Kathrin Weßling, Nix passiert

Kathrin Weßling, Nix passiert

#1

„Du hast mir das Herz nicht gebrochen, nein, das wäre dir ja zu wenig, das ist ja nicht doll genug, nicht krass genug, da muss die Faust her, mit der Faust hast du reingeschlagen, mitten rein, denn nur, was zertrümmert wird, zerschlagen und vernichtet, ist erledigt für dich, da gibt es kein Pardon, kein „Entschuldigung, war nicht so gemeint“, nicht mal die immer nicht ganz so ernstgemeinte Variante von „Entschuldigung“: „Sorry, echt.“ Nein, hier gibt es kein Pardon, keine Rücksicht, keinen Zweifel. Deine Worte sind eine Herzvernichtungswaffe, alles verseucht und tot danach, kontaminiertes Gebiet, das keiner je wieder betreten kann. Du hast alles versaut, du hast alles vergiftet, du dummes Stück Scheiße, ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, ich vermisse dich so sehr.“

So beginnt Katrin Weßlings neuer Roman „Nix passiert“ und macht bereits vieles deutlich: Da ist jemand, der verlassen worden ist, für den die Welt untergeht, der sich halt- und schutzlos fühlt, scheinbar nur noch in Verabsolutierungen denken und reden kann, schnell mit Schuldzuschreibungen dabei ist und in Hass, in Abwertungen flüchtet, um den Schmerz des Verlassenseins nicht wirklich fühlen und schauen zu müssen, was genau dieses Verlassenwerden für ihn bedeutet: Denn der andere ist Schuld – an absolut allem.

Dieser Jemand ist Alex, lebt in Berlin, genauer im Wedding, ist Webdesigner und kommt nicht wirklich klar mit sich, der Welt und den Menschen. Da ist dann Jenny, seine Freundin, für ihn die „tollste Frau, die er je getroffen hat,“ er, der „sensible, schlaue Typ, der eigentlich ganz viele Freunde hatte, … theoretisch wahnsinnig beliebt und nur durch Zufall allein.“
Sie nimmt die Dinge in die Hand, was Alex gefällt. „Ich hatte absolut keine Ambitionen daran etwas zu verändern, warum auch. Alle gaben sich ständig Mühe mit mir. Mein Chef, die Frauen, die ich datete, und jetzt eben auch Jenny.“ Und so kann’s und soll’s auch bleiben, ginge es nach Alex.

Die Trennung, deren Gründe er offensichtlich nicht kennt – oder will er sie nicht wahrnehmen und wahrhaben – wirft ihn auf sich selbst zurück: Er versinkt in Trauer, Weltschmerz – da ist zudem viel Selbstmitleid – und macht alles, um genau das nicht zu fühlen, was mit ihm los ist: saufen, koksen, sich verkriechen … Und entschließt sich dann, als nichts mehr geht, zu seinen Eltern zu fahren, die in einem Kaff wohnen, aus dem Alex immer nur weg wollte.

Und auch da legt er mehr oder weniger das gleiche Verhalten an den Tag. Allen und allem begegnet er, wenn er sich nicht in seinem Zimmer einigelt, mit einer gewissen Arroganz, mit Abwertungen, Vorstellungen, wie was zu sein, bzw. nicht zu sein hat. Seine Eltern, die sich mittlerweile in ihrem Leben zu zweit eingerichtet haben, verhalten sich nicht, wie Eltern sich in solchen Situationen seiner Meinung nach zu verhalten haben, ehemalige Freunde sind die im Kaff verbliebenen Spießer, mit Welcome-Home Schildern vorm Reihenhaus – bei Jenny fand er das gleiche Schild übrigens noch witzig – und keiner versteht ihn. …

Ja, wie sollen sie auch, wenn er vor sich und den anderen verheimlicht, was wirklich mit ihm los ist. „Nix passiert“, nein, alles ok, absolut wahnsinnig, das Leben in Berlin … So – vereinfacht – Alex Außendarstellung.
Innen sieht’s da ganz anders aus: Berlin ekelt ihn an, die Menschen sind ihm zuviel, alles ist zu dreckig, zu laut, einfach nur zu. Und auch das Kaff ist kein Ort zum Leben: zu eng, zu spießig, einfach zu – was auch immer.

