Theodor Wolff, Die Schwimmerin

Theodor Wolff, Die Schwimmerin

Einbandgestaltung v. Kat Menschik

„Die Schwimmerin“ – mit dem Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ – erzählt die ungewöhnliche Freundschaft/ Liebesgeschichte zwischen Ulrich Faber und der sehr viel jüngeren Gerda Rohr, eine Beziehung zwischen sehr ungleichen Partnern. Er ist Bankier, lebt gesellschaftlich recht zurückgezogen in einem Hotel, sie ist in jeder Hinsicht ehrgeizig, will es zu etwas bringen, politisch aktiv und immer auf der Seite der Benachteiligten, Unterdrückten.

Lange profitiert sie von seinen Erfahrungen, Beziehungen – so verschafft er ihr einen Sekretärinnenjob in einer Bank – doch seinen Versuchen, sie zu erziehen, entzieht sie sich entschieden, ebenso seinen Avancen. Sie erlebt ihn zunehmend als überheblich, seine Großzügigkeit an Bedingungen geknüpft, die sie nicht erfüllen will. Sie will auf Augenhöhe erlebt und beachtet werden, trotz des Altersunterschiedes. Mit „scheuem Misstrauen“ ist sie stets darauf bedacht, ihre Unabhängigkeit und Freiheit nicht zu verlieren, trotz der Annehmlichkeiten, die Faber ihr bietet. Das führt unweigerlich zu Konflikten besonders in einer Zeit mit enormen gesellschaftlich, politischen Veränderungen, zu denen Faber und Gerda Rohr sehr unterschiedliche Positionen einnehmen, in der Beurteilung der Situation aber weitgehend übereinstimmen :

„Es blieb nicht bei dem einen „schwarzen Tag“. Es wurde eine schwarze Zeit. … der höllische Bankrott konnte beginnen.“
Es kommt zu einem „ungeheuren und groteskem Schneetreiben der Inflation, in dem die Flocken des ersparten Vermögens baccantisch in der Luft herumwirbelten und dann in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen. Während Großgrundbesitzer und Großindustrielle ihre Anlagen und Güter vergrößern konnten, waren das Volk der Sparer , der Bürger, des Mittelstand, der Arbeiter verarmt.“

Mit zunehmender Armut in weiten Bevölkerungsschichten, dem „Hunger nach Brot und Anstellung“ entsteht auch der „Wunsch nach neuen Idealen, oder doch nach neuen Parolen und Symbolen, nach praktischen Zielen des Hasses, allgemein verständlichen, handfesten, dreinschlagenden Kampflosungen, hinter denen man etwas sah und mit denen sich etwas anfangen ließ. Studenten und auch viele jugendliche Arbeitslose, die anfangs vom Sozialismus die Beendigung ihrer Leiden erhofft hatten, fluteten jetzt dem gegnerischen Lager zu. Gleichzeitig stieg von Monat zu Monat die Zahl der Selbstmörder.“

Dieser Roman des Berliner Journalisten Theodor Wolffs erschien 1937 in Zürich, zu einer Zeit, in der Wolff bereits drei Jahre im südfranzösichen Exil lebte. Es ist ein hellsichtiger, intelligenter, politisch und gesellschaftlich analytischer und gleichzeitig sehr unterhaltsamer Roman, sprachlich ungewöhnlich, nein außergewöhnlich. Vor allem die Personencharakterisierungen haben mir gefallen, manchmal sehr spitzzüngig, ab und zu ein wenig unterhalb der Gürtellinie, aber so charmant, dass es immer ein Genuss ist.

Ein Roman, der – leider – in vielen Passagen sehr aktuell ist, vielleicht mehr denn je, beobachtet man den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, den Umgang mit Flüchtlingen, die sich verbreitende sprachliche Verrohung bis hin zu Bedrohungen und Gewalt gegenüber anders denkender Personen. Das Nachwort von Ute Kröger ergänzt den Roman auf sinnvolle Weise.
„Die Schwimmerin“ ist ein wichtiger, ein lesenswerter Roman, der – hoffentlich – dank des Weidle Verlages viele LeserInnen finden möge.

Theodor Wolff, Die Schwimmerin, Roman, mit einem Nachwort v. Ute Kröger, Weidle Verlag, Bonn 2021, 354 S., ISBN 978-3-949441-00-4

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