Daniela Krien, Der Brand

Daniela Krien, Der Brand

Rahel und Peter sind ein Ehepaar mittleren Alters. Sie ist Psychologin, er Literaturprofessor an der Dresdener Universität und wohnen in einer Altbauwohnung. Ihre Kinder Selma und Simon sind aus dem Haus, sie sind inzwischen zweifache Großeltern und haben die Silberne Hochzeit schon gefeiert.

Der gemeinsame Urlaub in den Bergen steht bevor. Da erhält Rahel zwei bedeutsame Anrufe. Der Ferienwohnungsvermieter teilt ihr mit, das gebuchte Feriendomizil sei abgebrannt, sie könnten also dort nicht unterkommen. Eine Alternative lehnt Rahel ab. Während sie noch überlegt, wo sie nun den Urlaub verbringen können, ruft Ruth, eine alte Freundin ihrer bereits verstorbenen Mutter an, mit der Rahel sich sehr verbunden fühlt, ja sie bewundert, und bittet sie, auf ihrem Bauernhof „Stallwache“ zu halten, da sie ihren Mann Viktor, einem Künstler, nach einem Schlaganfall in die Reha begleiten möchte, aber den Hof mit all den Tieren nicht allein lassen kann.

Ohne Peter gefragt zu haben, sagt sie zu. Sie kennen den Hof, da sie dort häufig mit den Kindern Ferien verbracht haben. Sie fahren und sind dort auf sich allein geworfen, beziehen getrennte Zimmer. Die zwischen ihnen entstandene Entfernung wird so auch im Außen sichtbar. Sie will reden, er eher nicht. Er fühlt sich in Gemeinschaft mit seinen Büchern wohl:

„Peter liest Bücher nicht nur, er arbeitet mit ihnen, setzt das Gelesene ins Verhältnis zu sich selbst, seinen Einstellungen, seinen Handlungsweisen und ändert sie gegebenenfalls. Für ihn ist Literatur wie ein lebendiges Gegenüber. Manchmal sogar lebendiger als das, was sich vor seinen Augen abspielt. Und im Gegensatz zu Menschen ist sie ihm unentbehrlich.“

Beide fühlen sich vom anderen nicht mehr gesehen, also auch nicht verstanden. Ihre Bedürfnisse nach körperlicher Nähe und Sex, ihre Einsamkeiten sind sehr unterschiedlich. Ist da Gemeinsamkeit noch möglich? Was steckt in einem „Wir“, das beide noch benutzen, bei dem aber nicht klar ist, ob die Inhalte noch Schnittmengen aufweisen?

„Du denkst gar nicht mehr im Wir“, sagt sie tonlos.
„Das stimmt nicht“, widerspricht er. „Das Wir stelle ich überhaupt nicht in Frage. Höchstens meine Rolle darin. Und meinen Beruf.“

„Tja. … Manchmal ist es wohl nicht zu verhindern, dass zwei Menschen nicht mehr im Gleichschritt gehen.“

Das Buch erzählt von zwei Menschen in der Mitte ihres Lebens, die beginnen Rückschau zu halten, Zeit haben, darüber zu reflektieren, was bisher war, was sich allmählich verändert hat, die bemerken, dass sich ihre Liebe, die sie kannten, verabschiedet hat, sich das Verhältnis zu den Kindern grundlegend verändert und sich daher neue Fragen erheben: Ist da noch genug Liebe für ein gemeinsames Leben? Ist da noch „Sinngebundenheit“?

Es ist ein schlicht erzählter Roman mit Untiefen, die Gelegenheit zur Reflexion geben, auch Möglichkeiten aufzeigen, wo man beizeiten noch nach Antworten im Hinblick auf die eigene Kindheit, die eigenen oft lange Zeit unbewussten Traumatisierungen suchen kann, die man mitgeschleppt und an die eigenen Kinder weitergegeben hat, wenn auch in veränderter Form. Vielleicht ergeben sich dann auch neue Antworten, neue Sinnhaftigkeit. Dann wäre auch für LeserInnen dieses Romans Literatur ein Gegenüber.

Daniela Krien, Der Brand, Zürich 2021, 272 S., ISBN 978-3-257-07048-4

4 Gedanken zu „Daniela Krien, Der Brand

  1. Diese Thematik spricht mich sehr an. Eine universelle Problematik sozusagen, die man als Paar immer wieder neu erforschen und beantworten muss.
    Danke für die schöne Besprechung, Mona Lisa.
    Und lieben Gruss ins Heute.

  2. Es sind Themen, denen sich jedes (wache) Paar irgendwann stellen muss, wenn sie miteinander (noch) im Gespräch, also noch aneinander interessiert sind.
    Liebe Grüße in deinen Tag, möge er nicht so trüb aussehen, wie die Landschaft hier seit Tagen.

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