Doch allmählich dämmert Alex, dass er sein Problem sein Problem nicht mehr auslagern, die Lösung nicht mehr delegieren oder im Außen finden kann, will er eine wirkliche Veränderung:

Die Großstadt war nicht das Problem und das Dorf nicht die Lösung. Das Problem ist, dass ich jemand sein will, der ich gar nicht bin, dass ich eigentlich noch immer hier wohne, in mir drin, dass ich nie weggegangen bin, weil ich noch immer versuche zu vertuschen, was mit mir nicht stimmt, so verzweifelt versuche, jemand zu sein, damit ich irgendjemand bin.“

Er begreift – wie Max Frisch es schon vor Jahrzehnten erkannt und immer wieder in seinen Texten verarbeitet hat – dass ein „Anti“ noch lange kein eigenes Leben zur Folge hat, da die Regeln, die Werte dann letztendlich immer noch von anderen bestimmt und aufgestellt werden.

Alex schafft es – zumindest theoretisch – die Leere, die ihn nach seinem Geständnis den Eltern gegenüber, was mit ihm nun wirklich los ist und immer auch schon war, als Ausdruck seiner Orientierungslosigkeit und gleichzeitig als Möglichkeit anzuerkennen, auftanken zu können, als Not-Wendigkeit, um ins Handeln zu kommen, damit sein Leben tatsächlich sein Leben werden kann. Er beginnt zaghaft, sich für andere zu öffnen, ihnen zuzuhören und sie ohne Bewertungen wahrzunehmen. Man könnte diese Begegnungen als essentiell bezeichnen.

Dieses Buch ist ein moderner Adoleszensoman, der uralte Fragen: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wie führe ich ein sinnhaftes Leben? thematisiert und in lockerer, zum Teil (selbst-) ironischer, mit Angliszismen verwobener Sprache erzählt.

Manche Passagen haben Längen, wenn immer wieder Themen, Situationen, Gefühle etc. in epischer Breite dargestellt werden. Allerdings könnte genau dies Alex Situation widerspiegeln, der ja in sich gefangen ist und in immer gleichen, zumindest ähnlichen Gedankenschleifen rotiert.

Dazu gehören auch die schwammig wirkenden Stellen, in denen Alex aus der Ich-Perspektive, in der der Roman erzählt ist, in Sätze flüchtet, in der er nicht mehr vorkommt. Da dominieren dann Indefinitpronomen, der Irrealis und es wird vage:
„Es wäre alles so einfach. Hier kann man alles zu Fuß erreichen, niemand kotzt einem in der U8 auf die Schuhe, keiner brüllt mitten in der Nacht im Hinterhof, alles ist sehr still, man lässt die Rollläden abends um sechs zu zwei Drittel herunter und dann gegen neun oder zehn, wenn man schon lange vor dem Fernseher sitzt, lässt man sie mit diesem einzigartigen Rollladengeräusch aus dem Kasten sausen, weil es die Nachbarn nun wirklich einen Scheiß angeht, was man abends macht, obwohl eigentlich alle das gleiche tun.“ Und jedem ist sofort klar: Das ist nicht die Lösung.

Kathrin Weßling ist wieder einmal gelungen, einen gut lesbaren Roman zu schreiben, der Spiegelbild ihrer Generation ist und hinter die Fassaden blicken lässt. Ob dieses Mal die männliche Perspektive zielfördernder ist, weiß ich nicht. An manchen Stellen kam Alex mir nicht sehr authentisch vor. Spricht man einen jungen Mann mit „Mäuschen“ an und macht dieser sich um das Aussehen seiner Hüften Gedanken?
Doch ich bin sicher, dass viele sich von ihrem Roman angesprochen fühlen – unabhängig vom Geschlecht der LeserInnen. Vielleicht ist die Lektüre für einige auch der Anstoß zu überprüfen, ob bzw. wie sie mit sich selbst in Kontakt sind.

Kathrin Weßling, Nix passiert. Roman, Ullstein Verlag, Berlin 2020, 236 S., ISBN 978-3-96101-038-7

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