Najat El Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben

Najat El Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben

Gewidmet ist dieser Roman der katalanisch-marokkanischen Autorin Najat El Hachmi den Mutigen, „die vom rechten Weg abwichen, um frei zu sein. Auch wenn es schmerzte.“

Vom rechten Weg abweichen, bedeutet, den konventionell vorgezeichneten Weg – besonders den für Mädchen und Frauen festgelegten – zu verlassen und die damit verbundenen Sanktionen wie auch immer auszuhalten, mit ihnen umzugehen, daran zu wachsen oder zu scheitern wie die Freundin der Ich-Erzählerin.

Der Roman ist die Geschichte zweier junger, miteinander befreundeter Frauen, die versuchen in einem muslimisch geprägten Umfeld das Unmögliche möglich zu machen: den eigenen Weg gehen und dennoch geliebt zu werden.

Die Ich-Erzählerin bekommt von ihrem Psychiater den Impuls, ihrer mittlerweile verstorbenen Freundin einen Brief zu schreiben. Sie hatte bei der Klinik angerufen nachdem ihr klar geworden war:
„In meinem Blick deine Traurigkeit zu entdecken, das war es, was mich handeln ließ.“

Und sie schreib diesen Brief. Ergebnis ist dieser Roman, der eine Art Gespräch mit der Freundin ist, gespickt mit inneren Monologen.

„Ich glaube, dass ich die Dinge langsam zu begreifen beginne und es schaffe, sie für mich zu ordnen. Sie hier niederzuschreiben, hat tatsächlich meine Wut verringert, meine Trauer, mein Gefühl der Ohnmacht. Nichts von dem, was ich erzähle, kann an der Vergangenheit etwas ändern, doch es dient dazu festgehalten zu werden. Die tiefere Wahrheit unserer Geschichte war schlichter, als wir uns es vorstellen. Sie hatte nichts mit Kulturschock zu tun, mit Integration, mit Zwischen-zwei-Welten-Sein, mit alldem, worüber wir uns so sehr den Kopf zerbrachen. Das Einzige, was wir wollten, war, geliebt zu werden. Einfach so, wie wir waren. Ohne uns zurechtstutzen oder anpassen oder unterordnen zu müssen. Weder verhüllt noch ausgehungert, weder von tausend Nadeln durchlöchert noch mit tausend Cremes zugekleistert noch in enge Kleider gezwängt. Wir mit unseren Körpern, die wir selbst sind, mit unseren Köpfen, unseren Gedanken, unseren Gefühlen und unseren Wunden, den vernarbten wie den offenen.
Sonst nichts.“

Dieses Fazit zieht die Ich-Erzählerin nach einem langen Weg auf der Suche nach der eigenen Identität, die nicht gleichzeitig dazu führt, von den eigenen Eltern verstoßen zu werden, weil sie mit Traditionen bricht, die für sie einen Weg vorsieht, der nicht ihrer ist. Sie will lernen, zur Schule gehen, studieren, einen Beruf ausüben, der sie finanziell unabhängig sein lässt, in einer Partnerschaft auf Augenhöhe leben. Und sie will dazugehören: zu ihrer Familie, aber auch in der Klassengemeinschaft und später im Kreise der Kommilitonen.
Genau das versucht ihre Freundin, auf ihre eigene Art und Weise. Scheinbar taff und unbesiegbar wird sie in ihrer Zielstrebigkeit Vorbild für die Ich-Erzählerin, die erst spät merkt, dass ihre Freundin über ihren tiefen Schmerz stets schwieg:

„Pausenlos zu arbeiten, damit keine feie Minute zum Nachdenken blieb; dich im Fitnessstudio zu verausgaben; von deinen Liebhabern Schläge und Bisse zu fordern, bis du spuren davon am ganzen Leib trugst; dich vollzufressen, bis du die Grenzen deines Körpers sprengtest; dich zur Schau zu stellen, als seist du der pure Sex; die strengen Diäten und die schmerzhaften kosmetischen Behandlungen. Das alles war Ausdruck desselben Leidens – es war alles die eiternde Wunde, die uralte, tiefe Wunde, die bei so vielen Frauen noch offen ist.“

