Claude Anet, Ariane. Liebe am Nachmittag

Claude Anet, Ariane. Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine äußerst attraktive, intelligente junge Frau, die sich wenig bis gar nicht darum schert, wie man sich als junge Frau zu verhalten hat. Sie hat ihren eigenen Kopf, eigene Vorstellungen vom Leben und von Gerechtigkeit – auch zwischen den Geschlechtern.

Gelernt hat sie dies von ihrer Tante Warwara Petrowna, bei der sie zeitweilig aufwächst und dort große Freiheiten genießt. Warwara Petrowna „hatte hinsichtlich der Liebe einen männlichen Standpunkt. Sie nahm sich einen Geliebten, wenn sie das Bedürfnis dazu hatte, und sie verließ ihn, wenn sie einen anderen fand, der ihrer Laune mehr entsprach. Ihrer Vorstellung nach brauchte man sich nicht in Aufwallungen von Leidenschaft zu vereinigen und nicht unter Tränen zu trennen. In ihren Augen war Liebe keine Krankheit, und ein Bruch führte nicht zur Tragödie.“

Wichtig dabei war nur, dass es nicht um Geld, also um Abhängigkeiten ging und man die Liebe zu nehmen wusste, wie sie war. Bis sie sich dann in einen Arzt verliebt, der ständig Gast in ihrem Haus ist, aber offensichtlich an der Nichte interessiert ist. Und die erfahrene Tante beginnt zu leiden.

Nach dem Abitur geht Ariane zum Studium nach Petersburg. Schnell ist sie enttäuscht und langweilt sich in Gesellschaft ihrer Kommilitonen. Dort trifft sie auf Michail Konstantin, einen schon älteren Mann, der in jeder Stadt, in der er sich beruflich aufhält, eine Geliebte hat, mit der er sich gegen die Langeweile des Lebens vergnügt. Er ist von Ariane fasziniert, von ihrer Schönheit, ihrem Geist, ihren Gedanken. In ihr begegnet er einer Frau auf für ihn ungewohnter Augenhöhe. Und sie treffen eine Vereinbarung:
“ ‚Eine Liebe, die in unserer Übereinkunft nicht vorgesehen ist, könnte sich dazwischenschleichen. Sollen wir vor dieser denkbaren Gefahr ausweichen? Sie haben den Mut, und mir fehlt es auch nicht daran. Auf in den Kampf …‘ „

Und er geht selbstverständlich davon aus, die Regeln des Kampfes bestimmen zu können. Denn er ist ja der Mann. Eine andere Sicht kommt ihm gar nicht in den Sinn. Doch er wird schnell eines Besseren belehrt:
„Er war in höchstem Maße gereizt. Es gehörte zu unserer Kultur, dass die Frauen unter solchen Umständen dem Angriff des Mannes nur zum Schein Widerstand entgegensetzten, gerade so viel, dass es an eine altertümliche Eroberung erinnerte. … Doch entgegen den stillschweigend mit Ariane getroffenen Verabredungen war er genötigt zu kämpfen und Gewalt anzuwenden.“
Zwischen den beiden entwickelt sich dann tatsächlich ein interessanter Kampf oder eher eine besondere Variante eines Liebes-Spiels, wobei nicht immer klar ist, ob es Liebe, Spiel oder Kampf ist. Denn beide lassen den anderen lange Zeit über ihre Gefühle im Unklaren.

Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der indirekt auch immer die Frage mitspielt, wie frei, wie ungebunden, wie unkonventionell „darf“ eine Frau sein, die traditionell ja eher als Eigentum, als Besitz eines Mannes angesehen wird, bis die Grenzen eines Mannes erreicht sind. Bestimmt also noch immer er diese Grenzen? Kann da überhaupt Liebe, Zuneigung entstehen?

1920 ist dieser nun neu herausgegebene Roman erschienen und hat – verständlicher Weise – großes Aufsehen erregt mit Themen und Aspekten, die m.E. nichts an Aktualität verloren haben. Den Originaltitel „Ariane, jeune fille russe“ finde ich letztendlich passender als den Titel der deutschen Ausgabe. In seiner Einfachheit ist er für mich klarer.

Claude Anet, Ariane. Liebe am Nachmittag. Roman, a.d. Französischen übersetzt u. mit einem Nachwort versehen v. Kristian Wachinger. Originaltitel „Ariane, jeune fille russe“, Dörlemann Verlag, Zürich 2021, 272 S., ISBN 978-3-03820-078-9

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