Karl-Heinz Breier, Hannah Arendt im Gepäck

Karl-Heinz Breier, Hannah Arendt im Gepäck

Wenn wir (ver-) reisen, nutzen wir selbstverständlich Navigationssysteme, um uns zurechtzufinden und auch da anzukommen, wo wir hin möchten. Wir vertrauen modernen GPS Systemen, die sich ständig an veränderte Gegebenheiten anpassen.

Was aber nutzen wir als „Ortungssystem für unsere Landkarte des Politischen“? Welche „Vergleichsportale des politischen Denkens“ nutzen wir, um uns in einer Republik zu orientieren, in der es keine Obrigkeit mehr gibt, die bestimmt, wie und wo es lang geht? In einer Republik zu leben, bedeutet nämlich, nicht einfach nur Adressat politischer Entscheidungen, sondern gleichzeitig Urheber und Autoren politischen Handelns zu sein.

Wer soll die legislativen und judikativen Ämter übernehmen, mit welchen Qualifikationen, welchen Befugnissen? Wem überlassen wir diese Entscheidungen? Wie kann regieren und regiert werden zu einer gemeinsam zu erbringenden Leistung werden, damit wir davor gefeit sind, in die Fänge von Oligarchen, Despoten, Tyrannen oder einer totalen Herrschaft zu gelangen? Diesen Fragen ist Hannah Arendt in ihren politischen Schriften nachgegangen und verwurzelt sich dabei mit politischen und philosophischen Denkern von der Antike bis zur Moderne.

Sechs dieser Wegbegleiter stellt Karl-Heinz Breier – gut verständlich – in diesem schmalen Band vor. Es sind Sokrates, Aristoteles, Machiavelli, Montesquieu, Rousseau und Tocqueville, die von Christine Breier in Schwarz-Weiß illustriert als Portraits den jeweiligen Kapiteln vorangestellt sind.

Sie alle beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Regierenden und Regierten und dem Ort, an dem dies geschehen soll. Sie unterscheiden sich in ihren Schwerpunkten, zum Teil auch ihren Motivationen, die sie oft aus einer Art Gegenbewegung tatsächlich gegebener, politischer Verhältnisse entwickeln.

Hannah Arendt weist auf die Gefahren moderner Arbeits- und Konsumgesellschaften hin, in denen Menschen, eingespannt in die „verbrauchende Kreisläufigkeit sich steigernder Produktions- und Konsumprozesse drohen … zu haltlosen nobodies zu degenerieren.“ Denn eine „Welt, die zum reinen Wirtschaftsstandort mutiert, oder eine Welt, die dem Reißwolf der Vergnügungsindustrie zum Fraß vorgeworfen wird, verliert ihren Charakter als gestaltbaren Aufenthaltsraum und liebenswerte Heimat.“

Sie verweist auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen Weltgestaltung um der drohenden Weltentfremdung zu entgehen und damit auch der Gefahr, erneut zum Objekt von Herrschenden zu werden. Eine Republik ohne verantwortliche Bürger, die sich in die Privatheit der „Selbstfindung und -optimierung“ zurückziehen, kann Weltgestaltung nicht gelingen, sondern führt in die Gefahr „weltlosen Umherirrens“.

Dieses Büchlein, regt zum Nachdenken über den eigenen politischen Kompass an und hilft vielleicht dabei, sich der Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten für das Ganze bewusst zu werden. Es kann unterstützend bei der Standortbestimmung und vielleicht auch bei einer Zielfindung mit den entsprechenden Handlungskonsequenzen Hilfestellung leisten.

Format und Cover legen nahe, das Büchlein ins Reisegepäck zu packen, um mit/ in Urlaubsmuße darin zu lesen. Ich befürchte nur, dass die meisten Reisenden – wenn überhaupt Lektüren eingepackt werden – eher zu „Sommerbüchern“ greifen, mit denen diverse Verlage werben.
Dass diese Lektüre eine sinnvollere, eine not-wendigere wäre, ist für mich unbestritten, vor allem angesichts der überall zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und im mitmenschlichen Umgang.

Karl-Heiz Breier, Hannah Arendt im Gepäck. Sieben Wege zum Politischen, mit Illustrationen von Christine Breier/ Kaiser’s Art, Wochenschau Verlag, Frankfurt/M. 2024, 139 S., ISBN 978-3-7344-1639-2

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