Verena Stauffer, Geschlossene Gesellschaft

Verena Stauffer, Geschlossene Gesellschaft

In „Geschlossene Gesellschaft“ von Verena Stauffer schreibt eine Ich-Erzählerin, die zu Beginn des Lock-Downs eine neue Wohnung in Wien bezogen hat und so ziemlich auf sich selbst zurückgeworfen ist, in tagebuchartigen Einträgen von ihren merk-würdigen Erlebnisse in und mit der Außenwelt, der Natur, anderen Zeitgenossen, mit sich selbst und ihrer eigenen Innenwelt. Zeitraum ist der 7. November 2020 bis zum 28. Februar 2021.

„Trotz allem, nichts Umwerfendes geschieht, betrachtet man ausschließlich das Leben innerhalb meiner vier Wände. Ich sitze in Wien und beobachte die Welt. Ich finde Trost in Büchern, in einzelnen Sätzen, machmal auch nur in einem Wort. Ich suche, wo immer ich bin nach Worten, nach den richtigen Ausdrücken für das Unsagbare. Ich suche Substantive die mich größer machen als ich bin. Sie geben mir Halt. Halt wie die Zitate, die ich hier festschreibe, damit klar wird, was sie bedeuten, ganz für sich allein. Wenn ich aber ein Wort finde, ein besonderes, dann falle ich vor ihm auf die Knie, lecke es wie die erste Erdbeere im Mai.“

Manchmal mischen sich Erinnerungen, aber auch Fantasien in ihre Beschreibungen des Alltags in Wien und in Nachrichten aus aller Welt, Bewertungen von Maßnahmen, Geschehnissen und Zustandsbeschreibungen ihrer eigenen Situation:

„Es geht mir zusehends schlechter.“, schreibt sie am 24. Januar 2021.

Der Wunsch, ja die Sehnsucht, mit jemandem zu reden, wird zunehmend größer:

„Vielleicht spüren viele von uns, dass sich etwas nicht nur äußerlich verändert, wie der Staat, die Gesellschaft, die Wirtschaft und Kommunikation, sondern dass sich auch die Zimmer verändern und dass sich die Menschen selbst verändern. Ich will mit jemandem darüber reden, mit jemandem, der mir nicht nahe ist und doch nahe. Mit jemandem der reflektieren und von sich selbst dabei absehen kann. Jemand, der mich von außen betrachten kann. Jemand, der neutral ist und keine eigenen Interessen verfolgt. … Ich möchte endlich, dass mich jemand in meiner neuen Wohnung besucht.“


Darüber hinaus möchte sie auch mal wieder in einen Blumenladen gehen können, „mich von den Farben treiben lassen, nehmen, was mich anspricht.“

Zunächst habe ich ein wenig gebraucht, um in diese Aufzeichnungen hineinzufinden, manche Fantasien sind mir bis zu Schluss eher fremd geblieben. Doch das darf sein. Bestimmt hat man manch ähnliche Erfahrungen während der Corona-Pandemie gemacht, sicher aber sprachlich nicht so beschrieben. Ob man dann die einer anderer noch lesen möchte, muss jede(r) für sich selbst entscheiden.

Verena Stauffer, Geschlossene Gesellschaft, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021, 160 S., ISBN 978-3-627-00292-3

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