Ferdinand von Schirach, Nachmittage

Ferdinand von Schirach, Nachmittage

„Nachmittage“ ist ein ein Erzählband mit 26 mehr oder weniger kurzen, leisen und dennoch tiefsinnigen Geschichten. Die meisten sind offensichtlich entstanden durch Gespräche mit – oft einsamen – Menschen während der vielen (Lese-) Reisen des Ich-Erzählers, der merhfach die nicht immer freiwillige Rolle des Zuhörers einnimmt und dabei manchmal Einblicke in das gesamte Leben eines Menschen bekommt, das durch ein tragisches Ereignis, oft ausgelöst durch Missverständnisse, ungeahnte Wendungen erfährt.
Insofern tragen einige Geschichten novellenhafte Züge.

Die erzählten Lebensereignisse werden ergänzt durch eigene (Lese-)Erlebnisse, Erinnerungen, z.B. an persönliche Irr- bzw. Umwege auf dem Weg, Schriftsteller zu werden. Schon als Internatsschüler auf der Klostermauer liegend hat der Ich-Erzähler – angelehnt an ein Zitat des jungen Hanno in den „Buddenbrooks“, der unter seinen Namen einen „schönen, sauberen Doppelstrich quer über das ganze Blatt“ ziehen wollte, – einen ähnlichen Wunsch:

„Und das war auch meine Idee. Ich war nicht der Sohn aus gutem Haus, weil es kein gutes Haus mehr war und ich niemandem gehörte und ein ganz anderes Leben wollte.“ Er wollte nichts anderes als Schreiben, auch verbunden mit der Hoffnung: „Ich würde für mich sein, weil nach diesem Doppelstrich eben nichts mehr kam.“ Doch da war die „Angst vor dem Scheitern, dem Ungeordneten, dem Verfall und der Haltlosigkeit. Deshalb studierte ich Jura und wurde Rechtsanwalt, ein bürgerliches Leben würde Halt geben, ich wäre sicher, glaubte ich. Erst viel später, erst nach einem halben Leben, begann ich wieder zu schreiben. Und dann, ganz allmählich, bekamen die Dinge ihr wahres Gesicht.“

Und dieses halbe Leben vorher fließt immer wieder mit ein, etwa durch Zitate aus Literatur, Film und Kunst, vermischt mit den eigenen Gedanke(assoziationen) dazu.

So ist die „Neun“ wohl die kürzeste seiner Erzählungen:
Der schwedisch Schriftsteller Lars Gustafsson will dem Publikum einen vollkommen sinnlosen Satz nennen. Er sagt: „Im gesamten Raum war ein kugelförmiger Duft wahrzunehmen und gleichzeitig war ein leicht grau gefärbtes Geräusch zu hören.“

Ich kann mir das Ganze sofort vorstellen.

Und ja, erkennbar ist, dass der Doppelstrich eher einer doppelt gestrichelten Fahrbahnlinie ähnelt, denn die großbürgerliche Herkunft schimmert oftmals durch, wenn man etwa – ohne explizite Nennung – die Vernetzung des Ich-Erzählers mitbekommt. Und ja, mich stört es nicht, denn die Erzählungen bringen eher menschliche Seiten zum Vorschein, die sich nur einem klarsichtigen, klugen und mitfühlendem Blick und Zuhörer erschließen, der dann auch Zugang zu menschlicher Einsamkeit bekommt, die sich genau in diesem Moment dann auch mit-teilen lässt:

„Wir stehen nackt in der Welt, die Erde ist ein kaum sichtbarer blassblauer Punkt im All, die Natur ist kalt und feindlich. Aber wir sind Menschen, wir teilen diese Einsamkeit, sie ist es, die uns verbindet. „Wir wissen voneinander“, hat sie gesagt. …
Und überall ist Leben, überall.“

Ich mag die Erzählungen Ferdinand von Schirachs, die so unaufgeregt, so schlicht sind, weil sie für mich auf dennoch poetische Weise in die Tiefe menschlichen Seins blicken lassen. Und manchmal sind es dann auch Abgründe.

Ferdinand von Schirach, Nachmittage, München 2022, 175 S., ISBN 978-3-630-87723-5

5 Gedanken zu „Ferdinand von Schirach, Nachmittage

  1. Oh ja, das ist ein Buchtipp, den ich ziemlich sicher beherzigen werde. Mir ist der Autor vor allem bekannt durch die auf seinen Erzählungen beruhenden Fernseh-Filme wie etwa „Schuld“.

    Danke für deine Besprechung und dazu einen lieben Nachmittagsgruss,
    Brigitte

    1. Die Erzählungen waren unglaublich spannend.
      Diese Nachmittagserzählungen sind anders eindringlich. Es geht da nicht um Schuld im engeren Sinne.
      Aber verschaffe dir gern einen eigenen Eindruck ;)
      Herzliche Abendgrüße

  2. so, nun habe ich es gelesen und ich war begeistert. ich mag diese kurzen texte sehr. gleich rannte ich in die bibliothek und holte mir „Kaffee und Zigaretten“. bin ganz schön „angefixt“. danke!
    lieber gruß
    Sylvia

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