Der Roman ist ein Entwicklungsroman, der detailliert darlegt, wie die beiden Frauen versuchen, sie selbst zu sein, wie sie gegen gängige Konventionen ankämpfen mit Mitteln, die einen immer mal wieder den Kopf schütteln lässt, aber vielleicht nur, weil man selbst ähnliche und dennoch andere Versuche unternommen hat und damit gescheitert ist.
Er zeigt, wie sehr patriarchische Strukturen Frauen einengen, ihnen gleichzeitig aber viel Verantwortungen aufbürdet, die nicht wirklich ihre sind. Darunter spürbar wird die Angst der Männer, ihre Macht, ihr Ansehen, ihre Ehre zu verlieren.
Doch was ist das für eine Macht, die sich auf nichts weiter gründet, als auf Traditionen und Überlieferungen, die heute sicher so nicht mehr sinnhaft sind?
Mit Gewalt muss und wird sie verteidigt, allüberall auf dieser Welt.

Najat El Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben, Roman, a.d. Katalanischen v. Michael, Ebmeyer, Orlanda Verlag, Berlin 2022, 271 S., ISBN 978-3-949545-00-9

4 Gedanken zu „Najat El Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben

  1. Es ist immer wieder befremdlich, wie sehr wir Frauen noch viel zu vielen Ablehnungen, Verboten oder auch unsinnigen Geboten und Anweisungen ausgeliefert sind.
    Im Roman wird muslimisch geprägtes Umfeld beleuchtet,
    wir müssen aber erst gar nicht so weit blicken: Selbst im sogenannten christlichen Abendland gibt es noch genügend an Sitten und Regeln, die Frauen einengen, unterdrücken, verstummen lassen.
    Auch die so not_wendige Frauensolidarität lässt oft zu wünschen übrig …

    1. Mich erinnern diese Bücher oft an die rigiden Regel und Verbote in meiner Kindheit, die nur für Mädchen bestanden. Ich sollte nicht studieren, da ich (ja) einen Freund hatte und sich ein Studium für Frauen nicht amortisiert ;) … usw.
      Und sooo lang ist es auch noch nicht her, dass es Vergewaltigung in der Ehe nicht gab, es gab da die ehelichen Pflichten, die Mann einfordern und Frau zu erfüllen hatte …
      Herzliche Grüße

      PS: Wie kann ich denn auf deinem Blog einen Kommentar schreiben/hinterlassen?
      Ich hab‘s offensichtlich nicht „gerafft“ ;(

      1. Ich kenne aus der eigenen Kindheit genug Unterscheidungen, die zwischen Buben und Mädchen gemacht wurden. Im Übrigen auch unselige in Richtung junge Männer, die ihnen ihre Wege auch nicht einfach gemacht haben, z.B. „Männer weinen nicht“ und ähnliche seltsame Erziehungssprüche.

        Ich bin dankbar, gerade in diesen Punkten der Vorschriften, Regeln, Pflichten, …, Herausforderungen für mich gefunden zu haben. Ich habe gelernt, nicht still zu sitzen und den Mund zu halten, sondern nach Lösungen zu suchen. Wobei natürlich in jungen Jahren der Protest im Vordergrund stand :-)
        Heute sind es eher zielgerichtetes Engagement und etwas mehr Geschick im Umgang mit Herausforderungen.
        Übrigens gibt es auch einen aus meiner Sicht hervorragenden Film (unter einigen anderen Filmen zu diesem Thema), der sehr aufschlussreich zeigt, was es heißt, wenn sich Frauen in Regeln fügen – und daraus auch gar nicht mehr ausbrechen wollen, weil sie zu sehr an Gewohnheiten gebunden sind: „Das finstere Tal“.

        Ganz liebe Grüße!

        PS: Die Kommentarfunktion in meinem Blog ist etwas mühsamer als hier in Deinem Blog, das ist mir bewusst. Man muss direkt in einen Artikel reinklicken und sich dann anmelden. Ich weiß, dass es nicht immer beim ersten Versuch klappt. Tut mir sehr leid …

  2. Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und den Filmtipp, werde zusehen, dass ich ihn zu sehen bekomme. Denn dasThema interessiert mich immer noch. ;)
    Du hast völlig Recht, auf die Problematik von Jungen und Männern hinzuweisen, dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie zumindest im Außen größere Freiheiten genießen konnten. Und Emotionen zeigen war in meiner Umgebung auch als Mädchen nicht so wirklich angesagt. Schnell war man „Heulsuse“, „Mimose“ etc.
    Alle Menschen sollten nach ihrer Fasson leben können, solange sie nicht die Freiheiten und Rechte anderer missachten.
    Herzliche Morgengrüße

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