Marie NDiaye, Die Rache ist mein

Marie NDiaye, Die Rache ist mein

Es ist ein intelligenter, interessanter, verwirrender und auch verstörender Roman, mit diversen, miteinander verwobenen Nebenhandlungen, in dem vieles rätselhaft bleibt. Es ist kein Kriminalroman, dennoch spannend, kein Gesellschaftsroman, dennoch Spiegel einer französischen Gesellschaft, in der es Menschen, die nicht einer großbürgerlichen Familie entstammen, immer noch schwer haben, akademische Berufe erfolgreich und mit gesundem Selbstbewusstsein auszuüben, in der das koloniale Erbe unterschwellig auch immer noch Thema ist. Psychische Befindlichkeiten werden oftmals hinter „Masken“ versteckt, und nur körperliche Symptome geben beredte Hinweise auf das, was in einer Situation nicht klar und deutlich, dennoch aber vorhanden ist.

So betritt eines Tages Gilles Principaux die Anwaltskanzlei der 42jährigen Maître Susane, deren Vorname nicht bekannt wird, weil er eine Anwältin für seine Frau Marlyne sucht, die ihre drei gemeinsamen Kinder Jason, John und Julia – von ihr noch gestillt – in der Badewanne ertränkt und anschließend die Polizei gerufen hat.

Maître Susane hatte in der Presse nur gelesen, wie die Tat sich wahrscheinlich abgespielt hatte, wie diese von der Polizei entdeckt worden war, sowie das Protokoll von Marlynes ersten Worten.
Alles Übrige erfand sie, legte sie sich zurecht, aber, wie sie später feststellen würde, mit welch verstörender Hellsichtigkeit!
Und dies trotz ihrer tiefen Antipathie, ja ihrer Abscheu vor Marlyne Principaux!

Me Susane weiß sofort, dass sie diesem Mann schon einmal begegnet ist, „vor langer Zeit und an einem Ort, an den sie sich so genau erinnerte, dass es sich anfühlte wie ein heftiger Schlag gegen ihre Stirn. … Zweimal rieb sie sich unwillkürlich die Stirn, wo sie eine dumpfe Verletzung zu spüren meinte, dann dachte sich nicht mehr daran.“

Abends fragt sie sich erstaunt:
„Warum hatte sie Schmerz empfunden und nicht vielmehr Freude?
Warum hatte sie, überzeugt, nach zweiunddreißig Jahren jemanden wiederzusehen, der sie hingerissen hatte, das Gefühl gehabt, man wolle sie töten?“

Schon auf den ersten Seiten wird ein sich durch den Roman ziehendes Thema deutlich: Welcher Wahrnehmung ist Glauben zu schenken, was ist gewiss, auf welcher Ebene nehmen wir Wahrheiten wahr, auf der des Traums, der des wachen Bewusstseins, der der Erinnerungen oder über unser Körpergedächtnis ?

War sie sich zu Beginn der Handlung ganz sicher, dass Gilles Principaux der Junge gewesen ist, mit dem sie allein in seinem Zimmer war, während ihre Mutter für Madame Principaux die Wäsche bügelte, beginnt sie dennoch ihre Eltern nach dieser Begegnung zu fragen und stößt auf merkwürdig verwirrte und kaum verständliche Reaktionen.

Die Darstellung der Ehe der Principaux durch Marlyne und Gilles könnte nicht unterschiedlicher, ja widersprüchlicher sein. Beide haben ihre eigene Wahrnehmung und Interpretation, die sich auch sprachlich manifestiert. Marlyne benutzt in jedem Satz die Konjunktion „aber“ mindest einmal, wenn nicht mehrfach, auch dann wenn es nicht wirklich um Widersprüche geht, während Gilles nahezu jeden Satz mit „denn“ einleitet, also scheinbar logische Begründungen anbietet.

Deutlich wird allerdings, dass sie, statt miteinander über ihre Wünsche, Vorstellungen und Ziele ihrer Ehe zu sprechen, sich auszutauschen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen, es bei Spekulationen und Interpretationen der Verhaltensweisen des jeweils anderen Partners belassen haben. Verständnis, Verhaltensänderungen waren so nicht möglich und von Gilles auch offensichtlich nicht erwünscht, solange alle so funktionierten, wie er das für sich und seine Ruhe brauchte.

Für Marlyne wird der Gefängnisaufenthalt bzw. die Zelle zu einem Nest, in dem sie endlich allein sein kann und ihren Mann nicht mehr sehen muss, man könnte fast meinen, sie lebe dort wieder auf. Gilles Principaux will das überhaupt nicht akzeptieren und unternimmt alles Mögliche, sie zu besuchen und die von ihr angestrebte Scheidung zu verhindern. Und dabei soll me Susen ihn unterstützen, obwohl sie die Anwältin Marlynes und also ihr gegenüber verpflichtet ist, nicht deren Mann Gilles.

Dass und wie sich Me Susen auf den Prozess vorbereitet, erfährt man kaum, ist sie gedanklich doch eher mit der Beschaffung der Heiratsurkunde ihrer illegalen Haushaltshilfe Sharon beschäftigt, von der sie dann auch noch erfährt, dass sie bei Madame Principaux arbeitet, während sie vorgibt, bei ihr zu putzen.

Mit ihrem ehemaligen Geliebten Rudy, auch Anwalt, geschiedener Vater der kleinen Lila, kommt dann noch eine weitere Nebenhandlung ins Spiel, die – wen wundert es – mit allen anderen Erzählsträngen verwoben ist.

Kurzum, es ist ein faszinierend erzählter Roman, allerdings nichts für diejenigen, die Klarheit, Auflösung von Rätseln, ein nachvollziehbares Enden der verschiedenen Handlungen braucht. Und beendet denn auch eine unbeantwortet bleibende Frage den Roman:

„Wir glauben nun zu wissen, gleichwohl sagen wir uns: Und wenn ich mich täuschte?“

Marie Ndiaye, Die Rache ist mein, Roman, a.d. Franz. v. Claudia Kalscheuer, Berlin 2021, 237 S., ISBN 978-3-518-43031-6

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