Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen

Der neue Roman von Julia Wolf ist ein außergewöhnlicher, ein ungewöhnlicher Roman und steht mittlerweile auf der Longlist für den deutschen Buchpreis.

Er kommt nicht als flüssig, linear erzählter Text daher, sondern als ein Etwas, das sich aus zahlreichen, verschieden gestalteten Mosaiksteinchen zusammensetzt, die zeitlich nicht immer sofort klar und eindeutig zuzuordnen sind. Eine Zuordnung und die Erstellung eines Ganzen ist Aufgabe des Lesers, von dem – auch durch die sprachliche Präsentation – hohe Konzentration gefordert wird. Nicht nur der erzählte Inhalt ist zu einem Ganzen zu ordnen. Julia Wolfs Sätze sind häufig ellipsenartig und unvollständig, können aber vom Leser leicht um das Fehlende ergänzt werden, etwa bei unvollständig zitierten Redewendungen. Oder das Fehlende folgt nach der – zumindest grammatikalisch nicht korrekten – Interpunktion.

Der gesamte Roman ist eine Art Bewusstseinsstrom des Protagonisten Walter Nowak, dessen Wahrnehmung ofensichtlich stark beeinträchtigt ist durch einen ganz „schönen Wumms“. Den hat er sich bei seinem allmorgendlichen Schwimmen „Ich schwimme, bei Wind und Wetter, bei mir gibt’s keine Ausreden.“ zugezogen, als er ungebremst vor die Schwimmbadwand geknallt ist, weil er in einer Art Gockeltaumel mit entsprechendem Balzverhalten einer viel jüngeren Frau imponieren wollte. Er schafft es gerade noch, nach Hause zu kommen, wo er dann im Badezimmer auf dem Fußboden liegen bleibt.

Völlig ungeordnet, mit Gedanken- und Zeitsprüngen, erinnert er sich an Bruchstücke seines Lebens, geboren ohne Vater als „Bastard“, als Sohn eines Feindliebchens gebrandmarkt, mit einem Großvater an seiner Seite, der alles niederschlug, was ihm nicht passte.

Durch Disziplin und harte Arbeit gelingt ihm der wirtschaftliche Aufstieg. Er fühlt sich als Wer, mit finanzieller Macht, entsprechenden Statussymbolen ausgestattet, der sich und anderen etwas bieten kann und sich – auch als Mann unwiderstehlich – findet. Gleichzeitig wird erkennbar, wie klein und bedürftig er im Inneren geblieben ist und dass er es nicht schafft, emotionalen Zugang zu Menschen zu bekommen, u.a. auch zu seinem Sohn, der einfach nicht so ist, wie er sich einen Sohn vorgestellt hat. Mit dem er nicht das tun kann, was in seiner Vorstellung Vater und Sohn miteinander tun.

Walter ist im Moment allein zu Haus. Doch er fühlt sich ohne seine zweite, viel jüngere Frau Yvonne, die gerade für ein paar Tage nicht da ist, ziemlich unwohl- trotz gegenteiliger Beteuerungen:

„Yvonne kommt wieder. Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, waren wir noch nie länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang.“ Gleichwohl ist er froh, ihrer Bevormundung hinsichtlich seiner Ernährung zu entkommen.

Im Verlauf des Romans wird deutlich, dass er sich nicht sicher ist, ob seine Frau nicht einen Geliebten hat. Affären waren bisher sein Privileg. An dem Bekanntwerden einer seiner Seitensprünge ist seine erste Ehe gescheitert.

Walter wird bewusst, dass er einige Veränderungen an sich bemerkt, die ihn über seinen Zustand spekulieren lassen. „Von jetzt an geht es abwärts mit mir, nur noch abwärts.“ Er hört u.a. Töne und bemerkt:

„Das passiert mir in letzter Zeit öfter, dass ich so vor mich hin. Wenn ich dann wieder zu mir komme, sind Minuten vergangen, und ich habe einfach nur so vor mich hingestarrt, habe an nichts gedacht und an alles, als würden sich meine Gedanken auf eine andere Umlaufbahn schießen, und dort oben ziehen sie dann Kreise, dort oben, irgendwo, im All. Wenn ich wieder zu mir komme: Wie lange habe ich? Stand mein Mund offen? hat mich jemand gesehen.“

Dem Leser wird das ungeordnete und scheinbar unzusammenhängende Ergebnis dieser Gedankenumlaufbahnen präsentiert und kann sich überlegen und selbst entscheiden, woran es liegt, das Nowak liegen bleibt, bzw. was ihm beim Liegenbleiben so alles durch den Kopf schwirrt. Ist es nur Folge dieses „Wumms“, eine beginnende Demenz oder vielleicht Ausdruck seiner Ängste angesichts seiner Krebsdiagnose. Er hat Prostatakrebs, weiß aber noch nicht genau, was da auf ihn zukommt.

Die Autorin ist für dieses Portrait eines alternden Mannes mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet worden.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2017, 158 S., ISBN 978-3-627-00233-6

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