Frédéric Brun, Perla

Frédéric Brun, Perla

„Perla“ ist ein sehr leises, zart geschriebenes, poetisches Buch über die Mutter des Autors, die als junge Frau in Auschwitz war und überlebt hat. Nun ist sie eines natürlichen Todes gestorben. Der Sohn bearbeitet in diesem Buch seine Trauer oder sollte man besser sagen die Liebe zu seiner Mutter, die er nun ihr gegenüber nicht mehr aktiv ausüben kann:

„Annie Erneaux schreibt: ‚Mama ist tot. Niemals könnte ich diese Worte in einer Fiktion verwenden.‘ Um offen zu reden, weiß ich auch nicht genau was ich schreibe. Es ist kein Roman, kein Tagebuch, keine Autofkition, Was ist es aber dann? Mein Ich ist ein Schatten. Die Literatur ist das Porträt eines Schattens. Durch dieses Buch geistern Manon, Julien und ich, aber ganz anders als im wirklichen Leben.“

Manon ist die Frau des Autors, seine große Liebe und Stütze, und Julien das gemeinsame Kind, das zu Beginn noch nicht geboren ist.
„Wir sind alle Wesen, die in Beziehung stehen. Wir versuchen uns, auf die uns eigene Art und Weise an etwas zu binden, was größer ist als wir selbst. … Perla ist in meinem Geist zum ewigen Stern geworden. Im Gemurmel des Alls bin ich mit meinen Schriften verbunden, mit meinem noch schweigenden Kind, mit Manon, meiner Frau, und mit meiner Mutter.“

Sie sind immer gegenwärtig, auch wenn Frédéric Brun sich oft der Vergangenheit zuwendet, Fragen, die er seiner Mutter gerne gestellt hätte, Zweifel, weshalb sie ihm nicht mehr erzählt hat. Jedes Buch über Auschwitz, jede Abbildung dieses KZ löst den Wunsch in ihm aus, zu wissen, wie seine Mutter diese Hölle (über) leben konnte. Immer wieder bemerkt er, dass er sich genau das gar nicht vorstellen kann.
„Auschwitz ist weder mit Worten noch mit Tönen zu beschreiben. Die Barriere ist unüberwindlich. Und oft sind die Bande der Verständigung zwischen den Überlebenden und ihren Kindern durchschnitten. … Stets bleibt dieses Nichtmitteilbare, dieses Unfassbare, das auch Perla mit sich herumschleppte, ohne Zeugnis. Ich versuche verspätet Zuschauer oder Zuhörer zu sein. Ich nehme jedes Blatt mit Zeugenberichten in mir auf, um nach Spuren meiner Mutter zu suchen.“

Den Autor beschäftigt über das Persönliche hinaus die Frage, wie ein Deutschland, das Dichter, Denker, Künstler von Format hervorgebracht hat, auch ein Deutschland der Verbrennungsöfen sein konnte, ja, wie sich beides in der Person eines Mannes in „einer eleganten Uniform“ vereint, der in der Lage ist, „die petit-fours eines Abendbuffets zu genießen, einer überaus charmanten Frau den Hof zu machen und in seinem wohlgemachten Bett Verse zu lesen. Jener, der kaltblütig in der Lage ist, seinem Nächsten die Kugel in die Schläfe zu jagen kann sich auch für andere Menschen begeistern und Loyalität bekunden. Dualität.“

Brun kann diese Widersprüche nicht aufheben oder erklären, sondern stellt für sich fest, dass es zur menschlichen Existenz gehört, mit Widersprüchen generell, und mit eigenen Widersprüchen konfrontiert zu werden und damit leben müssen.

So ist er in seiner Trauer und Verzweiflung über den Tod der Mutter und des Vaters, der kurz darauf auch stirbt, dennoch zutiefst dankbar, über das Glück, das er hatte „mit Perla zu leben. Ich denke an alle Kinder, die ihre Eltern dort (in Auschwitz) verloren haben. Selbst auf diesen Friedhof zu kommen, ist ein Privileg.

Der Trauerprozess in all seinen Formen war für Brun auch ein Prozess der Klärung. „Ich war von Verzweiflung heimgesucht, aber das Leid reinigt uns. Es entfernt uns auch von Unwesentlichem. Es hilft uns auch, das dunkle Reich seines Ichs zu verlassen, wo alles erlaubt zu sein scheint. Es schärft das Bewusstsein und gibt dem Leben einen neuen Sinn. … Es offenbart uns auch, wie unzulänglich wir uns zuweilen verhalten. Es verführt uns zum Schreiben und verstärkt vielleicht auch unsere Introvertiertheit.“

Die Stille als zeitloses beruhigendes Kraftzentrum bewirkt während diese Prozesses, der zeitweilig ein Dialog mit der verstorbenen Mutter ist, dass sich der Autor geklärt und mit zunehmender Heiterkeit wieder dem eigenen Leben, seiner Zukunft mit Frau und Sohn zuwenden kann.
„Diese Seiten voller Tränen verwandeln sich in ein heiteres Buch. … Alles steht zum Besten.“

Es ist ein poetisches, nachdenklich machendes Trauerbuch der besonderen Art, da die nicht erzählten Erlebnisse der Mutter in Auschwitz dennoch als Teil ihrer gemeinsamen Biografie wirkmächtig waren. Und ja, es ist nicht wirklich ein schweres Buch, auch wenn es von schwierigen Persönlichkeitsprozessen erzählt. Genau die können Mut machen, zu begreifen, dass eigenes Leid eine Möglichkeit ist zu wachsen.

Frédéric Bun, Perla, Roman, a.d.Franz. v. Christine Cavalli, Faber&Faber Verlag, Leipzig 2020, 122S., ISBN 978-3-86730-170-1

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