Ein Café

Ein Café

Ab und zu braucht der Mensch seine Ruh – Was eignet sich besser als ein gemütliches Café mit einem Sitzplatz in der Ecke, von dem aus man den Blick schweifen lassen kann: ins Innere oder nach Draußen, dem man gerade mit seiner Hektik entflohen ist.

Ein Café wusste auch Kafka schon in seiner unnachahmlichen Art zu beschreiben.

Café Cinema Berlin

Nur das Fenster trennt
zu der Stadt
außer seinen Gefühlen
von denen er sich wünscht
sie sollten niemals
hier draußen untergehen

Tausend Gesichter
bilden diese eine Fratze
die alles darstellt
und die er
manchmal
notgedrungen verehrt
Mehr als das
was in ihm ist

Neben ihm sitzt Jemand
Jemand trägt eine Brille
und erzählt von einer Schönheit
von sich
Die Schönheit
gibt sich ihm hin
weil sie so handelt
wie sie denkt
aber nicht fühlt

Am Nebentisch sitzt
Niemand
und trinkt schon
sein fünftes Bier
Traurig greift er
nach seinen Träumen
in einem Spiegel gefangen

Links von ihm
sitzt das Gewissen
und lacht sich
zu Tode

Neben der Tür
ganz nahe beim Eingag
sitzt Irgend
Irgend unterhält
einen ganzen Tisch
von Leuten
wie sich
Alle hören ihn
und fallen ein
in seine Monotonie

Draußen hat es begonnen
zu regnen
und langsam
füllen sich die Fensterscheiben
mit kleinen
wehmütigen Tropfen
Immer mehr
bis die ganze Welt
verschwindet
Mit ihr auch
ihre Bewohner
Jemand, Niemand und Irgend
haben sich schon lange
nach Hause begeben

Nur noch das Gewissen
grinst ihn noch an
Er öffnet die Tür
um zu gehen

(Franz Kafka)

6 Gedanken zu „Ein Café

  1. Ein tolles Foto, sehr einladend, das Café habe ich notiert, falls mich meine Wege nach Berlin führen …
    Neugierig auf die Stadt bin ich jedenfalls!

    Wie feinsinnig von Herrn Kafka beobachtet!
    Ich geh ja regelmäßig ins Café, blättere gerne durch Zeitungen und Zeitschriften.
    Bevorzugt bin ich in jenen, die sich der Wiener Kaffeehauskultur zuschreiben. Immer auch ein Treffpunkt für Künstler*innen, Schreibende, Philosoph*innen, usw.
    Die Einrichtung dieser traditionellen Kaffeehäuser trägt auch sehr zum Wohlgefühl bei …
    Liebe Grüße!

    1. Ja, die Stadt hat so einiges zu bieten, man sollte nur vorher wissen, was man sehen, erleben möchte oder – ganz im Gegenteil – sich einfach treiben und überraschen lassen.
      Hier – wo ich wohne – gibt es leider so wenig Cafés, in denen man genau das machen kann. Mir ist es persönlich meist zu laut.
      Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: