Irvin D. Yalom mit Benjamin Yalom, Die Stunde des Herzens

Irvin D. Yalom mit Benjamin Yalom, Die Stunde des Herzens

Irvin D. Yalom ist mittlerweile über 90 Jahre alt, schreibt immer noch und gab zur Zeit der Entstehung dieses Buches auch noch einstündige Konsultationen, da er aufgrund seines immer stärker nachlassenden Gedächtnisses keine Langzeittherapien mehr geben kann und will, sich dennoch aber zutraut, Hilfestellung geben zu können.
Eine Arbeit, die ihm Zeit seines Lebens am Herzen liegt, mit der er noch nicht aufhören kann. Ist es doch auch für ihn eine Verbindung zur Welt, zu Menschen, zumal diese Möglichkeiten sich für ihn immer mehr einschränken: Viele seiner WegbegleiterInnen sind bereits gestorben – er trauert immer noch sehr um seine verstorbene Frau – und die Kontaktbeschränkungen durch Corona treffen auch ihn.

„Sich begegnen im Hier und Jetzt“ das ist Yaloms Credo für eine gelingende Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn, denn seiner langjährigen Erfahrung nach sind es die Beziehungen, die heilen und nicht in erster Linie die Form und die Methoden der Therapie. Und die „Menschen dürsten nach engeren, besseren Beziehungen. Der Schlüssel zum Aufbau solch erfüllender Beziehungen sind die Fähigkeit und der Wille sich zu öffnen, um Intimität zu teilen. … Intimität fragt nach Verletzlichkeit: Man darf nicht erwarten, dass sich der Freund, Verwandte oder die Partnerin öffnet, wenn man nicht selbst bereit ist, sich der betreffenden Person zu öffnen.

In einer einstündigen Konsultation diese Beziehung aufzubauen, ist eine der Herausforderungen. Früher hat er sich dafür lange Zeit nehmen können, jetzt steht ihm nur noch eine Stunde zur Verfügung. Das macht beiden Seiten enormen Druck.
Und er beginnt KlientInnen, die Schwierigkeiten haben, sich zu öffnen, aufzufordern, ihm Fragen zu stellen, die er offen und ehrlich zu beantworten verspricht. Zum einen, um zu zeigen, dass und wie Offenheit geht, zum anderen erhofft er sich über die Art der Fragen, das Problem, Thema der Klienten zu erkennen, weshalb sie sich überhaupt an ihn gewandt haben.

Da KlientInnen ihm des Öfteren sehr ähnliche Fragen stellen, kommt es zu zwangsläufig zu Wiederholungen, die für LeserInnen seiner Bücher dann nicht mehr wirklich interessant sind.
Beeindruckend sind allerdings seine Gedanken über die Konsequenzen seines nachlassenden Gedächtnisses und der Umgang damit in den Konsultationen, aber auch in seinem Alltag sowie seine Gedanken zu Tod und Sterben. Viele Schwierigkeiten überwindet er mit dem Schreiben, das seinem Leben immer wieder Sinn verleiht. Dieses Buch endet dann allerdings:

Nun ist mir aber bewusst, dass ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, vor der Wirrnis beschützen muss, die mich verschlingt. Darum nun diese beiden freundlichen letzten Wörter:
THE END

Daran allerdings glaubt sein Sohn Benjamin nicht so wirklich, der in einem Nachwort noch einmal die Wichtigkeit der Selbstoffenbarung des Therapeuten beschreibt und die Widrigkeiten, die dieser Form im heutigen Lehrbetrieb immer noch entgegenstehen. Da ist Freuds Leere-Leinwand-Ansatz immer noch vorherrschend.

Irvin D. Yalom mit Benjamin Yalom, Die Stunde des Herzens, sich begegnen im Hier und Jetzt, a.d. Amerikanischen v. Sylvia Bieker, 2. Aufl. München 2024, 345 S., ISBN 978-3-442-76383-5

Ein Gedanke zu „Irvin D. Yalom mit Benjamin Yalom, Die Stunde des Herzens

  1. Danke für die interessante Buchvorstellung, Mona Lisa.
    Das Buch des Therapeuten ist wohl für Menschen gedacht, die in diesem Metier tätig sind und – oder – sich in diese Thematik vertiefen wollen.
    Mich spricht es dagegen nicht wirklich an. :–)
    Einen lieben Gruss,
    Brigitte

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