Anke Gebert, Wo du nicht bist

Anke Gebert, Wo du nicht bist

Wie schafft eine Frau es, mit einem Toten verheiratet zu werden, und warum will sie das überhaupt?

„‚Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau‘, beendet der Standesbeamte seine Rede, steht auf und hält ihr die Schale hin.
Sie erhebt sich ebenfalls, nimmt den kleineren Ring und steckt ihn sich an den Ringfinger ihrer rechten Hand. Dann nimmt sie den zweiten Ring. Blickt zu dem Stuhl neben sich. Zu ihrem Bräutigam, den sie jetzt küssen darf.
Der Stuhl ist leer.“

So beginnt Anke Geberts Roman, der eine unglaubliche Liebesgeschichte erzählt, spannend umso mehr, wenn einem beim Lesen stets gegenwärtig ist, dass diesem Roman eine wahre Begebenheit zu Grunde liegt, wie man dem Untertitel und den beigefügten Dokumenten im Anhang entnehmen kann.

Es ist eine Liebesgeschichte in den Zeiten des Nationalsozialismus. Erich, ein gut situierter, angesehener jüdischer Arzt mit einer gut gehenden Gynäkologenpraxis am Kurfürstendamm in Berlin, liebt Irma, eine sehr viel jüngere Verkäuferin im KaDeWe, die für den eigenen Unterhalt und den ihrer Schwester und ihres Neffen Max arbeitet. Schon das sorgt auf beiden Seiten für viele Gedanken, Vorurteile und Hässlichkeiten aus den unterschiedlichsten Motiven heraus. Da spielen Neid und Missgunst eine Rolle, Moralvorstellungen, an die sich das Paar nicht hält. Doch die beiden setzen sich darüber hinweg, nachdem sie sich ihre Liebe eingestanden und durch eine Verlobung auch öffentlich gemacht haben.

Es sind alle „Zutaten“ vorhanden, um einen der üblichen Liebesromane zu erzählen. Doch es sind nicht die „üblichen“ Hindernisse, die ein so ungleiches Paar zu überwinden hat – die gibt es zusätzlich – sondern der sich ausbreitende Nationalsozialismus, der mit seinen menschenverachtenden, zunehmend brutaleren Aktionen gegen Juden, den beiden ihr Zusammensein erschwert. Dennoch halten sie an ihrer Liebe fest. Sie wollen heiraten: Am 16. September 1935, obwohl sie keinen Raum mehr für ihre Feier finden, kaum noch Gäste kommen werden. Die sind nach und nach alle weggeblieben.

Doch am 16.9.35 stehen sie vor verschlossener Tür. Ein Beamter, den sie fragen, was los sei, blafft sie an:
„‚Verlassen Sie sofort das Haus! Sonst werde ich Sie wegen Rassenschande anzeigen!‘ Der Beamte ging mit festen Schritten zu seinem Schreibtisch und griff zum Telefon.“

Sie gehen notgedrungen und erfahren später, dass den Abend davor auf einem Reichsparteitag das „Gesetz zur Reinhaltung des deutschen Blutes“ verabschiedet worden ist. Dennoch halten die beiden an ihrer Liebe fest und treffen sich bei Freunden, obwohl diese Treffen mittlerweile für alle Beteiligten lebensbedrohlich geworden sind. Bis Erich dann deportiert wird. Irma sieht ihn noch einmal hinter einem Zaun, als sie nach Theresienstadt fährt, um ihn zu sehen und zu besuchen.

Nach dem Krieg versucht sie mit allen Mitteln, ihre Liebe zu Erich legalisieren zu lassen – gegen enorme Widerstände auf Seiten der Behörden, aber auch von Verwandten Erichs, die auf einmal auftauchen. Sie kämpft für ihre Liebe, gegen die Gefahr der Mutlosigkeit, die sie vor und nach dem Krieg bei vielen Menschen gesehen hat. Einige davon haben sich umgebracht. So auch ihre Mutter, deren Mann aus dem 1. Weltkrieg nicht mehr zurückgekommen ist. Das will sie nicht. Und kämpft – erfolgreich.

Dass sie ihr Zeil erreicht, ist von Beginn an klar. Es geht in diesem Roman wohl auch eher um die bemerkenswerte Liebe und die Schwierigkeiten, denen sie im menschenverachtenden Nationalsozialismus nach 1933 ausgesetzt ist. Der Roman ist somit ein Stück Vergangenheitsbewältigung anhand eines individuellen Schicksals, das dennoch für viele steht, und gleichzeitig als eine aktuelle Warnung vor gesellschaftlichen Tendenzen zu lesen, die im Denken den Anschauungen der Nationalsozialisten in vielen Teilen sehr ähnlich sind.

Der Roman ist im besten Sinne gute Unterhaltung mit Tiefgang. Ich habe ihn nahezu in einem Rutsch gelesen. Packend und berührend.

Anke Gebert, Wo du nicht bist. Nach einer wahren Begebenheit, Pendragon Verlag, Bielefeld 2020, 295 S., ISBN 978-3-86532-672-

2 Gedanken zu „Anke Gebert, Wo du nicht bist

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