Zerstörungen

Zerstörungen

Bei einem Rundgang durch den Stadtteil, in dem ich zur Volksschule gegangen bin, so hießen damals die Grundschulen, habe ich über viele Veränderungen staunen können.

Dort wo früher Straßenbahnen, Lastwagen, viele Autos in Richtung Ruhrschnellweg fuhren, viel Staub und Lärm dominierten, lädt jetzt eine große Fläche zum Verweilen ein, Geschäften wechselten, eine Bank wurde durch einen Barbier-Shop ersetzt, viele gibt es aber auch nicht mehr, den Blumenladen, in dem ich als Kind gelernt habe, Kränze zu winden, die Hutmacherin mit dem verkürzten Zäpfchen und einer entsprechend veränderten Aussprache, die mich bei ihrer Arbeit hat zusehen lassen … Aber die bzw. eine italienische Eisdiele im Haus gibt es noch immer.

Viele alte Gebäude sind nur wesentlich saniert worden, meist ist das Ergebnis eine „Verschlimmbesserung“, da nicht dem Wesen des Gebäudes entsprechend saniert wurde, sondern z.B. alte reich verzierte Holztüren durch einfache Metallglastüren aus dem Baumarkt ausgetauscht wurden. Aber Ästhetik muss man sich auch leisten können und/oder wollen.

Die kirchenfensterähnlichen Verzierungen an dem Haus, in dem meine Mutter mit ihren Eltern, also meinen Großeltern, gelebt hat, sind noch gut erhalten. Und die erinnere ich noch ganz deutlich. Die alte Werkstatt meines Opas, der Garten meiner Oma gibt es ebenfalls noch. Leider war niemand zu sehen, den ich hätte fragen können, um ins Innere zu sehen. – Vielleicht auch besser so.

Aber es gibt auch viel Zerstörungen, Schmierereien, Verwüstungen, vor allem an den Kirchen, die ich schon als Kind wunderschön und imponierend empfunden habe.

Die Uhren sind stehen geblieben, die Gebäude verriegelt und verrammelt, die Umgebung übersät mit Unkraut, Müll und Scherben. Das tut weh, vor allem, wenn man die Fantasie hat, was man aus diesen Gebäuden als Treffpunkte, als Ausstellungs- und Versammlungsräume machen könnte. Doch offensichtlich fehlt dafür das Interesse, sicher aber auch das Geld.

In seinem Gedicht „Zerstörungen“ geht Gottfried Benn auf solche Zerstörungs-Prozesse ein.

Zerstörungen –
das sagt immerhin: hier war einmal
Masse, Gebautes, Festgefügtes –

Noch gibt es dort etwas zu zerstören, aber vielleicht auch zu erhalten, sicher nicht mehr in sakraler Hinsicht und das ist vielleicht auch gut so, denn das mit Kirchen unsäglich Verbundene muss nicht wieder belebt werden.

Es war ein Rundgang des Abschieds. Was das ein oder andere in meiner Erinnerung gerade gerückt hat. So war ich doch sehr erstaunt, wie nah unsere Wohnung am Bahnhof lag, als Kind doch eine ziemlich lange Strecke. Den Bahnhof meiner Erinnerung gibt es natürlich auch nicht mehr, wohl aber ein schönes Detail, was erhalten geblieben ist.

So strahlend war es damals allerdings nicht.

8 Gedanken zu „Zerstörungen

  1. Beeindruckender Rundgang. So viel Veränderung – vor allem, wenn man lange nicht dort war und dort Kindheitserinnerungen hat. Das verkürzte Zäpfchen geht mir nicht mehr aus den Sinn. Wie das wohl klingt, wenn die Hutmacherin spricht?

  2. Recht heiser, aber nicht im Sinne einer verrauchten Stimme. Habe mich damals kaum getraut, sie danach zu fragen. Aber ich war immer schon neugierig im sinne von wissbegierig, vor allem nach den Gründen. „Warum?“ war die Frage, mit der ich viele Erwachsene genervt habe ;)
    Fröhliche Morgengrüße

  3. Welch schöne, aber auch wehmütig stimmende Reise in die Kindheit. Manches stimmt freudig und anderes irritiert oder tut weh.
    Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.
    Lieben Gruss nochmal,
    Brigitte

    1. Das trifft zu, aber so ist Leben halt ;)
      Das ein oder andere kann man dann an seiner Erinnerung auch gerade rücken, etwa die Einschätzung von Entfernungen.
      Hab einen sonnigen, nicht zu heißen Tag.
      Liebe Grüße

  4. Rundgänge, verbunden mit Erinnerungen an Kindertage, diese schätze ich auch sehr.
    Und auch ich kenne das Bedauern über Zerstörung und ebenso darüber, alten Gebäuden kein neues Leben mehr einzuhauchen. Manches Mal geschieht es aber dann doch zu meiner Freude, dass sich ein Kreis von Menschen findet, die eine Vision verwirklichen – andernorts vermodern und verwildern wahre Schätze, um irgendwann einem schmucklosen modernen Gebäude weichen zu müssen.
    Es braucht sogenannte „Kümmerer“, die sich um diese Themen annehmen, in meiner Lebensstadt gibt es durchaus solche Initiativen, es keimt Hoffnung …

    1. Heute geht das meiner Meinung nach mit den Abrissen nicht mehr so einfach und so schnell wie in früheren Zeiten. Das Bewusstsein für „alte Schätze“ ist wohl gestiegen, mögen dieSchätze gerettet werden können, bevor sie ganz verrotten.
      Herzliche Grüße

  5. eine Reise in die Vergangenheit zeigt einem meist
    viele Veränderungen
    erst recht wenn man sehr lange nicht mehr dort war
    besucht man die Gegend öfter merkt man es meist gar nicht so sehr
    aber auch hier .. wenn ich in die Stadt gehe was nicht so oft vor kommt
    hat sich schon wieder irgend etwas getan
    leider sind hier auch sehr schöne alte Gebäude abgerissen worden weil man modern sein wollte :(
    liebe Grüße
    Rosi

  6. Für die kleinen Veränderungen muss man schon sehr aufmerksam und achtsam durch die Stadt gehen. Doch wenn die to-do-Liste im Kopf im Vordergrund steht, bleibt so einiges ungesehen ;)
    Herzliche Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: