nicht alle Taten werden gerichtlich verfolgt, dennoch sind die menschlichen Auswirkungen spürbar oder vorstellbar.

Kurzgeschichten also, die es in sich haben, wie bisher alle Texte, die ich von Ferdinand von Schirach gelesen und auch rezensiert habe. (Sind zu finden, wenn man die Titel im Suchfeld meines Blogs eingibt.)

Ferdinand von Schirach, Carl Tohrberg, btb Verlag, München 2. Aufl. Oktober 2017, 63 S. ISBN 978-3-442-71574-9

Datum: 5. Februar 2018
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2 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 5. Februar 2018 16:59
    1

    Gerade das Einfachste ist manchmal die Essenz!
    Finde es gut, dass hier nicht allerneueste Bestseller besprochen werden, solche lese ich stets nicht – jedenfalls vorerst nicht.
    Gruß aus kalter Sonne

  2. mona lisa | Montag, 5. Februar 2018 17:45
    2

    Danke für deine Rückmeldung.
    Heute war‘s hier auch endlich mal wieder sonnig.
    Liebe Grüße

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