Jaqueline Kornmüller, Die Frau im Schrank

Der Roman beginnt mit der Beschreibung einer Höhle, die den Besucher mit einer „ersehnten Kälte“ empfängt, ein ersehntes Entkommen aus der Hitze, deren Bild sich der Ich-Erzählerin einbrennt, „wie etwas, das für mich irgendwann mal von Bedeutung werden könnte.“
Und ja, die Höhle bekommt Bedeutung als eine Art von „Liebesnest“, das sie und Du aufnimmt, die sich allmählich einander näher kommen, jeder mit seiner Geschichte.
Die Ich-Erzählerin ist sich nicht mehr sicher, wann genau sie ihn, den sie nur Du nennt, das erste Mal gesehen hat, auf der Bühne oder in der Osteria, in der er gewöhnlich für sich alleine saß:
„Nur Du saß in der Mitte, unbeeindruckt von der Leere um sich herum. Schien so, als suche er die Leere. … Hier in der Einsamkeit seines weißen Tellers konnte Du sein. Allein Sein. In Gedanken sein. Mit den Büchern sein. Du hielt nichts auf Gesellschaft. Du warst kein sprödes Bürschchen oder so. Du warst wie alle anderen, die nebenan in der Pizzeria saßen, Schauspieler. Im unterschied zu den anderen las Du. Viel. Sehr viel.“
Du ist neu in der Stadt, wohnt zunächst im Hotel, bis ihm ein Freund vorübergehend sein Zimmer mit Sofa zur Verfügung stellt, in dem ein Schrank steht, der offensichtlich ein Eigenleben führt, sich verschließt oder mit einem Seufzer öffnet, ohne dass Du darauf Einfluss nehmen kann, aber einige Schätze bereit hält, die Du nach und nach für sich entdeckt. Vor allem das Portrait einer Frau zieht in magisch an.
Im Kapitel „Die Frau“ erfährt man dann als Leser*in einiges über die die Ich-Erzählerin, die dann in einer Bar Du kennenlernt, der mit einem ihrer Kollegen befreundet ist. Sogleich beginnt sie ihre Fäden zu weben: „Ein paar Fäden blieben dort hängen, wo Du stand, aber ich ging weiter. Weiter weg. … lange dauerte es nicht, da kamen die Augen näher und näher, Du zog an den paar Fäden, die bei ihm hängen geblieben waren.“
Und zwischen den beiden beginnt sich eine Liebesgeschichte zu spinnen, die sie mit ihren Geschichten und Lebensläufen näher bringt und letztlich in der Höhle endet, zumindest in dem Roman und aufzeigt, das Liebe und Verständnis Entwicklung ermöglicht:
„Erst über die Begegnung mit dir ist das Gefühl zu träumen und nicht zu leben, kleiner und kleiner geworden.
Kann sein, es ist jetzt nicht mehr da. Kann sein, dass ich jetzt lebe.“
Mich hat an diesem Roman so einiges irritiert. Über die diversen Sätze mit Du bin ich zu Beginn immer wieder gestolpert, da „Du“ nicht in der 2. Pers. Singular, sondern grammatikalisch in der 3. Person daherkommt. Meine Frage nach dem Sinn dieser hervorgerufenen Irritationen für den Roman habe ich mir nicht beantworten können, genauso wenig die Fähigkeit der Ich-Erzählerin über das Wissen eines auktorialen Erzählers zu verfügen.
Auf dem Cover ist zu lesen, der Roman sei ein zauberhaft-poetischer, vielleicht fehlt mir nur einfach der Sinn dafür. Die Liebesgeschichte zwischen dem Einzelgänger und der Ich-Erzählerin als solche ist sicher erzählenswert, für mich aber ist die Art der Erzählung zu maniriert, da haben mir ihre vorherigen Romane „6 aus 49“ und „Das Haus verlassen“ deutlich besser gefallen.
Jaqueline Kornmüller, Die Frau im Schrank, Roman, Galiani Verlag, Berlin 2026, 184 S., ISBN 978-3-86971-341-0