Alan Bennett, Die souveräne Leserin

Alan Bennett, Die souveräne Leserin

Diese köstliche Lektüre von Alan Bennett liegt mir in der 21. (!) Auflage vor. Auf Deutsch in der Übersetzung von Ingo Herzke gibt es diesen Band bereits seit 2008 und ist eine Liebeserklärung an das Lesen, seine Wirkmächtigkeit und eine Hommage an die damit verknüpfte Literatur.

Bennett erzählt, wie die Queen – mehr oder weniger durch Zufall – ans Lesen von Literatur kommt. Sie, die bisher nur informatorische Texte gelesen hat, bemerkt, wie sich ihr über die Lektüre von Literatur bisher verborgen gebliebene Welten erschließen:

„Informieren ist nicht gleich Lesen. Es ist im Grunde sogar der Gegenpol des Lesens. Information ist kurz, bündig, sachlich. Lesen ist ungeordnet, diskursiv und eine ständige Einladung. Information schließt ein Thema ab, Lesen eröffnet es.“

Und mit missionarischem Eifer versucht sie, auch Menschen in ihrer näheren Umgebung fürs Lesen zu begeistern. Mit eher mäßigem Erfolg. Sie trifft eher auf Skepsis, Misstrauen und Abwehr, auch gespeist durch die schleichenden Veränderungen in ihrem Verhalten und einer beginnenden Nachlässigkeit hinsichtlich der Wahrnehmung ihrer königlichen Pflichttermine und auch ihrer Kleidung. Vieles trifft durch ihren Lesehunger in den Hintergrund, verliert an Wichtigkeit.

Bennett beschreibt diesen schleichenden Vorgang wunderbar mit feiner Ironie und Mitgefühl, das in einem immer wieder lautes Lachen hervorruft oder zumindest ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
„Leseratten“ erkennen sich in vielen beschriebenen Situationen wieder, vor allem im „Bücherhunger“ der Queen. Aber auch in den Sorgen, die sich der Privatsekretär der Queen macht:

„Lesen heißt, sich zurückziehen. Sich unzugänglich zeigen. Es wäre leichter, wenn es sich um eine weniger … weniger selbstsüchtige Beschäftigung handelte.“
„Selbstsüchtig?“
„Vielleicht sollte ich eher ’solipsistisch‘ sagen.“
„Vielleicht.“

Beim Lesen macht sie sich stets Notizen: Von gelesenen Sätzen, aber auch von eigenen Ideen, Impulsen, die ihr bei der Lektüre durch den Kopf gehen. Und immer wieder ploppt der Gedanke hoch, selbst zu schreiben. Doch vor ihr hat noch keine amtierende HerrscherIn eigene Schriften veröffentlicht. Sie wäre da ein Präzedenzfall.

Alan Bennett, Die souveräne Leserin, 21. Aufl. Berlin 2021, 116 S., ISBN 978-3-8031-1254-5

6 Gedanken zu „Alan Bennett, Die souveräne Leserin

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