Siri Hustvedt, Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerungen

„Meine Trauer wird nicht enden, aber sie wird sich weiter verändern.“ , eine Erkenntnis, die Siri Hustvedt sicher mit anderen Trauernden teilt. Aber dieses Erinnerungsbuch zeigt auch auf berührende Art und Weise, wie sie als Schriftstellerin – natürlich schreibend – mit ihrer Trauer umgeht, die sie anfallartig überwältigt, „wenn ein Anblick oder Geräusch mich anspringt und verletzt.“
„Unsere Ehe war ein Dialog, dessen genauer Wortlaut in Vergessenheit geraten ist. Ich bin froh, dass ich seine kleinen Zettel an mich aufgehoben habe, angefangen beim allerersten – Liebe S. Einige habe ich in dieses Buch aufgenommen, mein Buch des Trauerns um ihn. Schreiben ist Handeln. Satz für Satz, Absatz für Absatz habe ich versucht, auf dem Papier etwas von dem Mann zurückzubringen, etwas davon, wer er für mich war.“
Uns ermöglicht dieses Buch einen Einblick in die besondere Beziehung zwischen Paul Auster und Siri Hustvedt, in ihre Themen, ihre schriftstellerischen Arbeiten und Romane, ihre Auseinandersetzungen politischer, gesellschaftlicher Art, in ihre familiären Verhältnisse, Bindungen, Ängste und Freuden, die oft nah beieinander liegen, einer Familie, die aus der Sicht Paul Austers aus einer „Kette ununterbrochener Generationen der Liebe“ besteht, wie er an einen Brief an seinen Enkel Miles, der Sohn der gemeinsamen Tochter Sophie, schreibt und mit einem Wunsch verbindet:
„Alles, was ich mir von dir erhoffe, ist, dass du über diese Kontinuitäten, diese im Lauf der Jahre geschmiedeten Glieder einer Kette der Liebe nachdenkst und begreifst, wie sehr deine Mutter von ihrer Mutter und ihrem Vater geliebt wird, und wie sehr deine eigene Mutter und dein Vater dich lieben.“
Die Trauer Siri Hustvedt um ihren geliebten Mann, die sie anfangs erstarren lässt, hindert sie dennoch nicht daran, mitzubekommen, was um sie herum politisch geschieht, wie sehr sie die Demokratie in Amerika durch Nummer 47 – den Namen Trump sprechen weder er noch sie aus – gefährdet sieht. So zitiert sie Worte Trumps, die er vor einer christlichen Gruppe sagte:
„Kommt raus und wählt. Nur dieses eine Mal. Danach braucht ihr es nicht mehr. In vier Jahren, wisst ihr, was? Es wird abgestellt sein, es wird in Ordnung sein, dann braucht ihr nicht mehr zu wählen.“
Ihrer Ohnmacht versucht sie durch Handeln, und für sie ist Schreiben handeln, zu begegnen und ihren Weg ohne ihren Mann Paul, der ihr Anker und Sparringspartner war, zu finden und zu gehen:
Dieses Buch der Erinnerung ist ihre Art, sich „vorwärts zu erinnern, wie Kierkegaard es ausdrückte, und Paul mitzunehmen, während ich weiterlebe. Wir alle sterben, aber ich hatte ihn in meinem Leben, und weil ich ihn hatte, bin ich nicht die, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger. Ich sagte immer zu Paul: Du bist das Herz meines Herzens. Das war er und ist er.“
Eine berührende, zärtliche Liebeserklärung, die nie in Kitsch übergeht, die auch die Schwierigkeiten ihrer Beziehung nicht außen vorlässt, aber durchdrungen ist von Wärme, Zartheit und der tief empfunden Trauer um den Verlust des geliebten Menschen, der für sie alles war und der sie dennoch sie selbst sein lassen konnte.
Siri Hustvedt, Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerungen. a.d. Engl. v. Grete Osterwald u. Uli Aumüller, Hamburg, 2026, 400 s., ISBN 978-3-498-00788-1
6 Gedanken zu „Siri Hustvedt, Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerungen“
Oh ja, das hört sich wunderbar zärtlich an trotz der allgegenwärtigen Trauer.
Danke für deine – wohl auch aus deiner eigener Erfahrung geschärfte und sensibilisierte – Wahrnehmung und Beschreibung.
Lieben Gruss in die Osterwoche, Brigitte
Es ist ein überaus interessantes, lesenswertes Buch, es hat mein Interesse an beiden als Schriftsteller geweckt. Gelesen habe ich von beiden m.E. noch nichts. Doch das kommt.
Im Übrigen erscheint am 2. April ein Film über sie in den Kinos.
Mal sehen, ob ich den hier zu sehen bekommen.
Dir einen guten Start in die Karwoche.
Herzliche Grüße
Ich habe Deinen Eindruck über das Buch mit großer Neugierde gelesen, da ich erst vor kurzem eine Buchbesprechung im TV dazu sah – die Meinungen gingen sehr auseinander. Teilweise wurden diverse Kapitel des Buches arg zerpflückt, das hat mir fast wehgetan.
Es ist zweifelsohne ein sehr persönliches Buch, niemand ist genötigt, es zu lesen – umso mehr freut es mich, dass es von Dir so gewürdigt wird.
Dass ein Film über Siri Hustvedt ins Kino kommt, habe ich schon in der Vorschau gesehen. Mein Eindruck war: sehr aufschlussreich, der Film.
Danke für Deine feinsinnige Sicht auf dieses Buch,
herzliche Grüße nach Speckhorn
Oh, gern.
Es ist so viel mehr als ein Erinnerungsbuch, es hat – für mich – so zahlreiche Facetten über die es nachzudenken lohnt, das es sicher ein Buch ist, das ich gerne in Reichweite liegen lasse.
Ich hoffe, den Film hier sehen zu können. Sie interessiert mich als Mensch, als Frau und als Schriftstellerin.
Herzliche Abendgrüße
oh ja, möcht ich lesen! steht schon auf meiner
bücherliste…
lieber gruß
Sylvia
Dann viel Freude damit.
Ich werde zusehen, dass ich mir heute den Film anschauen kann.
Frohe, lichte Ostertage