Abendstille

Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebückten Ganges
durchs Gefild
und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.
Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,
von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf
und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.
Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen
ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.
Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiß,
als wär es mit Mehl
rings überpudert.
Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll
und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen großen,
runden Tupfen –
das ist der Mond.
Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es
langsam
zu Bette.
(Christian Morgenstern)
4 Gedanken zu „Abendstille“
Wieder einmal – wie sooft – bin ich voller Begeisterung über Deine Bilder, die „Abendstille“ wunderbar zum Ausdruck bringen.
Bei mir geht’s nicht zu Bette, sondern auf die Couch,
ein gemütlicher Abend wartet,
den wünsche ich Dir auch, mit herzlichen Grüßen!
Danke dir, ich bin nach diesen Fotos still und beglückt nach Hause gegangen, mir selbst dankbar, dass ich noch eine Abendrunde um die nahegelegenen Teiche gemacht habe.
Friedvolle Grüße
Herrlich, deine Abendbilder und entzückend, die Morgenstern-Geschichte von der lichtsammelnden alten Frau und der kindlichen Nacht!
Ich bin hin und weg davon. :–)
Lieben Gruss, Brigitte
Das freut mich,
ein wenig Licht hat sie ja gelassen,
sonst wären diese Fotos nicht möglich gewesen.
Herzliche Morgengrüße